Jeden Morgen

von SamMumm
KurzgeschichteMystery, Schmerz/Trost / P12
Myka Berring Pete Lattimar
03.06.2013
11.07.2013
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„Wenn wir jetzt umdrehen, kann ich immer noch mit Myka tauschen und ihr kommt rechtzeitig zum Museum“, brach Claudia das angespannte Schweigen und zupfte an der Brosche, die an ihrem Kleid hing. Sie wusste nicht, wo Artie diese kleine Hässlichkeit ausgegraben hatte - eine schiefe Blume, die von einem übergroßen, braugraunen Schmetterling vergewaltigt wurde - aber sie hätte es zu gerne herausgefunden, um sie wieder dorthin zu verbannen. Gerade, als sie den Verschluss lösen wollte, schlug Artie ihr leicht, aber bestimmt auf die Finger und sagte in tadelndem Tonfall: „Lass das.“ Claudia zog ihre Hand zurück und einen eindeutigen Schmollmund. Dieser Abend würde schrecklich werden, langweilig und scheinbar nie enden wollend, um ihre Qualen und ihr Leid ins Unerträgliche zu verlängern. Und um all dem die Krone aufzusetzen, musste sie nicht nur auf Pete verzichten, der wenigstens ein wenig Unterhaltung und Unterstützung geboten hätten, nein, sie war auch noch dazu verdammt, dieses unsäglich hässliche Antischmuckstück an ihrem Kleid zu tragen.
„Ich könnte ebenso gut Mykas Platz einnehmen. Mir liegt nichts an dieser Veranstaltung, es wäre folglich kein großer Verzicht“, schaltete Abigail sich vorsichtig ein.
Claudia verschränkte ihre Hände im Schoß, um ihre Finger von der Brosche fernzuhalten. Abigail. So ganz wusste sie noch nicht, was sie von dieser Frau halten sollte. Immerhin hatte sie es geschafft, zur Artie durchzudringen. Ein ziemlich großer Fortschritt – und der Grund dafür, dass Claudia ein klein wenig neidisch auf die Fremde war, hatte sie selbst doch wieder und wieder versucht, Artie eine Brücke zu schlagen. Eines musste Claudia ihr jedoch lassen: mit hochgesteckten Haaren und in dem schwarzen, eleganten Kleid, sah Abigail Cho atemberaubend aus.
„Wir kehren nicht um. Niemand nimmt Mykas Platz ein. Pete ist ihr Partner“, erwiderte Artie stur und zerrte an der Fliege, die seinen Anzug komplettierte.
Claudia setzte ein erstes Gesicht auf, schlug Artie tadelnd auf die Finger und sagte: „Lass das.“ Artie schnaubte, Steve verdrehte die Augen und Abigail … lächelte. Ein äußerst sympathisches, ehrliches Lächeln. Zu klein, zu asymmetrisch, um mit dem perfekten Lächeln eines Hollywoodstars konkurrieren zu können, aber dafür sehr warm, weich. Vielleicht war Abigail ja ganz in Ordnung, überlegte Claudia. Zumindest sollte sie ihr eine Chance geben. Wenn Pete sie schon an einem Abend wie diesem im Stich ließ, konnte die Neue sich vielleicht als Verbündete herausstellen. „Schon ein ziemlicher Zufall, dass Pete ausgerechnet heute krank wird.“ Und etwas unfair, dass er diesen Plan nicht mit ihr geteilt hatte. Sie hätten gemeinsam krank sein, gegenseitig auf sich aufpassen und neue Spiele auf der Xbox testen können.
„Ich war dabei, als Pete mit Artie gesprochen hat. Er ist wirklich krank, er hat nicht gelogen“, erwiderte Steve und bog von der einsamen Landstraße auf eine sehr viel mehr befahrene Bundesstraße ein. „Allerdings hat er nichts über den Ursprung seiner Erkrankung geäußert. Gut möglich, dass er sie selbst herbei geführt hat.“
Oh ja, da war Claudia sich sogar ziemlich sicher. Nur wie, war ihr noch nicht klar. „Vielleicht hat er einfach die letzten Nächte nicht geschlafen, um blass und müde auszusehen. Oder er hat sich einen Vormittag lang in das Wartezimmer einer Arztpraxis gesetzt. Oder er hat ein passendes Artefakt gefunden ...“
„Ich kenne die beiden kaum, aber Pete weiß, wie wichtig Myka dieser Abend ist. Sie hat sich sehr darauf gefreut, das war nicht zu übersehen. Falls er also wirklich nur simuliert – hätte er dann nicht das Spiel aufgegeben, als Artie ihm die Konsequenzen klar machte? Dass Myka mit ihm zu Hause festsitzen würde?“ Abigail kramte in ihrer Handtasche herum, die groß und praktisch, anstatt klein und schick war, und holte eine Packung Kaugummi heraus. „Möchte jemand Kaugummi?“
Während sich vielerlei Hände in ihre Richtung streckten und alle mit einem in silbernes Papier gewickelten Streifen bedient wurden, nickte Claudia. „Das stimmt, das würde Pete ihr nicht antun. Nie im Leben.“ Da war Pete also tatsächlich passend krank geworden. Glückspilz.
„Vermutlich nicht“, wandte Artie ein und steckte sich den Kaugummi in den Mund. „Aber ich habe Pete nur gesagt, dass einer von uns zu Hause bleibt. Nicht, dass es Myka ist. Er hat wahrscheinlich angenommen, dass Claudia sich freiwillig bereit erklärt hat, nicht mitzukommen.“
„Oh.“ Abigail hob eine Augenbraue und legte den Kopf leicht schief.
Claudia kniff die Brauen zusammen und musterte Artie mit einem Ausdruck irgendwo zwischen Erheiterung und Besorgnis. „Hältst du das für eine gute Idee, großer Puppenspieler? Ich meine, ein interessantes Experiment, sicherlich, aber Myka kann diese ganzen Ka!-Tscha!-Tritte und Schläge und ist ziemlich schnell.“ Pete und seine Kekse hatten dagegen absolut keine Chance. Sie würde ihn ungespitzt in den Boden rammen.
„Falls Pete wirklich krank ist, hat er nichts zu befürchten“, entgegnete Artie mit einem unschuldigen Schulterzucken.
„Du glaubst, er hat ein Artefakt verwendet und willst ihm eine Lektion erteilen?“, fragte Steve und schien dabei ebenfalls amüsiert und beunruhigt zugleich.
„Ich halte es für möglich. Falls das der Fall ist, wird Myka es mit Sicherheit herausfinden und dafür sorgen, dass er es zutiefst bereut.“

Pete drehte sich um und ließ vor Schreck das Glas fallen. Es krachte laut auf den Boden und zersprang dann klirrend in tausend und abertausend Einzelteile, während sich das Wasser als große Lache am Boden ausbreitete. „Verdammt, Myka!“, entfuhr es ihm barscher, als gewollt. Er biss die Zähne zusammen, sein Herzschlag beruhigte sich wieder ein wenig. „Warum schleichst du dich an mich heran und bleibst dann im Dunkeln stehen wie ein ...“ Pete brach mitten im Satz ab. Etwas an dem Bild war falsch. Dann dämmerte es ihm. Sein Blick fiel auf die große, runde Wanduhr mit den römischen Ziffern. „Was machst du denn noch hier? Du musst los, sonst kommst du noch zu spät!“
„Eine gute Frage, Pete. Was mache ich wohl hier? Warum bin ich hier, in meinem alten, viel zu großen Sweater und Wollsocken, anstatt mit den anderen im Auto zu sitzen und zum Museum zu fahren, um dort den Abend zu genießen, auf den ich mich seit fünf Wochen, drei Tagen und vierzehn Stunden freue?“
Petes Blick wurde plötzlich von Mitleid überschwemmt. Oh, nein. Nicht Myka. „Myka, das tut mir Leid, ich wusste es nicht, Artie hat mir nichts gesagt. Habe ich dich angesteckt? Wirklich, das wollte ich nicht. Sobald ich etwas gemerkt habe, habe ich mich von euch ferngehalten.“
„Spar dir deine Mitleidsnummer, Pete. Ich bin nicht krank. Und ich habe mich ganz bestimmt nicht bei dir angesteckt. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, aber ich werde es herausfinden.“
„Was?“
„Ich werde die Kameraaufzeichnungen des Warehouses überprüfen, die Entnahmeprotokolle aller kurzzeitig entwendeten Artefakte. Ich habe den ganze Abend, die ganze Nacht Zeit. Ich werde herausfinden, was du verwendet hast und danach werde ich es dir dahin rammen, wo nie die Sonne hin scheint!“
Myka stürmte aus der Küche und ließ Pete verwirrt und mit den Scherben am Boden zurück. Er starrte auf die Stelle, an der Myka eben noch gestanden hatte, versuchte zu verstehen, was gerade vorgefallen war. Dann stieg er über den Scherbenhaufen und die Treppe hinauf. Vor Mykas Zimmer zögerte er kurz, überlegte, ob er nicht besser anklopfen sollte, aber andererseits, sie würde ihn im Moment ganz bestimmt nicht hereinbitten, also öffnete er die Tür und trat unaufgefordert in ihr Zimmer. Myka saß an ihrem Schreibtisch, mit dem Rücken zu ihm, ihrem Laptop zugewandt, und hämmerte mit ihren Fingern unbarmherzig auf die Tastatur ein. Ihre Laune war nicht gerade die Beste, aber er hatte vor, das zu ändern. „Mein Wagen steht draußen, zieh dich an und fahr los, dann schaffst du es noch.“
„Das geht nicht, weil ich für dich Babysitter spielen muss.“
„Ich gehe ins Bett und schlafe bis morgen früh.“ Er zuckte mit den Schultern, versuchte sich an einem Lächeln, doch beides prallte ungesehen an ihrem Rücken ab. Warum hatte Artie ihr das auch angetan? Kein Wunder, dass sie wütend war. All die Historiker, all die Archäologen und Literaten, unter einem Dach versammelt, an einem Abend. Sie hatte die Teilnehmerliste auswendig gelernt, sich in die Hauptwerke aller Professoren eingelesen. „Geh schon, ich komme alleine klar.“
„Artie hat sich ziemlich unmissverständlich ausgedrückt: Entweder, wir kommen beide oder keiner von uns. Das Personal am Einlass ist angewiesen, uns nur zu zweit passieren zu lassen.“
„Aber das kann er doch nicht machen! Das ist dein Abend!“, entfuhr es Pete in einem Anflug von Wut. Wie konnte Artie das tun? Wieso hatte er … Pete schloss die Augen, fluchte gedanklich. Natürlich, Pete. Geh ins Bett, ruh dich aus. Einer von uns bleibt hier, um nach dir zu sehen, hörte er Arties viel zu nette Stimme sagen. Verdammt, ihm hätte doch klar sein müssen, dass die Unterhaltung zu glatt abgelaufen war. Irgendwie hatte Pete angenommen, es hätte an Steve gelegen, dem wandelnden Lügendetektor; dass Artie Steve nach dem Gespräch zur Seite genommen und gefragt hatte, ob Pete die Wahrheit gesagt oder gelogen hatte, um Pete entweder für den Versuch, sich um den Abend zu drücken, die Leviten zu lesen oder aber sicher zu wissen, dass er nicht simulierte.
„Ich bin dein Partner und wenn du krank bist, bin ich für dich verantwortlich. Falls du also nicht durch eine Wunderheilung jetzt auf der Stelle wieder gesund wirst, ist der Abend gelaufen“, erwiderte Myka und ihre Stimme bohrte sich in ihn wie viele kleine, sehr scharfe Messer.
„Ich ...“ Pete schluckte, sein Mund plötzlich sehr trocken, sein Hals noch kratziger, als zuvor. Vielleicht gab es ja irgendeinen Nebenraum, in dem er sich hinlegen konnte. Oder er verließ das Museum einfach nach ein paar Minuten wieder und schlief im Wagen. Oder in einem Hotel in der Nähe. „Zieh dich an, wir fahren.“
Myka fuhr herum, sprang von ihrem Stuhl auf und funkelte ihn wütend an. „Das ist nicht dein Ernst, Pete! Du versaust mir meinen Abend, die ganze Vorfreude, und dann sagst du einfach: zieh dich an, wir fahren?“
„Du hast gesagt, wenn wir jetzt fahren, schaffen wir es noch“, erwiderte Pete etwas hilflos. Nicht gerade die Reaktion, die er erwartete hatte. Sie verloren kostbare Zeit, falls Myka sich entschied, ihn noch für eine Weile weiter anzubrüllen, um ihre Wut an ihm auszulassen. Allerdings … besser, sie erledigte diesen Punkt, bevor sie ins Auto stiegen. Eine wütende Myka hinter dem Lenkrad war etwas, das er lieber vermeiden wollte. Dazu hing er zu sehr an seinem Leben.
„Denkst du, dass ich jetzt wirklich noch fahren will? Dass ich den Abend jetzt noch genießen könnte? Du hast mir alles verdorben, Pete! Alles!“
„Der Abend hat doch noch gar nicht angefangen“, entgegnete Pete kleinlaut.
„Raus aus meinem Zimmer!“
„Ich wollte doch nur ...“
„Verschwinde! Raus! Sofort!“
Sie stieß ihn aus ihrem Zimmer und knallte die Tür direkt vor seiner Nase zu. Einen Moment lang wartete Pete, vielleicht besann sie sich ja doch noch, öffnete die Tür und teilte ihm mit, dass sie nun doch fahren wollte. Aber Sekunden, Minuten verstrichen und nichts passierte. Also schlurfte Pete die Stufen hinunter, beseitigte den Scherbenhaufen, wischte das Wasser auf und nahm sich schließlich ein neues Glas aus dem Schrank. Mit dem Glas in der Hand kehrte er auf sein Zimmer zurück, wo er es auf dem Nachtschränkchen abstellte, eine Aspirintablette hinein warf und sich unter die Decken verkroch.

Plötzliche Übelkeit, stechende Lungen, Tränen in den Augen. Angst, die in Panik umschlug, rasendes Herz, Eiseskälte. Ein Hustenanfall. Pete spürte Erleichterung. Alles in Ordnung. Nur ein Hustenanfall. Pete setzte sich in seinem Bett auf, während der Husten ihn weiter beutelte, und versuchte, möglichst ruhig zu atmen. Der Hustenreiz ließ etwas nach, ebenso die Übelkeit und langsam erhielt er die Kontrolle über seine Lungen zurück.
Da öffnete sich die Tür zu seinem Zimmer, Licht fiel vom Gang durch den Spalt herein.
„Pete?“ Mykas Stimme, besorgt, zuerst weit weg, dann näher. „Das hat sich gar nicht gut angehört.“ Ihre Hand an seiner Stirn, behutsam, wieder ihre Stimme, nun ganz dicht. „Pete, ich muss wissen, welches Artefakt du verwendet hast. Ich werde dich auch nicht mehr anschreien, versprochen.“ Sie drückte ihm ein Glas Wasser in die Hand. „Also?“
Pete trank und stellte dabei fest, wie durstig er war. Er leerte das ganze Glas und stellte es dann auf dem Nachtschränkchen ab. „Es ist nur einer dieser vierundzwanzig Stunden Viren.“
„Pete“, setzte Myka an, doch er unterbrach sie. „Wirklich, Myka. Bei allen Keksen, die ich jemals gegessen habe und allen Keksen, die ich noch essen werde: ich habe kein Artefakt verwendet, um krank zu werden oder eine Krankheit vorzutäuschen.“ Er versuchte, zu lächeln, wurde aber stattdessen von einem erneuten Hustenanfall erfasst. Pete wandte sich von ihr ab, hustete hinter vorgehaltener Hand, spürte ein schmerzhaftes Ziehen in seinen Muskeln. Als der Hustenreiz endlich nachließ und Pete sich wieder seiner Partnerin zuwendete, hielt sie ihm ein frisch gefülltes Glas Wasser vor die Nase. „Danke“, krächzte er heiser und leerte auch dieses Glas in einem Zug.
„Bei allen Keksen?“, hakte Myka nach und nahm das leere Glas entgegen.
„Bei allen Keksen“, bestätigte Pete und ließ sich wieder ins Bett sinken, legte den Kopf auf das Kissen und zog sich die Decke bis unters Kinn. Trotz der Decke bildete sich eine Gänsehaut auf seinen Armen und er hatte das seltsame Gefühl, sich nie wieder vollständig erwärmen zu können. Etwas kratzte in seinen Lungen, als hätte er eine handvoll Reißnägel eingeatmet, die nun an seinem Innenleben schabten.
„Was ist mit der Schneekugel?“
„Was soll damit sein?“
„Hast du kalt geduscht und dich dann mit dem Schnee bestäubt?“
„Du kannst ja meine Zehen zählen, falls du möchtest. Alle noch dran, nichts abgefroren.“
Myka seufzte. „Tut mir Leid, Pete, es fällt mir nur schwer zu akzeptieren, dass du wirklich rein zufällig gerade ausgerechnet heute krank geworden bist.“
„Ich weiß, schräg, was?“ Pete lächelte schief. Hätte er gewusst, dass Myka ihren Abend seinetwegen verpasste, hätte er die Klappe gehalten und wäre mitgefahren. Aber jetzt saß sie hier mit ihm fest, in einem viel zu großen Sweater und dicken Wollsocken. Ob sie wusste, dass sie sogar jetzt hinreißend aussah? Pete schluckte hart und schob den Gedanken beiseite. Da gab es etwas anderes, das er unbedingt sagen musste. Er betrachtete Myka, sah ihr unvermittelt ins Gesicht und sagte: „Es tut mir Leid, dass du wegen mir deinen großen Abend verpasst.“
Mykas antwortete mit einem Schulterzucken und und einem Lächeln. „Schon gut, was solls. Es wird wohl nicht der letzte Abend dieser Art sein.“ Sie füllte sein Glas erneut mit Wasser und schraubte den Deckel zurück auf die Plastikflasche. „Was hältst du davon, wenn ich uns Popcorn mache und wir uns einen Film ansehen?“
„Ehrlich gesagt, dröhnt mein Kopf ziemlich.“
„Na gut, dann mache ich Suppe, bringe dir eine Aspirin und setze mich in den Sessel zum Lesen.“ Wieder lächelte Myka, als sie sich von seinem Bett erhob und durch die Tür hinaus verschwand. Pete wollte ihr noch sage, dass er keinen Hunger hatte, doch nachdem er bereits den Fernsehvorschlag abgelehnt hatte, wollte er nicht noch einmal der Spielverderber sein. Stattdessen schloss er die Augen und schlief ein, noch bevor er irgendeinen weiteren Gedanken fassen konnte.

Den Großteil des Abend schlief Pete, während Myka in einem ihrer Lieblingsbücher las. Als er wach war, aßen sie zusammen Suppe und sahen sich dann doch noch Casablanca an, wobei Pete jedoch immer wieder einschlief. In regelmäßigen Abständen maß sie seine Temperatur, die zwischen 39 und 39,5 Gras schwankte und sich laut medizinischem Lexikon aus dem Salon noch im Rahmen des heilsamen Fiebers bewegte. Kurz vor Mitternacht hob Myka leise das Tablett mit dem schmutzigen Geschirr hoch und schlich auf bewollsockten Füßen aus dem Zimmer und in die Küche hinunter. Sie öffnete den Geschirrspüler und räumte Besteck und Geschirr ein, als sich das Licht im Hof einschaltete. Ein kurzer Blick aus dem Fenster bestätigte, dass die Lampe mit Bewegungssensor nicht von einer streunenden Katze, sondern von einem Wagen aktiviert worden war.
Verwundert hob Myka eine Braue.
Einem über und über mit Dreck und Schlamm bedeckten Wagen.
Einem über und über mit Dreck und Schlamm bedeckten Wagen, aus dem vier Menschen in zerschlissener, schmutziger Kleidung stiegen, die nicht nur einen recht unzufriedenen Eindruck machten, sondern wütend Richtung Haustür stapften.
Myka eilte zur Tür und öffnete sie, um sich vier Menschen gegenüber zu sehen, die allesamt grimmig drein sahen und mürrisch vor sich her murmelnd an ihr vorbei marschierten. Zu gerne hätte Myka gefragt, was vorgefallen war, doch während Artie, Steve und Abigail wortlos hinauf zu ihren Zimmern rauschten, warf Claudia die Tür hinter sich zu, riss eine Brosche ab mitsamt einem Stück Stoff dessen, was früher einmal ihr Kleid gewesen sein mochte, schmiss die Brosche quer durch den Salon und sagte mit gefährlich scharfer Stimme: „Frag nicht.“
Für einen kurzen Moment überlegte Myka, ob sie ihren Freunden folgen und doch noch nachfragen sollte, doch dann zuckte sie nur mit den Schultern, kehrte in die Küche zurück und kochte eine Kanne Tee, mit der sie schließlich wieder in Petes Zimmer verschwand. Sie ließ sich in den tiefen Sessel fallen, den sie an sein Bett geschoben hatte, kroch unter ihre Wolldecke und legte ihre Füße auf seinem Bett ab. Während sie Petes schwere Atemzüge in der Stille der Nacht hörte, dachte sie bei sich, dass es definitiv nicht der Abend gewesen war, den sie sich erträumt hatte. Es war ein völlig anderer Abend geworden – und doch, letztendlich, ein schöner.
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