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Das Lied des Drachen

von Nerror
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Damian / Der Verdammte Zauberer Zandalor
01.06.2013
24.08.2013
4
6.580
 
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01.06.2013 1.945
 
Das ist ein reiner ausnahmezustand, dass ich so schnell zwei kapitel hintereinander hochlade :3 aber da ich sowieso nur momentan für eine einzige person schreibe, ist es ja eigentlich egal ^^

Grüße, Nerror
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Weiche Seide in der Farbe des Sonnenuntergangs raschelte. Schwarzes Haar ergoss sich einen verknoteten, von Schweiß klebrigen Vorhang ähnlich über das feuchte Weiß des Federbettes. Herrliche Stille, dunkel und schwer wie eine kostbare Pelzdecke, hing drückend in den Gemächern, umschlang die fragilen Säulen in ihrer roten Marmorpracht und legte sich erstickend auf das Bett. Finger, rau von drahtumwickelten Schwertgriffen, vernarbt von beschworenen Feuerbällen, krallten sich in die Seide, deutlich stach das sonnengeküsste Braun der Haut von dem weichen Sonnenuntergang des Stoffes hervor. Lange, starke Beine zuckten und traten um sich, Zehen rollten sich ein, Füße wurden ausgestreckt als wollten sie ohne ihren Besitzer davon laufen. Weit, weit weg von hier. Dieser Insel auf der es nichts mehr gab als grünes Miasma und einen Turm, so drohend schwarz und so voller abweisender Stacheln, Steindrachen und ewig brennenden Feuern in kunstvollen Steinschalen.



Hektisch bewegten sich Augen hinter geschlossenen Lidern, wirr hing das schwarze, knotige Haar in das schmale Gesicht, versteckte und dämpfte die spitzen Züge. Lippen, rissig und bleich wurden zurück gezogen, Zähne gebleckt als wäre die Schlafende kein humanoides Wesen, als bestünde sie nur aus niedersten Instinkten. Knurrend, grollend und schließlich leise stöhnend wälzte die Schlafende den Kopf zur Seite, verneinend, suchend. Zerrissen wurde die schwere, erstickende Stille von einem jähen aufkeuchen, grell blitzte die Klinge des Dolches in der Nacht auf, als wolle sie die Dunkelheit zerschneiden in ganz, ganz kleine Fetzen, bis nichts mehr übrig war. Der starke Griff jener vernarbten, rauen Finger ließ den Griff des Dolches knarzen, protestierend. Weiß stachen die Sehnen unter der braungebrannten Haut hervor, zum Zerreißen gespannt.



Augen, deren Pupille und Iris zu einer Fläche aus lichtreflektierendem Silber verschmolzen war, blickten hektisch, gehetzt, verängstigt in jede Ecke, durchbohrten jeden Schatten in dem Schlafgemach. Kiefermuskeln zuckten als Zähne so fest zusammen gebissen wurden, dass sie schmerzhaft knirschten. Wie ein Raubtier, in die Ecke gedrängt, so verharrte sie, halb kauernd, halb kniend, bereit jederzeit los zu springen. Ein leises Seufzen, ein Vorhang im Winde. Ein Aufschrei, eine blitzende Klinge, einem Reißzahn so ähnlich, wie er sich tief in das Fleisch des Opfers grub. Mühelos durchtrennte die Klinge, der Reißzahn, fragiles Gewebe.



Brüste hoben und senkten sich schwer, drängten gegen die leichte von Schweiß ganz klebrig gewordene Seide des Schlafgewandes. Nur ein Vorhang im Winde. Der breite Riss in dem zarten Gewebe des Stoffes erschien ihr wie ein höhnisch lachendes Maul. Sieh her, sagte es mit krächzender, schriller Stimme. Sieh was du getan hast.



„Halts Maul!“, ihre Stimme klang so bleich, so zittrig. So schwach. „Sei Ruhig!“



Doch in ihrem Inneren spottete das Maul weiter. Fetzen ihres Alptraumes holten sie ein, sie konnte förmlich hören wie sie lachend, singend um sie herum tanzten, immer wieder, den Kreis immer enger schlossen. Grell blitzte die Klinge auf.





Sassan hatte viele Aufgaben im Drachenturm, jenem mahnenden Gemäuer, dass seinerzeit schon Maxos beherbergte, größte Güte und schrecklichste Grausamkeit erblickte, und, hätte man sie um ihre ehrliche Meinung gefragt, so wäre ihre Antwort jene gewesen, dass dieser Turm sich selbst blendete, um nicht mehr zu sehen, die eigene Zunge verschluckte, um die gesehenen Qualen nicht heraus zu schreien. So mochte er riesenhaft und einschüchternd über diese auf ewig im giftigen Nebel verlorene Insel empor ragen, doch sah man genau hin, so war die dunkle, höhnische Fassade nichts weiter als eine Maske. Der Turm spiegelte den Geist seiner Besitzerin wieder, von kaltem Spott und schwarzem Humor gegen alles abgeschirmt und dennoch verletzlich, so verzweifelt auf der Suche nach Wärme.



Leise knirschend fuhr der Mechanismus die große, sechseckige Bodenplatte nach unten, neben dem  - nun zerbrochenen - Teleporter, die einzige Möglichkeit für einen Normalsterblichen von dem imposanten von Feuer dominierten Thronsaal in die privaten Gemächer der Drachenritterin zu gelangen. Sassan musterte kurz die kunstvollen Muster, gelegt aus feinsten Materialien, und dies war nur der Fußboden. Die Plattformen des Turmes beherbergten jede für sich eine wilde Schönheit.



Kein Wort, kein Geräusch, kein Laut drang an Sassans spitze Ohren. Ihre Ohrringe klimperten leise, verfingen sich in einer lockeren Strähne ihres flammendroten Haares, das nicht von einem Haarband gebändigt wurde, als die Frau leise weiter in die Gemächer schritt. Durch die hohe, spitze und vor allem torlose Pforte gelangte man in ein rechteckiges Zimmer, langgezogen und voll und ganz von einem langen Tisch aus dunklem Edelholz ausgefüllt. Zwei weitere Pforten, verhüllt mit seidenen Vorhängen in der Farbe sonnengeküssten Goldes, verbargen und verschleierten, was dahinter war. Einst hatte hier auch ein Teleporter, eine täuschend echt aussehende Statue eines Ritters mit gezogenen Schwertern, hier sein magisches Lied gesungen, doch nun war die Schalttafel - halbrunde Steinplatten, welche durch Magie um eine schlanke, hüfthohe Säule wirbelten – zerbrochen und mit ihnen auch das leise sirrende, magische Lied des Teleporter. Bis ein Magier ihn wieder neu stimmte und die von Runen geschmückten Steintafeln ausgewechselt werden würden, war es nichts weiter als eine Statue, hübsch anzusehen zwar, aber ohne tieferen Nutzen.



„Herrin?“, Sassan klopfte leise gegen die Pforte. Hinter dem Vorhang regte sich nichts. Die Frau runzelte die Stirn und schob den feinen Stoff vorsichtig zur Seite. Der Stoff fühlte sich seltsam an, statt wie seidiges, goldenes Wasser über ihre Haut zu streichen, rutschte er eher schwer und vollgesogen, plump herab. „Herrin!“



Sassan hatte vieles gesehen, war gestorben und wieder ins Leben erweckt worden. Nicht zuletzt verdankte sie ihr erneutes Leben eben jener Drachenritterin, welche nun auch diesen Turm mit eiserner Hand beherrschte. Und, wie sie es bereits einmal sagte, als sie der vollwertigen Drachenritter Treue schwor, hatte der Tod ihr einige interessante Gaben geschenkt. Was sie verheimlicht hatte, war, dass diese Gaben scheinbar willkürlich auftraten, verschwanden und sie doch wieder, tollwütigen Hunden gleich, ansprangen. So, wie sie auch das Gefühl hatte, in dem Geruch von verbranntem Fleisch, überwältigender Angst und Hitze zu ersticken, ertrinken, sich zu verlieren.



Schmerzen, dass kannte sie – nicht sie, dieser Körper. Sassan war nur ein Gast, ein Parasit der abfallen würde, sobald er sich zur Genüge gelabt hatte. Körper und Geist wurden überschwemmt von Schmerz und Angst. Starke Hände griffen grob ihre Schultern, man zog den Körper wie einen nassen Sack hinter sich her, Beine und Füße wund, zerfleischt, grausam entstellt, schleiften über heißen, rauen Boden, Steinerne Platten von schweren Stiefeln und nackten Füßen abgerieben und glatt gescheuert. Bei jeder Fuge, jedem Steinchen, Dreckklumpen entfuhr ein heiseres, kaum hörbares Stöhnen dem Körper. Bloßes Fleisch, rot und geschwollen, stinkend vor Krankheit, verkrustet von Blut, Eiter und Dreck, hinterließ feucht glänzende Spuren auf dem Weg, lockte deformierte Ratten und anderes Ungeziefer aus ihren Löchern. Die Hände, gehörten sie doch zum Feind, griffen fester zu, der Körper wurde hoch gewuchtet und durch die Luft geschleudert. Knochen gaben knirschend nach, Gestank nach Verwesung, nach Fäule, nach Menschen, die auf engstem Raum gehalten wurden, Vieh gleich, verstopfte Nase und legte sich pelzig, schwer, würgend auf die Zunge. Boshaftes Lachen, klirrend von Eisen. Es begann erneut.



„Du hast es auch gesehen, oder?“, starke Hände mit Schwielen an den Handtellern und Fingern voller haarfeiner Narben umschlossen Sassans Oberarme so fest, als wollten sie das Mark aus ihren Knochen quetschen. Sassans Zähne schlugen klappernd aufeinander, als sie von Armen mit gestählten Muskeln geschüttelt wurde. Silberne Augen sahen sie mit einer Mischung aus Zweifel und Hoffen an, bleiche Lippen bebten, während schwarzes Haar knotig, verfilzt und schweißfeucht in das schmale, scharf geschnittene Gesicht der verstörten Frau fiel. Die sonst so laute, dröhnende Stimme war zittrig und fahl, einer Greisin gleich. „ Du hast es doch auch gesehen!“

Sassan sah zu der verstörten Frau, sie kannte solche Visionen nicht. Doch sie – Sassan – war daran gewohnt, hatte schon schrecklichere Bilder gesehen. Doch die Drachenritterin nicht, sie erlebte zwar auch die Grausamkeit einer wogenden Schlacht, sogar am eigenen Leibe, war sie doch eine begehrte, des Kampfes mächtige Figur, die gerne vorgeschickt wurde, vernichten sollte wo andere versagten, aber noch nie war sie mit Visionen konfrontiert worden, dem Übel, welches einem Nachts den Schlaf raubte und auch den gestandenen Mann in ein wimmerndes Wrack wandeln konnte.



„Ja, ich habe es auch gesehen, doch bitte beruhigt Euch.“, der stählerne Griff um Sassans Oberarme löste sich ruckartig, wie im Krampf. Die silberäugige Frau drehte sich abrupt um, stützte sich schwer auf das steinerne Geländer ihres Balkons, der obersten, halbkreisförmigen Plattform des Turmes ab. Obwohl das Gemach keine Türen hatte, der Balkon hoch über den Wolken schwebte, so drang doch nie ein Windhauch in das Innere. Maxos Magie war nach all den Jahrhunderten immer noch so stark wie am ersten Tage, hielt Kälte und beißenden Wind, welcher sich in diesen Höhen wie ein bissiges Tier benahm, draußen.



„Wieso jetzt?“, die Stimme der Drachenritterin gewann wieder ein wenig ihrer alten Stärke zurück. Noch immer stützte sie sich auf den glatten Stein des Geländers, die silbernen Augen blicklos in die Ferne gerichtet, als erhoffe sie, etwas zu sehen, die Antwort zu sehen. Das knotige, schwarze Haar fiel in zerzausten, filzigen Locken bis zur Hüfte, ungebändigt und wild. Die warmen Strahlen der Sonne, bestieg sie doch erneut ihren Pfad über das Himmelszelt, wie sie es schon seit Anbeginn der Welt tat, streichelten sanft und golden über braungebrannte Haut, als wäre sie eine besorgte Mutter und ihr Licht die sanfte Hand, welche die Alpträume des Kindes hinfort wischte. Sassan trat vorsichtig näher. „ Wieso ausgerechnet jetzt? Da draußen herrscht ein Krieg, den wir vielleicht nicht gewinnen können und ausgerechnet jetzt plagen mich diese Alpträume.“



„Herrin, diese Alpträume“, begann Sassan langsam, nachdenklich. Wie viel von ihrer Vermutung sollte sie verraten? Wie viel war zu viel? „Sind vielleicht keine Alpträume im klassischen Sinne. Dies sind, so lautet meine bescheidene Vermutung, Visionen.“



„Sassan, hör auf dich noch kleiner zu machen.“, die Drachenritterin in ihrem verschwitzten, weißen Schlafgewand, welches kaum die Mitte der Oberschenkel erreichte, gewann mit jedem Atemzug mehr und mehr ihre zynische, spöttische Maske zurück. „ Du bist ein erstaunliches Mädchen, dem Tode entronnen und mit magischen, übernatürlichen Gaben gesegnet. Ich lege viel Wert auf deine Meinung.“



„Ihr ehrt mich, Herrin.“, Sassan neigte als Zeichen ihres Respektes das Haupt und erntete nur ein kurzes Schnauben von der anderen Frau. Egal wie oft diese es noch sagen würde, verlangen würde, diese Höflichkeitsfloskel mit Herrin und Dienerin fallen zu lassen, Sassan würde doch wieder ihren Kopf durchsetzen.



„Du sagtest, dies seien Visionen.“, die Drachenritterin drehte sich ruckartig herum, setzte sich todesverachtend auf das Geländer, an welchem sie noch bis eben gelehnt hatte. Sollte sie fallen, so würde es sie nur einen kurzen Gedanken kosten und ihr Körper würde Schwingen besitzen, welche sie durch die Lüfte trugen bis zu den Sternen hinauf, wo die Wärme der Sonne aus ihrem glutroten Schlafgemach ihre Schuppen liebkosen würde. „Wäre es möglich, dass diese Visionen gezielt an mich gerichtet sind?“



„Ihr meint um Euch zu schwächen?“. Wenn dies die Absicht war, dann hatte derjenige, welcher die Visionen versandte, dieses Ziel erreicht und vielleicht sogar noch gesprengt. Die Drachenritterin hob eine dünne, schwarze Augenbraue und sah mit einem vielsagenden Blick auf das Chaos, dass sie, noch ganz in den Klauen des Alptraumes gefangen, in ihrem Schlafgemach angerichtet hatte. Die Vorhänge an ihrem Bett waren zerfetzt, der kleine, runde Tisch vor dem Kamin quer durch das Zimmer geschleudert worden, der Stuhl zertrümmert. Und überall lagen Bücher und Schmuckstücke. Sassan sah nachdenklich auf das Chaos. „Wurden denn nicht die fliegenden Festungen über Aleroth vernichtet?“



Die Drachenritterin lachte hart auf, ein Laut, der an einen Dolch erinnerte, eine kalte Klinge, welche hervorschnellte, bereit zu töten.

„Wenn ich etwas aus der Geschichte des schwarzen Ringes gelernt habe, dann, dass dieser wahrlich eine schier unaufhaltbare Seuche ist. Egal, wie viele man vernichtet, es kommen immer wieder welche nach.“
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