Die Sonne finden

von Isana
KurzgeschichteAllgemein / P6
01.06.2013
01.06.2013
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Vorwort: Das ist mein Beitrag zum Schreibzirkel und die Worte Unkraut, Seidentuch und Nase wurden von mir verwendet.

Dieser kleine OS ist Blümchen gewidmet und auch wenn ich deine Vorgaben für unser kleines Projekt eher interpretiert, als wortwörtlich eingefügt habe, hoffe ich, dass du dich darüber freust.




Die Sonne finden




Es sind Regentage, von denen sie sich besonders gern aus ihrer kleinen Wohnung locken lässt. Wenn der Wind die Wolken in all ihren Graustufen vor sich her schiebt und die Tropfen in immer gleichem Rhythmus auf den knallgelben Schirm prasseln, ist die Welt für sie noch ein kleines bisschen schöner.

Lebendiger, irgendwie.

Heute ist einer dieser Tage.  Zweimal dreht sie den Schlüssel im Schloss um, rüttelt noch einmal kurz am Türgriff und dann folgt ein tiefes Einatmen. Sie spürt die angenehme Kühle, riecht den einzigartigen Geruch, der sie an Pfützenspringen und Tropfen mit der Zunge fangen erinnert, und macht sich auf den Weg zu dem kleinen Park, um ein wenig Abstand von der Uni und dem Lernen und auch von dem grauen Alltag zu gewinnen, der sie manchmal zu erdrücken scheint.

Es sind nicht viele Menschen unterwegs. Zumindest nicht zu Fuß – die Verkehrsstraße, an der sie entlangläuft, gleicht der Schlange vor einer Supermarktkasse, voller Gedränge und gelegentlichem Unmut verkünden, wenn es mal nicht so schnell geht, wie gewünscht. Sie lächelt vor sich hin, rückt ihr Seidentuch zurecht, damit der Wind den Regen nicht in ihren Kragen pustet und lauscht weiterhin gespannt dem Regenprasseln.

Schon als sie den ersten Blick auf das satte Grün erhascht, freut sie sich, hergekommen zu sein. Auch der Park ist leerer als üblich, nur wenige Hundebesitzer haben sich eingefunden und warten mit genervtem Gesichtsausdruck auf ihre Lieblinge, denen das Wetter genauso wenig die Stimmung verdirbt, wie ihr. Sie schmunzelt, als der dunkelbraune Pinscher an ihr vobeirennt, mit Erde auf der Nase und Unkraut im Fell, ein kleines Abbild der Freude und der Leichtigkeit, und sieht dabei zu, wie er enthusiastisch ein paar Enten hinterherkläfft, die sich schon längst außer Reichweite gebracht haben.

Es ist ein schönes Bild.

»Entschuldigen Sie«, ertönt eine leise Stimme und sie dreht sich um und macht ein paar Schritte auf die alte Dame zu, die sie über ihren Rollator gebeugt nervös anlächelt. »Meine Finger sind so klamm und ich schaffe es einfach nicht, den Reißverschluss aufzubekommen …« Sie bricht ab und ihr Blick klebt an der Handtasche.

»Was soll ich Ihnen denn rausholen?«, fragt sie aufmunternd und lächelt dabei.

»Meine Regenhaube«, erwidert die Frau mit Erleichterung in der Stimme. »Ich hab lange auf der Bank dort drüben gesessen«, sagt sie, und deutet auf den Platz unter der großen Linde, an dem sich nun eine Gruppe Jugendlicher lautstark über den bevorstehenden Besuch in einem der angesagten Clubs der Stadt unterhält. »Mir wurde es zu laut«, erklärt sie hastig, »die Kinder haben mir den Platz nicht weggenommen.«

Sie nickt und tastet das Innere der Tasche ab, bis sie die Plastikhaube zu fassen bekommt. »Sie müssen früh hier gewesen sein«, sagt sie und überlegt kurz. »Es regnet nun schon seit zwei Stunden. Möchten Sie, dass ich Ihnen beim Aufsetzen der Haube helfe?«

Die Frau nickt. »Das wäre sehr lieb. Das Rheuma, wissen Sie.« Noch einmal bricht sie ab, bevor sie ein »Danke schön« anfügt.

Sie merkt, dass es von Herzen kommt und macht sich ans Werk. »Jetzt bleiben zumindest Ihre Haare trocken!«, lacht sie und lässt die Hände sinken. »Haben Sie es weit bis zu Ihrem Zuhause? Ich hab ein wenig Zeit und könnte Sie begleiten«, fügt sie an und ihr Blick wandert kurz zu ihrem Schirm.

»Ich möchte Sie nicht aufhalten!«, erwidert die Frau mit großen Augen. »Ich wohne im Marien-Altenheim, das ist schon ein Stück von hier …«

Sie schüttelt sanft den Kopf. »Und der Weg dorthin führt direkt durch den Park und deshalb bin ja hergekommen. Und mit Begleitung macht es doch gleich noch mehr Spaß, durch das Grün und den Regen zu laufen, finden Sie nicht?«

Jetzt lächelt die Frau ein ehrliches Lächeln. »Das macht es, ja«, sagt sie leise und ihre Augen leuchten und während sie die alte Frau begleitet und das Gespräch weiterhin voll leiser Töne ist und eine sanfte Freundlichkeit annimmt, fragt sie sich, warum nicht mehr Menschen die Sonne an diesen Tagen sehen können.
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