My Fair Mouse

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
01.06.2013
01.06.2013
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My Fair Mouse
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Der Kater läßt das Mausen nicht


Prinzipiell war es der Jahrestag von Ashley und Geraldine. Daß es wieder mit der Geburtstagsfeier von Tobin zusammenfiel, war Zufall, zumindest ein wenig; immerhin hatten sie sich auch auf Tobins Geburtstagsfeier kennengelernt. Von einem harmonischen Jubiläum war allerdings nicht viel zu spüren.
      „Ach, komm schon, was ist denn so schlimm daran?“
      „Ich habe dir mehrfach gesagt, daß ich das nicht mag! Und wenn du das nicht läßt, werde ich entsprechend reagieren!“
      Dieses kurze Gespräch hatte man schon ganz zu Anfang mitbekommen können, wenn man zufällig in der Nähe der beiden geweilt hatte; ohne den wirklichen Sinn der Worte zu erfassen.
      Ashley hatte ihr auf die letzte scharfe Bemerkung hin einen schmunzelnden Blick zugesandt, der gleichermaßen eine Entschuldigung, wie auch leichtes Amusement enthalten konnte; und von dem Geraldine nicht wußte, wie sie ihn zu werten hatte, wenngleich sie schon jetzt davon überzeugt war, daß er nicht bedeutete, daß er ihrer Bitte entsprechen würde.
      Die Feier ließ sich davon kaum beeinflussen und ging gemütlich voran, alle amüsierten sich prächtig, auch Ashley und Geraldine. Seit einiger Zeit waren sie oftmals getrennte Wege gegangen, aber nicht, weil sie sich gestritten hatten, sondern, weil es sich so ergeben hatte. Sie hatten auch einige Zeit zusammen verbracht, und es war alles in allem ein ruhiger, besinnlicher Abend geworden. Bis zu dem Punkt, an dem Geraldine erneut zum Buffet gehen wollte.
      „Mäuschen, bringst du mir etwas mit?“ fragte Ashley und benutzte die Anrede wie so oft mit einer leichten Herausforderung, die Geraldine jedes Mal provozierte.
      Geraldine beachtete ihn gar nicht, als sie fortging, füllte ihren eigenen Teller und wandte sich dann - möglichst wenig demonstrativ - einigen Leuten zu, zu denen sie sich gerade gesellen wollte.
      Ashley sah sie ein wenig enttäuscht an, verzichtete darauf, sich selbst zu bedienen und folgte ihr. „Hey, habe ich dir was getan…?“ erkundigte er sich vorsichtig.
      Sie sah ihn erstaunt an. „Wie kommst du darauf?“
      „Weil du mich eben ignoriert hast…“
      „Oh, hast du mich angesprochen? Das habe ich gar nicht mitbekommen!“ meinte sie tiefgründig.
      Er hielt ihren Blick irritiert. Doch er ließ es dabei bewenden. Er war sich zwar sicher gewesen, laut genug gewesen zu sein, doch vielleicht hatte sie es tatsächlich nicht mitbekommen.

So hatte der Abend begonnen.
      Mittlerweile war der Abend noch weiter fortgeschritten, und Ashley bekam mehr und mehr ein merkwürdiges Gefühl. Geraldine war fröhlich wie immer, und auch ihm gegenüber weder reserviert noch unwohlgesonnen. Daran konnte es nicht liegen. Vielleicht aber doch, genau daran! Sie ignorierte ihn nicht, und doch hatte er das Gefühl, daß sie nicht immer aufnahm, was er sagte. Das war ein Zug, der ihm an ihr noch nie aufgefallen war, zumal er nicht den Eindruck hatte, daß sie geistesabwesend war. Genau konnte er es nicht zuordnen, doch es resultierten merkwürdige Gesprächsabläufe daraus.
      Gerade standen sie zusammen mit Sylke und La-Toya, und auch die beiden schauten mittlerweile ein wenig irritiert. Das beruhigte Ashley. Es konnte nicht an ihm liegen!
      „Hast du den Film denn schon im Kino gesehen?“ erkundigte sich La-Toya gerade.
      „Nein“, erwiderte Geraldine. „Aber ich kenne die ersten beiden Teile, und die haben mir nicht so wirklich gefallen.“
      „Du machst es doch sonst nicht davon abhängig“, wunderte sich Ashley.
      „Deswegen überlege ich ja gerade auch noch, ob ich es trotzdem versuche“, meinte sie bedächtig.
      Ashley lächelte leicht. „Ach, wart’s ab, Mäuschen, vielleicht wird’s ja gar nicht so schlimm.“
      „… oder ob ich lieber abwarte, bis er als Datei rausgekommen ist. Dann brauche ich nichts zu investieren“, fuhr Geraldine fort, ohne auf Ashley einzugehen.
      „Weißt du was, ich lade dich einfach ein, Mäuschen! Wenn’s dann ein Reinfall wird, ist es nicht ganz so schlimm, und du kannst es zumindest beurteilen!“
      Sie hielt inne und sah ihn verwirrt an. „Wenn es wann ein Reinfall wird?“ erkundigte sie sich.
      Ashley stockte, einmal wieder. „Wenn ich dich einlade!“ wiederholte er.
      „Ach so! Das mußt du auch dazu sagen!“
      Ashley hielt ihren Blick sprachlos. „Das habe ich!“
      „Ja? Bist du sicher?“ gab sich Geraldine bewußt forschend.
      „Natürlich!“ entgegnete Ashley verblüfft.
      Geraldine schüttelte andeutungsweise den Kopf. „Ist bei mir irgendwie nicht angekommen.“
      Ashley sah sie forschend an. „Sag’ mal, ist alles in Ordnung mit dir?“ fragte er vorsichtig. „Du mußt heute extrem unaufmerksam sein…“
      „Nicht mehr oder weniger als sonst, würde ich sagen“, meinte sie ungerührt.
      „Mäuschen, wenn du irgend etwas hast, dann kannst du es mir ruhig sagen…“ meinte er einfühlsam.
      Geraldine reagierte nicht.
      „Jerry?“ sprach er sie erneut vorsichtig an.
      Sie sah auf. „Ja?“
      Wieder einer dieser merkwürdigen Momente. Ashley wußte gar nicht, wie er reagieren sollte. „Äh, das weißt du, oder?“ knüpfte er verunsichert an seine vorige Bemerkung an.
      „Daß ich aufmerksam bin? Davon gehe ich aus!“ meinte sie.
      „Nein, daß du mit mir über alles sprechen kannst!“ korrigierte er.
      Sie sah ihn deutlich irritiert an. „Hä? Wie kommst du denn jetzt darauf?“ wunderte sie sich mit einem Lächeln.
      „Weil ich den Eindruck habe, daß du mir nicht richtig zuhörst…“
      „Natürlich höre ich dir zu!“ versicherte sie. „Nur, du mußt die Aussage schon vorher stellen, wenn ich dir beantworten soll, ob ich »das weiß«!“
      „Das habe ich gerade gesagt!“ erklärte er, jetzt schon ein wenig vehementer.
      „Äh, nein“, widersprach sie.
      „Okay, ich habe einen anderen Wortlaut gebraucht“, lenkte er angenervt ein. „Aber der Sinn ist der gleiche! Sag’ jetzt nicht, das hast du auch wieder »nicht mitbekommen«!“
      „Ich kann mich nicht daran erinnern, daß du so etwas zu mir gesagt hast!“ gab sie zurück.
      So oder ähnlich ging es schon eine ganze Weile, und jetzt riß Ashley langsam der Geduldsfaden. „Jerry, ich habe keine Ahnung, was du damit bezweckst, aber langsam habe ich keine Lust mehr! Du ignorierst ständig irgendwelche Aussagen von mir, und zwar absichtlich! Da brauchst du mir gar nichts vorzumachen, wenn du meinst, ich merke das nicht, muß ich dich enttäuschen! Also, was soll das?“
      Sie sah ihn deutlich überrascht an. „Ashley, wenn du mich ansprichst, antworte ich dir auch!“
      „Offensichtlich ja nicht!“ entgegnete er hitzig, und Sylke und La-Toya zogen langsam den diplomatischen Rückzug vor.
      Sie sah ihm tief und bedeutungsvoll in die Augen. „Doch! Wenn du mich ansprichst, reagiere ich auch!“
      Eine Sekunde knisterte es in der Luft. Dann, langsam aber sicher, schaltete Ashley. In dem Augenblick löste sich der Trugschein, sie hätte inzwischen die Anrede »Mäuschen« akzeptiert, in Nichts auf. Er sah sie völlig verblüfft an, als er die Gespräche rekonstruierte.
      „Alles klar!?“ erkundigte sie sich tiefgründig.
      „Meine Güte…“ entfuhr es ihm. „Und deswegen stellst du mich jetzt vor den anderen wie den letzten Trottel hin!“ implizierte er.
      „So viel zu dem »Ich kann über alles mit dir sprechen«!“ erklärte sie ungerührt. Als Ashley sie nur fassungslos ansah, lenkte sie ein: „Na gut, zugegeben, das ist Definitionssache! Ich kann mit dir über alles reden. Es ist nur fraglich, ob es etwas bringt!“
      „Das glaube ich jetzt einfach nicht!“ bemerkte Ashley.
      „Kapierst du es jetzt wenigstens langsam mal?“ erkundigte sie sich.
      „Ich meinte eigentlich Sachen von Bedeutung!“ entgegnete er.
      „Aha! Fassen wir also mal zusammen: Du entscheidest, was für dich von Bedeutung ist, und was mir von Bedeutung ist, ist sowieso egal! Na, herzlichen Dank! – Wenn es für dich ohnehin nicht von Bedeutung ist, mir eine Anrede aufzuzwängen, die ich nicht mag, dann laß es doch einfach!“
      „Ich kann einfach nicht glauben, daß du deswegen jetzt so einen Aufstand machst!“ fuhr Ashley auf. „Das ist eine Lappalie! Du machst aus einer Mücke einen Elefanten!“
      Geraldine schwieg. Sie behielt sich bemerkenswert unter Kontrolle, ließ den Blick kurz durch den Raum schweifen, dann warf sie einen auffordernden Blick zur Tür. „In einem gebe ich dir recht: Die anderen müssen nicht alles mitkriegen!“ meinte sie leise. Keinen Kompromiß zulassend nickte sie in Richtung der Tür.
      Jetzt wurde Ashley erst recht unwohl zumute. Er wußte, sobald sie den Raum verließen, wartete auf der anderen Seite der Tür kein angenehmes Gespräch auf ihn. Ebenso aber war ihm klar, daß ihm nichts anderes übrig bleiben würde, als sich diesem Gespräch zu stellen, wenn sich das ganze nicht dramatisch vor Ort weiterentwickeln sollte, und auch ihm war nicht gelegen daran, Tobins Geburtstagsparty zu sabotieren. So folgte er Geraldine bedächtig nach draußen, während er versuchte, die verhaltenen Blicke, die einige der anderen ihnen zuwarfen, zu ignorieren.

Auf dem Hof vor dem Haus ließ Geraldine keine Gnade mehr walten. „Sag’ mal, willst du es wirklich nicht kapieren, oder machst du das extra?“ fuhr sie ihn an. „Merkst du eigentlich nicht, daß ich gerade versuche, unsere Beziehung zu retten?“
      Ashley fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. „Meinst du nicht, daß du jetzt ein bißchen übertreibst…?“ lenkte er vorsichtig ein.
      „Ashley, ich habe dich mehrfach auf die unterschiedlichsten Arten darauf hingewiesen, daß ich diese Anrede nicht wünsche! Eigentlich hätte einmal ausreichen müssen! Wenn du nicht einmal in der Lage bist, mir dieses bißchen Respekt zu zollen, dann hat eine Beziehung keinen Wert für mich. Das Problem ist bloß, ich liebe dich, und ich will dich nicht verlieren! Allerdings merke ich gerade, daß ich es anfangen kann, wie ich will, du willst mir offenbar wehtun! Von daher fange ich gerade an, unsere Beziehung zu überdenken!“
      Ashley hielt ein paar Sekunden sprachlos inne. „Ich will dir nicht wehtun!“ stellte er vehement richtig. „Ganz bestimmt nicht! So sehe ich das aber auch nicht! Im Gegenteil! Es ist doch nichts schlimmes daran, wenn ich dich Mäuschen nenne!“
      Sie hielt seinen Blick ohne jedes Lächeln. „Ich sterbe davon nicht, das ist richtig. Ich mag es aber nicht! Und ich bin nun mal nicht der Typ, der sich den Wünschen anderer bedingungslos unterwirft, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Ich weiß nicht, ob du mich wirklich liebst, aber um es mal deutlich zu machen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Und wenn es dir so viel bedeutet, mir ständig die Nerven zu zerkratzen, dann müssen wir das mit unserer Beziehung lassen! Das mache ich nämlich nicht mit! War das jetzt deutlich genug?“
      Ashley stand völlig geschockt da und brachte kein Wort heraus. Fast mutete es für Geraldine so an, als überlege er, ob es eine lohnende Alternative wäre, jetzt in Tränen auszubrechen.
      Sie ging die zwei Schritte, die sie trennten auf ihn zu und sah ihn sanft an. „Ashley. Warum bedeutet es dir so viel? Wenn ich merke, daß ich dir mit etwas keinen Gefallen tue, dann lasse ich es doch auch, auch wenn ich es dann vielleicht anders sehe. Zumindest, wenn es in deinen Wirkungsbereich eingreift.“
      Er wich ihrem Blick betrübt aus. „Ich finde die Idee nur einfach schön. Es hat so etwas persönliches, romantisches. Und es gibt viele, die so genannt werden.“
      „Ja, das mag ja sein, aber das ist nur in Ordnung, solange beide das mögen. Ashley, ich bin jedes Mal wie elektrisiert! Ich hasse es, wenn du das tust! Ich kann mich damit einfach nicht identifizieren! Das weißt du aber auch! Es ist nicht das erste Mal, daß wir ein Gespräch dieser Art führen.“
      „Ja, nur bei dir hat es sogar noch eine witzige Bedeutung!“
      „Ashley: Laß es!“ kommentierte Geraldine warnend, die langsam an die Grenze ihrer Geduld kam.
      „Dann darf ich dich auch nicht »Jerry« nennen!“ hielt er dagegen.
      Sie sah ihn völlig fassungslos an.
      „Ja, Jerry ist eine Maus! Sonst wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen!“ argumentierte er.
      Geraldine stand kurz davor zu explodieren.
      Ashley merkte es rechtzeitig und versuchte, dem Schlimmsten zuvorzukommen, indem er sie beschwichtigend bei den Armen faßte und einlenkte: „Hey, ganz ruhig bleiben…“
      Weiter kam er gar nicht. Sie machte sich los und erklärte in schneidender Ruhe: „Wenn du nicht in der Lage bist, mit sachlichen, vernünftigen Kommentaren zu kommen, brauchen wir nicht weiter zu diskutieren! Wenn du der Meinung bist, das ist alles so richtig, wie du es sagst, dann bin ich ab sofort für dich »Geraldine«! Und wenn das nicht reichen sollte, dann eben »Miss Evans«! Alles klar? – So, und jetzt werde ich wieder da reingehen und das tun, wofür ich hergekommen bin: Spaß haben!“ Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und ging wieder in’s Haus.
      Ashley wußte so schnell gar nicht, wie ihm geschehen war. Bestürzt sah er ihr nach, doch er war zu erstarrt, um reagieren zu können.

Eine kurze Weile später sah Tobin ein wenig besorgt zu Ashley nach draußen.
      Der hatte sich derweil gegen die Straßenlaterne gelehnt und erholte sich von Geraldines letzter Reaktion.
      „Alles in Ordnung?“ erkundigte sich Tobin.
      Ashley schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe Jerry noch nie so ausflippen erlebt!“
      Tobin schwieg eine Sekunde taktisch. Dann sagte er: „Du mußt äußerst geschickt einen Nerv getroffen haben. Eigentlich ist sie nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.“
      Ashleys Blick drückte ein stilles sarkastisches ‚Danke!’ aus.
      „Was ist denn überhaupt passiert?“ erkundigte sich Tobin nun neugierig.
      „Das ist es ja“, seufzte Ashley. „Es ging um keine große Sache. Ich hab’ ihr den Spitznamen »Mäuschen« verpaßt, weil ich die Parallele zu »Tom und Jerry« so witzig fand, und weil sie ja immerhin meine Freundin ist.“
      „Und das fand sie nicht witzig!“ mutmaßte Tobin.
      Ashley schüttelte bestätigend den Kopf.
      Tobin sah nachdenklich zur Haustür. „Und das bringt sie gleich so auf? Ich hätte vermutet, daß sie erst mal mit dir darüber spricht…“
      Ashley schaute verschämt zu Boden. „Das hat sie. Mehrfach“, gab er kleinlaut zu.
      Jetzt sah Tobin ihn verblüfft an. „Und…?“
      „Naja, ich bin nicht… so wirklich darauf eingegangen…“ gestand Ashley.
      „Du hast aber schon gewußt, daß sie es nicht mag, oder?“
      Ashley schwieg etwas verlegen. „Ja, sicher“, kam es dann zögerlich. „Und irgendwann hat sie entsprechende Kommentare dann geflissentlich ganz ignoriert. Sie hat ganze Sätze, in denen die Anrede vorkam, komplett aus ihrem Gefüge gestrichen und als nicht existent behandelt.“
      „Und das hat dir nicht zu denken gegeben?“ schmunzelte Tobin.
      „Das war ja erst seit heute. Daraufhin habe ich sie dann angesprochen.“
      „Und?“
      „Dann ist es etwas aus der Bahn gelaufen.“
      „Hast du es immer noch nicht eingesehen?“
      „Ich habe versucht, dagegen zu argumentieren. Sie ist doch mein Mäuschen…“
      „Uh…“ Tobin zog scharf die Luft ein. „Das hast du ihr aber nicht so gesagt, oder?“
      „Ich dachte, wenn sie sich erst mal daran gewöhnt hat…“
      Tobin stand kurz davor zu lachen. „Ashley, deine Freundin erzählt dir, daß sie etwas nicht mag, und du setzt voraus, daß sie sich daran gewöhnt…?“
      „Naja…“ Es klang nicht sehr überzeugt. „Irgendwie hat es auch ein bißchen Spaß gemacht, sie damit aufzuziehen.“
      „Du stehst kurz vor einem Beziehungsdesaster, das ist dir klar, ja?“ rutschte es Tobin heraus. „Sie hat nichts gesagt, aber sie war auf 180, als sie reinkam! Wenn du die Beziehung zu ihr nicht zwingend möchtest, ist es egal, ansonsten würde ich dir dringend anraten, einzulenken!“
      „Ich weiß!“ bekannte Ashley.
      Tobin musterte ihn eingehend. Ashley machte einen geknickten Eindruck. Tobin war sich nicht ganz sicher, warum: Weil Geraldine auf die neue Anrede nicht ansprang, oder weil der Abend so verlaufen war. Oder vielleicht auch beides. „Traurig?“ erkundigte er sich.
      „Ein bißchen enttäuscht, vielleicht.“
      „Ich erteile dir nur ungern eine Lehre, aber… – Du liebst Jerry sehr, oder?“
      Ashley sah ihn verständnislos an. „Ja!“
      „Fändest du es witzig, wenn sie dich ständig mit etwas konfrontieren würde, das du nicht magst? Wenn sie dich ständig triezen und provozieren würde, und dich irgendwann verletzen würde, weil du dich nicht mehr ernstgenommen fühlst, und du den Eindruck gewinnen würdest, daß sie dich nicht respektiert?“
      Ashley dachte kurz verhalten nach. „Natürlich nehme ich sie ernst!“
      „Wenn sie dich inständig um etwas bittet, und du das einfach ignorierst? Glaubst du wirklich, sie geht davon aus, daß du sie liebst, wenn du ihr ständig - wissentlich - wehtust…?“
      Ashley zuckte unwillkürlich leicht zusammen. Die nüchternen Worte aus dem Munde eines Unbeteiligten hatten eine nicht gerade geringe Wirkung, auch wenn er die Worte bereits von Geraldine selbst gehört hatte.
      Tobin bedauerte, daß er selbst keine Gelegenheit fand, sich irgendwo lässig anzulehnen. So blieb er stehen und sagte ruhig: „Es ist meine Meinung, Ashley, aber ich hoffe, zumindest in einigen Aspekten stimmst du mir zu. Jerry ist ein phantastisches Mädchen. So eine klasse Freundin kriegst du kein zweites Mal, und gerade sie hat es nicht verdient, verletzt zu werden. Ihr paßt sonst in allen Aspekten so wunderbar zusammen; du solltest überlegen, ob du nicht auf das »Mäuschen« verzichten kannst.“
      Ashley atmete durch. „Bestätigt – in allen Punkten!“ kommentierte er.

Als Ashley zurück in’s Wohnzimmer kam, war Geraldine in ein Gespräch vertieft. Er gesellte sich an ihre Seite und legte leicht den Arm um sie, ohne davon auszugehen, daß sie es überhaupt zulassen würde.
      Doch er wurde überrascht! Sie unterhielt sich zwar ungerührt weiter, legte aber ihre Hand auf seine, in einer sanften, liebevollen Geste.
      Er atmete unmerklich durch. War es vielleicht nur, um nicht vor anderen Leuten eine Szene zu machen? „Hey Schatz!“ begrüßte er sie, als sie nur kurz darauf das Gespräch beendete.
      Sie sah sich ganz angetan zu ihm um.
      Er wußte nicht, ob es ihn zusätzlich belasten sollte: Es war ihr definitiv aufgefallen! „Du bist sauer auf mich, oder?“ fragte er kleinlaut.
      „Das kommt drauf an! Habe ich Grund dazu?“
      Er sah sie irritiert an. „Ich denke schon, oder?“
      Sie erwiderte seinen Blick forschend, mit einer sanften Nuance. „Noch immer…?“
      Er stutzte. „In Zukunft nicht mehr, hoffe ich“, erwiderte er geistesgegenwärtig. „Auf jeden Fall weiß ich, was ich für eine phantastische Freundin habe, wenn du jetzt immer noch bereit bist, mir zu verzeihen“, fügte er kleinlaut an.
      Sie strich in einer sanften Geste über seine Wange. „Sollte ich jemals solch einen Mist verzapfen, und davon kann sich nun mal niemand freisprechen, dann wünsche ich mir auch, daß du mir verzeihst. Wichtig ist mir nur, daß du es jetzt endlich begriffen hast.“
      „Keine Sorge, das »Mäuschen« zählt nicht mehr für dich“, meinte er mit einem verschämten Grinsen.
      Geraldine sah ihn mit einem verhaltenen Lächeln an. Wie sollte sie das nun wieder werten?
      „Ist dir denn etwas anderes Recht?“ fragte er. „»Schatz« finde ich so… allgemein.“
      „Denk dir etwas aus!“ forderte sie ihn auf. „Ob es mir gefällt, müssen wir dann sehen! Aber wenn es mir absolut nicht zusagt…“
      „… wird es ersatzlos gestrichen!“ beendete er sofort ihren Satz.
      Sie lachte. „Wird es gestrichen!“ korrigierte sie. „Nach »Ersatz« darfst du trotzdem suchen!“
      Jetzt lächelte er auch ehrlich. Seinem Blick konnte sie entnehmen, daß er jetzt bereits über eine Alternative nachdachte. Sie mußte zugeben, sie war schon gespannt, was sich daraus ergeben mochte. Doch wichtig war erst einmal, daß sie den Abend nun endlich unbeschwert genießen konnte – auch mit Ashley!
 
 
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