deadlocked

von Molnija
GeschichteFantasy / P16
30.05.2013
22.06.2014
6
15566
 
Alle
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Der Vampir starrte mich aus geweiteten, roten Augen an. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück, auch wenn das gegen jeden Tapferkeitsschwur verstieß, den ich je abgelegt hatte. Und glaubt mir, das war eine Menge an Schwüren.     
In der Finsternis, die mich umhüllte, stach seine schneeweiße Haut nur noch mehr hervor als ohnehin schon, und er stieß ein heiseres Lachen aus, das für mich eher klischeehaft klang als furchteinflößend. Trotzdem lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken, als ich daran dachte, dass mich diese untote Mythenfigur nun gleich als Mitternachtssnack verspeisen würde. Ich hatte schon erwartet, irgendwann einmal so zu sterben – das brachte das Leben als Vampirjägerin so mit sich –, doch es direkt vor den Augen zu haben, war eine ganz andere Sache. Es war um genau zu sein so ziemlich das wahnsinnigste, was mir jemals passiert war. Man sagt, wenn man stirbt, zieht das ganze Leben an einem vorbei, man hat die wildesten Flashbacks von in warmen Farben gehaltenen Kindheitserinnerungen und fragt sich, ob es denn nun wirklich ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Das ist so falsch, ich musste schon fast lachen, als ich mich daran erinnerte. Um ehrlich zu sein, war da kein magischer Moment und gleichzeitig doch. Es war, als wären mein Hirn und meine melancholisch veranlagte Seite sich vollkommen uneins; mein Körper schrie Renn! Renn! Renn!, aber im Inneren schrieb ich bereits an meiner Grabrede, wohl wissend, dass ich sie niemals würde halten können. Was mich blöderweise auch davon abhielt, meine Beine zu bewegen. Zu meiner Verteidigung, es hätte sowieso keinen Sinn gehabt. Vampire waren schneller als Menschen, sogar schneller als Werwölfe, und die rannten schon wie die Wilden.     
Wir haben uns heute hier versammelt, um einen schweren Verlust zu beklagen. Die sechzehn Jahre alte Sora Iwanczyk musste in einem ehrenhaften Kampf mit einem ihr schließlich leider überlegenen Vampir das Leben lassen. Sie war stets eine wertvolle Ergänzung zu unserer Gemeinde und ihre Niederlage und darauffolgender Tod schmerzen uns se–     
Mein imaginärer Notizblock fiel auf den Boden, als mich ein grauenvoller Schmerz durchzog. Von meinem Hals aus brannte er sich durch meine Adern, wo er schließlich mein Herz erreichte, das immer langsamer schlug. Oh Gott. Oh Gott.     
Ich konnte nicht einmal schreien, meine Lippen klebten aufeinander, als ich spürte, wie die Hitze nach und nach abklang und von einer Taubheit ersetzt wurde, die noch viel schlimmer war. Mein Körper erschlaffte, mein Atem verlangsamte sich...     
Und dann war es vorbei.     
Es gab nicht einmal so etwas wie einen letzten Schock oder sowas, wenn sich dein Geist vom Körper löst und in den Himmel oder was es auch immer gab geleitet wurde.     
Erst ein paar Minuten später merkte ich, dass das relativ logisch war, denn der Vampir hatte mich nicht getötet, wie mir auffiel, als ich meine Hand, die auf den Waldboden gefallen war, bewegte.     
„Da bist du ja wieder“, hörte ich eine Stimme über mir erstaunlich klar sagen. In der Annahme, dass dies meine Sinne als funktionstüchtig erklärte, wagte ich eine Antwort.     
„Hm?“     
Okay, nicht unbedingt die eloquenteste Erwiderung, aber immerhin war meine Stimme noch intakt und klang relativ normal. Ich probierte es erneut. „Ich meine, was meinst du?“     
„Für dich immer noch ‚Was meinen Sie‘. Und wenn du die Augen öffnen würdest, wüsstest du es.“     
Die Idee klang gar nicht mal schlecht, und meine Lider flatterten, bevor ich von einer erstaunlichen Klarheit überwältigt wurde. Normalerweise sah die Umgebung doch immer verschwommen aus, wenn man für eine Weile die Augen geschlossen hatte und sie wieder öffnete. Aber um ehrlich zu sein, konnte ich mich nicht daran erinnern, jemals so gut gesehen zu haben.     
Jetzt erkannte ich auch den Besitzer der ominösen Stimme, einen jungen Vampir, der nicht viel älter aussah als ich und der neben mir im Gras hockte, die roten Augen auf mich gerichtet. Immerhin war es nicht der Vampir, der mich – fast? – getötet hatte, und er wirkte relativ freundlich. Aber der Schein konnte trügen. Ich wappnete mich für einen Angriff, was ihm ein Lachen entlockte.     
„Vergiss es, Kleine, ich tu dir nichts. Du bist tot.“     
Ich zog die Augenbrauen hoch, ohne überhaupt zu probieren, das nur mit einer der beiden zu tun, bevor ich mich noch lächerlich machte. Ich beneidete alle, die das konnten. „Ach. Warum fühle ich mich dann so lebendig?“     
Er grinste und strich sich durch die schwarzen Haare. „Ich hab dich gerade noch so vom Rande des Todes retten können, aber das Gift hatte dich schon erwischt. Keine Ahnung, ob ich jetzt ‚Alles Gute‘, ‚Tut mir leid, aber‘ oder ‚Tja‘ sagen soll. Du bist ein Vampir.“     
Und genau in diesem Moment brach meine Welt zusammen.