Take down the walls

von Seaside
GeschichteDrama / P16
Alex Sheathes Grace Tiddle Hana Tate Julian Fineman Magdalena "Lena" Haloway Tack
30.05.2013
30.05.2013
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Eigentlich war dies hier als längere Geschichte geplant, aber ich fürchte, ich muss es aus Zeitgründen (und weil ich momentan zu sehr mit einer anderen Geschichte beschäftigt bin) erst mal bei diesem One Shot belassen. Ich werde sie aber vermutlich irgendwann weiterführen.
~~~~~



Die Mauer zerfällt langsam aber sicher in ihre Einzelteile, zerbricht in tausend kleine unbedeutende Stücke, so wie auch die ganze Welt um uns herum immer mehr zerbricht.
Lauter Jubel brandet auf, dringt von allen Seiten an mein Ohr.
Unbändige Freude überall.
Leute fallen einander in die Arme. Sichtlich erschöpft, aber glücklich.
Immer wieder klopfen sie sich gegenseitig auf die Schulter, beglückwünschen sich, klatschen sich ab, feiern sich selbst.
Szenen der Erleichterung.
Szenen des Glücks.
Verbunden durch das einzigartige Gefühl, zusammen etwas Großes vollbracht zu haben.

Die Stimmung wird immer ausgelassener, fast schon euphorisch, und auch ich lasse mich bereitwillig in Umarmungen ziehen, auch wenn ich dieses absolute Glücksgefühl, das durch die anderen förmlich hindurch zu strömen scheint, nicht mal im Ansatz nachempfinden kann.
Denn dafür ist einfach zu viel passiert.
Zu viel, als dass ich jetzt in diesem Augenblick glücklich sein könnte.
Wenn überhaupt empfinde ich ein gewisses Gefühl der Erleichterung. Aber noch nicht einmal das kann ich so richtig genießen.

Dass ich mich auf irgendeine Art und Weise über das bisher Erreichte freue, steht außer Frage. Natürlich freue ich mich darüber, es so weit geschafft zu haben - wie könnte ich mich darüber nicht freuen? - doch weiß ich eben auch, dass die durchbrochene Mauer nur ein winzig kleiner Schritt in die richtige Richtung ist. Ein kleiner Etappensieg, dem noch so viele weitere folgen müssen.
Ich weiß nicht, ob all diesen Menschen überhaupt bewusst ist, dass uns noch ein weiter - ein noch viel steinigerer - Weg bevor steht. Vermutlich schon, nur wie es aussieht, rückt dieser Gedanke gerade bei den Meisten in den Hintergrund, so als wäre es bloß eine Nebensächlichkeit.

Die schwerste Aufgabe wird auf jeden Fall die sein, die Menschen - die Geheilten - zum Umdenken zu bewegen. Das wird um so vieles schwerer werden, als einen Haufen Beton zu zerstören, der noch nicht einmal dazu in der Lage ist, sich zu wehren.
Die Geheilten hingegen werden sich wehren. Mit allen Mitteln.
Sie werden nicht einfach hilflos dabei zugucken und sich zerstören lassen.
Sie werden sich gegen alles und jeden wehren, der sich ihnen in den Weg stellt und sie davon überzeugen möchte, dass alles, an das sie ihr ganzes Leben lang geglaubt haben, nichts weiter als eine Lüge ist.
Auch ich habe lange gebraucht, um all das zu begreifen. Und wenn ich ganz ehrlich bin...so richtig habe ich es wohl immer noch nicht verstanden.
Sogesehen empfinde ich derlei Jubelarien zu diesem Zeitpunkt eindeutig als zu früh, und dennoch bemühe ich mich um ein Lächeln, auch wenn mir im Grunde gar nicht danach zumute ist und ich das Gefühl habe, dass dieses Lächeln auf meinem Gesicht irgendwie ein wenig deplatziert wirkt.

Die Geräuschkulisse nimmt eher zu als ab, auch wenn mittlerweile nicht mehr gehämmert, geschlagen oder getreten, sondern nur noch gefeiert wird.
Doch anstatt ausgelassen mitzufeiern werde ich ausgerechnet jetzt von einer Welle aus Emotionen überwältigt. Völlig unerwartet bricht sie über mich herein und ich bin nicht mal ansatzweise dazu in der Lage, mich dagegen zu wehren.
Vielleicht will ich das aber auch gar nicht.
Vielleicht bin ich es einfach leid, mich immer und überall zu wehren.
Vielleicht ist es endlich mal an der Zeit, alles zuzulassen.
In den vergangen Tagen und Wochen habe ich dazu schließlich kaum die Möglichkeit gehabt.
Und hat sich unerwarteterweise doch mal eine Möglichkeit geboten, habe ich das irgendwie immer ganz gut zu verhindern gewusst.
Anstatt meinen Gefühlen einfach freien Lauf zu lassen, habe ich sie verdrängt.
Weil es manchmal eben leichter ist, gewisse Dinge nicht so nah an sich ran zu lassen, anstatt der Wahrheit ins Auge zu blicken.
Aber jetzt?
Jetzt bröckelt nicht nur die Mauer. Sondern auch meine mühsam aufgebaute Fassade.
Es fällt mir schwer, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen, denn kaum hat mich die eine Emotion gepackt, folgt bereits die Nächste.
So als hätten sie sich untereinander abgesprochen, sich in regelmäßigen Abständen abzuwechseln, um mich damit in den Wahnsinn oder zumindest an den Rande eines Nervenzusammenbruchs zu treiben.
Es ist wie ein Kampf. Emotion gegen Emotion. So als würde jede Emotion darum kämpfen, die Stärkere zu sein.
Und ich habe nicht mal die leiseste Ahnung davon, welche das sein wird. Welche Emotion am Ende den Kampf gewinnen wird.
Ich weiß nur, dass sie hinaus wollen, an die Oberfläche, in die Freiheit.
Genau jetzt.
Alle zusammen.
Alle auf einmal.

Die Euphorie, darüber, es tatsächlich so weit geschafft zu haben, weiter als ich mir das je erträumt hätte. Die Euphorie über diesen kleinen Etappensieg, den wir dabei sind einzufahren, den wir bereits eingefahren haben.
Die Angst.vor dem, was vor uns liegt, davor, was uns alle in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren noch bevor steht, die Angst vor einer ungewissen Zukunft, die Angst vor weiteren Kämpfen, die mit weiteren schmerzhaften Verlusten enden.
Wut auf die Geheilten, Wut auf die Regierung, die uns unser gesamtes Leben lang eine Lüge aufgetischt haben, die uns allesamt in dem Glauben erzogen haben, dass die Liebe eine gefährliche Krankheit ist, vor der man sich schützen muss. Wut darüber, dass sie uns eingeschränkt und uns letzten Endes unserer Freiheit beraubt haben.
Die Freude darüber, dass Alex, Grace und meine Mutter, die ich allesamt verloren geglaubt habe und von denen ich gedacht habe, dass ich sie niemals mehr wiedersehen würde, wieder bei mir sind und nun Seite an Seite mit mir kämpfen.
Die Liebe, die ich für Alex empfinde und die ich endlich offen zeigen kann, zeigen will, und gleichermaßen Reue Julian gegenüber, weil ich mich für Alex entschieden habe und er momentan noch überhaupt nichts davon weiß.
Trauer wegen Ravens Tod und allen anderen Verlusten, die wir auf dem Weg hier her erleiden mussten, wegen all unseren Weggefährten, die verloren gingen, aber niemals in Vergessenheit geraten werden.
Und trotz allem spüre ich das erste Mal seit langem so etwas wie Hoffnung. Hoffnung, dass alles irgendwie gut werden wird.
Ich möchte lachen, aber auch weinen, ich möchte all diese Menschen, mit denen ich wochen- zum Teil sogar monetang auf dieses Ziel hingearbeitet habe, umarmen, ihnen sagen, wie wichtig sie für mich geworden sind, ihnen sagen, wie froh ich bin, dass sie hier sind, wie dankbar ich ihnen bin, dass sie mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich jetzt bin.
Und dann wiederum möchte ich mich einfach fallen lassen, mich irgendwo in eine stille Ecke verkriechen und einfach nur weinen.

Ich sehe Grace, nicht weit entfernt von mir, bei meiner Mutter stehen. Ich glaube, ich habe sie noch nie so fröhlich erlebt. Sie unterhalten sich, ich kann nicht verstehen über was, aber ich sehe, dass es ihnen gut geht.
Die Sonne verschwindet so langsam am Horizont, so als würde sie sich ein ruhigeres Plätzchen suchen wollen. Nur zu gerne würde ich ihr folgen, mich ein wenig ausruhen, micht zurückziehen, tief durchatmen. Wenigstens für einen kurzen Moment. Und genau das mache ich auch.
Ich klopfe den Staub und den Dreck von meinen schmutzigen Händen ab, streiche vorsichtig über ein paar blutige Kratzer und bewege mich langsamen Schrittes von der zerbröckelten Mauer weg, in Richtung des Ufers.
Der Blick auf all die im Gras liegenden leblosen Körper lässt mich erschaudern. Egal, ob sie zu unseren Leuten gehörten oder nicht, es sind Menschenleben. Das darf man beim Anblick dieses Schlachtfeldes trotz allem nicht vergessen.

"Lena!"

Ich wende meinen Blick von den Leichen ab und drehe mich um. Julian kommt - verschwitzt und abgekämpft, aber dennoch mit einem Lächeln - auf mich zugelaufen.
Ich schlucke. Am liebsten würde ich weg rennen oder mich in Luft auflösen. Aber ich bin wie erstarrt und nicht dazu in der Lage, mich auch nur einen Zentimeter vom Fleck zu bewegen.
Daher bleibe ich einfach stehen und warte, bis er mich erreicht hat.
"Ist alles in Ordnung?", bringt er atemlos hervor, bevor er sanft seine rechte Hand auf meine Schulter legt und mich aus seinen strahlend blauen Augen eindringlich mustert.  
Er sorgt sich um mich. Natürlich. Er sorgt sich immer um mich.
Habe ich mich eben noch gefragt, welche Emotion die Stärkste ist, so weiß ich es nun. Es ist das schlechte Gewissen, die Reue dem Menschen gegenüber, der in den letzten Wochen für mich da war wie niemand sonst. In diesem Moment ist es das ohne Zweifel.
Er darf sich nicht mehr um mich sorgen. Er muss unbedingt damit aufhören, sich Sorgen um mich zu machen. Ich habe es nicht verdient, dass er sich Sorgen um mich macht.
"Ich...ja...ja....alles in Ordnung. Ich brauche nur ... eine kleine Verschnaufpause", stammele ich und bemühe mich um ein Lächeln.
Seinem skeptischen Blick nach zu urteilen, sehe ich nicht besonders glaubhaft aus, aber er hakt nicht weiter nach, was ich ihm hoch anrechne und mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber zusätzlich verstärkt.
Julian hat all das nicht verdient. Er hat es nicht verdient, verletzt zu werden. Er hat jemanden verdient, der ihn genauso liebt wie er mich. Er hat jemanden verdient, der ihn genauso liebt, wie ich Alex liebe.
"Du bist ganz schön fertig, was?" Er lächelt mich aufmunternd an und streicht mir mit einer Hand zärtlich über die Wange, bevor er mich näher zu sich zieht.
Meinen Kopf auf seiner Schulter ruhend nicke ich. Die Nähe zwischen uns fühlt sich gut, aber gleichzeitig auch so falsch an.
Nicht, weil wir in diesem Augenblick Angst haben müssen, dafür bestraft zu werden, sondern weil mir klar geworden ist, dass es für mich immer nur Alex gegeben hat. Auch jetzt muss ich automatisch an Alex denken.
Daher löse ich mich vorsichtig von ihm.
"Ich hab' Grace gefunden", sage ich. Meine Stimme ist schwach und leise und auch ein wenig zittrig. Ich musste irgendwas sagen, irgendwas Unverfängliches, und dass ich Grace gefunden habe, war das Erste, das mir in den Sinn gekommen war.
Er nickt und wir beide schauen in die Richtung, in der ich Grace vorhin mit meiner Mutter habe reden sehen. Sie stehen immer noch dort, eng beieinander.
"Und der Rest deiner Familie?", fragt er einfühlsam.
Ein wenig teilnahmslos zucke ich die Schultern. Was anderes bleibt mir nicht übrig, denn ich habe nicht den blassesten Schimmer, wo sich Tante Carol, Onkel William und Jenny aufhalten. Ob sie überhaupt noch am Leben sind. Auch Grace weiß darüber nicht Bescheid.

Julian zögert einen Moment, dann nimmt er meine Hand und führt mich fort. Weg von diesem Schlachtfeld. Weg von all dem Lärm.
Ich habe nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren. Ich habe überhaupt keine Kraft mehr, also lasse ich mich von ihm mitziehen, auch wenn sich irgendwas in mir dagegen sträubt und ich mich am liebsten von ihm losreißen möchte.
Mir ist bewusst, dass ich das unvermeidbare Gespräch nicht ewig vor mir her schieben kann, dass ich ihm irgendwann sagen muss, was los ist. Nur nicht jetzt. Und vor allem nicht hier. Aber ich schätze, dafür gibt es wohl weder einen richtigen Zeitpunkt noch einen richtigen Ort. Und vielleicht ist es wirklich besser, so schnell wie möglich für klare Verhältnisse zu sorgen. Besser für mich, und besser für ihn.
Während wir uns ein ruhiges Plätzchen suchen, lege ich mir in meinem Kopf bereits ein paar Sätze zurecht, die ich sagen könnte, doch nichts davon scheint angemessen zu sein. Ich möchte es ihm so schonend wie möglich beibringen. Aber ist das überhaupt möglich? Kann man jemandem schonend das Herz aus der Brust reißen? Nein, das kann man nicht.

Wir setzen uns ans Ufer. Leblose Körper treiben im stellenweise rot verfärbten Wasser. Aus der Entfernung ist immer noch Jubel zu hören, aber daran lassen wir uns nicht stören.
"Ganz schön nervenaufreibend das alles, hm?", sagt er.
"Hmm", mache ich nachdenklich. Mein Blick schweift in die Ferne, gleitet übers Wasser. Lieber richte ich meinen Anblick auf die Leichen als ihm in die Augen zu blicken. Denn das würde ich nur sehr schwer ertragen.
Gedankenverloren greife ich irgendwann nach einem Grashalm. Ich rupfe so lange an ihm rum, bis nichts mehr von ihm übrig ist, dann greife ich mir den Nächsten.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Julian mich von der Seite beobachtet. Ich spüre seinen Blick auf mir ruhen, so als wäre es für ihn möglich, dadurch in mein Innerstes sehen zu können, so als könne er dadurch erraten, was in meinem Kopf vor sich geht. Und fast wünsche ich mir, es wäre ihm tatsächlich möglich, meine Gedanken zu erraten, denn dann müsste ich sie nicht mehr aussprechen.

Eine Weile sitzen wir einfach nur da. Schweigend. Ich auf meine Grashalme fixiert, er seinen Blick auf mich gerichtet.
Erst als er erneut zaghaft nach meiner Hand greift und ich sie ihm, etwas erschrocken, entziehe, weiß ich, dass wir nun an einem Punkt angelangt sind, an dem es einfach nicht anders geht, als ihm zu sagen. dass meine Liebe zu Alex stärker ist als meine Liebe zu ihm. Dass ich ihn auf eine gewisse Art und Weise zwar auch liebe, jedoch bei Weitem nicht so, wie er es verdient hätte.

Doch je länger er mich ansieht, ohne irgendwas zu sagen, desto mehr beschleicht mich der Verdacht, dass er es bereits weiß, oder zumindest eine Ahnung hat. Seine blauen Augen wirken nicht mehr so strahlend wie sonst, sie wirken traurig. Und das macht auch mich traurig.
"Ich...ich muss dir was sagen", nehme ich all meinen Mut zusammen. Meine Stimme klingt schwach, der Kloß in meinem Hals hindert mich daran, lauter zu sprechen.
Seine Gesichtszüge verhärten sich, er wendet seinen Blick von mir ab, so als würde er meinen Anblick nicht mehr ertragen. "Du musst mir nichts erklären."
"Doch", sage ich mit etwas mehr Bestimmtheit. "Doch, das muss ich."
Ich sehe ihm die Enttäuschung an, steht sie ihm doch förmlich ins Gesicht geschrieben. Und es zerreißt mir das Herz, ihn so zu sehen.
"Du liebst ihn", sagt er und durch die Art, wie er es sagt, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie viel Schmerz ihm diese Gewissheit bereitet.
Ich nicke schwach. Zu mehr bin ich nicht imstande. Ich will es ihm erklären. Aber wie?
"Ich hab euch gesehen. Vorhin. Wie ihr geredet habt. Wie ihr euch geküsst habt. Ich war mir zunächst nicht sicher, was das zu bedeuten hatte. Ob es überhaupt irgendwas zu bedeuten hatte. Von wem dieser Kuss überhaupt ausgegangen war. Oder ob du diesen Kuss eventuell als Fehler ansiehst, ihn bereust. Aber ganz offensichtlich tust du das nicht. Du bist lediglich mit mir mitgegangen, weil du nach einer Möglichkeit gesucht hast, es mir beizubringen, nicht wahr? Deswegen verhältstt du jetzt auch so seltsam, so reserviert mir gegenüber, so als wären wir Fremde. Zuerst habe ich gedacht - oder ich habe es mir zumindest eingeredet -, dass du bloß erschöpft bist und vielleicht einfach ein wenig Ruhe brauchst. Aber das ist es nicht, hab ich recht? Das ist nicht der Grund, weshalb du hier einen Grashalm nach dem anderen malträtierst. Also, wieso tust du uns beiden nicht einfach einen Gefallen und sagst es einfach? Dass du ihn liebst. Dass du nie aufgehört hast, ihn zu lieben. Und dass das mit uns ein einziger Fehler war."
"Das mit uns war doch kein Fehler." Ich bin fassungslos, dass er so etwas überhaupt nur denken kann. Ganz egal, wie ich zu Alex stehe - ich habe meine Beziehung zu Julian nicht eine einzige Sekunde als Fehler angesehen.
"Doch, genau das war es. Ich war lediglich der Ersatzmann. Die Schulter zum Anlehnen, die du gebraucht hast, weil du dachtest, Alex wäre tot. Mich hast du bloß benutzt, um über diesen Verlust hinweg zu kommen."
"Nein, das stimmt so nicht! Du verstehst das vollkommen falsch!" Ich weiß nicht, was ich damit bezwecke, ihm zu widersprechen, was ich mir überhaupt dabei denke, denn wenn ich so darüber nachdenke, hat er vermutlich recht. Vielleicht habe ich ihn wirklich nur benutzt, um über Alex hinweg zu kommen. Die Zeit in diesem Verließ hat uns zusammengeschweißt, hat uns irgendwie zusammengebracht. Ich war für ihn genau das, was Alex für mich war. Ich habe ihm gezeigt, dass die Liebe nichts Gefährliches, sondern etwas Wunderbares ist, so wie Alex es mir damals gezeigt hat. Ich habe ihn in diese vollkommen neue Welt eingeführt, so wie Alex mich damals. Ich hatte nie beabsichtigt, ihn zu verletzen. Nie. Tatsächlich war mir bisher nicht mal bewusst gewussen, dass ich ihn womöglich nur benutzt haben könnte. Schließlich hatte ich Gefühle für ihn. Und habe sie immer noch. Nur sind sie nicht so stark wie die, die ich für Alex habe. Ich verstehe, dass es für Julian so aussehen muss, als hätte ich ihn wirklich nur benutzt, weil der, den ich eigentlich wollte, nicht mehr da war.
"Hab doch jetzt wenigtens den Mumm, dazu zu stehen. Zumindest das bist du mir schuldig. Findest du nicht?." Er sieht mich wieder an. Durch die ungewohnte Kälte in seinen Augen, fällt es mir schwer, seinem Blick stand zu halten. Wo ist seine Wärme, seine Güte hin?
"Julian, du versteht nicht...", starte ich einen Erklärungsversuch und strecke vorsichtig meine Hand nach ihm aus. Doch er blockt beides ab.
"Doch, ich verstehe sehr wohl." Er rutscht ein Stück von mir weg, starrt aufs Wasser. Für ihn ist offenbar alles gesagt.
Für mich jedoch nicht. Ich würde gerne noch irgendwas sagen, irgendwas, damit er sich besser fühlt. Dass er ein ganz wunderbarer Mensch ist, dass ich die gemeinsame Zeit mit ihm immer sehr genossen habe, dass er trotz allem immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben wird.
Aber das klingt alles so banal. Nichts, was ich jetzt noch sagen würde, würde irgendwas an dieser Situation ändern. Durch keine dieser nett gemeinten Floskeln würde er sich besser fühlen.
Daher schweige auch ich. Genau wie er.
Weil es für diese Situation einfach keine passenden Worte gibt.
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