Das Vorbild

KurzgeschichteDrama, Familie / P16
29.05.2013
29.05.2013
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Mein Großvater und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Seit meine Eltern vor 2 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen, wohnte ich bei ihm. Er hat mich sofort mit zu sich genommen und kein einziges Mal  war davon die Rede gewesen, mich ins Heim zu stecken. Natürlich war es nicht immer einfach, schließlich ist mein Opa schon 80 und kann nicht mehr alles machen. Doch wir haben immer eine Lösung gefunden, gemeinsam.

Es war Freitagnachmittag und ich musste noch eine 10 Seitige Facharbeit über das Planck'sche Strahlungsgesetz schreiben, also machte ich mich auf den Weg in die Bibliothek. Ich war wirklich froh darüber, dass Oma Bücher so geliebt und sich eine eigene Bibliothek gewünscht hatte und ich war froh darüber, dass mein Opa meine Oma so sehr geliebt hat, dass er ihren Wunsch in Erfüllung hat gehen lassen. Nach ihrem Tod, hat er auf die Bücher aufgepasst und immer wieder neue Exemplare hinzugefügt, genauso, wie es meine Oma früher immer getan hatte.

So musste ich also nur in den zweiten Stock und schon hatte ich eine Vielzahl an Fachliteratur zur Auswahl, denn meine Großmutter war genauso Physikbegeistert gewesen wie ich es war.
Ich öffnete die Türe des doch recht großen Raumes und sofort schlug mir der Geruch von Druckerschwärze, Papier und Holz entgegen. Ich liebte diesen einmaligen Duft, wenn man an jenen Ort kam, an dem man sich in fremde Welten entführen lassen konnte. Meine Füße trugen mich zu dem alten Schreibtisch aus Nussbaumholz und dem dazu passenden Schreibtischstuhl und legte meine Unterlagen, sowie meinen Laptop, der irgendwie nicht ganz in dieses Milieu passen wollte, darauf ab. Dabei fiel mir das kleine, in Leder gebundene Büchlein auf. Es hatte keinen Titel und war nur eine Fingerbreite dick. Ich hatte hier noch nie ein solches Exemplar gesehen.
Neugierig wie ich war öffnete ich es. Im Einband stand in geschwungener Schrift der Name meines Großvaters. Langsam blätterte ich weiter und stoppte irgendwo mitten im Buch.

//8.02.1943
Es war ein Tag, wie er schon lange nicht mehr vorgekommen war. Meine Eltern kamen gerade von der Arbeit und ich aus der Schule, als meine Mutter aufgeregt durch die kleine Wohnung rief: „Macht es an! Macht das Radio an. Gleich ist es soweit und er hält seine Rede!“ Vater beauftragte mich das Radio einzuschalten und schon kurze Zeit später ertönte die männliche Stimme des Radiosprechers.
<<Guten Tag meine Damen und Herren. In wenigen Minuten wird Joseph Goebbels, unser Propagandaminister und enger Vertrauter unseres Führers, das Wort an uns richten.>>
Meine Mutter war ganz aufgeregt, sie konnte kaum still sitzen, bis Vater ihr sagte, sie solle doch endlich stillhalten, das wäre doch nicht zum Aushalten.
Fast eineinhalbstunden saßen wir auf der Couch und lauschten der Stimme von Joseph Goebbels, der mal leiser und mal lauter sprach. Eineinhalbstunden voller Euphorie und Beifall. Joseph Goebbels, unser Propagandaminister, sprach‘s: Wir brauchen den totalen und radikalen Krieg. Nur so alleine können wir das Unkraut auslöschen, die Welt bereinigen und sie mit unserer Rasse bevölkern, denn WIR, wir allein sind es, die es würdig sind zu überleben. Dieser Krieg würde es schon zeigen. Wir, wir konnten es schaffen, mit Glaube an den Führer und Einsatz für den totalen Krieg.\ \




„Was zum Teufel denkst du tust du da, Jonas? Man steckt seine Nase nicht in Sachen anderer, erst Recht nicht, wenn sie nicht für die Öffentlichkeit gemacht sind!“
Erschrocken fuhr ich herum. Tatsächlich stand mein Großvater mit rotem Gesicht in der Tür und starrte mich wütend an.

Es war seltsam ihn so zu sehen. Ich kannte ihn nur als sanften, liebevollen Großvater, doch nun? Ich wusste nicht, was ich von ihm denken sollte.
„Ich, ähm, weißt du…“ Ich machte eine Pause, um meine Gedanken zu ordnen, sonst käme sowieso nur Schwachsinn dabei raus, so aufgewühlt war ich. „Opa? Es tut mir leid. Ich hätte wirklich nicht schnüffeln dürfen, aber ich habe eigentlich doch nur ein Buch zum Thema Quantenphysik gesucht und bin dabei auf das hier gestoßen“, sagte ich schließlich und deutete auf das unauffällige Büchlein in meiner Hand. „Es war nie meine Absicht, deine Privatsphäre zu verletzten, wirklich! Doch ich war neugierig und habe angefangen zu lesen.
Zuerst habe ich nicht verstanden worum es ging und wahrscheinlich hätte ich schon aufhören sollen, als ich sah, dass es von Hand geschrieben worden war, und spätestens, als ich dahinter kam, dass es dein Tagebuch ist, doch… Naja weißt du, in der Schule nimmt man den Nationalsozialismus zwar durch, aber ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss.
Ich wusste, dass du den Krieg miterlebt hast, aber irgendwie war mir nie wirklich bewusst, dass  du wirklich ein Teil davon warst. Immer wenn wir davon sprachen, dann habe ich an all diese Leute gedacht, die dabei waren, doch dich - dich habe ich nie damit in Verbindung gebracht. Wie auch, du bist der beste Opa der Welt und so ein wunderbarer Mensch. Ich habe dich nur so kennen gelernt und du warst für mich immer ein Held, unfehlbar. Natürlich ist das Schwachsinn, schließlich bist du doch auch nur ein Mensch, aber irgendwie… Du hast nie über den Krieg erzählt! Früher hast du uns ständig aus deinem Leben berichtet, nie jedoch hast du ein Wort über den Krieg verlauten lassen. Damals ist mir das nie aufgefallen, aber jetzt, wenn ich darauf achte, wird dies sehr offensichtlich. Du bist immer abgeschweift, sobald es um den Krieg ging.“

Ich sah wie die Wut aus seinen Zügen wich und sich eine Art Erleichterung auf seinem Gesicht  erkennbar machte. Langsam atmete er tief durch, bevor er zu einer Antwort ansetzte.
„Du hast also gelesen, was ich damals gedacht habe?“, fragte er sanft.

Als Bestätigung nickte ich nur, denn eigentlich wusste er ja schon, dass ich es getan hatte.
„Nun, damals waren es schwere Zeiten und ich bin nicht stolz auf mein Handeln. Was damals geschehen ist, ist grauenvoll und es war unsere eigene Naivität und die generellen jugendliche Neigung, vorschnelle Entscheidungen zu treffen, bevor wir uns über die Konsequenzen im Klaren waren, die dazu führten, dass sich alles so ereignet hat. Wir hätten doch nie gedacht, eine solch wichtige Entscheidung zu treffen. Im Nachhinein kann ich nur den Kopf über mich und meine Freunde und alle anderen, die genauso dachten wie wir, schütteln “
„Ich verurteile dich nicht. Das könnte ich gar nicht. Du bist und bleibst mein Großvater, egal was war. Ich weiß nicht wie die Situation damals war. Es wäre töricht es zu behaupten“ Er nickte, als Zeichen, dass er es verstanden hatte. Dann tat er zwei Schritte in den Raum hinein und umarmte mich fest.

„Wirst du mir mal erzählen, wie es damals war? Ich möchte deine Gedanken verstehen. Außerdem darf so eine Zeit nicht in Vergessenheit geraten. Es ist bestimmt nicht leicht darüber zu sprechen und definitive unangenehm, vielleicht auch peinlich, aber  wir sollten doch aus Fehlern lernen, damit wir nicht dieselben machen.“
Ein Moment herrschte Stille, dann er räusperte sich. „Ich, ich könnte es versuchen“ „Gut!“
Wir begaben uns ins Wohnzimmer und machten es uns gemütlich. Er saß tief versunken in seinem großen Sessel, den er früher schon immer belegt hatte, und ich bequemte mich mit einem Kissen auf den Boden vor ihm, genauso wie ich es getan hatte, als ich noch ein kleines Kind war und gespannt den Geschichten meines Großvaters lauschte. Ich hatte erwartet, dass es schwer werden würde, dass wir lange schweigen würden, ehe er beginnen würde, doch es war anders. Er schaute einen Moment aus dem Fenster, ehe er anfing zu erzählen.

Zwischen drin machten wir uns noch einen Tee und erst Stunden später hörte er auf und wir entschieden uns zu Bett zugehen.
Im Badezimmer sah ich in den Spiegel und betrachtete mich darin. Ich war jetzt in dem Alter, in dem mein Großvater damals war, als es darum ging im Krieg zu kämpfen. Wie hätte ich mich verhalten? Heute zu sagen, ich hätte bei so etwas nie mitgemacht wäre einfach, entspräche aber nicht der Wahrheit. Niemand kann das wissen und jeder der etwas anderes behauptet ist ein Idiot. Damals war alles anders und doch ist DAMALS noch gar nicht so lange her. Vor nur knappen 80 Jahren hatte es begonnen und geendet, und damit meine ich auch die Zeit der Mauer, hatte es erst vor 24 Jahren. Trotzdem wussten so viele darüber überhaupt nicht Bescheid. Und plötzlich war ich froh, dass mein Opa mir davon erzählt hatte. Anfangs hatte ich Angst, dass ich ihn nie wieder so sehen konnte, wie vor der Entdeckung, aber eigentlich konnte ich ihn sogar verstehen, irgendwie zumindest. Er war nicht mehr der Junge von damals, der so naiv durchs Leben ging. Er hatte Erfahrungen gemacht und daraus gelernt. Es waren wahrscheinlich harte Lektionen gewesen, viel härtere, als ich sie je erleben werde. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum er heute so ein toller Mensch war.

Er würde auf jeden Fall mein Opa bleiben, der Verständnis zeigte, wenn es sonst niemand tat, und deswegen wollte ich ihm zeigen, dass ich ihn verstand und akzeptierte, egal was er auch getan hatte.
Mein Opa war kein Held, er war weder unfehlbar, noch unbesiegbar, doch er war mein Vorbild. Irgendwann wollte ich meinem Kindern und Enkelkindern ein ebenso gutes Vorbild sein. Nicht, weil ich keine Fehler gemacht hätte, sondern, weil ich wie er daraus gelernt hatte.

Fin

Historischer Hintergrund:
Was den Tagebucheintrag angeht, handelt dieser von der Sportpalastrede des 18. Februars 1943. Joseph Goebbels, damaliger Propagandaminister, hat am besagten Tag vor geladenen Gästen die Rede über den „totalen Krieg“ gehalten. Diese wurde über das Radio dann in die Haushalte übertragen und auch die eigentlichen Feinde konnten die Rede verfolgen. Geprägt war die Rede von den 10 rhetorischen Fragen, die am Schluss gestellt wurden und die durch das Publikum (man bedenke, dass dies alles Anhänger der NSDAP [Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei] waren) mit viel Jubel beantwortet wurden. Diese Rede ist ein rhetorisches Glanzstück, schließlich hat Goebbels es geschafft, eine solch überzeugende Rede zuhalten, um die Deutschen glauben zu lassen, man könne den Krieg gewinnen, obwohl ihm sehr wahrscheinlich schon lange bewusst war, dass Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen konnte.
Mehr zu dem Thema könnt ihr hier finden: http://de.wikipedia.org/wiki/Sportpalastrede

Nachwort:
Schwieriges Thema und ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob ich richtig damit umgegangen bin, aber ich weiß nicht. Ich habe diese drei Stichpunkte gesehen und mir ist das hier sofort im Kopf rumgespuckt. Natürlich liegt es auch daran, dass wir dieses Thema gerade in Deutsch und in Geschichte durchnehmen. Ich würde wirklich gerne eure Meinung hören und wissen, was ihr darüber denkt.
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