Am Fluss

KurzgeschichteFantasy / P12
23.05.2013
23.05.2013
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Sie hatten sich das falsche Opfer ausgesucht. Er war gut. Besser als ich erwartet hatte. Ich knurrte anerkennend und leckte mir das Blut von den Pfoten, während er das gleiche Tat – auf diese verletzliche, menschliche Art: er kniete am Fluss und wusch sich das Gesicht und die Arme, Waffe und Schild in Reichweite, aber den Rücken arglos dem Waldsaum zugewandt. Meine Nackenhaare sträubten sich, als sich ein Teil in mir daran erinnerte, dass er in etwa an der gleichen Stelle kauerte, an der ich gestorben war.
Malon war es, der mich wegen meines Anteils an der Beute des Tages – eine fein gearbeitete Silberkette, deren Anhänger ein Granatsplitter zierte – hinterrücks erstochen hatte. Er war ein Feigling. Ein gieriger Feigling. Und diesen ehrlichen, schnellen Tod, den er heute von der Hand des Fremden gefunden hatte, hatte er in meinen Augen wahrlich nicht verdient. Aber wer war ich, dass ich noch Einfluss auf das nehmen konnte, was die Menschen taten oder nicht taten?

Den Göttern hatte es gefallen, meinen ruhelosen, nach Rache dürstenden Geist an diesen Körper zu binden. Nicht, dass es mir missfiel, besser als jeder Bosmer oder Khajiit hören, riechen oder rennen zu können – doch es hat mich einige Zeit gekostet, mich mit einem anfangs so überflüssig erscheinenden Körperteil wie einem Schwanz zu arrangieren. Oder daran, auf allen Vieren mit dem Kopf voran einen Abhang hinunter zu stürmen. Womit ich dagegen nie ein Problem gehabt hatte, war es, meine Fänge in die ungewaschenen Kehlen meiner einstigen Kameraden zu schlagen, die um meine Schätze und meine Kleider gefeilscht und sich an meinem noch nicht einmal erkalteten Körper vergangen hatten. Blut war ein ganz besonderer Saft. Auch wenn er den Rachedurst nie ganz zu stillen vermochte.
Ich legte unglücklich schnaufend den Kopf auf die Vorderpfoten und genoss die verirrten Sonnenstrahlen, die durch das schüttere Blätterdach des Unterholzes fielen und mir den Rücken wärmten.

Jetzt waren sie tot. Alle. Endgültig. Sethens Körper trieb mit ausgebreiteten Armen den Fluss hinunter. Bald würden die nahen Stromschnellen nach ihm greifen und ihn so lange blindwütig gegen die Granitfelsen schmettern, bis nichts weiter von ihm blieb, als der schale Bierdunst, der sein ständiger Begleiter gewesen war. Und selbst dieser würde im Duft der Lavendelfelder, den der Wind heute Abend aus dem Tal herauf trägt, vergehen. Adaro hatte es nicht geschafft, dem Fremden auch nur einen einzigen Kratzer zuzufügen. Er lag einige Manneslängen von mir entfernt im Wald zusammen gekrümmt in einer sich ausbreitenden Blutlache, die blicklosen Augen auf die Splitter seines eigenen Schwertes gerichtet. Von Vareks schönem Gesicht war dank des beachtlichen Streitkolbens, den der Fremde effizient und kraftvoll zu schwingen wusste, nur eine Erinnerung geblieben; eine formlose blutige, breiige Masse.
Sie waren tot. Alle fünfzehn. Und ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, was dann passieren würde. Was ich danach tun würde. Ich wusste nur, was ich nicht tun würde: sterben. Ich meine - endgültig sterben. Obwohl ich zu Lebzeiten vielleicht nicht gerade eine Nord gewesen war, die sich durch besonderen Edelmut ausgezeichnet hatte, war ich doch immer ein guter Kämpfer gewesen. Egal, welche oder wessen Klingen ich in den Händen gehalten hatte, sie waren schnell und tödlich gewesen. Und ehrlich. Daher hegte ich keinen Zweifel daran, dass mir die Türen Sovngardes offen stehen würden. Aber was, wenn sie es den anderen auch taten? Aus welchen Gründen auch immer. Verdammt! Ich verspürte nicht die geringste Lust, ihnen so bald wieder in die hässlich grinsenden Gesichter sehen zu müssen!

Der fremde Krieger schien sich entschieden zu haben, noch etwas länger am Fluss zu rasten. Anscheinend konnte er der Versuchung des warmen, seichten Wassers nicht widerstehen. Ich brummte amüsiert. Auch mich hatte der kleine, sonnige Strand oft zu einem Bad eingeladen. Und da ich sowieso nichts besseres vorhatte, konnte ich jetzt ebenso gut hier bleiben und mir in seiner … recht ansprechenden … Gesellschaft Gedanken über meine Zukunft machen. Ich beobachtete aus halb geschlossenen Augen genüsslich, wie er sich mit einem erleichterten Stöhnen der Rüstung entledigte und den Zopf löste, zu dem er sein erstaunlich seidiges Haar gebunden hatte. Es war braun, genau das gleiche Haselnussbraun, das auch mein Haar früher gehabt hatte. Jetzt hatte mein Pelz – ich warf einen Blick auf meine Vorderpfoten – einen silbernen Schimmer. Um genau zu sein: mein Pelz war ein silberner Schimmer. Um noch genauer zu sein: ich war ein silberner Schimmer - das Echo eines einstmals lebendigen Wesens.
Aber selbst in dieser Form des Daseins kam ich nicht umhin zuzugeben, dass der Fremde ein Mann war, mit dem ich zu Lebzeiten vielleicht das Nachtlager geteilt hätte. Er war groß und gut gebaut und das Spiel der Muskeln unter der gebräunten Haut hatte etwas gemein mit der kraftvollen Anmut, mit der sich die Herren der Tundra durch das hohe Gras bewegten. Nicht, dass ich Säbelzahntiger besonders mochte. Ich habe sie als Mensch gemieden und machte auch jetzt noch einen großen Bogen um sie. Wir waren irgendwie … wie Hund und Katze. Die beinahe wortwörtliche und trotzdem hoffnungslos verdrehte Komik dieser Feststellung ließ mich auflachen. Nun ja, sagen wir – aufbellen. Es war ein leises, trockenes Geräusch, das der nahe Wald im Nu verschluckte; das jedoch genügte, um den Fremden alarmiert aufhorchen zu lassen. Er wandte sich um und musterte mit gerunzelter Stirn den Waldrand, während ich mit offenem Maul und anstandslos heraushängender Zunge nur Augen für den prachtvollen Anblick hatte, den er bot. Bei den Neun! Früher hätte mich das üppige Brusthaar schier um den Verstand gebracht. Und diese feine Linie, in der es sich über den Bauch hinab zum Nabel zog und tiefer bis …  Oh! Ich stellte mit einer Mischung aus Enttäuschung und Belustigung fest, dass dieser Gedanke meinen jetzigen Körper völlig kalt ließ. 'Harrah, du dumme Gans!', schalt ich mich im Stillen. 'Was hast du denn erwartet?! Du bist ein Geist.' Noch dazu ein Geist, der auf Rache aus war. Was mich wieder zurück zum Ausgangspunkt meiner Grübeleien brachte: Mein Tod war gesühnt, zumindest in der Form, in der ich es mir mit brennendem Herzen gewünscht hatte. Aber ich fühlte mich noch immer ruhelos, unerfüllt. So, als gäbe es noch etwas, das ich tun müsste. Doch was, zur Hölle?!

Mein Fremder - oh je, habe ich wirklich "mein" gedacht? - hatte sich scheinbar damit abgefunden, die Quelle des eigenartigen Geräusches nicht ausfindig machen zu können. Er zuckte die Achseln und watete tiefer in den erfrischenden Strom. Ich hob witternd die Schnauze. Nein, da war für den Moment wirklich keine Gefahr zu spüren, kein Raubtier – egal ob zwei- oder vierbeinig – in der Nähe. Es gab nur den aus dem beständigen Zirpen der Grillen, dem Gesumm der wilden Bienen und der wärmenden Mittagssonne gewebte Teppich. Friedvoll und einladend.
Ich erhob mich aus der Deckung der Büsche, streckte genüsslich die vom Liegen steif gewordenen Glieder und trabte einer seltsamen Eingebung folgend zum Ufer hinunter. Der große graue Felsen, der wie der Bug eines Schiffes in den Fluss hinein ragte und in dessen Schutz sich die ruhige, mit dem feinen Kies aus den nahen Bergen gefüllte Untiefe gebildet hatte, war mein Ziel. Von hier aus würde ich weiter über meinen Fremden wachen. Oh ja, das würde ich. Er war zwar ein guter Kämpfer, ein besserer als ich erwartet hatte. Aber brauchte dringend jemanden, der ihm den Rücken frei hielt. Die kaum verheilten Spuren der Pranke eines wütenden Bären: vier lange, hässlich gezackte Narben auf seiner rechten Schulter, waren beredtes Zeugnis dafür. Nun, ich würde dafür sorgen, dass es die einzigen Narben blieben. Und vielleicht auch dafür, dass aus meinem recht passablen Krieger einmal ein recht passabler Wolf wird. So wie ich.