Der Planet der Blinden

von Mirfineth
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
19.05.2013
27.09.2020
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9.254
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19.05.2013 765
 
And your darkness speaks
And has eyes to see
You know me by my voice but
You know so much more then
Don’t fight the walls they’re here for all
Is what you said to me once
I looked into your eyes
And I knew you were right
(Wolfsheim, „Blind“ – Song zum Abspann des Films „Erbsen auf halb sechs“)

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil uns’re Augen sie nicht seh’n.
(Matthias Claudius)

WIDMUNG
Für Stephen Kuusisto, den blinden Autor des Buches „Der Planet der Blinden“ –
ich habe es mir erlaubt, den Titel einfach auszuleihen, vielen Dank dafür!  :-)



Mia Jonevsky ist etwas Besonderes.
Wenn man ihr in die Augen schaut, sieht man, dass ihre Augen braun sind. Wunderschön braun. So warm wie das Sommerlicht an den Stränden des Mittelmeeres, so funkelnd wie dunkler Bernstein, so tiefgründig wie zwei uralte, moosbedeckte Brunnen.
Aber ihre Augen sehen nichts. Wenn man ihr in die Augen schaut, denkt man, dass sie durch einen hindurch blickt. Dass sie mit ihren Gedanken gerade ganz weit weg ist. Man fühlt sich von ihr nicht beobachtet. Ihre Augen fixieren nichts. Manchmal schauen ihre Augen in verschiedene Richtungen, und sie merkt das gar nicht. Manchmal schließt sie einfach mitten im Gespräch die Augen und öffnet sie erst nach einigen Minuten wieder. Für sie macht das überhaupt keinen Unterschied. Und auch die Menschen, mit denen sie spricht, nehmen es nicht wahr.
Farbbezeichnungen sind für sie Fremdwörter. Noch nie hat jemand in ihrer Gegenwart von Grün gesprochen, oder von Violett, oder von Orange, oder von Gelb. Noch nicht einmal von Schwarz. Schwarz ist das, was sie immer sieht, aber dafür hat sie kein Wort.
Sie weiß nicht, was Licht ist. Sie hat noch nie Licht gesehen. Für sie ist Licht dasselbe wie die Wärme, die die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut hinterlassen, oder der Geruch von frisch gemähtem Heu, oder das Geräusch von Wasser, das über die Kieselsteine im Gartenteich plätschert.
Sie weiß nicht, dass sie blind ist. Sie ist sich nicht bewusst, dass ihr irgendetwas fehlt. Sie hat nicht das Gefühl, dass ihr irgendetwas fehlt. Sie kennt es nicht anders. Sie ist seit ihrer Geburt blind.
Genauso wie ihre große Schwester und ihre zwei kleinen Brüder. Genauso wie ihre Eltern. Genauso wie ihre Großeltern, ihre Professoren an der Universität und ihre Freundinnen. Alle Menschen, mit denen sie tagtäglich zu tun hat, sind blind, aber sie sind sich dessen nicht bewusst. Sie haben kein Wort für Blindheit. Mia denkt nicht einmal im Traum daran, wie es wohl sein muss, mit den Augen zu sehen. Solche Gedanken fände sie völlig absurd, solche Gedanken kommen ihr niemals.
Und auch mit dem Begriff Mittelmeer kann sie nichts anfangen. Das Mittelmeer ist ein Binnenmeer zwischen Europa, Asien und Afrika, ein Bestandteil des Blauen Planeten, der Erde.
Und sie kommt nicht von der Erde. Sie hat nie in ihrem Leben einen Fuß auf den Planeten Erde gesetzt. Sie weiß nicht, dass es den Planeten Erde gibt. Sie weiß sowieso nicht, dass es außer dem Planeten, auf dem sie lebt, noch andere Planeten gibt.
Sie nennt den Planeten, auf dem sie lebt, Shinon. Warum der Planet so heißt, kann niemand sagen. Angeblich, so erzählt eine uralte Legende, sollen die Buchstaben S – H – I – N – O – N die Anfangsbuchstaben der Namen der ersten Menschen auf diesem Planeten gewesen sein, drei Männer und drei Frauen, die vor vielen tausend Jahren den Planeten betraten und auf ihm eine Zivilisation gründeten. Woher sie kamen, weiß niemand. Vielleicht kamen sie von nirgendwoher, sondern sind hier auf dem Planeten entstanden? Niemand weiß es.
Die Nachkommen dieser sechs Menschen wurden immer zahlreicher. Sie besiedelten den gesamten Planeten.
Jede und jeder Einzelne von ihnen ist seit der Geburt blind.
Und eines Tages, an einem Aprilmorgen vor etwas mehr als dreiundzwanzig Jahren, wurde Mia Jonevsky geboren.
Sie wurde hineingeboren in die vermutlich merkwürdigste aller zivilisierten Gesellschaften, aber das machte ihr nichts aus. Wie gesagt, sie kannte es nicht anders.
Wieso sollte sie etwas vermissen, das es seit Anbeginn ihrer Welt noch niemals gegeben hatte?
Willkommen auf dem Planeten der Blinden.
Mias Leben verlief friedlich, glücklich und wohlbehütet. Nie passierte etwas, wodurch sie völlig aus der Fassung gebracht worden wäre. Nie gelangte in ihr Bewusstsein, dass es so etwas wie einen Weltraum dort draußen gab, und dass dort möglicherweise noch andere Menschen lebten, Menschen, die die Gabe des Augenlichts besaßen. Nie hatte sie darüber großartig nachgedacht.
Bis zu dem Tag, an dem sie Ronald Cerstyn begegnete.
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