Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mehr als Freunde (Bergelfen II)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
18.05.2013
27.05.2013
7
18.439
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
18.05.2013 3.843
 
Am nächsten Morgen waren die Wolken fort. Die aufgehende Sonne zog Nebel aus den Tälern. Bald verschwanden die weißen Schleier, klar und kühl brach der Tag an.
Windfeders Eltern fragten nicht weiter, wo ihre Tochter am vergangenen Abend so lange gewesen war. Sie tauschten nur einen wissenden Blick. Anscheinend war Silbermoos gestern nicht umhin gekommen, ein paar Andeutungen zu machen.
Windfeder fühlte sich an diesem Morgen viel zu beschwingt, um Lust auf irgendwelche Erklärungen zu haben. Als sie zu einer der Höhlen hinabstieg, um aus dem gemeinsamen Vorrat Brennholz für den Tag zu holen, war sie in Gedanken schon wieder bei Felsenspringer. Während sie die Äste bündelte, betrat Holzformer den Vorplatz. Er grüßte mit einem Nicken, doch die finstere Miene, die er zur Schau trug, erhellte sich kein bißchen. Wortlos begann er, in der Höhle zu stöbern, anscheinend auf der Suche nach Schnitzholz.
Windfeder blickte ihn verwundert an. “Wieso bist du hier? Ich dachte, du und Felsenspringer seid schon seit früh am Morgen weg.”
Der junge Elf hob überrascht den Blick. “Wie kommst du denn darauf?”
“Eisgänger meinte vorhin, Felsenspringer ist mit jemandem zum Üben verabredet, und weil ich deinen Vater oben sah, dachte ich, du wärst es.”
“So nennt man das jetzt also. Üben?” Holzformers Blick wurde härter. Er schloß die Hände fest um den Scheit, den er gerade aufgehoben hatte, drehte sich um und verließ die Höhle. Verdutzt schaute Windfeder ihm nach. Aber sie war heute morgen viel zu fröhlich, um jemanden mit einer so schlechten Laune herumlaufen zu sehen. Sie ging hinaus und sah Holzformer vor der Höhle sitzen. Er bearbeitete den Scheit mit seinem Messer - allerdings eher wütend als mit der Absicht, daraus irgend etwas Brauchbares entstehen zu lassen.
“Was hast du denn?”, wollte Windfeder wissen, während sie sich zu ihm setzte.
“Nichts”, knurrte Holzformer, rutschte bei einem heftigen Schnitt ab und ließ Scheit und Messer resigniert sinken.
Windfeder glaubte ihm nicht. “Warum bist du so wütend?”
Holzformer verzog das Gesicht, schwieg aber verbissen. Windfeder runzelte die Stirn, als sie an seine eigenartige Andeutung dachte.
“Was wolltest du vorhin eigentlich sagen? Üben - und so?”
“Das ist unwichtig, denk’ nicht mehr dran.”
Windfeder sah ihn aufmerksam an, plötzlich von einer unbestimmten Sorge erfüllt. “Irgend etwas stimmt nicht mit Felsenspringer, hab ich recht? Und du weißt, wo er ist?!”
“Und wenn?”
“Sag’s mir. Bitte! Er probiert doch nicht wieder irgendwas Gefährliches aus?”
Holzformer schüttelte den Kopf und wich ihrem Blick aus. “Nein. Es ist nur ... wegen Wildbach.” Wütend starrte er auf das Holz in seiner Hand. “Ja, ich habe sie gesehen! Beide! Mal wieder dabei, heimlich im Wald zu verschwinden, wie schon die ganzen letzten Tage, seit wir unten waren!”
Windfeder starrte Holzformer an - sprachlos und ungläubig, als sie begriff, was sich hinter diesen Worten verbarg. Felsenspringer - und Wildbach?
Aber das konnte nicht sein! Erst gestern abend hatten sie doch noch ...
“Bist du sicher?”, fragte sie. “Das bildest du dir doch bestimmt nur ein!”
“Ich habe doch Augen im Kopf, auch wenn ich ihnen nicht nachgelaufen bin, um zu sehen, was sie da treiben!”
Windfeder erhob sich mit einem Ruck. “Das glaube ich nicht”, stieß sie hervor und schüttelte den Kopf dabei. Heftig stieß sie sich vom Boden ab und sauste mit flatternden Haaren Richtung Hangwald. Holzformer sah ihr überrascht nach. Er verstand gar nicht, was Windfeder so aufregte. Mit ihr hatte das alles doch überhaupt nichts zu tun.

Felsenspringer konnte sich einige Dinge vorstellen, die er an diesem Morgen lieber getan hätte, als in aller Frühe mit Wildbach Bogenschießen zu üben. Aber versprochen war versprochen, also folgte er ihrem unternehmungslustigen Senden, darauf hoffend, die heutige Trainingseinheit so kurz wie möglich halten zu können.
Doch schon auf dem Weg zum Rand des Hangwaldes, den sie getrennt aufsuchten, damit keiner hinter ihr heimliches Vorhaben kam, waren Felsenspringers Gedanken kaum bei seiner Schülerin. Lange hatte er am vergangenen Abend noch wachgelegen, glücklich und in angenehme Gedanken versunken. Windfeder hatte ihn nicht endgültig zurückgewiesen, wie er befürchtet hatte - im Gegenteil. So nah wie gestern waren sie einander noch nie gewesen. Felsenspringer konnte noch immer nicht so recht glauben, daß sie ihre Zuniegung für ihn entdeckt hatte und seine Gefühle zu erwidern begann. Aber er würde sie nicht drängen. Wie er am See zu ihr gesagt hatte - sie hatten alle Zeit der Welt.
Wildbach entging nicht, daß Felsenspringer heute recht abwesend war. Aber sie sagte nichts dazu, sondern wartete, bis er die mit Leder überzogene Holzscheibe, die als Ziel diente, an einem Baum befestigt hatte. Auch Wildbach wirkte heute fahriger als sonst. Sie zielte unsicher und verkrampfte sich, ohne zu bemerken, daß es ihr dadurch nur noch schwerer fiel. Immer wieder huschte ihr Blick zu Felsenspringer hinüber, der sich endlich zusammennahm, sie aufmerksam beobachtete und zu korrigieren versuchte.
**Bleib’ locker, nicht so verbissen. Und nimm den Ellbogen höher.**
**Das wird heute nichts!** Mit finsterer Miene ließ Wildbach den Bogen sinken. **Ich kann mich einfach nicht konzentrieren!**
**Mit so einer Erklärung wirst du deine Familie später nicht sattbekommen. Versuch’s nochmal!**
Wildbach seufzte, legte den Pfeil wieder auf und zog langsam die Sehne durch. Felsenspringer trat hinter sie, legte eine Hand auf ihren linken Arm, damit sie ihn richtig durchstreckte, und ließ sie den rechten noch etwas höher heben.
Mit einem aufmunternden: **Und los!** trat er zurück, sah den Pfeil davonschwirren und die Mittelmarkierung der Scheibe treffen.
“Ja!” Vor Freude hatte Wildbach vergessen, daß sie beim Trainung nur sendeten, damit man sie nicht hörte. Sofort verstummte sie wieder, strahlte Felsenspringer dafür aber um so begeisterter an, der ihr anerkennend zunickte.
**Und jetzt mal ohne mich!**
**Denkst du etwa, das schaffe ich nicht?** Ein spitzbübisches Lächeln, dann fixierte Wildbach, von ihrem Erfolg beflügelt, die Scheibe, zielte - und traf wieder in die Mitte.
**Ich kann es! Ich kann es wirklich!**
Sie ließ den Bogen fallen, drehte sich zu Felsenspringer um und fiel ihm glücklich um den Hals. **Ohne dich hätte ich das nie geschafft!**
Der junge Jäger lachte und versuchte, sich wieder von ihr zu lösen. **Nun übertreib’ bloß nicht. Du hast mehr Talent, als ich dir zugetraut habe.**
**Aber du hast es mir beigebracht. Und außerdem ... ** Wildbach schaute ihn an, zwei, drei stumme, sehnsüchtige Augenblicke lang - und bevor Felsenspringer wußte, wie ihm geschah, fühlte er ihre Lippen auf seinen.

Windfeders Herz schlug heftig. Sie konnte - wollte nicht glauben, was Holzformer eben zu ihr gesagt hatte. Felsenspringer und Wildbach ... Aber welchen Grund sollte der junge Schnitzer haben, so etwas zu erfinden? Windfeder wußte nicht, was sie davon halten sollte. Nun, sie würde sich selbst davon überzeugen, daß es Unsinn war, und Holzformer danach gehörig die Meinung sagen. Solch einen Unsinn in die Welt zu setzen!
Rasch glitt Windfeder in den Wald hinein, lauschte, spähte zwischen den Stämmen hindurch, stieg wieder höher über die Wipfel. Ein einzelner, kurzer Ruf weckte ihre Aufmerksamkeit, ließ sie in der Luft verharren und langsam ins Blattwerk der Bäume nahe einer kleinen Lichtung sinken. Windfeder landete auf einem Ast, hielt sich fest und wagte sich nicht zu regen, als sie die beiden Gesuchten entdeckte. Einen Moment lang hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie sie heimlich beobachtete. Aber was sie sah, verschlug ihr den Atem. Wildbach hatte die Arme um Felsenspringer geschlungen und küßte ihn mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es nicht das erste Mal.
Fassungslos starrte Windfeder auf die zwei Elfen herab, dann spannte sie sich und glitt wieder durch die Krone des Baumes gen Himmel. Schmerzhaft schlug ihr Herz gegen die Rippen. Sie hatte genug gesehen! Mehr als genug!

**Hey, wofür war das denn?** fragte Felsenspringer überrascht und schob Wildbach ein Stückchen von sich weg.
Wildbachs Gesicht glühte, sie wich seinem irritierten Blick aus, fing sich aber rasch wieder. **Weil ich dich gern habe. Sehr gern sogar. Und du hast mir geholfen ... naja ... darum eben.**
Felsenspringer kam sich ziemlich überrumpelt vor. Plötzlich verstand er, was in Windfeder vorgegangen sein mochte, als er ihr seine Gefühle offenbart hatte. Und daß er Wildbach nun begreiflich machen mußte, daß es für sie keine Chance gab. Schon seit mehr als einem Jahreslauf nicht.
Langsam löste er seine Hände von ihren Schultern und schüttelte den Kopf, als er Wildbachs fragenden Blick sah. Warum fiel es ihm immer so schwer, über solche Dinge zu sprechen?
“Hör zu, ich ... will nicht, daß du dir irgendwelche Hoffnungen machst, aber ...”
“Windfeder, nicht wahr?” unterbrach ihn Wildbach in bitterem Ton.
Auf sein Nicken hin verschränkte sie heftig die Arme vor der Brust, sichtlich bemüht, ihre Enttäuschung zu überspielen. “Hab‘ ich es doch geahnt, obwohl ich es einfach nicht glauben wollte! Die ganze Zeit über war sie dir egal, aber seit dem letzten Herbst hängst du an ihr wie eine Klette! Warum denn sie? Wir beide haben uns doch immer gut verstanden!”
“Das ist etwas anderes. Ich liebe sie.”
“Vor ein paar Tagen hat sie noch gesagt, ihr seid nur Freunde!”
“Das hat sich inzwischen geändert. Aber auch, wenn es anders wäre – nein. Es tut mir leid, aber ich möchte dir nichts vormachen.”
Wildbach schwieg, starrte in das Gras zu ihren Füßen. “Schön. Bin ich also zu spät gekommen.” murmelte sie verdrossen. “Ich glaube, ich habe jetzt keine Lust mehr zum Üben!” Sie drehte sich um und verschwand zwischen den Bäumen.
Einen Moment lang fragte sich Felsenpringer, ob sie nur auf die Idee mit dem Bogenschießen gekommen war, um in seiner Nähe sein zu können. Er fühlte sich nicht besonders wohl in seiner Haut, als er ihr nachsah – aber er konnte Wildbach nun einmal keine andere Antwort geben. Und er verstand nur zu gut, was jetzt in ihr vorging, und daß sie allein sein wollte. Mit einem lautlosen Seufzer hob er den Bogen auf, versteckte die Zielscheibe in einer Baumhöhle und machte sich auf den Rückweg. Der Gedanke an Windfeder besserte seine Stimmung aber mit jedem Schritt.

Erst am Platz vor der Vorratshöhle wurde Windfeder langsamer. Sie sah, daß Holzformer nicht mehr dort war, und sank auf einen Stein nieder. Felsenspringer ... Die Erinnerung an den vergangenen Abend war wieder da -  seine Augen, sein Lächeln, seine Berührung. Wir haben alle Zeit der Welt. Und heute morgen traf er sich heimlich mit Wildbach?! “Wie schon die ganzen letzten Tage, seit wir unten waren!” hörte sie noch einmal Holzformers Worte.
Windfeders Enttäuschung verwandelte sich in hilflose Wut. Nie hätte sie gedacht, daß Felsenspringer so verletzen würde. Erst jetzt wurde ihr wirklich bewußt, wie sehr sie den jungen Jäger ins Herz geschlossen hatte. Sie ertrug den Gedanken nicht, daß Wildbach ihn küßte. Oder - noch schlimmer - er sie!
“Wo bleibst du denn, Windfeder? Mutter wartet auf das Holz!”
Silbermoos verstummte, als sie ihre eben noch so fröhliche Schwester stumm zusammengekauert auf dem Stein sitzen sah. “Was ist denn passiert?”, fragte sie und schloß Windfeder beruhigend in die Arme. Einen Moment lang klammerte sich Windfeder haltsuchend an ihre Schwester, dann erzählte sie stockend, was Holzformer behauptet und was sie selbst gerade erst beobachtet hatte. Silbermoos lauschte ihr mit immer größer werdenden Augen.
“Guten Morgen!” rief jemand gutgelaunt. Felsenspringer kam die Treppe hinauf, den Bogen in der Rechten haltend. Flüchtig grüßte er Silbermoos, lächelte Windfeder an und wollte etwas sagen, aber er kam nicht dazu.
“Laß mich bloß in Ruhe!” fauchte Windfeder, von diesem Lächeln noch einmal genauso verletzt wie von der Beobachtung im Wald. Sie würdigte ihn keines Blickes mehr, stieß sich ab und sauste davon.
“Hey, Windfeder! Warte! Was hab‘ ich denn ...” Verblüfft schaute Felsenspringer ihr nach, dann drehte er sich zu Silbermoos um. “Was ist denn mit ihr los?”
“Das fragst du noch?” fuhr Silbermoos ihn an. “Ich dachte, du hättest dich inzwischen geändert, aber da habe ich mich wohl getäuscht! Große Sonne – und ich habe ihr auch noch zugeredet!”
“Kannst du mir bitte endlich erklären, was ich eigentlich angestellt habe?!” fragte Felsenspringer gereizt.
Silbermoos funkelte ihn an. “Wenn du es nicht mal selber merkst, dann sag ich’s dir! Ich werde nämlich nicht zuschauen, wie du mit ihnen spielst, hörst du? Schließlich ist Windfeder meine Schwester und Wildbach meine Freundin. Es ist schon ein netter Zug von dir, Windfeder zu erzählen, wie wie gern du sie hast, und dich gleichzeitig heimlich mit Wildbach zu treffen! Du brauchst es gar nicht abstreiten, Holzformer hat euch schon öfter gesehen. Und meine Schwester auch, gerade eben, als ihr ... miteinander beschäftigt wart!”
Felsenspringer hörte Silbermoos sprachlos zu und fluchte im Stillen. Wieso mußte Windfeder ausgerechnet in diesem Moment im Wald auftauchen! Er brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, was Silbermoos ihm deswegen vorwarf. Ungläubig und entrüstet schaute er sie an. “Ich weiß ja, daß du manchmal nicht viel von mir hältst, aber daß du so von mir denkst – das nehme ich dir wirklich übel! Und Holzformer sollte erstmal nachdenken, bevor er Gerüchte in die Welt setzt! Ich habe keine Lust, mit dir darüber zu diskutieren, Silbermoos! Aber ich würde Windfeder nie so behandeln, wie du es mir anscheinend zutraust. Eben weil sie mir so wichtig ist. Den Rest kannst du gern von Wildbach erfahren, wenn sie es dir erzählen möchte. Aber ich finde nicht, daß es dich etwas angeht!”
Felsenspringer drehte sich auf dem Absatz um und eilte in die Richtung, in die Windfeder geflogen war. Silbermoos blickte ihm nach, nun ihrerseits sprachlos und plötzlich unsicher geworden. Er hatte ehrlich aufgebracht geklungen – aber daran, daß ihre Schwester die Wahrheit gesagt hatte, zweifelte sie keine Sekunde. Silbermoos beschloß, ihre Freundin zu suchen. Wildbach war wohl die einzige, die diesen Wirrwarr noch aufklären konnte.

Windfeder landete auf der Spitze des Höhlenberges. Sie liebte den Anblick der umliegenden Gipfel von diesem Platz aus, aber heute schaute sie nicht einmal auf. Sie kämpfte gegen die Tränen, die ihr in die Augen stiegen. Die Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu.
**Windfeder, wo bist du?**
Jetzt rief er sie auch noch. War sie vorhin nicht deutlich genug gewesen?
**Bitte, antworte! Ich muß mit dir reden!**
Windfeder schwieg, ignorierte Felsenspringers Senden, obwohl es ihr schwerfiel. Sie suchte nach dem Kristall, den sie am Morgen achtlos unter ihre Bluse geschoben hatte, zog ihn hervor und starrte auf die Feder darin. Hoykar hätte sie nie so verletzt, das wußte sie genau. Sie kannte ihn in und auswendig, so wie er sie kannte seit diesem Moment, in dem ihre Augen sich auf so besondere Weise trafen. Und jetzt, wo sie begann, langsam von der Erinnerung loszulassen und auf dem besten Wege war, sich in Felsenspringer zu verlieben ...
Wieso mußte sie schon wieder etwas verlieren, bevor es richtig beginnen konnte?!

Felsenspringer war zum Murmeltierhang gelaufen, dann hinauf zu Klippe, ohne Windfeder zu finden, die auf sein Senden nicht reagierte. Er war wütend - auf Silbermoos’ ungerechtfertigte Vorwürfe, auf Wildbach, die ihm den Ärger eingebrockt hatte, und ganz besonders auf Holzformer und seine Hirngespinste.
„Na warte, komm du mir unter die Augen“, knurrte Felsenspringer - und dann fiel ihm ein, wo er noch suchen konnte. Zog sich Windfeder nicht manchmal auf den Gipfel des Höhlenberges zurück, wenn sie nachdenken oder allein sein wollte? Eilig verließ er die Klippe und nahm den geheimen Pfad nach oben.
Er hatte sich nicht geirrt. Windfeder saß auf einem moosbedeckten Stein und hatte die Arme um die Knie geschlungen. Sie drehte sich um, als sie seine Schritte vernahm, und erhob sich, verschränkte die Arme vor der Brust. Felsenspringer wußte nicht, wie er beginnen sollte - wie erklärte man so ein verdammtes Mißverständnis?
„Was willst du? Hat Wildbach keine Lust mehr?“ Der Vorwurf in Windfeders Blick traf den jungen Jäger, obwohl er nie beabsichtigt hatte, ihr weh zu tun.
„Du glaubst das doch nicht wirklich, was Holzformer erzählt, oder?“
„Was soll ich denn glauben? Ich hab’ doch selbst gesehen, wie ihr euch geküßt habt!“ Windfeder stockte, die Lippen aufeinandergepreßt. Wütend setzte sie hinzu: „Hast du Wildbach das gleiche erzählt wie mir? Wie wichtig sie dir ist und wie gern du sie hast, ja? Was bedeute ich dir denn überhaupt?!“
„Laß mich das klarstellen - Wildbach hat mich geküßt, und es war nur ein Mal!“
Felsenspringer gelang es nicht ganz, seine Verärgerung zu verbergen. Wieso hatte Windfeder so wenig Vertrauen zu ihm - er hatte sie doch noch nie angelogen!
„Schön für dich!“ sagte Windfeder kühl. „Dann wünsche ich euch alles Gute!“
Irgendwie hatte er es wieder falsch angefangen. Windfeder wandte den Kopf ab und wollte an ihm vorbeigehen, um die Treppe hinabzusteigen. Felsenspringer hielt sie jedoch am Arm fest, zwang sie, stehenzubleiben und seinem eindringlichen Blick zu begegnen.
*Bitte, hör mir doch erstmal zu! Wildbach ist mir egal - bis heute früh, als sie mir plötzlich diesen Kuß gab, hatte ich keine Ahnung, was sie für mich empfindet. Du kennst sie doch - wenn sie etwas will, dann geht sie gleich auf Ganze, ohne groß darüber nachzudenken. Sie dachte, wir beide wären nur Freunde, und sie hätte wohl eine Chance. Aber ich liebe nun einmal dich, daran kann sie nichts ändern. Und ich dachte eigentlich, du wüßtest das auch ...*
Windfeder senkte betroffen den Blick. Sie wußte, daß Felsenspringer die Wahrheit sagte. Sein Senden verbarg nichts vor ihr, nicht einmal den kurzen Moment in seiner Erinnerung, in dem er sich schon irgendwie geschmeichelt fühlte, daß Wildbach an ihm interessiert war. Aber dieser Moment war kaum länger als ein Lidschlag gewesen.
*Als ich euch da unten sah ... ich hatte Angst, daß ich schon wieder jemanden verliere, nachdem ich gerade erst erkannt habe, wie viel er mir bedeutet ...*
Der junge Jäger spürte den Nachhall der Gefühle, die Windfeder bei ihrer Beobachtung empfunden hatte, und schloß sie fest in die Arme. *Oh nein, so schnell wirst du mich nicht los. Das verspreche ich dir.*
Windfeder schmiegte sich an ihn, genoß seine Umarmung, und war zutiefst erleichtert, daß sie sich geirrt hatte. *Jag mir nie wieder so einen Schreck ein*, bat sie, während sie den Kopf hob und ihn ansah. Nie hätte sie gedacht, daß sie so in seinen braunen Augen versinken konnte. Als sie seine Lippen spürte, dachte sie gar nichts mehr, erwiderte einfach seinen Kuß, wußte nun endlich, daß sie beide zusammengehörten. Und daß sich niemand zwischen sie drängen konnte.
Später, als sie wieder hinabstiegen, kamen ihnen auf der Treppe Silbermoos und Wildbach entgegen. Windfeder versteifte sich ein wenig, als sie Wildbach sah. Felsenspringer drückte beruhigend ihre Hand.
„Ich wollte wirklich nicht, daß meinetwegen so ein Streit entsteht“, begann Wildbach sofort, bestrebt, das Durcheinander des Morgens aufzuklären. „Es ist meine Schuld, ich dachte, ihr beide seid nur Freunde, und ich könnte ... Zumindest habe ich es mir eingeredet.“
Sie blickte Windfeder an, die noch nicht so recht überzeugt zu sein schien. **Ich weiß Bescheid. Und ich werde mich nicht weiter einmischen, keine Sorge. Was nicht ist, ist halt nicht.** Wildbach sah nicht unbedingt glücklich dabei aus, zuckte aber mit den Schultern. Es schien, als hätte sie beschlossen, sich diese Angelegenheit nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen.
Windfeder nickte nur, verstand zwar, daß sie es ehrlich meinte, aber sie wußte auch, daß sie Wildbach wohl noch einige Zeit im Auge behalten würde - ein leises Mißtrauen saß trotzdem in ihr.
„Und ich muß mich wohl bei dir entschuldigen, Felsenspringer“, sagte Silbermoos. „Aber nach dem, was Windfeder mir erzählt hat, ...“
„... konnte man es ja nur mißverstehen.“, fiel ihre Schwester ihr ins Wort. Bittend schaute sie Felsenspringer an, der ergeben die Schultern hob. Daß er nachtragend war konnte ihm bisher noch niemand nachsagen. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht.
„Es ist doch mal ein gutes Gefühl, an so einem Chaos völlig unschuldig zu sein“, stellte er fest und erntete einen leichten Knuff von Windfeder.
„Ja, und das ist bei dir so selten, daß man es in Stein meißeln sollte.“ Sie lachte bei ihren Worten, blickte von Felsenspringer zu Wildbach und fragte neugierig: „Wieso schleicht ihr euch eigentlich jeden Morgen weg?“
Nach einigem Zögern antwortete Wildbach: „Eigentlich soll es ja keiner wissen, aber ... er bringt mir Bogenschießen bei.“
„Was tut er?“ erklang hinter ihnen eine völlig verdutzte Frage.
Die vier drehten sich um und sahen sich Holzformer gegenüber, der mit einem Arm voll Schnitzholz hinaufgestiegen kam. Wie angewurzelt blieb er stehen, als er Wildbachs Erklärung vernahm, die gar nicht für ihn bestimmt gewesen war. Sein Blick glitt ungläubig von Felsenspringer zu Windfeder, dann zu Wildbach und wieder zu Felsenspringer zurück.
„Mit dir habe ich noch ein ernstes Wörtchen zu reden!“ Felsenspringer blickte den jungen Schnitzer durchdringend an. „Wenn du das nächste Mal Gerüchte in die Welt setzt, dann überzeug dich bitte vorher, was daran überhaupt dran ist. Der Streit von heute morgen reicht mir für die nächsten acht Monde!“ Er legte einen Arm um Windfeder, die sich an ihn schmiegte und beim Anblick von Holzformers ungläubiger Miene fast losgelacht hätte.
„Wie ... ihr ...?“
Holzformer verstummte. Allmählich begriff er, daß das heimliche Pärchen, das er in Felsenspringer und Wildbach gesehen hatte, gar nicht existierte - wohl aber ein anderes. Bevor er die Sprache widerfand, sendete Wildbach:
*Na schön, nun wißt ihr es alle. Aber erzählt es bitte nicht gleich jedem, der euch über den Weg läuft, ja? Ich will nicht, daß einer von den Jägern davon erfährt, bevor ich gut genug bin.*
Alle nickten, und Felsenspringer, dem eine Idee gekommen war, faßte Holzformer ins Auge. *Tu mir doch einen Gefallen und bau Wildbach einen eigenen Bogen. Dann geht sie vielleicht auch mal alleine üben und weckt mich nicht ständig noch vor dem Aufstehen.*
Wildbachs Augen verwandelten sich in die einer wütenden Wildkatze, obwohl ihr Zorn nur gespielt war. *Ich kann mir auch einen anderen Lehrer suchen, wenn du keine Lust mehr hast!* Auffordernd sah sie zu Holzformer hinüber, der ihrem intensiven Blick auswich und gar nicht mehr wußte, was er antworten sollte.
*Warum nicht?* brachte er schließlich hervor.
*Von dir kann ich bestimmt genauso viel lernen wie von unserem faulen Meisterschützen.* Ein zufriedenes Lächeln begleitete Wildbachs Senden - Windfeder erschien es fast ein wenig berechnend. Wollte sie jetzt mit Holzformer anbändeln, nachdem sie bei Felsenspringer kein Glück gehabt hatte? Obwohl ihr an dem jungen Schnitzer bisher noch nie viel lag?
**Wildbach?**
Windfeders Senden hielt die Elfe, die gerade Silbermoos hinab zum Versammlungsplatz folgen wollte, zurück. Fragend blickte sie sich zu Windfeder um. **Was ist?**
**Ich glaube, Holzformer mag dich ziemlich gern. Spiel nicht mit ihm, bitte. Das tut euch beiden am Ende nur weh.**
**Du hast gut reden!** Wildbachs Antwort klang ärgerlich. **Komm schon, laß es mich wenigstens versuchen. Vielleicht habe ich mich ja die ganze Zeit in ihm geirrt?** Sie hob eine Augenbraue und lächelte ihr nun spitzbübisch-beruhigend zu. Manchmal konnte Windfeder ihre schnellen Stimmungswechsel wirklich nicht nachvollziehen. **Du und Felsenspringer ... das hätte ich ja auch nie für möglich gehalten.**
Darauf wußte Windfeder nichts zu erwidern. Sie blickte die Treppe hinab zu Versammlungsplatz, auf dem gerade ein Beutetier von der Herbstjagd für das Mittagsmahl gebraten wurde, und sah Felsenspringer an. *Komm, laß uns zu den anderen gehen. Ich habe keine Lust mehr auf Anspielungen und Gerüchte. Stellen wir sie einfach vor vollendete Tatsachen.*
Felsenspringer zwinkerte ihr zu, gab ihr einen Kuß und zog sie mit sich.
*Das hatte ich jetzt sowieso vor!*


Ende


************************************************************

PS: Das war die erste und einzige Liebesgeschichte, die ich je geschrieben habe und je schreiben werde ;-) Alles andere liegt mir mehr, das war wirklich manchmal etwas anstrengend!
Dafür geht es in der nächsten Geschichte "Schwarzfeuer" mal wieder ziemlich hoch her. Wenn man nämlich einer Wolfsreiterin über den Weg läuft, dann sollte man manche Dinge tunlichst vermeiden ...
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast