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Mehr als Freunde (Bergelfen II)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
18.05.2013
27.05.2013
7
18.439
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18.05.2013 3.023
 
Windfeder erhob sich von der Steinstufe, auf der sie gekniet hatte, streckte sich und blickte über den Versammlunsplatz. Wie leer der Höhlenberg ohne die anderen war. Dieses Jahr kamen die Träger nicht jeden Tag hinauf. Dank Flitzers Webzeug würden sie alles im Waldlager aufbewahren können und jagen, bis Nachtauge und Eisgänger es für genug befanden. Aber allmählich wurde es Zeit für ihre Heimkehr.
Plötzlich landete etwas schwungvoll auf Windfeders Kopf.
“Flitzer wieder da ist!”, quietschte der Bewahrer und wuschelte sich durch ihr Haar. ”Hellhaar Hochding, schau! Neues Hütchen für Flitzer!” Stolz deutete er auf die glockenförmige blaue Blüte, die er sich bis über die Augen gezogen hatte. ”Ist schön? Ist schön?”
”Sehr schön.” Windfeder lachte, von plötzlicher Freude erfüllt. ”Wo sind die anderen?”
”Da unten. Kommen gleich. Flitzer viel schneller! Wo ist mein kleines Flieghochding?”
Der Bewahrer ließ ihr keine Zeit zur Antwort. Laut rufend schwirrte er durch die Luft. Windfeder rief die Daheimgebliebenen auf den Versammlungsplatz – und wenig später erklang schon der langgezogene Ruf, mit dem Nachtauge die Rückkehr der Jäger ankündigte.
Einer nach dem anderen stiegen die Stammesmitglieder die Treppe hinauf und legten ihre Last ab. Schmetterling flog ihrem Vater Nachtauge in die Arme, der sie lachend an sich zog, und Windfeder hielt in der Reihe der Elfen verstohlen nach Felsenspringer Ausschau.
Der junge Jäger war einer der letzten, die heraufkamen. Obwohl er seine Schulter unter der Tragestange, die er und sein Vater hielten, kaum noch spürte, verzog Felsenspringer keine Miene. Erst als sie sie ablegten gestatte er sich ein Aufatmen. Ohne diese Schlepperei wäre die Herbstjagd ein reines Vergnügen! Er erhob sich, lockerte seine Schultern und hielt inne, als er Windfeder bei ihrer Familie entdeckte. Sie fing seinen Blick auf – aber Felsenspringer sah die Unsicherheit in ihren Augen, und wie sie sich wegdrehte, fast erleichtert darüber, daß ihr Vater sie gerade etwas fragte. Und wenig später stieg die ganze Familie zur Höhle hinauf – Windfeder mittendrin, ohne einen Blick zurück.
Als Windfeder Felsenspringer hinter seinem Vater auftauchen sah, schlug ihr das Herz plötzlich bis zum Hals. Erst jetzt gestand sie sich ein, wie sehr sie ihn in den letzten Tagen vermißt hatte. Am liebsten hätte sie ihre Familie stehengelassen und wäre zu ihm hinübergegangen.
Aber die Aufruhr in ihrem Kopf und ihrem Herzen brachte sie ganz durcheinander. Hoykar, Felsenspringer - es war, als stritten die beiden in ihr und jeder würde versuchen, die Oberhand zu gewinnen. Windfeder hatte das Gefühl, daß sie kein Wort über die Lippen bringen würde, sollte der junge Jäger jetzt auf sie zukommen. Sie war zutiefst erleichtert, als ihre Familie zur Wohnhöhle hinaufgehen wollte, und schloß sich an, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Felsenspringer starrte dem hellblonden Haarschopf nach, bemüht, seine Enttäuschung zu verbergen. ‚Was hast du denn erwartet?‘, dachte er wütend. ‚Daß sie dir um den Hals fällt? Du hättest den Mund halten sollen, dann wäre wenigstens alles noch beim alten.‘
Wildbach tauchte an seiner Seite auf. ”Los, komm mit! Die anderen gehen zum See!” Sie faßte seine Hand, wollte ihn mitziehen, doch Felsenspringer entzog sich ihr.
”Ich habe keine Lust.”
”Ach, sei nicht so, das wird lustig!”
Bei Wildbachs strahlendem Lächeln wurde Felsenspringers Laune noch schlechter. ”Wenn ich nein sage, dann meine ich nein”, knurrte er. Soviel Fröhlichkeit auf einem Haufen war das Letzte, wonach er sich jetzt sehnte.
Verstimmt kehrte er den Elfen auf dem Platz den Rücken und wies auch Zwei Raben und seinen Vater ab, die ihn ebenfalls zum Mitkommen aufforderten. Er kletterte zur Wohnhöhle hinauf und erfrischte sich an einem Wasserlauf, der in der Nähe über den Fels nach unten sprang. Allmählich spürte er sogar seine Schulter wieder – sie würde ihn bestimmt noch einige Tage an die getragene Last erinnern. Kurz überlegte Felsenspringer, ob er einfach zu Speerers Höhle hinuntergehen sollte, aber dann verwarf er den Gedanken, denn dort war gerade die ganze Familie versammelt. Er würde einen passenderen Moment abwarten.
Aber sie hätte ihn ja wenigstens begrüßen können, dachte er, während er sich auf sein Schlaffell fallen ließ – natürlich genau auf die strapazierte Schulter, worauf er leise stöhnte und die Augen verdrehte. Toller Tag! Ob die anderen sich nach der Schlepperei in die Berge hinauf auch so todmüde fühlten? Hoffentlich verfiel Wildbach morgen nicht auf den verrückten Gedanken, noch vor dem Aufstehen Bogenschießen üben zu wollen - wie im Waldlager! Obwohl Felsenspringer zugeben mußte, daß sie gar nicht so untalentiert war - nur wahnsinnig ungeduldig, wenn es nicht gleich so perfekt lief, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Trotz der Gedanken, die ihm im Kopf herumgingen, fielen ihm bald die Augen zu, so daß er den Rest des Tages einfach verschlief.
Am Morgen darauf stiegen Jäger und Sammler noch einmal hinab, um die restlichen Vorräte ins Berglager zu holen. Felsenspringers fragender Blick, der Windfeder gestreift hatte, als er sich den anderen anschloß, verfolgte die junge Elfe den ganzen Tag. Was war nur los mit ihr? Sie wich ihm aus, obwohl sie es doch eigentlich gar nicht wollte!
Felsenspringer interpretierte Windfeders Verhalten auf seine Weise. ‘Das war’s dann wohl’, dachte er niedergeschlagen. ‘Sie empfindet nicht das gleiche für mich - und jetzt weiß sie nicht, wie sie mit mir umgehen soll.’ Dieser Gedanke tat weh. Und trotzdem wollte die Hoffnung, daß es einmal anders sein könnte, nicht verschwinden.
Aber Felsenspringer wäre nicht Felsenspringer, wenn er sich vor den anderen etwas anmerken ließe. An diesem Abend kam er mit an den See, lieferte sich mit Zwei Raben eine Wasserschlacht und tauchte jeden unter, in dessen Nähe er kam. Besonders oft traf es Wildbach, die es heute darauf anzulegen schien.
Windfeder beobachtete seine übermütigen Attacken mit zwiespältigen Gefühlen. Er schien sich heute von ihr genauso fernzuhalten wie sie sich seit gestern von ihm. Vielleicht akzeptierte er aber auch einfach nur, daß sie sich zurückziehen wollte - obwohl sie sich schon die ganze Zeit selbst dafür haßte.
Silbermoos, die neben ihr auf einem Grasfleck gelegen und die letzten warmen Sonnenstrahlen genossen hatte, richtete sich auf.
“Wollen wir ein Stück gehen?”
Windfeder nickte. Eine guter Gelegenheit, den eigenen Gedanken zu entfliehen.
Sie schlenderten am Ufer entlang, fort von den anderen. Windfeder spürte Silbermoos’ fragenden Blick. “Was ist eigentlich los mit dir und Felsenspringer? Seit wir wieder hier sind sprichst du kein Wort mit ihm. Und er nicht mit dir. Habt ihr euch gestritten?”
Windfeder schüttelte den Kopf. Sie wußte ja selbst nicht so recht, was im Moment in ihr vorging. Sie ließ sich auf einem Stein nieder und blickte über den See, der zwischen den Bergen lag wie ein tiefblauer Spiegel.
“Sag’s mir. Was war los?” bat ihre Schwester, setzte sich neben sie und fügte mit einem schelmischen Lächeln hinzu: “Wenn er dich wieder ärgert, dann kriegt er es mit mir zu tun. Aber da steckt was anderes dahinter, hab ich recht?”
“Er ... er hat sich in mich verliebt ... glaube ich”, murmelte Windfeder, ohne sie anzusehen.
Silbermoos schmunzelte. “Ist dir das endlich auch aufgefallen? Felsenspringer hat sich ja redlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, aber so, wie er dich immer anschaut, Schwesterchen ...”
Windfeder runzelte die Stirn. “Ich habe überhaupt nichts davon geahnt, bis er ... bis er es mir gesagt hat. Am Tag, bevor ihr aufgebrochen seid. Seitdem bin ich total durcheinander. Ich weiß nicht mehr ... ich meine, ich hätte nie gedacht, daß er mehr als Freundschaft für mich empfindet!” Hilfesuchend sah sie Silbermoos an, die sie nicht so recht verstand.
“Und deswegen redest du nicht mehr mit ihm? Dabei dachte ich in letzter Zeit, du magst ihn auch?”
“Ja, aber...” Windfeder ärgerte sich, daß sie unter dem prüfenden Blick ihrer Schwester errötete. Haltsuchend griff sie nach dem Kristall, schloß die Finger um seine kühlen Facetten und sagte leise: “Es ist ... ich kann Hoykar nicht vergessen. Es gibt Momente, da habe ich solch eine Sehnsucht nach ihm, daß ich nicht weiß, was ich tun soll. Wir waren eins, auch wenn es nur so kurz war! Wir haben uns erkannt, wir sollten zusammengehören!”
“Aber er ist tot”, sagte Silbermoos sanft, legte ihrer Schwester einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. “Er wird nicht wiederkommen. Verlier’ dich nicht wieder in der Vergangenheit.”
“Ich weiß.” Windfeder schloß die Augen, Erinnerungen wirbelten durch ihren Kopf. Nach einiger Zeit holte Silbermoos’ Stimme sie in die Wirklichkeit zurück: “Und Felsenspringer?”
Windfeder schwieg eine Weile, bevor sie antwortete: “An dem Tag, da war ich mir noch so sicher, daß er nicht mehr als ein Freund für mich ist.”
“Und jetzt?”, hakte Silbermoos nach, als sie nicht weitersprach.
Ein unsicheres Lächeln erschien auf dem Gesicht ihrer Schwester. “Das ist es ja. Ich weiß es nicht mehr! Zuerst habe ich mir gewünscht, er hätte es nie gesagt. Ich wußte nicht, wie ich damit umgehen sollte. Aber in der Zeit, als ihr fort wart, habe ich Felsenspringer mehr vermißt als alle anderen. Und dann kam er wieder - aber ich war mir auf einmal selber nicht mehr sicher, was ich eigentlich fühle.”
Sie hielt inne, als Silbermoos die Augenbrauen hochzog. Plötzlich saß ihr ein Lachen im Hals, sie fuhr sich verlegen durch das Haar. “Große Sonne, du hast ja recht. Ja, ich habe ihn gern. Aber ist das auch schon Liebe ...?”
“Manchmal braucht so etwas Zeit. Es geht nicht immer von einem Moment auf den anderen wie beim Erkennen. Das sagt zumindest Mutter.” Silbermoos lächelte in sich hinein. “Aber du solltest Felsenspringer nicht ganz und gar ignorieren, solange du noch nicht weißt, was du willst. Meinst du nicht auch?”
“Hmm, ja.” Windfeder seufzte und mußte nun doch lachen. “Weißt du noch, wie ich ihn mal genannt habe, als ich so wütend auf ihn war, bei meiner Namensweihe?”
“Springendes Großmaul!” Silbermoos kicherte. “Das vergesse ich nie! Es war einfach zu passend!” Sie erhob sich und blickte zur untergehenden Sonne. “Gehen wir zurück?”
“Geh nur, ich bleibe noch ein bißchen hier.”

Silbermoos schlenderte zu den anderen, die sich gerade auf den Rückweg gemacht hatten. Nach der ersten Wegbiegung hatte sie sie eingeholt, und Felsenspringer blickte ihr entgegen. **Wo ist Windfeder?** wollte er wissen. **Ihr seid doch vorhin zusammen weggegangen.**
**Am See. Sie wollte noch nicht zurückgehen. Aber vielleicht sollte sie doch jemand holen - es wird schließlich langsam dunkel.**
Felsenspringer zog die Augenbrauen zusammen, als er die Aufforderung in ihrem Blick erkannte. Was hatte Windfeder ihr erzählt? Dann nickte er wortlos, drehte sich um und ging den Weg zurück. Diese Gelegenheit, endlich allein mit Windfeder sprechen zu können, würde er nicht ungenutzt verstreichen lassen.  
Ein kühler Wind kam von den Bergen her über den See, in dem sich die rotglühenden Wolken spiegelten. Windfeder saß noch immer an der Stelle, an der ihre Schwester sie verlassen hatte, und schaute über das Wasser. Sie war so in Gedanken versunken, daß sie gar nicht bemerkte, daß Felsenspringer am Ufer erschien, sich suchend umschaute und dann zögernden Schrittes näherkam. Erst als er sie leise ansprach, fuhr sie zusammen.
“Hast du mich erschreckt!”, sagte sie, als sie überrascht aufblickte und ihn erkannte. “Was ist denn?”
“Willst du hierbleiben bis die Sonne wieder aufgeht?”, fragte Felsenspringer. Inzwischen war es schon dämmrig geworden, und von den letzten roten Farben am Himmel kaum noch etwas zu sehen. Auch nicht von der Wolkenwand, die sich über die Berggipfel geschoben hatte.
“Nein, eigentlich nicht.” Windfeder stand auf. Langsam gingen sie am Ufer zurück, schwiegen dabei, warfen einander jedoch verstohlene Blicke zu. Eine gespannte Erwartung schien in der Luft zu liegen, der Windfeder am liebsten entfliehen wollte. Ihr Kopf war wie leergefegt, und Felsenspringer wagte nicht, die Frage zu stellen, die ihm auf der Seele lag.
“Ich hab schon befürchtet, du willst gar nicht mehr mit mir reden”, begann er leise.
Windfeder ahnte, daß es ihm weh getan hatte, als sie ihm ausgewichen war. “Tut mir leid”, murmelte sie, den Blick noch immer auf das Wasser gerichtet. “Ich war so durcheinander ... Und irgendwie bin ich es immer noch.”
Felsenspringer wollte gar nicht hören, was sie jetzt gleich sagen würde. Aber es nützte nichts, sich etwas vorzumachen. Er hatte es schon die ganze Zeit über gewußt. Seine Stimme klang gepreßt, als er ohne aufzusehen fragte: “Nur Freunde, nicht wahr?”
Windfeder blieb stehen und holte tief Atem. Die Wellen, die fast ihre Schuhspitzen berührten, schienen bis in ihr Herz hinein zu schlagen. “Da bin ich mir nicht mehr so sicher”, antwortete sie. Als sie Felsenspringer anblickte, sah sie die Überraschung in seinen Augen, die plötzlich vor Freude aufleuchteten. Zögernd streckte er eine Hand aus, und seine Finger umschlossen ihre. “Wir haben alle Zeit der Welt, oder?”
Windfeder schlug das Herz bis zum Hals, als sie sein Lächeln erwiderte.
“Ja, die haben wir.”
Den Blitz, der zwischen den Bergen zuckte, bemerkten sie nicht, aber der Donner ließ sie zusammenfahren. Einen Augenblick später prasselte der Regen los - ein Herbstregen, kalt und unangenehm.
“Wollen wir uns unterstellen oder gehen wir gleich nochmal baden?” fragte Felsenspringer mit einem Lachen in der Stimme. “Naß werden wir so oder so.”
Windfeder wischte sich kichernd die Regentropfen aus dem Gesicht. Ihre Anspannung war wie weggeblasen. “Auf sowas kannst wirklich nur du kommen. Jeder andere sucht sich ein trockenes Plätzchen, wenn es regnet - nur Felsenspringer springt dann in den See.”
Der junge Elf lachte und zog Windfeder ein Stück den Hang hinauf unter ein überhängendes Felsdach. Der Regen wurde immer stärker, ein richtiger Wolkenbruch. Das Echo des Donners hallte in dem kleinen Tal zwischen den Bergen wider wie in einem Kessel, und die Luft kühlte sich merklich ab.
Windfeder rückte näher an Felsenspringer heran, der ihre Hand nicht losgelassen hatte. Jetzt tat er es und legte einen Arm um sie. Windfeder lehnte sich an ihn, erstaunt und glücklich über dieses Gefühl von Vertrautheit und Nähe, das sie vermißt hatte und nun bei jemandem fand, bei dem sie es bis vor kurzem gar nicht erwartet hätte. Sie genoß es, die Wärme seines Körpers zu spüren, und fühlte sich wohl wie lange nicht mehr.
Felsenspringer kam sich immer noch vor, als würde er träumen - aber es war Wirklichkeit. Dankbar dachte er an Zwei Raben, ohne den er wahrscheinlich noch einen weiteren Jahreslauf geschwiegen hätte. Zärtlich strich er Windfeder durch das Haar, hätte sie am liebsten nie wieder losgelassen.
Lange saßen sie beieinander, unterhielten sich leise und beobachteten das Spiegelbild der Blitze im See, bis der Regen nur noch tröpfelte und schließlich ganz aufhörte. Irgendwann machten sie sich auf den Rückweg und mußten beide lachen, als sie sich gegenseitig daran erinnerten, wie sie sich vor nicht allzu langer Zeit noch in den Haaren gelegen hatten.
“Warum haben wir uns eigentlich früher so oft gestritten?”, fragte Felsenspringer, der sich das im Nachhinein gar nicht mehr so recht erklären konnte.
Windfeder zog amüsiert die Augenbrauen hoch. “Das fragst du mich? Du hast mich doch immer geärgert!”
“Aber du hast dich so schön ärgern lassen”, entgegnete Felsenspringer und duckte sich lachend, als Windfeder ihm in gespieltem Zorn mit der Faust drohte. “War ich wirklich so unausstehlich?”
“Eine richtige Plage!” Windfeder sah bedeutungsvoll zu ihm auf. “Aber du bist mir im letzten Herbst bis in den Blauen Berg gefolgt. Das tut man doch nicht, wenn man jemanden überhaupt nicht mag, oder?”
“So genau habe ich damals gar nicht darüber nachgedacht”, gab Felsenspringer etwas verlegen zu. “Aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dich vielleicht nie wiederzusehen. Oder nicht zu wissen, ob du dort Hilfe brauchst.”
“Oder niemanden mehr zu haben, den du ärgern kannst”, neckte ihn Windfeder. Diesmal war sie es, die seine Hand suchte. Nachdenklich sah sie ihn an. “Und ich habe nicht einmal gemerkt, daß du ...” Sie erinnerte sich, wie oft Felsenspringer versucht hatte, sie aufzumuntern, wenn die Trauer um Hoykar unerträglich für sie wurde. Wie schwer es ihm gefallen sein mußte, zu verbergen, was er für sie fühlte, weil sie seit dem Herbst nur mit der Erinnerung an Hoykar gelebt hatte.
Sie stiegen die Treppen zu Speerers Höhle hinauf, blieben auf dem letzten Absatz stehen und sahen sich an. “Schlaf gut, Federchen”, sagte Felsenspringer leise, bevor er fast widerstrebend ihre Hand losließ und zur Höhle seines Vaters hinaufging. Die Dunkelheit hatte ihn längst verschluckt, aber Windfeder konnte seine Berührung immer noch spüren. Sie lächelte. Federchen - so hatte Felsenspringer sie noch nie genannt.
Ein Geräusch unterbrach ihre Gedanken. Der Vorhang vor der Höhle wurde ein Stück beiseitegeschoben, Silbermoos’ Gesicht schob sich durch den Spalt.
**Da bist du ja!** Sie grinste verschwörerisch. **Sei leise, wenn du reinkommst, die anderen schlafen.**
Windfeder riß ihren Blick von der Finsternis über den Stufen los und betrat auf Zehenspitzen die Höhle. Silbermoos, die ihre Neugier kaum verbergen konnte, rutschte an ihre Seite, als sie sich niederlegte. **Na, was ist? Redet ihr jetzt wieder miteinander?** Ein schelmisches Funkeln lag in ihren Augen.
Windfeder verbiß sich ein Kichern. **Ja, das auch!**
**Ach? Sag bloß, du hast dich schon entschieden?**
Bevor Windfeder zu einer Antwort kam, regte sich etwas neben ihnen, und Ari schaute die Schwestern verschlafen an.
*Wo warst du denn so lange?* wollte sie von Windfeder wissen, um gleich darauf die Augen aufzureißen und zu grinsen. *Ich weiß es! Du bist bestimmt mit Felsenspringer ...*
*Du hältst den Mund und schläfst jetzt!* unterbrach sie Silbermoos mit unterdrücktem Kichern und zog ihr das Fell über den Kopf. Ari protestierte, lachte und wehrte sich, bis Windfeder warnte: *Wollt ihr alle aufwecken?*
Die zwei verstummten, blickten sie aber immer noch neugierig an. Große Sonne, wußten in diesem Lager inzwischen wirklich alle Bescheid, sogar die Kleinen?! Windfeder rettete sich kopfschüttelnd in ein verlegenes Lächeln. *Ja, ich glaube schon. Zufrieden?*
*Für heute ja!* verkündete Ari und verkroch sich wieder. Es war ihr doch schwergefallen, die Augen offenzuhalten.
Silbermoos zwinkerte Windfeder zu. **Ich hätte nicht gedacht, daß du in solchen Dingen schneller bist als ich, kleine Schwester.**
**Was hältst du denn von Holzformer?**, fragte Windfeder, froh, endlich einmal den Spieß umdrehen zu können.
Aber Silbermoos schüttelte den Kopf. **Ich weiß nicht. Nein, ich denke, da warte ich lieber, bis Blitz ein bißchen älter ist.**
**So lange?** stichelte Windfeder. Sie kicherten und beschlossen, doch lieber zu schlafen, bevor sie wirklich noch jemanden weckten.
Windfeder kuschelte sich in ihre Felle und ließ den Abend noch einmal vor ihrem inneren Auge ablaufen. Es war so schön gewesen, Felsenspringer nahe zu sein, ihn zu spüren und zu wissen, daß er für sie da war. Sie hatte jetzt schon wieder Sehnsucht nach ihm, obwohl sie sich doch gerade erst getrennt hatten.
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