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Mehr als Freunde (Bergelfen II)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
18.05.2013
27.05.2013
7
18.439
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18.05.2013 2.286
 
Am nächsten Tag stieg Windfeder zu der Höhle hinab, in der Klinge und seine Gefährtin, die Tochter des letzten Felsformers, lebten. Blaustern hatte das Talent ihres Vaters Sanfthand nicht geerbt - aber Klinge kannte sich mit Gesteinen bestens aus. Windfeder wollte ihn fragen, wo er die richtigen Steine für Jagdmesser und Speerspitzen fand. Schließlich brauchte sie einen für Nachtauges Messer.
Doch dann stockte ihr Schritt, als sie sich daran erinnerte, wie verstimmt Klinge gestern ausgesehen hatte, als Felsenspringer ihre Arbeit lobte. Vielleicht war es ihm nicht recht, wenn sie zu ihm kam? Windfeder blieb auf der Treppe stehen und blickte unschlüssig zur Höhle.
”Wartest du auf jemanden?”, fragte Felsenspringer vom Absatz weiter oben. Er trug Bogen und Köcher über der Schulter und kam rasch zu ihr herunter. ”Zwei Raben und ich jagen noch einmal Gemsen, bevor wir morgen mit Blaustern auf Beeren-Jagd gehen müssen.”
Felsenspringer schnitt eine Grimasse bei dem Gedanken an die ermüdend langen Sammeltage, die ihnen bevorstanden. Dann runzelte er die Stirn. ”Stimmt etwas nicht?” Fragend sah er sie an. Irgend etwas in ihrem Gesichtsausdruck hatte ihn stutzig werden lassen.
”Wie kommst du denn darauf?” Windfeder verscheuchte die irrationalen Gedanken. ”Ich hole nur etwas von Klinge.”
Gemeinsam erreichten sie das nächste Höhlenplateau. Sie sahen Klinge nicht gleich - der hagere Elf mit den schwarzen Haaren lehnte im Schatten in der Höhlenöffnung und starrte auf einen Schlagstein, den er in der Rechten hielt. Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Arm, er warf den Schlagstein auf das Plateau. Er kam hart auf und rollte auf Windfeder zu.
Die junge Elfe bückte sich rasch und hob ihn auf, bevor er die Treppe hinabspringen konnte. Sie war verwirrt von Klinges seltsamem Verhalten. Zögernd ging sie auf ihn zu, um ihm den Schlagstein zurückzugeben. Aber sein kühler Blick ließ sie innehalten.
”Was willst du?”, fragte Klinge unfreundlich.
”Ich ... warum wirfst du ihn weg?”
Seine Antwort klang hart: ”Brauche ich ihn denn noch? Du schaffst das, was ich bisher getan habe, doch viel leichter und schneller! Wozu also noch Schlagsteine?”
Windfeder biß sich auf die Lippen. Ihr Gefühl eben auf der Treppe hatte sie also doch nicht getäuscht. ”Bist du ... deswegen wütend auf mich?”, fragte sie vorsichtig.
Klinge blickte auf ihre Hände, die den Schlagstein festhielten. In seiner Stimme lag eine sachliche Kälte, die sie von ihm bisher nicht kannte. Und doch schien er eher zu sich selbst zu sprechen als zu Windfeder.
”Deine Klingen sind haltbarer als meine. Sie werden sich nie vom Griff lösen. Du wirst sie schärfen können, indem du sie nur berührst. Soll ich mich etwa darüber freuen, daß das, was ich bisher getan habe, jetzt überflüssig ist?!”
Windfeders Finger verkrampften sich um den Stein. Sie wollte sich verteidigen - aber Felsenspringer ließ sie gar nicht zu Wort kommen. Klinges Tonfall gegenüber Windfeder mißfiel ihm außerordentlich. ”Was soll das?”, fragte er scharf. ”Willst du dich mit ihr streiten, nur weil sie auch Messer herstellen kann? Dann dürfte ich ja mit Zwei Raben nicht mal ein Wort wechseln - er ist im Speerwerfen viel besser als ich!”
Klinge maß ihn mit einem verärgerten Blick. ”Das ist etwas anderes! Und es geht dich gar nichts an.”
Felsenspringer hob eine Augenbraue und schaute ihn herausfordernd an.
”Ach ja? Das sehe ich aber anders!”
Windfeder warf ihm einen warnenden Blick zu. Es nützte nichts, wenn er jetzt einen Streit provozierte - aber sie war froh darüber, daß er ihr zu Hilfe kam. Mit solch einer Auseinandersetzung hatte sie nicht gerechnet. ”Ich will dir doch deine Arbeit nicht wegnehmen”, sagte sie, an Klinge gewandt. ”Ich habe mit Sanfthands Treppen auf Jahreswechsel hinaus genug zu tun.”
Klinge erwiderte ihr Lächeln nicht, und Windfeder fühlte sich immer noch unwohl unter seinem Blick. Aber sie sagte trotzdem, was sie am Morgen beschlossen hatte: ”Eigentlich wollte ich dich ja fragen, wo ich die richtigen Steine finden kann. Und wie die verschiedenen Klingen und Spitzen geformt sein müssen. Du weißt am besten darüber Bescheid. Ich ... würde es gern von dir lernen.”
Windfeder sah an Klinges überraschter Miene, daß er auf solch eine Bitte nicht gefaßt gewesen war. Er sah die junge Felsformerin an, schien sich zu fragen, ob sie es ernst meinte. Felsenspringer war von Windfeders Worten genauso erstaunt. Aber er schwieg und wartete ab.
Allmählich verschwand der harte Zug von Klinges Gesicht. Schließlich lächelte er verlegen. ”Entschuldige. Daß ich jemandem Vorwürfe mache, weil er etwas kann - so etwas ist mir noch nie passiert.” Er schüttelte den Kopf über sich selbst, betrachtete nachdenklich seine Hände und ließ sie wieder sinken. ”Ich bin kein Jäger, obwohl ich es immer sein wollte. Die paar Mal, die ich mit Speer oder Pfeilen etwas getroffen habe, kann ich an einer Hand abzählen.” Er grinste schief und hob vier Finger in die Höhe. ”Es liegt mir einfach nicht - obwohl mein Vater deinem bei der Jagd in nichts nachstand, Felsenspringer, und ich mir früher alle Mühe gab, es auch zu lernen.”
Windfeder verstand Klinge nur zu gut. ”Es ist nicht gerade einfach, etwas nicht zu können, was allen anderen gelingt”, sagte sie leise und dachte an die Zeit, als ihr lahmes Bein sie noch vom Klettern und dem Zurücklegen längerer Wegstrecken abgehalten hatte.
Klinge nickte, sie sah ihm an, daß er ihren Gedankengang ahnte. Zögernd streckte er die Hand aus, und Windfeder gab ihm den Schlagstein zurück, den er einen Moment lang betrachtete und dann auf einen Felssims legte.
”Seitdem baue ich Jagdgeräte, anstatt sie zu benutzen. Du wirst es bald lernen, Schneiden und Speerspitzen zu formen - schneller und genauer, als ich es mit dem Schlagstein je könnte. Deine Kräfte werden noch wachsen, frag deinen Großvater, er spürt so etwas. Und ich werde mir wohl etwas Neues einfallen lassen müssen, wenn ich nicht wie Seetänzer als Sammler enden will.”
Er verzog das Gesicht bei diesen Worten - nichts schien er sich weniger zu wünschen. Alle männlichen Elfen des Stammes waren Jäger, nur er und Shiya Seetänzer bildeten eine Ausnahme. Seetänzer hatte sich den Sammlerinnen aus eigenem Willen angeschlossen. Er sagte immer, er könne Wild zwar essen, aber nicht töten, und tat es mit einem Achselzucken ab, wenn die anderen ihn deshalb hin und wieder neckten.
Felsenspringer erinnerte sich, daß er Seetänzer und auch Klinge nach seinen ersten erfolgreichen Jagden früher nur allzu gern deswegen aufgezogen hatte. Es waren einige ernste Worte seines Vaters nötig gewesen, um seinen Übermut zu dämpfen. Er fand immer noch, daß Seetänzer reichlich übertrieb. Bei Klinge sah er es inzwischen anders - sollte doch jeder das tun, was er am besten konnte. Seine Verärgerung konnte er trotzdem nicht nachvollziehen.
”Aber du fertigst doch auch noch anderes als Steinklingen”, sagte er, und Windfeder setzte hinzu: ”Deine Lederriemen zum Beispiel - nie habe ich gehört, daß von denen mal einer gerissen ist.”
Klinge schnaubte entrüstet. ”Das sollen sie ja auch nicht! Besonders dann nicht, wenn jemand dranhängt.” Plötzlich stockte er, einem Einfall auf der Spur. ”Lederriemen”, murmelte er. Er verschwand in der Höhle, kam mit einem Knäuel wieder heraus, wickelte eine Länge davon ab und begann, einen eigenartigen Knoten hineinzuschlingen. Windfeder und Felsenspringer sahen erstaunt dabei zu. Mit einem Ruck zog Klinge die Schlinge zusammen und nickte zufrieden. ”Da könnt ihr zerren, so viel ihr wollt, frei kommt ihr nicht mehr. Na, wenn das keine Idee ist!”
”Willst du Tiere damit fangen?”, riet Windfeder. ”Da werden die anderen aber Augen machen! Das gab es bisher noch nicht.”
Felsenspringer kam Klinges Einfall ziemlich eigenartig vor. ”Wie willst du das anstellen - willst du mit Lederschlingen nach ihnen werfen?”
”Nein, ich warte, bis sie von selbst hineintreten und die Schlinge sich zuzieht.” Der Steinschläger sah aus, als hätte er seine neue Jagdmethode am liebsten gleich an Leichtfuß’ zutraulichen Bergziegen ausprobiert.
”Ich glaube nicht, daß mir diese Art zu jagen gefällt”, sagte Felsenspringer kopfschüttelnd. Er fand es viel spannender, seiner Beute mit Pfeil und Bogen zu folgen. ”Klinge, der Schlingenjäger...” Bei dieser Vorstellung mußte er grinsen.
”Du brauchst es ja nicht zu versuchen”, antwortete Klinge ungerührt. Dann sah er Windfeder an. Sein Ärger war verflogen. ”Natürlich bringe ich dir bei, was immer du wissen willst. Du bist bestimmt eine lohnendere Schülerin als dein in den Himmel starrender Freund hier.”
**Wenn du noch mehr erzählst, dann streite ich mich wirklich mit dir!** drohte Felsenspringer, wobei er dem Älteren einen finsteren Blick zuwarf. Ganz so schnell würde er nicht vergessen, wie dieser Windfeder vorhin angefahren hatte. Aber Windfeder erwiderte Klinges verschmitztes Lächeln, froh darüber, daß er nicht mehr wütend auf sie war.
**Felsen, wo bleibst du denn?**, erklang Zwei Rabens Senden in Felsenspringers Kopf. Offenbar suchte er seinen Jagdgefährten, der am vereinbarten Treffpunkt auf dem Versammlungsplatz nicht aufgetaucht war.
**Ich komme gleich!** antwortete er, sah Windfeder und Klinge an und hob bedauernd die Schultern. “Ich muß los, sonst wird da unten jemand ungemütlich.”
Windfeder folgte ihm zum Anfang der Treppe. “Viel Glück”, sagte sie, schaute zurück und runzelte ein wenig die Stirn. “Ich mag es überhaupt nicht, mich mit jemandem streiten zu müssen, nur weil ich irgendwas besser kann als er. Danke, daß du für mich eingetreten bist.”
“Dafür brauchst du dich nicht bedanken. Ich mag es nämlich nicht, wenn irgend jemand so mit dir redet wie vorhin Klinge.”
‘Weil ich nicht möchte, daß dich jemand verletzt’, fügten seine Augen hinzu. Aber da war noch etwas anderes in seinem Blick, etwas, das Windfeder vorher noch nie bemerkt oder einfach immer übersehen hatte. Bevor sie das rechte Wort dafür fand, sagte er: “Dann bis heute abend!”, drehte sich um und ging seinem Freund entgegen. Seltsam berührt sah Windfeder ihm nach und mußte lächeln, als sie darüber nachdachte, wie sehr er sich doch verändert hatte - und wie sehr sie ihn inzwischen mochte.

Kaum daß die Sonne am folgenden Morgen über den Horizont schaute, waren die Bergelfen schon auf den Beinen. Für die nächsten Tage würde Blaustern die unumstrittene Anführerin des Sammlerheeres sein, das über Hochflächen und sonnige Hänge ausschwärmte, um die kleinen, blauen Beeren zu ernten, aus denen Blaustern ihr köstliches Getränk herstellte. Die Jäger, die sich damit sonst kaum abgaben, halfen ebenfalls mit. Auch Blitz und Schmetterling, bei denen allerdings mehr Beeren im Mund als in ihren kleinen Körben landeten.
Auf Dauer war es eine langweilige, ziemlich mühselige Arbeit, die Früchte von den Stengeln zu zupfen. Das fand jedenfalls Felsenspringer, aber was tat man nicht alles für Blaubeerwein! Als Morgenlied ein Lied anstimmte, in das einige andere einfielen, wurde es erträglicher. Felsenspringer sang nicht mit. So schief, wie das klingen würde, hätte ihn wohl nur noch der Bewahrer übertroffen, der überall umherschwirrte. Er begnügte sich damit, den anderen zuzuhören und über das Gespräch mit Zwei Raben nachzudenken. Seine Worte gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf - und ein Satz gefiel ihm am allerwenigsten:
Holzformer - ein Auge auf Windfeder werfen?!
Schon der Gedanke an diese Möglichkeit ließ Felsenspringer unruhig werden. Seit gestern behielt er den sanften, jungen Elf mit den blonden Haaren mißtrauisch im Blick, aber von ihm schien keine Gefahr auszugehen. Er war freundlich zu Windfeder - wie immer - doch nicht mehr.
Aber wußte man denn, welche Gefühle ein anderer in sich verbarg? Windfeder schien ja auch nicht zu ahnen, was Felsenspringer für sie empfand. Woher auch - versteckte er es bisher schließlich immer hinter seinen Scherzen.
Felsenspringer blickte zu Windfeder, die mit ihrer Schwester zusammen ein paar Schritte entfernt pflückte, und spürte wieder ein Kribbeln im Magen - wie immer, wenn er sie sah.
”Oh, Blitz, kannst du denn nicht achtgeben?!”
Auf Leichtfuß‘ Schelten hoben die beiden Schwestern und auch Felsenspringer die Köpfe. Dem kleinen Sohn von Leichtfuß und Kristallfinder war das Pflücken zu langweilig geworden. Statt dessen spielte er schon eine ganze Weile mit Schmetterling zwischen den Sammlern Fangen. Dabei war Blitz über einen Stein gestolpert und hatte den Korb seiner Mutter umgestoßen, der schon bis zum Rand gefüllt war.
Blitz duckte sich mit schuldbewußter Miene unter dem strafenden Blick seiner Mutter. Aber ehe Leichtfuß noch etwas sagen konnte, war Windfeder neben dem Jungen in die Hocke gegangen und deutete auf die verstreuten Beeren.
”Wetten, daß sie ganz allein wieder in den Korb springen?”
Blitz schüttelte energisch den Kopf und sagte laut: ”Nein, ich wette lieber nicht. Sonst krieg’ ich nachher auch nichts von dem Wein ab.”
”Du kriegst davon sowieso noch nichts”, stellte Leichtfuß richtig, während die Umstehenden leise lachten und Felsenspringer die Augen verdrehte. Der Kleine merkte sich aus den Unterhaltungen der Erwachsenen mehr als man ihm zutraute.
Windfeder stellte den Korb wieder auf und blickte auf die verschütteten Beeren. Blitz vergaß vor Staunen, was er als nächstes sagen wollte, als die Früchte wie auf Befehl in den Korb zurückschwebten.
”Ooh, bringst du mir das auch bei?”
”Das kann ich nicht, leider. So, nun sei ein bißchen vorsichtiger, ja?”
Blitz seufzte enttäuscht, nickte und fing wieder an zu Pflücken. Doch als er später seinen kleinen Korb, der nun endlich gefüllt war, neben seiner Mutter hertrug, bettelte er darum, auch einmal etwas von dem Blaubeerwein abbekommen zu dürfen - er sei ja schon groß.
Felsenspringer grinste, als er das hörte. ”Hm, mit sechs Sommern ist man wirklich alt genug dafür.”
Silbermoos sah bedeutungsvoll zu ihm herüber. ”Du warst auch nicht besser. Hast du nicht mal Blaustern einen Trinkschlauch geklaut? Oh ja, ich erinnere mich! Mir hast du damals gerade einen Becher voll abgegeben und den Rest ganz alleine...”
”Hey, da war ich aber schon etwas älter!”, fiel Felsenspringer ihr protestierend ins Wort. ”Große Sonne, was war mir hinterher schlecht!” Mißtrauisch sah er sich um, aber zum Glück waren weder sein Vater noch Blaustern nahe genug, um ihre Worte zu hören.
Silbermoos grinste schadenfroh, doch Windfeder lächelte nicht einmal. Sie schaute immer noch zu Leichtfuß hinüber, die ihrem kleinen Sohn liebevoll über das dunkle Haar strich. Früher hatte sie nie darüber nachgedacht, ob sie einmal Kinder haben würde. Warum tat es jetzt jedesmal weh, wenn etwas sie daran erinnerte, daß sie niemals Mutter werden konnte?
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