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Mirrormania

GeschichteAllgemein / P12
14.05.2013
14.05.2013
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1.706
 
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14.05.2013 1.706
 
Die Dunkelheit war vollkommen.
Meine Sinne lieferten mir jede Information, die nötig war, damit ich mich auch in völliger Schwärze ohne Probleme zurecht fand.

Insekten raschelten und krispelten, Würmer fraßen sich durch das Erdreich, irgendwo in der Nähe klimperte die Rüstung eines Bücherjägers.
In Momenten wie diesen wünschte ich mir oft, dass Smeik meinen Geruchssinn nicht so stark verbessert hätte, denn der Bücherjäger stank empörend.
Eine Mischung aus Achselschweiß, feuchtem Fell und bestialischem Mundgeruch schlug mir entgegen. Ich schnaubte angewidert, während ich in den engen Gang trat.
Das Klimpern der Rüstung verstummte abrupt, als der Bücherjäger stehen blieb.
"Na warte.", dachte ich verbittert. Ich lauschte.
Meine Ohren sagten mir, wo der Atem des Jägers herkam, meine bedauernswerte Nase, wo seine Achseln waren, der Geruch nach Metall, wo seine Rüstung hinreichte, und aus welchem Material sie bestand. Ich konnte bestimmen, wo er nur ein Kettenhemd aus Eisenringen trug, und wo er gepanzert war. Wo Leder war, und wo Fell.
Ich konnte meinen Gegner sogar anhand dieser Informationen identifizieren.
Es war Basodo Domoso, ein Blutschink.
"Bäh!", dachte ich. "So zu stinken gehört verboten!"

Basodo Domoso war bekannt dafür, seinen Gegnern die Beine zu brechen und sie in einem Fischernetz gefesselt in den Gängen der Katakomben liegen zu lassen, damit die wilden Tiere sie fraßen.

Ich versuchte, möglichst wenig zu atmen, während ich mich näher schob. Nicht, um zu verhindern, dass er mich bemerkte, das Rascheln meiner Papierhaut hatte mich längst verraten, sondern um Domoso möglichst wenig riechen zu müssen.
Ich hörte seinen panikerfüllten Atem, hörte seine Rüstung klirren, weil er zitterte.
"Komm mir nicht zu nah!", brüllte er plötzlich. Seine Stimme war voller Furcht.
Bei der neuen Welle von Mundgeruch hob sich mein Magen und ich hätte mich beinahe übergeben.
"Jetzt reichts!", dachte ich. Ich packte Domoso mit einer Hand an der Kehle. Er quiekte vor Schreck und wehrte sich nicht einmal. Mit meiner freien Hand riss ich ihm das Fischernetz aus den Fingern und warf es ihm über den Kopf. Jetzt begann er zu zappeln und kämpfte gegen meine Kraft an.
"Du stinkst!", zischte ich ihm zu, bevor ich ihm die Beine wegtrat.
Er begann wie von Sinnen zu schreien, kickte und schlug um sich, ohne mich auch nur annähernd zu treffen.
"Weißt du, wer ich bin?!", fragte ich, während ich ihn auf den Boden drückte.
"DER SCHATTENKÖNIG!", schrie er, Todesangst in jeder Silbe.
"Ganz recht.", hauchte ich ihm ins Ohr. "Genau."
Dann trat ich ihm mit voller Wucht auf das eine Knie.
Der Knochen brach laut krachend und Domoso kreischte noch gellender.
"Schöne Grüße an meinen Vater." Mit diesen Worten brach ich ihm auch noch das andere Bein. Seine Schmerzensschreie folgten mir, als ich ohne Hast meinen Weg fortsetzte.


Als sich der Gang wieder zu einem großen Raum weitete, blieb ich stehen. Mit langsamen Schritten schob ich mich durch die Öffnung, auf Alles gefasst. Doch das Gewölbe lag still im Licht von Quallenlampen da.
An den Wänden ringsum, in mehreren Reihen kreisförmig angeordent, glänzten große Spiegel.
Zögerlich trat ich näher, während mich eine unbestimmte Angst erfasste, wie eine kalte Faust, die mein Herz umschloss. Manche der Spiegel waren zerbrochen.
Als ich langsam in die Mitte des Kreises trat, begann er sich plötzlich zu drehen. Mit zwei großen Sätzen war ich wieder am Eingang, wirbelte herum und spähte ihm Raum umher, die Hände zu Fäusten geballt. Was geschah, war einfach dies:
Die Spiegel hörten auf, sich zu drehen, und die Musik, die gleichzeitig eingesetzt hatte, verstummte.
Ich stand stocksteif und angespannt da und wartete.
Allmählich schlug mein Herz wieder ruhiger, da nichts sonst geschah. Ich hatte mit der Falle eines Bücherjägers gerechnet, doch offenbar war das hier lediglich ein Relikt aus vergangener Zeit. Ich ärgerte mich, wie ein Kaninchen davongelaufen zu sein, doch es hatte immerhin niemand gesehen. Entschlossen trat ich wieder zwischen die Spiegel, denn der Ausgang aus dem Gewölbe lag auf der gegenüberliegenden Seite. Erneut begannen sie sich zu drehen. Ich wollte gerade zwischen zweien von ihnen hindurch schlüpfen, als das Bild eines sehr großen, hässlichen Etwas an mir vorbeiglitt. Ich fuhr zurück und blickte einem der Spiegel, die noch ganz waren, hinterher. Erneut erfasste mich ängstliche Aufregung.

Mit angehaltenem Atem starrte ich in den nächsten der Spiegel, der vorbei kam. Ich erblickte die Gestalt des Homunkoloss. Vor Entsetzen blieb mir von selbst der Atem weg. Ich hatte mich schon ein paar Mal in Pfützen oder dem Schild eines Gegners gespiegelt gesehen, aber noch nie so deutlich, und ich hatte bisher auch noch nie hinsehen wollen.
Diesmal aber tat ich es.
Ich empfand eine seltsame Mischung aus Wohlgefallen und Ekel, als ich meine neue Gestalt eingehend musterte, und auch ich verspürte nun den Schrecken, den mein Anblick verursachte. Aber auch die Kraft und Würde, die von mir ausgingen. Ich konnte nicht sagen, dass ich hässlich wäre, ich empfand nur, als hätte ich mich als etwas Hässliches verkleidet und würde nun in kindlicher Naivität das gelungene Kostüm bestaunen, das genau zeigte, was ich darstellen sollte. Ein Monster.
Ich erinnerte mich, dass ich mir früher immer gewünscht hatte, so einsam wie mein Spiegelbild zu werden und das Leben so perfekt imitieren zu können.

Und plötzlich erkannte ich, was aus mir geworden war. Blind und taub folgte ich den Wünschen von Phistomefel Smeik, meines "Vaters". Ich mordete, um zu vergessen. Quälte, um nicht daran denken zu müssen, wie ich selbst gequält worden war, besoff mich am Blut, dass ich sinnlos vergoss, nur um nicht zu sehen, was ich verloren hatte.
Ich WAR ein Monster geworden.
Smeik hatte mir das passende Kleid geschneidert, doch das Blut an meinen Händen war meine eigene Schuld.
Zum ersten Mal wurde mir auch bewusst, in welcher Situation ich mich befand. Ich war völlig allein. In den Katakomben verhasst, überall gefürchtet, es gab auf 10.000 Meilen Umkreis niemanden, der mir auch nur annähernd positive Gefühle entgegenbrachte.
Meine Familienmitglieder waren allesamt tot.
"Taub und Blind", dachte ich.
Einsam, gefürchtet und gehasst.
Es gab mir einen Stich ins Herz und plötzlich war alles andere stärker als mein Stolz. Ich fühlte, wie meine Brust eng wurde. Meine Nase stach und brannte und meine Unterlippe zitterte unkontrolliert. Ich starrte mein mehrfach verfielfältigtes, vorübergleitendes Ebenbild an. Gleich würde ich losheulen.
Mein Spiegelbild starrte zurück. aus diesen toten, seelenlosen Augenhöhlen.
Einst hatten sich an dieser Stelle Augen befunden.
"So blau wie der Sommerhimmel", hatte meine Mutter immer gesagt.

Erinnerungen drängten sich in meinem Kopf, Erinnerungen, um die ich nicht gebeten hatte, die ich bis jetzt verdrängt und vergraben hatte. "Sommeräuglein" hatten sie mich gerufen, als ich noch ein ganz kleines Kind gewesen war. Und "wenn seine Augen strahlen, bekommen wir gutes Wetter" hatte es geheißen. Alles das war nun vorbei.
Die Papierfetzen auf meinem Antlitz sahen aus wie der Pelz eines seltsamen Tieres. Und was war ich auch anderes als ein Tier, ein tollwütiger Hund, von Smeik angekettet und misshandelt, damit er seine Feinde biss.
Die Schreie all jener, die ich getötet, gequält oder zu Tode gehetzt hatte, hallten mir durch den Kopf. Meere von Blut flossen vor meinem inneren Auge.
Mein Spiegelbild starrte mich noch immer an, stoisch wie ein Raubtier, das den besten Moment zum Angriff abwartet.
Zorn stieg in mir hoch, weißglühend und alles verschlingend. Die ohnmächtige Wut blendete mich, löschte mein Denken aus und ließ mich nur noch handeln.
Meine Faust traf den Spiegel, der nun vor mir war, in Höhe meines Gesichtes, und in einem Scherbenregen zersplitterte das Glas. Der nächste Spiegel kam auf mich zu. Ein Schluchzen schnürte mir die Kehle zu, würgte mich und entrang sich meiner Brust als heiseres Luftschnappen. Der zweite Spiegel barst in einer Explosion aus Scherben, die mir um die Ohren flogen. Der nächste Spiegel, der mir mein Gesicht zeigte verwandelte sich unter meinen zornigen, verzweifelten Hieben in einen Haufen Schutt. Noch hielt mich die Wut aufrecht.
Als ich den letzten der Spiegel gefällt hatte, drehte ich mich schnaufend um mich selbst. Ich konnte nirgendwo mehr meine neue, schauerliche Fratze erkennen.
Um mich her sah es aus wie auf einem Schlachtfeld.
Mein Atem ging schnell und unregelmäßig, meine Brust hob sich unter schweren Atemzügen.
Ich begann am ganzen Leib haltlos zu zittern.
Meine Hände, in denen winzige Splitter steckten, bebten heftig und unkontrolliert. Ich wankte einen Schritt zurück. Scherben knirschten unter meinen Fußsohlen. Dann gaben meine Beine nach und ich fiel auf die Knie. Mein Leib vibrierte regelrecht, so stark zitterte ich. Ich vergaß zu atmen.
Meine Brust wurde erneut eng.
Ich rang nach Luft und biss mir auf die Lippen, um die Tränenflut zu unterdrücken, die in mir aufstieg. Doch obwohl meine Nase kribbelte und feucht wurde und ich unter einem ersten stummen Schluchzen erbebte, kamen keine Tränen. Und plötzlich weinte ich, ohne dass ich es gemerkt hatte. Ich zog die Knie an die Burst und vergrub das Gesicht in meinen Armen. Das tränenlose, heisere Schluchzen hallte in dem weiten Gewölbe wieder und es stellte sich keine Erleichterung ein.
Normalerweise fühlt man sich nach dem Weinen wenigstens für kurze Zeit etwas besser.
Doch mir war es, als zöge mich mein Weinen einen schwarzen, bodenlosen Strudel hinab, aus dem es kein Entrinnen gab; das Schwarz erstickte mich, nahm mir den Atem und alles Gefühl.
Ich kämpfte darum, wach zu werden, die Augen wieder zu öffnen und meinen Weg zu sehen. Doch ich hörte lediglich wieder mein abehacktes, schweres Atmen, das so verloren und einsam klang in der endlosen Düsternis der Katakomben.

Ich verstummte und starrte mit leeren Augen in das dunkle Nichts. Ich konnte keine Tränen mehr weinen. Smeik hatte mr auch das genommen.
Meine Mundwinkel zogen sich nach oben, zu einer Karikatur eines Grinsens, aus der rasch ein Zähnefletschen wurde. Ich erhob mich mit wackeligen Knien und schritt langsam und unsicher über das Feld aus Spiegelscherben auf den Ausgang zu.
Ich spürte, wie ich innerlich verbrannte von den ungeweinten Tränen, doch ich blieb nicht stehen und blickte nicht zurück.
Ich würde nie mehr um des Tötens willen jemanden umbringen. Ich hatte genug Blut vergossen.
Nur eine Person wollte ich noch sterben sehen.
Aber diese Person WÜRDE sterben, durch meine Hand.
Ich würde Smeik töten.
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