Der Rand des Himmels

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
10.05.2013
18.05.2014
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So, am Anfang wird es noch etwas  blutig zu gehen,(deswegen P18) aber wenn die Geschichte erstmal richtig ins Rollen kommt, wird das nachlassen... hoffe ich.
Mal sehen, ob das mit dem Kursiv hinhaut...
Bis dahin: Viel Spaß, hoffe, es gefällt euch
Vikki
P.S. Danke an Kazu Lovaas für den Hinweis mit den Absätzen, hab noch nicht so viel hier hochgeladen, hoffe, jetzt ist es besser
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1.

Die Luft stank nach Rauch und Schwefel. Feuer spien dicken Qualm in den blutenden Himmel. Überall schrien Menschen in Panik, wirre Gestalten irrten durch den dreckigen Nebel, der über Helgen lag.

Loki kniete im Dreck, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Strähnen ihres verschmutzten, blonden Haares hingen ihr ungeordnet ins Gesicht. Sie war erstarrt, jeder Muskel ihres Körpers war paralysiert. Und sie hatte Angst. Niemals zuvor in ihrem Leben hatte sie solche Angst gehabt.

Sie wusste, dass sie rennen musste. Nur, dass ihr Körper nicht auf sie hörte. Ein dunkler Schatten rauschte über sie hinweg, Staub und Asche wirbelten auf, bildeten einen Schleier, der die Schreie der Menschen, das sterbende Knacken der Holzhäuser und das Brüllen des Feuers verzerrte. Es war warm, unglaublich warm. Jeder Atemzug tat weh, kratzte wie ein wildes Tier in den Lungen und trieb Loki die Tränen in die Augen. Ein markerschütterndes Brüllen ertönte. Das mächtige Echo war beinahe auf der Haut zu spüren. Loki hob den Kopf. Heißer Wind trieb ihr die Haare in die Augen. Der beißende Schmerz in ihren Lungen und der Husten, der ihren Körper schüttelte riefen ihr zu, zu laufen.

Langsam kam sie auf die Beine, taumelte, sah sich um. Überall Rauch, Qualm.  Wirre, dunkle Schlieren, Sterne, die durch ihr Blickfeld tanzten. Direkt vor Loki stand der Richtblock, auf dem ihr Kopf gerade eben noch gelegen hatte. Sie konnte die blutigen Reflexionen auf der Klinge der Axt sehen, mit der man ihr eben noch den Kopf hatte abschlagen wollen. Der Arm des Henkers lag neben der Waffe in der Asche, die Finger krallten sich immer noch um den Stiel. Blut machte die Asche klebrig, Angstschreie verklebten die Luft. Und dann tauchte er  wieder aus dem dunklen Nebel auf, der sich um das Dorf gelegt hatte.

Sein gigantischer Schatten herrschte über die Szene, die gewaltigen Flügel rissen den Nebel entzwei, um seinem tödlichen Atem Platz zu machen. Loki wusste nicht, wo er war. Ihre Beine zitterten viel zu sehr, als dass sie hätte laufen können. Sie schob sich langsam durch den Dreck, einen Schritt vor den anderen. Ein Mann rannte an ihr vorbei, rempelte sie an. Loki landete wieder im Staub, konnte sich nicht abfangen. Ihre Hände waren immer noch gefesselt. Das dicke Hanfseil brannte an ihren aufgerissenen Handgelenken. Sie kam wieder auf die Beine, irgendwo schrie eine Frau markerschütternd, dann riss der Schrei ab. Kurz wurde es schwarz über Loki, als der Drachen über sie hinwegsegelte. Asche wirbelte in wilden Kaskaden auf, Loki kniff die Augen zusammen, spürte heiße Stiche an denen Stellen, an denen Funken auf ihre Haut trafen. Blut tropfte von der Leiche im Maul des Drachen auf Loki hinab. Sie spürte die Nässe durch das dünne Leinengewand hindurch. Es fühlte sich kalt an, im Vergleich zu der Hölle, die um Loki brannte und fauchte.

Eine Stimme in Lokis Kopf schrie sie an endlich  zu rennen. Und obwohl sie es nicht für möglich gehalten hätte, sprintete sie los. Ihre Füße ließen die Asche auf dem Boden in dunstigen Wolken aufwirbeln. Ihre Sicht war unklar, verschwommen. Schemenhaft sah sie das Feuer, die verkohlten Häuser und Leichen. Schwerter blitzen im blutigen Schein der Flammen.

Loki stolperte, als hinter ihr ein Brüllen ertönte, dessen Schallwellen sie fast von den Füßen hob. Die Nebeldecke zerriss und als sie einen Blick zurück warf sah sie ihn.
Der Drachen hatte die Klauen tief in den Dachfirst eines der zerstörten Hauer geschlagen, die ledrigen Flügel weit aufgespannt, den mächtigen Kopf vorgereckt. Blut tropfte von seinen gelblichen Zähnen, ein Arm hatte sich in einem der Zahnzwischenräume verhakt und wedelte auf makabere Art hin und her, wenn er den Kopf drehte. Auf dem Rücken prangten hohe Knochenstacheln, seine Hörner ragten wie Blitze in den roten Himmel, der lange Schwanz peitschte knallend durch die Luft, warf fast beiläufig ein paar Menschen von den Beinen und zerschlug die Stützbalken der Häuser.

Der Drachen saß ruhig da, sah auf die Szene hinab, ergötzte sich an dem Leid, das er verursachte.  Und dann öffnete er den Mund.

Loki konnte seine Worte nicht hören, es war, als wären ihre Ohren nicht dafür gemacht. Der Drachen sprach mit einem dumpfen Dröhnen, das Lokis gesamten Körper erzittern ließ, ihre Knie knickten ein, sie riss an den Fesseln, wollte sich die Ohren zu halten. Neben ihr tat einer der kaiserlichen Wachen dasselbe, er riss sich den Helm vom Kopf und drückte seine Hände auf die Ohren, Tränen liefen ihm über das Gesicht. Loki sah ihn, sah das Schwert, das zu seinen Füßen lag. Die Stimme des Drachen wurde noch lauter, ein gewaltiges Rauschen, ein Dröhnen, dass Lokis Knochen zum Zittern brachte.  Knackend brach einer der baumdicken Stützbalken in einem der Häuser neben Loki, die pure Macht der Drachenstimme hatte ihn entzwei gerissen. Holzsplitter folgen in alle Richtungen, wie wütende Wespen.

Loki hatte nur ein Ziel, während ihr Körper immer stärker unter der Stimme des Drachen erzitterte. Ihr Blick verschwamm, ihr Kopf schmerzte. Sie zog das Schwert des kaiserlichen Soldaten mit zitternden Fingern zu sich. Zwischen ihren Schläfen saß ein wildes Tier, das mit messerscharfen Krallen um sich schlug. Loki brauchte mehrere Anläufe, um das Schwert zwischen ihre Knie zu klemmen, dann begann sie hektisch die Fesseln durchzuschneiden. Sie konnte ihre Hände nicht sehen, während das Hämmern  in ihrem Kopf immer stärker wurde und der Wache neben ihr Blut aus den Ohren floss. Dann schrie der Schmerz heiser in ihrer Hand, als sie sich tief an der dreckigen Klinge schnitt. Das Seil war durch. Der Wachposten ging in die Knie, Loki spürte ein unglaubliches Drücken zwischen ihren Schläfen, etwas Nasses lief ihr aus der Nase.

Sie packte das Schwert, ihr Herz hämmerte immer stärker in ihrer Brust. Der Drachen hob majestätisch den Kopf, es klang, als würde er Lachen, beim Anblick der knienden Menschen unter ihm. Eine Frau unweit von Loki verfiel in unkontrollierbare Zuckungen, Blut floss dick aus ihren Ohren und der Nase.

Loki konnte sich kaum bewegen, ihr Körper vibrierte immer stärker, mit letzter Kraft schleuderte sie das Schwert. Sie traf den Drachen nicht, natürlich nicht, ihr Blickfeld verschwamm in roten Schlieren, sie konnte kaum zielen. Stattdessen traf das Schwert klirrend gegen die Hauswand unter dem Drachen und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf.

Und der Drachen hielt inne. Und sah langsam auf das Schwert hinab. Loki war noch nie so glücklich über Stille gewesen. Der Schmerz in ihrem Kopf ebbte ab, ihre Sicht wurde klarer. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Langsam sah der Drachen auf.
Die Zeit fror ein. Aschepartikel flirrten durch Lokis Sichtfeld, kleine, tanzende Glühwürmchen. Irgendwo weinte eine verzweifelte Frau. Der hohe Schrei eines Kindes gellte in den Himmel. Die gelben Augen des Drachen fraßen ihren Verstand, sie konnte nicht weg sehen. Fast schien es, als würde er grinsen. Er öffnete den Mund und sprach, dieses Mal jedoch auf Nord.

„Dreckiges, kleines Gewürm. Ihr seid es nicht mal wert, zerquetscht zu werden. Ich werde euch in Nirn fressen und dann eure Seelen in Sovngarde.“ Er öffnete den Rachen weit und aus seinem Mund schoss das Echo eines Wortes, eine gigantische Druckwelle folgte, die Loki und die anderen Dörfler von den Füßen hob.
Sie krachte hart gegen eine Holzwand, die angesengten Latten barsten splitternd und die junge Nord landete unsanft in der Asche. Die Luft wurde ihr beim Aufprall aus den Lungen gedrückt, kurz drehte sich alles vor ihren Augen. Sie hörte den Drachen brüllen, konnte ihn wegen der Hauswand aber nicht sehen.

Eine raue Stimme kämpfte sich durch den Lärm zu ihr hindurch. „Hey, Stammesschwester! Hoch mit euch! Kommt schon, die Götter werden uns keine zweite Chance gewähren!“

Eine Hand erschien in ihrem Sichtfeld, etwas Warmes legte sich auf ihre Schulter. Loki blinzelte den Nord über ihr verwirrt an. Er war groß, wie die meisten Nord, blond, in seine strähnigen Haare war ein Zopf geflochten, aus dem sich wirre Strähnen gelöst hatten. Er trug im Gegensatz zu Loki eine leichte Rüstung mit einem blauen Überwurf, von einem der Toten hatte er sich eine Axt geklaut, die Klinge war mit Runen verziert. Loki erkannte ihn als einen der Gefangenen, mit denen sie in Helgen angekommen war.  

„Hier entlang.“

Er drehte sich um und lief geduckt los.
Loki hatte beträchtliche Mühe, überhaupt auf die Beine zu kommen, dann aber folgte sie dem Mann torkelnd. Ihr Blick glitt immer wieder über ihre Schulter, zu dem riesigen, nachtschwarzen Drachen. Er wandte den langen Kopf suchend hin und her, dann erhob er sich mit einem lauten Knarren seiner Flügel in die Lüfte. Der Balken des Hauses, in den er sich gekrallt hatte ächzte auf und stürzte dann ganz ein. Eine Aschewolke stieg in den Himmel und der Drachen verschwand im dichten Dunst.
Loki konzentrierte sich wieder auf den Rücken des Nords, der vor ihr durch das Dorf eilte. Sie hielten sich immer dicht an den rauchenden Ruinen der Häuser, die stickige, verrußte Luft kratzte bestialisch in Lokis Hals. Vor ihnen befand sich ein Turm, grob behauene Steine, Rauch kroch aus einem der oberen Fenster wie eine große, schwarze Schlange.

Loki stolperte hinter dem Nord ins Dämmerlicht im Inneren des Turmes. Der Mann hatte sich schwer atmend rechts neben die Türöffnung gegen die harten Steine gedrückt, Loki ließ sich neben ihn sinken, ihr Kopf drehte sich immer noch. Auf der gegenüberliegenden Seite der Tür stand ein weiterer Mann. Unter der Schicht aus Ruß und Dreck erkannte Loki ihren Sitznachbarn auf der Gefangenenkutsche. Er war ebenfalls blond, unter der Ascheschicht auf seinem Körper konnte sie Pelz und Seide erkennen. Seine dunklen Augen blickten kalt und hart, als er dem Nord hinter Loki und dann ihr selbst zu nickte, bevor er wieder nach draußen sah.

„Jarl Ulfric“, keuchte der Nord „was ist das für ein Ding?! Könnten die Legenden wahr sein?“ Der Drachen über Helgen brüllte und die Mauern des Turms erzitterten. Loki zuckte zusammen und drückte sich etwas näher gegen den Fels. Die Schnittwunde an ihrer Hand brannte, Loki schmeckte Blut, das ihr aus der Nase gelaufen war.  Sie ließ den dunklen Himmel über Helgen nicht aus den Augen. Das Blau des Morgens hatte sich in eine Art blutiges Rot gewandelt. Immer wieder zerriss der Schatten des Drachen das trübe Sonnenlicht.

„Legenden brennen keine Dörfer nieder“, knurrte Ulfric, den Blick ebenso wie Loki zum Himmel gerichtet.

Wieder brüllte der Drachen und Loki entdeckte ihr gegenüber eine elfische Frau auf dem Boden. Sie trug die Rüstung der Kaiserlichen, eine Lache aus Blut lief unter ihrem Körper hervor durch die Rillen des Steins. Ulfric stieß sich von der Wand ab und sah die anderen beiden an.

„Wir müssen los. Jetzt! Durch den Turm.“ Er deutete die steinerne Treppe hinauf, die sich an der Wand des Turmes nach oben hievte.

„Da hoch?! Und dann?!“, rief Loki, doch weder der blonde Nord, noch Ulfric beachteten sie.

Also folgte sie den beiden Männern die Treppe nach oben. Sie war ein paar Stufen hinter den Soldaten, als plötzlich die Wand direkt vor Loki explodierte. Steinsplitter und ganze Brocken wirbelten durch die stickige Luft, wie ein wütender Bienenschwarm stürzten sich die Splitter auf alles, was sich bewegte.

Die Männer retteten sich mit einem Sprung nach vorne, Loki kippte nach hinten und schlug hart mit der Wirbelsäule auf eine Stufe auf. Sie wurde von ihrem Schwung die gesamte Treppe wieder nach unten getragen, während über ihr der Kopf des Drachen in dem Loch in der Mauer erschien. Seine Augen glommen gelb in der rötlichen Dunkelheit. Dann riss er sein Maul auf und brüllte etwas. Dem Wort folgte der größte Feuersturm, den Lokis tränende Augen je gesehen hatten. Eine unglaubliche Hitzewelle rollte auf sie zu, sie hatte das Gefühl, dass ihre Haare jeden Moment anfangen könnten zu brennen. Das Biest schloss den Rachen, sah sich noch einmal um, entdeckte Loki aber am Fuß der Treppe nicht und verschwand.

Loki stemmte sich keuchend auf die Ellenbogen hoch und hätte sich beinahe übergeben, als ein unglaublicher Schmerz in ihrem Kopf explodierte. Dichter Qualm machte es fast unmöglich, etwas zu sehen. Loki zog sich auf allen Vieren die Treppe wieder hinauf. Durch das gewaltige Loch in der Wand strahlte der rote Himmel, Feuerschein tanzte auf den Metallpfützen, die von der Rüstung eines Soldaten übrig geblieben waren. Der Wind trieb Asche und Angst in den Turm hinein, das Echo eines verzweifelten Schreis wirbelte in den dreckigen Schlieren, die die Luft zu Loki trug. Sie kam keuchend auf der obersten Stufe an und hustete heftig, Tränen verschleierten ihr Blickfeld.

„Mädchen!“, schallte eine tiefe Stimme durch den Rauch.

Loki stützte sich an den heißen Steinen ab, wieder heulte die Schnittwunde an ihrer Hand auf, doch dieser Schmerz war nichts gegen das dumpfe Hämmern in ihrem Oberkörper.

„Jarl Ulfric?“ Sprechen tat weh, Atmen tat weh, Loki versuchte, nicht panisch in Tränen auszubrechen.

Hinter ein paar mächtigen Steinblöcken, die die Treppe blockierten, glaubte sie, einen blonden Schopf zu sehen.

„Seht ihr das Gasthaus, auf der anderen Seite?“, drang die Stimme wieder durch den Staub und das Brüllen des Drachen hindurch zu ihr.

Loki warf einen vorsichtigen Blick durch das Mauerloch. Ein paar Meter von ihrem Aussichtsplatz entfernt standen die Überreste eines Gasthauses. Im Holzdach prangte ein großes Loch, darunter konnte Loki ein Bett mit Fellen und Dielen sehen. Ruß und Blutspritzer waren über den Boden verteilt.

„Ja!“, rief sie über den Schuttberg und wurde wieder von einem Hustenanfall geschüttelt. Sie musste sich abstützen und wäre vor Schmerz beinahe in die Knie gegangen.

„Springt durch das Dach und lauft immer weiter! Wir folgen euch, sobald wir können! Habt ihr verstanden?“

Loki nickte. „Ja.“

Sie trat an den Abgrund. Heißer Wind strich ihr wie der Atem eines Tieres um die Beine. Die Herberge schien unendlich weit weg zu liegen.

„Das schaffe ich nicht!“, keuchte sie.

Ulfric schien sie trotz des Lärms gehört zu haben, denn wieder schallte seine samtige Stimme zu ihr. „Ihr seid eine Nord, und Nord geben nicht auf! Ihr werdet springen und, bei Talos, ihr werdet leben! Eure Geschichte ist noch nicht zu Ende.“

„Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende“, flüsterte Loki und trat ein paar Schritte zurück. Ihre Beine zitterten, ihr Kopf drehte sich und ihr Rücken war eine einzige Quelle des Schmerzes. Außerdem glaubte sie, dass sie sich beim Sturz die Treppe hinunter ein paar Rippen gebrochen. Ungefähr  28, jedenfalls fühlte es sich beim Atmen so an. Wenn sie nicht weit genug sprang, würde sie gut zehn Meter tief fallen,  und das würde sie nicht überleben. Trotz des brüllenden Schmerzes holte sie tief Luft, nahm Anlauf und sprang.

Kurz segelte sie mit ausgestreckten Armen durch die Luft, schien zu schweben, dann griff die Schwerkraft mit kalten Fingern nach ihr und ihre Füße trafen hart auf den aufstöhnenden Dielenboden. Sie versuchte sich abzurollen, schaffte es nicht und musste kurz mit Tränen in den Augen liegen bleiben, bis der grausame Schmerz in ihrem Oberkörper nachgelassen hatte.

Irgendwie schaffte sie es, aufzustehen, und lehnte sich schwer an einen Stützbalken. Sie befand sich im Obergeschoss des Gasthauses, ein paar Betten standen unter der Dachschräge, ein Teil des Daches war eingestürzt, unter den Trümmern ragte ein Fuß hervor. Das Brüllen des Drachen trieb Loki zur Eile, sie humpelte durch den Raum, am anderen Ende gab es ein Loch im Boden, direkt darunter lag das Erdgeschoss.

„Oh Götter“, keuchte sie mit zusammengebissenen Zähnen „Nicht schon wieder springen.“ Sie setzte sich auf den Rand der Bodendielen, versuchte, sich vorsichtig hinabzulassen. Dann knackte es unter ihr und die Dielen gaben nach und stürzten mit Loki zu Boden. Dieses Mal schaffte sie es, einigermaßen auf den Füßen zu landen, dennoch musste sie bei der heftigen Schmerzwelle auf keuchen. Sie wischte sich wütend ein paar Tränen aus dem Gesicht, vor ihren Augen tanzten schwarze Sterne in wirren Mustern.

Ganz ruhig, du kommst hier raus, du schaffst das. Du bist eine Nord. Nord geben nicht auf. Sie stolperte los, aus dem Haus nach draußen. Der Wind hatte aufgefrischt, zerrte die Rauchsäulen wie Schleier über die Szenerie, wirbelte die Asche in grotesken Figuren über Helgen. Als wären die Daedrafürsten selbst aus Oblivion herabgestiegen und wandelten nun zwischen den Trümmern.
Eine Stimme ertönte über dem Brüllen des Feuers und dem Knacken sterbender Holzbalken. „Haming, du musst hierher kommen, los!“

Loki sah eine kleine Gestalt auf ein paar Männer zulaufen, die kaiserliche Rüstungen trugen. Einer der Männer schob die Gestalt in den Schatten eines Hauses. „Tapferer Junge, das machst du sehr gut!“ In diesem Moment landete der Drachen auf einem der Hausdächer und ließ seinen Feueratem über Helgen fallen.

„Alle Mann zurück!“, brüllte der Mann, der den Jungen zu sich gerufen hatte.
Loki kauerte sich instinktiv auf den Boden, während die Hitze über sie hinwegschoss, Flügel knatterten, als der Drachen wieder abhob. Von den Kaiserlichen standen nur noch zwei Männer.

Als Loki schwer atmend und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Beine kam und sich in Bewegung setzte, entdeckte einer der Soldaten sie. Er war ein braunhaariger Nord, Asche und Ruß zogen wirre Muster über sein Gesicht.  Auch ihn erkannte Loki wieder. Er war ebenfalls bei ihrer Hinrichtung anwesend gewesen. Aber auf der anderen Seite des Richtblocks.

„Immer noch am Leben?“ Er warf einen zögernden Blick in den Himmel und beschloss, dass die Gerechtigkeit für einen Moment ruhen musste. „Bleibt nah bei mir, wenn ihr wollte, dass das so bleibt.“
Loki humpelte auf ihn zu, er bemerkte ihren derangierten Zustand, sagte aber nichts,  sondern wandte  sich an seinen verbliebenen Kameraden.

„Gunnar, kümmert euch um den Jungen!“

„Jawohl!“

„Ich werde General Tullius suchen und mich der Verteidigung anschließen.“

„Die Götter mögen euch leiten, Hadvar“, rief Gunnar ihnen hinter her, als Loki dem Nord  über einen erschreckend ungeschützten Platz folgte.
Über ihnen tobte der blutrote Himmel und irgendwo darin zog der Drachen seine Kreise. Loki wich einer Leiche aus, die mit ausgestreckten Gliedmaßen mitten auf der Straße lag, Hadvar wurde langsamer, als er merkte, dass sie in ihrem Zustand nicht mithalten konnte.

„Bleibt nah bei der Wand!“, rief er. Loki folgte seinem Befehl und hielt sich dicht an der Mauer eines Hauses, als sie durch einen engen Zwischengang liefen. In den Schatten fühlte Loki sich sicherer, als auf dem Platz, dafür wurde der Schmerz in ihrer Brust immer schlimmer, je mehr sie sich bewegte. Sie konzentrierte sich verzweifelt auf Hadvars Rücken vor ihr. Der Soldat hatte den Blick auf den Himmel gerichtet, eine Hand um den Griff eines Schwertes geklammert. Obwohl ihm das gegen den Drachen nicht viel bringen würde.

„Wo ist er?“, murmelte er.
Loki folgte seinem Blick. Der Himmel war voller blutender Wolkentürme, grelle Blitze ließen gigantische Schattenmonster entstehen. Doch das reale Monster war nirgends zu sehen. In diesem Moment landete der Drachen direkt über ihnen auf der Mauer, seine Krallen kreischten auf, als sie sich in den Stein frästen. Hadvar reagierte schnell, wirbelte herum und drückte Loki zu Boden, ihre Rippen heulten auf, doch sie kümmerte sich nicht um den grässlichen Schmerz. Der Drachen hatte sie nicht gesehen, doch töten konnte er sie trotzdem, denn in diesem Moment riss er das Maul auf und spie Feuer.

Hadvar trug nur eine leichte Rüstung, doch das wenige Metall brannte sich sengend heiß in Lokis ungeschützte Haut. Eine unerträgliche Ewigkeit schien zu vergehen, bevor der Schrei des Drachen endlich abbrach. Dann donnerte heißer Wind über sie hinweg, als der Drachen mit den Flügeln schlug und wieder in den Himmel aufstieg.
Hadvar kam schwer atmend auf die Beine und zog Loki mit sich. „Schnell, folgt mir!“, keuchte er und rannte los. Sie folgte ihm taumelnd und stolpernd durch das Gewirr der zerstörten Häuser, der Rauch war wieder dichter geworden, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, jeder Husten schien Loki die Lungen von innen aufzureißen, immer wieder wurde ihr Blickfeld schwarz.

Hadvar hatte sie direkt vor das in Flammen stehende Stadttor geführt, dahinter lag ein unschuldiger Weg raus aus dieser Hölle, hinein in einen lichten Wald. Direkt vor Loki fiel ein brennender Mann von einem Mauervorsprung, sein grelles Kreischen klang Loki noch viel lauter, als die Schreie des Drachen in den Ohren. Hadvar war stehen geblieben, vor ihm stand der Nord, Ulfric konnte Loki allerdings nirgends entdecken.

„Wir ziehen, Hadvar! Und dieses Mal haltet ihr uns nicht auf!“, rief der Nord über das Brüllen der Flammen hinweg.

„Schön“, rief Hadvar wütend „ ich hoffe der Drache bringt euch gleich nach Sovngarde!“ Der Soldat warf Loki einen schwer zu deutenden Blick zu, dann verschwand er in einem der Wachtürme.

„Schön zu sehen, dass ihr es geschafft habt“, der blonde Nord bedeutete Loki, ihm zu folgen. „Kommt, nichts wie raus aus diesem verfluchten Höllenloch.“
Loki beeilte sich, ihm hinter her zu kommen.

„Wo ist Ulfric?“, fragte sie  mit zusammengepressten Zähnen.

„Schon voraus“, er warf ihr einen Blick zu „ Ihr seht nicht gut aus. Meine Schwester Gerdur beitreibt im Nachbardorf eine Sägemühle, sie wird einen  Heiltrank  für euch haben.“
Loki schaffte es zu nicken, während sie ihm durch das brennende Tor folgte. Sie beeilten sich in den nahen Wald und den Schutz der Bäume zu kommen. Hinter ihnen zog der Drachen immer noch seine Kreise über dem brennenden Dorf.
Je weiter sie kamen, desto stiller wurde es. Das Brüllen des Drachen blieb hinter ihnen zurück, das Rascheln der Bäume und das Rauschen eines nahen Flusses übertönten es bald ganz. Loki versuchte nicht zu stolpern, sie wusste nicht, ob sie wieder würde aufstehen können. Der Nord hatte einen Arm um sie gelegt und stützte sie, trotzdem jagte jeder Schritt Blitze aus Schmerz durch ihren Körper.

„Nicht mehr weit, Schwester. Nicht mehr weit. Wie ist euer Name?“

„Loki“, keuchte sie und spuckte Blut auf den steinigen Weg. Das Rauschen des Flusses wurde lauter.

„Ich bin Ralof von Flusswald, Staffelführer der Sturmmäntel im Fürstentum von Weißlauf.“

Loki nickte knapp und konzentrierte sich weiter auf ihre Füße. Nicht einknicken. Weitergehen. Einfach weitergehen. Dann tauchte Flusswald vor ihnen auf. Es war nur ein kleines Dorf im Fürstentum von Weißlauf. Der Weißfluss floss träge an dem Dorf vorbei, seine grauen Fluten trieben ein großes, knarrendes Mühlrad an, das sich gemächlich drehte.

Ralof trug sie fast unter dem hölzernen Torbogen hindurch, die meisten Dörfler standen auf der Hauptstraße, den Blick nach Süden gerichtet, wo dichte Wolkenberge den blutigen Himmel über Helgen verbargen. Ab und zu erscholl das Brüllen des Drachen, wie leiser, ferner Donner. Ralof führte Loki über eine kleine Brücke zu einer Sägemühle. Eine hochgewachsene, blonde Frau in schlichter Kleidung stand in der Nähe des stillen Sägeblattes, vor ihr stand ein zerknirscht dreinblickender Mann mit langen, blonden Haaren und von der Sonne gebräunter Haut.

„Ich weiß Gerdur, aber ich-“

„Nichts aber!“, schnitt die Frau ihm das Wort ab. „Wenn du bis spät in die Nacht den Barden spielen musst, dann ist mir das egal, aber wenn du deine Arbeit unordentlich machst, dann kriegst du es mit mir zu tun, hast du verstanden?“

Er nickte. „Es wird nicht wieder vorkommen, ich verspreche es euch.“

Sie schnaubte und schickte ihn mit einer Handbewegung weg. Dann bemerkte sie Ralof und Loki, die auf ihren Hof gehumpelt kamen.

„Ralof! –Bei den Neun!“ Sie eilte auf die beiden zu und half ihrem Bruder Loki zu stützen.
„Hod!“, rief sie in Richtung der großen Mühle. Ein blonder Mann mit kurzen Haaren und einem ausgeprägten Schnurrbart sah von seiner Arbeit auf. „Komm und hilf uns!“ Der Mann kam mit großen Schritten herbei und nahm Gerdurs Position an Lokis linker Seite ein. Ralofs Schwester eilte voraus in ihr Haus, das ein Stück entfernt von der Mühle lag.

Als Loki zwischen den beiden Männern die Hütte erreichte, hatte sie bereits aus einem kleinen Schrank einen Heiltrank in der typischen roten Flasche geholt.

„Legt sie dorthin“, sie deutete auf ein mit Fellen bespanntes Bett.
Kaum, dass Lokis Kopf die weichen Felle berührte, wurde ihr schwarz vor Augen. Sämtliche Anspannung fiel von ihr ab, mittlerweile war es ihr egal, ob sie nie mehr aufwachte, nur die Schmerzen sollten aufhören.
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