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Tale of an Uzumaki

GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / Gen
OC (Own Character)
09.05.2013
23.02.2021
237
943.259
11
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23.02.2021 4.030
 
*Sasoris Sicht*

Obwohl ich Sasori-senseis wachsende Ungeduld spüren konnte, sagte ich nichts. Ich wusste nicht was. Die Begegnung mit dem Mann namens Ashura hatte mich noch nicht losgelassen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich darüber denken sollte. Aber ich war zurück, auch, wenn ich nichts wusste wie, oder wozu. Vor allem wusste ich nicht, was er von mir erwartete. Sasori-sensei, mein Vater.
Ohne ein Wort zu sagen, hatte er sich neben mir in den Sand gesetzt. Seither hatte ich es nicht gewagt ihm mehr als einen kurzen, verstohlenen Blick zuzuwerfen. Es war ein seltsamer Anblick. Ich glaubte nicht, dass ich Sasori-sensei in all den Jahren auch nur ein einziges Mal hatte sitzen sehen. Doch jetzt saß er direkt neben mir. Er. Mein Vater. Selbst jetzt noch fiel es mir schwer so über ihn zu denken, ihn so zu nennen.
„Willst du nicht endlich damit herausrücken und sagen, was du zu sagen hast?“
Ich antwortete nicht sofort, war mir nicht sicher, was er von mir erwartete. Schließlich war es es, der auf mich zugekommen war. Ich hatte an seinem Tonfall nicht heraushören können, ob er mit seiner Geduld bereits am Ende war. Ich konnte nicht genau sagen, was er hören wollte, also fiel mir nichts ein, was ich sagen könnte. Die Situation war einfach zu eigenartig, überforderte mich. Also sagte ich wieder nichts.
„Nichts? Bist du derart wütend auf mich?“, fragte er vollkommen ruhig.
Diesmal reagierte ich instinktiv, drehte mich überrascht zu ihm um.
„N...nein“, versicherte ich ihm schnell, „Das … das bin ich nicht.“
„Ist das so? Glaubst du wirklich, ich könnte dich nicht durchschauen? Du solltest es besser wissen, als zu versuchen mich anzulügen“, stellte er geradeheraus fest, „Auch, wenn es mich nicht überrascht. In dieser Hinsicht bist du mir nur allzu ähnlich. Ich habe dir das lügen erst beigebracht.“
Ich konnte darauf nichts erwidern. Ich konnte ich ihn nur ratlos, fassungslos anstarren. Nie, niemals hätte Sasori-sensei so etwas gesagt. Es klang falsch diese Worte aus seinem Mund zu hören. Der Mann, der neben mir saß, der jetzt wie ein völlig Fremder wirkte, beobachtete meine Reaktion ohne selbst eine Miene zu verziehen.
„Du bist nicht überzeugt? Soll ich dir ein Beispiel geben? Weißt du noch, was du über meinen Tod gesagt hast? Dass du das Kunstwerk, darin gesehen hast, welches ich erschaffen wollte? Ich habe mir nicht die Mühe gemacht dich zu verbessern. Denn ich wusste, dass diese Lüge einfacher für dich zu akzeptieren war, als die Wahrheit.“
„Aber...“
„Hast du dich nicht selbst von dieser Wahrheit überzeugt? Hast du es nicht getan, um deine Wut auf mich zu verdrängen? Du hast sie unter all den anderen Gefühlen und Gedanken begraben, hast so getan, als wäre sie nicht da. Möglicherweise hast du sie sogar vollkommen verdrängt. Aber warst du wirklich naiv genug zu glauben, dass ich sie nicht bemerken würde?“
„Ich...“
Ich hatte keine Antwort für ihn, wusste nicht einmal, was hier vor sich ging.
„Bist du mit dieser Lüge zufrieden?“, fragte er mich, „Bist du überhaupt an der Wahrheit interessiert?“
Ich hatte zu viele Fragen, um auch nur eine davon auszusprechen, einen zusammenhängenden Satz formen zu können. Ich fühlte mich, als hätte mich jemand gewaltsam aus einem Traum gerissen. Ich konnte nicht sagen, was vor sich ging. Der Mann, der neben mir saß. Mein Vater, mein Lehrmeister. Ich sollte ihn kennen. Aber in diesem Moment wirkte alles so fremd an ihm.
Einzig seine Abneigung gegenüber Zeitverschwendung schien der Person, die Sasori-sensei sein wollte, geblieben zu sein, denn als ich nicht sofort antwortete, entschied er selbst weiterzureden.
„Ich bin an diesem Tag nicht gestorben, um irgendetwas zu erschaffen. Ich habe an nichts und niemanden gedacht, außer an mich selbst. Sie war alt geworden, aber meine Großmutter hatte nichts von ihrer Tücke verloren. Zudem hatte sie Unterstützung. Ich hatte erwartet, dass der Kampf mich angemessen unterhalten würde. Aber das hat er nicht. Ich war mir diesem Gefühl der Gleichgültigkeit vorher nie wirklich bewusst gewesen. Aber an diesem Tag habe ich nur Leere gespürt. Also habe ich die Gelegenheit benutzt, um es zu beenden.“
Unwillkürlich krallten sich meine Finger in den Stoff meiner Hose.
„Und ich? Was war mit mir?“
Die Frage war mir über die Lippen gekommen, ehe ich mir dessen bewusst war.
„So talentiert du auch warst, ich war mir sicher, dass du nicht besser warst als sie“, zögerte er nicht zu antworten, „Eigentlich war es ärgerlich, was für eine Herausforderung die alte Schachtel dargestellt hat. Und ich fühlte nichts. Rein gar nichts.  Eigentlich hatte ich mich drauf gefreut mich eines Tages mit dir zu messen, dich eigenhändig zu töten. Aber wenn mich der Kampf nicht erfüllen würde, wozu das Ganze? Es gab nichts mehr zu tun. Es war bedeutungslos.“
„Bedeutungslos?“, wiederholte ich seine Worte, „Am Ende war also alles bedeutungslos?“
„So kam es mir vor, ja.“
Nichts an seinem Ausdruck ließ irgendeine Form von Bedauern erkennen. Er sprach über seinen Tod, als wäre er tatsächlich bedeutungslos gewesen. Als ob er nichts verändert hätte.
„Deswegen seid ihr gestorben?“, fragte ich ihn erneut, „Deswegen habt ihr mich zurückgelassen?“
Ich konnte mich gut an das Gefühl erinnern, welches mir die Kehle zuschnürte, das Atmen schier unmöglich machte. Es war sofort wieder da, konnte ich der Erinnerung an diesem Tag nicht entkommen. Ich sah es nur allzu deutlich vor meinem inneren Auge. Allein. Er hatte mich einfach allein gelassen.
„Ihr hattet es mir versprochen!“, platze es aus mir heraus, „Ihr hattet mir versprochen, dass ich immer an eurer Seite bleiben könnte! Ihr hattet gesagt, dass ihr gar nicht sterben könnt… aber das seid ihr. Und das nur, weil ihr genug hattet. Selbst von mir.“
Endlich drehte er sich vollständig zu mir um, sah mich direkt an. Erneut sah er fremd aus, wartete ich gespannt auf seine Antwort.
„Ich hatte dir gesagt, dass du wütend auf mich bist“, stellte er lediglich fest.
Es war wie ein Schlag in die Magengrube, fühlte sich an, als würdige eisige Kälte durch meine Eingeweide fließen. Aber selbst das war nicht genug, um meine brodelnde Wut zu ersticken.
„Natürlich war ich wütend! Und das bin ich immer noch! Darf ich das nicht? Schließlich habt ihr nicht einen Gedanken an mich verschwendet! Nicht einen Einzigen! Dabei habe ich euch gebraucht!“
Mein Vater verzog im Angesicht meiner Wut keine Miene. Aber war es nicht genau das, was er hatte sehen wollen? Was er hatte hören wollen? Dabei hatte ich diese Dinge aus gutem Grund ungesagt gelassen. Was brachte es jetzt noch darüber zu streiten? Wieso musste er ausgerechnet jetzt darüber sprechen? Schließlich wusste ich es doch schon längst.
„Wozu hättest du mich denn gebraucht?“, fragte er mit einer Ruhe, die mich fast zur Weißglut trieb, „Ich habe dir genug beigebracht, um dich verteidigen zu können. Ich habe dich sogar gelehrt Menschenmarionetten anzufertigen. Du hast mich nicht mehr als deinen Lehrer gebraucht. Und du hattest dein Team. Es gab nichts mehr, was ich dir hätte geben können und du nichts, was du mir hättest bieten können.“
Ich musste mich erst sammeln, bevor mir eine Antwort über die Lippen kam.
„Das ist es? Das ist alles?“, fragte ich mit hohler Stimme, „Ich war einfach nicht gut genug?  Ich...ich habe  Tag und Nacht trainiert. Ich habe bis zum Umfallen trainiert! Ich wollte...nein, ich musste perfekt sein! Genau so, wie ihr mich haben wolltet! Aber nichts wäre jemals gut genug gewesen, oder?“
„Du missverstehst mich“, sagte er nur, „ Warst du denn mit der Situation zufrieden?“
Ich war auf den Beinen, bevor ich es begriffen hatte, wusste nicht, was mich zurückgehalten hatte mich auf ihn zu stürzen. Also stand ich lediglich über ihm, während ich darum rang mich unter Kontrolle zu halten.
„Das dürft ihr nicht sagen! Ihr nicht!“, spie ich ihm entgegen, „Ich war ein Kind! Ich war allein! Ich hätte alles genommen, was ihr mir gegeben hättet! Ich hatte viel zu viel Angst davor mehr zu verlangen! Also habe ich nichts gesagt, nicht gewagt etwas zu sagen! Ich habe mir nicht einmal erlaubt daran zu denken, mir irgendetwas zu erhoffen. Aber genau wie ihr, habe ich es immer gewusst. Ihr wusstest es doch! Deshalb...“
Es gab so viel, weswegen ich mich meiner nächsten Worte schuldig fühlte. Die Schuld raubte mir meine ganze Kraft, bekam ich meine nächsten Worte nur leise über die Lippen.
„Ich hätte euch gewählt. Wenn ihr mir befohlen hättet mein Team zu verlassen und an eure Seite zurückzukehren… Ich hätte mich für euch entschieden. Selbst wenn es bedeutet hätte, wieder Tag für Tag auf euch zu warten, hätte ich es getan, um weiter an eurer Seite zu sein.“
Ich schluckte den bitteren Beigeschmack in meinem Mund herunter.
„Ich habe mir die Schuld daran gegeben, dass ich an dem Tag nicht bei euch war! Aber es wäre egal gewesen, nicht wahr?  Denn ihr habt nicht verloren! Ihr habt euch dazu entschieden zu verlieren. Und wenn ich an diesem Tag bei euch gewesen wäre, dann hättet ihr mich wie alles andere auch ohne nachzudenken weggeworfen! Ich war nie mehr als eines eurer Spielzeuge...“
Diesmal fand er keine direkte Erwiderung. Sasori-sensei, mein Vater, was auch immer. Stattdessen sah er nur zu mir herauf. Jedem andere wäre die Veränderung in seinem Gesicht wahrscheinlich entgangen.   Aber es war nur ein neuer Fremder, der mir entgegenblickte. Jemand, der mich nicht kannte, den es nie gekümmert hatte.
„Dummer Junge“, war seine einzige Antwort, „Habe ich dir jemals Anlass gegeben mehr zu erwarten?“
Meine Wut verflog so schnell, wie sie gekommen war, sank ich vollkommen kraftlos wieder auf den Sandboden zurück.
„Wieso habt ihr es dann getan?“, verlangte ich zu erfahren, „Wieso habt ihr mich überhaupt mitgenommen? Ihr müsst doch gewusst haben, wer ich war. Ihr müsst es auf den ersten Blick erkannt haben. Ihr habt es gewusst, dass weiß ich.  Aber es hat keinen Unterschied gemacht, oder? Trotz allem war ich für euch immer nur euer neuestes Projekt. Und das bin ich geblieben. Ein Werkzeug, dass andere benutzt haben, bis sie keine Verwendung mehr dafür hatten.“
Ich zog meine Knie eng an meinen Körper und legte meine Stirn darauf, verbarg mein Gesicht vor der Welt.“
„Genau so, wie ich andere Menschen als nichts anderes betrachtet habe. Am Ende bin ich genau, wie ihr.“
Ich hatte erwartet, dass mein Vater mir zustimmen würde, dass er mir in seinem distanzierten, emotionslosem Ton Recht geben würde. Doch er sagte nichts. Sagte für lange Zeit nichts, sondern blieb einfach neben mir sitzen.
Er ging nicht, egal wie lange sich unser Schweigen in die Länge zog. Ich gab ihm nicht die Genugtuung aufzusehen und mich zu versichern, aber ich wusste, dass er noch da war. Wieso blieb er? Er hatte es selbst gesagt. Es gab nichts mehr, was ich ihm bieten konnte. Worauf wartete er also? Wieso machte er sich die Mühe hierzubleiben? Es ergab keinen Sinn. Schließlich atmete mein Vater tief durch, aber anstatt sich zu erheben, begann er zu erzählen.
„Erinnerst du dich noch daran, wie du dich bei jeder eurer Begegnungen mit Deidara gestritten hast? Es war der gleiche Streit über Kunst, wie ich ihn selbst mit ihm hatte. Deidara war immer dazu bereit sein großes Maul aufzureißen. Er war eine unverschämter Rotzlöffel und genau wie ich es prophezeit hatte, hat ihn das sein Leben gekostet.“
Mein Vater schnaubte hörbar.
„Sein Verständnis von Kunst war lächerlich, der Junge hat sich ja nicht einmal selbst verstanden. Sein Streben nach mehr und mehr war ziellos, chaotisch und er zu trotzig, um sich seine wahren Beweggründe einzugestehen, oder zu akzeptieren, dass er die Höhen, nach denen er strebte nie erreichen würde. Deidara war schon immer ein Idiot.“
Plötzlich gluckste und plätscherte das Wasser und ich sah überrascht auf, um zu bemerken, dass mein Vater eine handvoll Sand in den See geworfen hatte. Mit finsterer Miene beobachtete er, wie sich die Wasseroberfläche wieder glättete.
„Es fällt mir schwer einzugestehen, dass seine Kunst möglicherweise etwas hatte, was der meinen gefehlt hat“, gab er in einem ärgerlichen Ton zu, „Versteh mich nicht falsch, ich sage nicht, dass er recht hatte. Wenn überhaupt lagen wir beide falsch. Aber allein darüber nachzudenken, dass ich so viel mit ihm gemein haben könnte, macht mich rasend.“
Langsam stieß mein Vater seinen Atem aus, ließ seine Hand wieder sinken.
„Meine Kunst hatte immer zum Ziel das Vergängliche einzufangen. Einen Moment der Realität festzuhalten, genauso wie er war. Aber nicht mehr. Ich habe nur Verbesserungen in dem Sinne vorgenommen, dass Marionetten Menschen in vielen Dingen überlegen sind. Anders als Deidara habe ich nie gewagt über die Realität hinaus zu denken. Ich habe ihn für seine unsägliche Gier verspottet. Für mich gab es keinen guten Grund an mehr zu glauben. Vielleicht habe ich deshalb angefangen mich mit Lügen zufriedenzugeben.“
Als mein Vater sich zu mir umdrehte, schaffte ich es nicht wegzusehen. Irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck hielt meinen Blick fest. Langsam glaubte ich das Fremde darin ein wenig besser verstehen zu können.
„Du hast recht. Ich habe es immer gewusst. Von dem Moment an, an dem ich einen guten Blick auf dich werfen konnte, habe ich gewusst, dass du mein Sohn bist. Nicht wegen deinen Haaren, oder deinem Gesicht. Es war deine Augen. Ich habe in meinem Leben nur einen Menschen mit diesem blauen, durchdringenden Blick getroffen. Ein Blick stechend genug, um sogar die Toten wieder ins Leben zu holen.“
Ich wurde mir plötzlich schmerzhaft bewusst, dass mein Vater mir direkt in die Augen sah, es bereits die  ganze Zeit tat. Und wie selten er es früher getan hatte.
„Ich habe diesen Blick gehasst, der längst begrabene Dinge zurückgeholt hat. Ich habe gehasst, was er in mir ausgelöst hat, habe gehasst, dass er überhaupt etwas in mir ausgelöst hat. Ich konnte ihn weder ertragen, noch aufgeben. Also habe ich alles getan, um dich in eine exakte Kopie meiner selbst zu verwandeln, habe eigene, leichter zu erklärende Gründe gefunden, um dich bei mir zu behalten. Die einzige Weise, auf die ich dich sehen konnte, war als mein aktuelles Projekt, unsere Begegnung und Ähnlichkeiten ein wahnwitziger Zufall. Ich habe mir gesagt, dass genau das mein Interesse an dir rechtfertigt.“
Ich wusste nicht, was ich mit dieser Offenbarung anstellen wollte. Ein Teil von mir hatte diese Worte immer hören wollen, hatte immer hören wollen, dass er mich seinen Sohn nennt. Aber dieser Teil war kleiner als ich gedacht hatte, meine Freude darüber fühlte sich seltsam gedämpft an. Ich war hauptsächlich überrascht. Wenn ich ehrlich war, hatte ich nie erwartet diese Worte aus seinem Mund zu hören. Sie schienen nicht zu der Person zu gehören, die ich als meinen Vater, als meinen Lehrmeister,  gekannt hatte. Selbst ihn so zu sehen, fiel mir immer noch schwer.
„Es war ihr Blick, weswegen ich dich aufgenommen habe und es war ebenso ihr Blick, wieso ich dich mit deinem Team habe ziehen lassen. Ich hatte versagt dich in mein Abbild zu verwandeln und so habe ich dich ziehen lassen. Doch sobald ihr Blick, der letzte Rest von ihr, endgültig verschwunden war, gab es nichts mehr. Weder tot, noch lebendig, hatte ich versagt mich in eine vollkommene Marionette zu verwandeln. Ich hatte immer geglaubt, dass das mein sehnlichster Wunsch gewesen ist. Nicht Mensch zu sein, nicht zu fühlen.“
Unwillkürlich hob mein Vater seinen Blick, schien er auf etwas ganz bestimmtes in der Ferne gerichtet zu sein, als könnte dieser die dicken Nebelschwaden durchdringen.
„Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn ich ein bisschen mehr so wie dieser Narr Deidara gewesen wäre. Wenn ich an dem Tag, an dem diese kleine Kröte Kakashi meine Identität aufgedeckt hat, anders entschieden hätte. Damals habe ich keinen Moment gezögert mich mit der Situation abzufinden, habe gewusst, dass es das Ende war. Ich habe hingenommen, dass ich sie nicht mit mir nehmen könnte, dass ich sie nie wieder sehen würde. Aber war das wirklich die einzige Möglichkeit? Was wäre, wenn ich genug Mut besessen hätte, um ihr die Hand zu reichen? Hätte sie sie genommen?“
Ich hatte immer geglaubt die Stimmung meines Vaters selbst an seinem regungslosen Ausdruck ablesen zu können, hatte immer geglaubt ihn als einziger so gut zu kennen. Doch jetzt musste ich erkennen, dass das nicht stimmte. Er war in der Tat ein Lügner. Und ich hatte ihm diese Lügen geglaubt, hatte sie selbst glauben wollen. Selbst über die Lügen, die ich durchschaut hatte, hatte ich immer nur geschwiegen. Ich hatte meinen Vater so gesehen, wie ich ihn sehen wollte. Selbst, oder gerade besonders in meinen düsteren Momenten. Ihn so offen reden zu hören, irritierte mich. Die Wahrheit hatte etwas unwirkliches.
„Was wäre wohl gewesen, wenn Aori mit mir gekommen wäre? Wäre ich so geblieben, wie ich damals war? Menschlicher? Mehr, wie die Person, die andere in mir sehen wollten?“
Mein Vater ließ es so klingen, als rede er vor sich hin, doch mir entging nicht der scharfe Seitenblick, den er mir zuwarf.
„Ich bin dein Vater. Ich kann diese Tatsache jetzt offen aussprechen. Aber das ändert nichts daran, dass ich dir nie ein Vater sein konnte. Damals nicht und auch heute nicht. Dazu bin ich nicht fähig“, erklärte er mir, schien mich dabei die ganze Zeit genau zu beobachten, „Hasst du mich dafür?“
Ich konnte seine Frage nicht sofort beantworten, wollte mir keine schnelle Antwort über die Lippen. In Gedanken hatte ich meine Antwort augenblicklich parat, hatte sie bereits aussprechen wollen, bevor ich gemerkt hatte, dass mein Kiefer gelähmt war. Denn so einfach die Antwort auch war, hatte mich ein unglaubliches Gefühl der Scham übermannt.
Und ich bemerkte erst jetzt, wie wenig ich überhaupt verstanden hatte. Ich verstand es immer noch nicht. Ich hatte es mir immer so einfach ausgemalt. Ich hatte so lange darauf gewartet. Ein Teil von mir hatte tagein tagaus darauf gewartet. Ich war dumm genug gewesen zu glauben, dass ich deshalb bereit dafür gewesen war. Ich war wirklich dumm gewesen. Und er hatte mich durchschaut, wie er es immer tat. Selbst wenn er bereit war, darüber zu reden, so war ich es nicht. Also hatte er es mir gezeigt, wie er mir alle seine Lektionen beigebracht hatte: Grausam und direkt. Und trotzdem änderte es nichts. Immerhin hatte ein Teil von mir gehofft, dass er es war, der mich hier fand.
„Nein, natürlich nicht. Ich habe euch nie gehasst“, sagte ich, meinte es so, „Aber ich bin wütend. Auf euch. Und auf mich. Auf die ganze Welt.“
Selbst jetzt spürte ich, wie mir die Wut direkt unter der Haut saß. Ich war so wütend und schämte mich nur umso mehr.
„Es ist nicht fair. Ihr seid nicht fair. Und ich bin nicht fair. Ich hasse es. Und ich hasse, dass ich so wütend bin. Auf alles und jeden.“
Voller Scham blickte ich auf meine verkrampften Hände hinab.
„Ich habe so viele Menschen damit verletzt. Menschen, die ich gar nicht kannte, die mir nie etwas getan haben. Ich habe sogar den Menschen wehgetan, die mir alles bedeuten. Ich will das nicht mehr. Ich möchte damit aufhören. Ich will diesen Ärger nicht länger mit mir herumschleppen!“
Die Nägel meiner zittrigen Hände bohrten sich tief genug in meine Haut, um wehzutun. Der Schmerz war gleichzeitig abschreckend und willkommen. Ein nach wie vor eigenartiges Gefühl.
„Die Sache ist...ich kann euch sogar gut verstehen“, gestand ich ein, „Der Marionettenkörper hat alles viel einfacher erscheinen lassen. Der Welt scheinbar unverändert gegenüberzustehen, nichts zu fühlen, nichts zu spüren. In diesem Körper war es so leicht sich diese Dinge einzureden. Ich dürfte eigentlich gar nicht wütend auf euch sein. Schließlich habe ich mich der gleichen Lügen bedient, wie ihr.“
Ein fast sehnsüchtiges Lächeln schlich sich auf die Züge meines Vaters.
„Es ist ein unvergleichliches Empfinden, nicht wahr? Die Abwesenheit jedes körperlichen Gefühls. Die Freiheit, die es so leicht macht zu vergessen, dass sie eine Täuschung ist. Aber sie ist unvollkommen, wird es stets bleiben. Ein Teil ist immer Mensch, wird immer fühlen. Es hätte vieles einfacher gemacht, findest du nicht?“
Obwohl es mir einen Stich versetzte, konnte ich ihm nicht sofort widersprechen. Ich war mir nicht sicher, ob ich hören wollte, wie mein Vater sich wünschte, sich einfach von allem, von mir, lossagen zu können. Aber hatte ich nicht das gleiche versucht? War ich nicht auf die gleiche Weise vor allem geflohen, auf die gleiche Weise gescheitert?
„Doch ebenso lädt dieser Körper zu Fehlern ein. Er hat mich zu manch einer vorschnellen Entscheidung verleitet. Und du warst es, der mich meines größten Fehlers vor Augen geführt hat.“
Überrascht sah ich meinen Vater an, wusste nicht, was er meinte.
„Ich habe nicht geglaubt, dass du dich jemals mit mir würdest messen können. Ich habe mich geirrt. Dieses Mal bin ich froh, dass ich meinen Fehler einsehen musste. Ich habe es dir damals bereits gesagt. Du hast alle meine Erwartungen übertroffen. Von meinem Schüler, von meinem eigenen Sohn im Kampf besiegt zu werden. Ich hatte nie größeren Spaß in meinem Leben.“
Sein Lächeln sah so bekannt aus, wirkte genau so selbstgefällig, wie ich es immer gekannt hatte. Trotzdem war es auf andere Art wieder anders, mehr. Es fiel mir schwer es in Worte zu fassen, noch schwerer darauf zu reagieren.
„Ich...ich habe nicht...“, sagte ich nur.
„Natürlich hast du das“, winkte mein Vater ab, „Du hast mich besiegt. Nicht allein als Marionettenspieler, sondern mit allem, was du zur Verfügung hattest. Du hast gewonnen, nicht weil ich dich zu einem perfekten Abbild meiner selbst gemacht habe, sondern aufgrund der Dinge, die uns unterscheiden. Du denkst vielleicht, dass du verloren hast, weil du es nicht geschafft hast, irgendwelche selbstauferlegten Regeln einzuhalten, aber du bist du. So hast du mich geschlagen. Dafür musst du dich nicht schämen.“
Der Ausdruck im Gesicht meines Vaters wurde unmerklich weicher, doch für mich war es eine Veränderung, wie Tag und Nacht. So hatte ich ihn noch nie gesehen und ich wusste nicht, was es bedeuten sollte. Aber nach all dem, was er gesagt hatte, nach allem, was ich gesagt hatte, freute ich mich auf eine eigenartige Art darüber. Es war nicht, was ich immer gewollt hatte. Aber was ich gewollt hatte, kam mir jetzt selbst lächerlich vor.
„Du bist nicht, wie ich, Sasori. Natürlich könntest du dich entscheiden, so zu werden, wie ich. Ich würde es dir nicht verdenken. Es macht einige Dinge einfacher. Aber nur weil wir uns ähnlich scheinen, bist du nicht gezwungen den gleichen Weg einzuschlagen. Denn du bist nicht ich. Und du bist auch keine Marionette, die an irgendwelchen Fäden hängt. Du bist deine eigene Person. Es bleibt allein deine Entscheidung, was du jetzt machen wirst.“
Meine Entscheidung? Unwillkürlich überkam mich ein Gefühl der Panik. Meine Entscheidung. War das wirklich etwas Gutes? Hatte ich je richtig entschieden? Und was sollte ich überhaupt tun? Ohne es zu merken, hatte ich mir selbst an die Brust gegriffen, spürte einen unsichtbaren Druck. Doch es fühlte sich nicht so an, als würde man mich nach hinten stoßen. Ganz im Gegenteil. Langsam ballte ich meine Hand zu einer Faust. Es war meine Entscheidung.
„Ich möchte sie sehen“, hauchte ich, wiederholte es noch einmal bestimmter, „Ich möchte sie wiedersehen.“
Ich wollte sie alle wiedersehen.
„Natürlich“, entgegnete mein Vater in einem selbstverständlichen Tonfall, „Wir haben die anderen sowieso lange genug warten lassen.“
Er verlor keine Zeit damit aufzustehen und sich den Sand von der Kleidung zu schütteln. Zögerlicher tat ich es ihm nach, unsicher ob meine Beine dieses neue Gewicht tragen konnten. Doch mein Entschluss stand fest. Mein Vater hat sich bereits vom Strand abgewandt und steuerte zielstrebig auf die Nebelwand hinter uns zu.
„Du weißt, ich hasse es andere warten zu lassen. Außerdem bleibt uns nicht mehr viel Zeit.“

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Sasori *in einem Klassenzimmer sitzt* : „Was mache ich hier?“
Sasori-no-Akasuna *mit einem Stock auf die Tafel tippt*: „Du bekommst die Antworten, die du immer wolltest.“
Sasori: „Ich...was?“
Sasori-no-Akasuna *mit dem Stock auf das Abbild eines Unterkörper deutet*: „Du siehst, nach einem ungeschütztem Geschlechtsverkehr hat mein Samen eine Eizelle deiner Mutter befruchtet und du bist nach ungefähr neunmonatiger Tragezeit geboren worden. Man merke an, dass ich für diesen Vorgang nicht notwendigerweise anwesend sein musste. Was ich auch nicht war.“
Sasori *langsam in seinem Stuhl zusammensinkt*: „Das war eigentlich nicht, was ich wissen wollte...“
Aori *mit einem großen Topf in den Raum kommt* : „Sohn, Mann, es gibt Linsen zum Abendessen!“

Autor *achselzuckend*: „Eine ganz normale Familie eben.“
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