Leben. [Warm Bodies]

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
09.05.2013
09.05.2013
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Der höllisch stechende Schmerz zog sich durch R's Wade entlang, nach oben in seine Muskeln, direkt in den Oberschenkel.

Am liebsten hätte er es "nutzloser Fleischlappen" genannt, aber man war ja optimistisch nicht wahr?

Keuchend hielt er sich am Treppengeländer fest. Er wollte doch nur hinauf ins Badezimmer gehen, Himmelherrgott nochmal. Seit er wieder lebte, hatte er auch wieder diesen, doch leicht lästigen Drang, hin und wieder die Toilette zu benutzen. Und jetzt hinderten ihn seine noch sehr eingeschränkten Funktionen wieder daran.

Oh, er wollte nicht undankbar erscheinen, keineswegs. R war so dankbar wie man es nur sein konnte, für seine zweite Chance, dafür, das er wieder lebte.

Sein Körper zeigte jedoch schmerzlich, wie tot er davor gewesen ist. Die einfachsten Bewegungen waren mit höllischen Schmerzen verbunden, er war nach kleinen Handgriffen oder Bewegungsabläufen schon aus der Puste und das Sprechen und Lachen hatte zur Folge, das er verdammt schnell heiser wurde.

Am Anfang, als er sich noch von seiner Schusswunde erholen sollte, war ihm das alles noch nicht so bitter aufgestosen. Aber da lag er auch die meiste Zeit im Bett, ließ sich von einem Arzt überwachen und hatte immer gebannt auf den Herzmonitor der seltsamen Maschine gestarrt, der seinen Puls und andere Wichtige Körperfunktionen überwachte.

Die Ärzte waren absolut überfordert gewesen, diese Blicke die sie ihm zuwarfen als Julies Vater ihn den Ärzten mit den Worten, er sei ein wiederbelebter Zombie überließ... Unglaube und Angst.

Ein toter Körper, der auf einmal aufhörte seinen Verwesungsprozess fortzuführen und wieder begann richtig zu arbeiten.

Er war wie das der viel besungene rosa Elefant. Ein Mysterium, das die Ärzte verstehen wollten.

Mit dem Handrücken wischte R sich den Schweiss von der Stirn und erklomm zwei weitere Stufen. Dann blieb er wieder stehen. Das war doch ein Witz. Wie auf Komando gluckerte sein Magen unheilverkündend. Das tat er auch andauernd.

Essen war ja jetzt auch so eine Sache.

Nicht das er nicht vorher auch gegessen hatte, dieses Essen bestand zwar zu 80 Prozent aus Menschenfleisch und der Rest waren Gehirn da er zu sich genommen hatte, aber das hat er nicht verdauen müssen. Es trieb ihn einfach an, während es in seiner toten Bauchhöle vergammelte, bis er neues brauchte. Wie Benzin ein rostiges Auto antrieb.

Jetzt hatte sein Magen richtig etwas zu tun. Und vertrug weitaus nicht alles. Das man sich übergeben konnte, hatte er längst vergessen, bis er seine dritte Mahlzeit in seinem lebenden Zustand im Krankenbett auf seiner Bettdecke wiedergefunden hatte. Es war ihm so peinlich gewesen, das er den jungen Mann der ihm beim saubermachen half angefleht hatte ja Julie nichts davon zu erzählen.

Frustriert nahm er wieder drei Stufen. Sehr schön, jetzt fehlten nur noch 5 Stufen. Oder 6? Er war sich nicht ganz sicher.

Eins, zwei, drei... Vier? Oder kam jetzt doch schon sieben?

Ah.

Das hatte er ganz vergessen.

Rechnen, Lesen, Schreiben, das war bei ihm vergleichbar wie das Niveau eines Kindergartenkindes. Er kannte zwar noch einige Buchstaben, aber das aneinanderreihen fiel ihm unglaublich schwer. Un die Logik des rechnens war zwar irgendwie noch da, aber gleichzeitig verschwand es genau so schnell wieder.

Frust. Das alles frustrierte ihn. Natürlich, er lebte, er war bei Julie, sie war an seiner Seite, aber gleichzeitig fühlte er sich mit seinem nur halb Funktionierendem Körper und vergessenen Dingen aus dem Alltag wie ein Kleinkind. Julie hatte schon dauernd ein Auge auf ihn. Er fühlte sich dadurch so... halbwertig. Und das frustrierte ihn mindestens genau so.

Emotionen. Diese waren noch so unkontroliert, das Nora ein paar Witze über eine "Menopause" oder "Schwangerenhormone" gemacht hatte.

Er war einfach nur knallrot geworden.

Gestern war er komplett grundlos in Tränen ausgebrochen. Er hatte keinen Grund, es war nichts passiert, er lag nachts in seinem Bett, starrte hoch an die Decke und auf einmal spürte er wie es nass an seinen Schläfen hinabrann und sein Brustkorb von heftigen Schluchzern durchgeschüttelt wurde. Und heute morgen hatte er Julie eine ganze Weile mit solch einem übertriebenen Glücksgefühl beim Tee kochen betrachtet, das er sich schon richtig lächerlich vorgekommen war.

Er atmete tief durch, nahm die letzen Treppenstufen und hob ziemlich genervt und ohne viel Elan seine Arme leicht nach oben und wisperte ein leises "Yay." als er sich endlich zum Badezimmer begeben konnte.

Prüfend sah er sich im Spiegel an, nachdem er sich die Hände gewaschen hatte. Seine Haut hatte endlich wieder eine gesunde, rosa Farbe. Natürlich, er war zwar noch sehr blass, aber nicht mehr grau und seine Lippen waren wieder kräftig hellrot und nicht mehr mit dieser seltsamen lila-braunen Farbe durchzogen. Was hatte Nora gesagt? Heiß sähe er aus. Er verstand zwar nicht genau was an ihm "heiß" war, denn ausser der gesunden Körperwärme war er nicht weiter erhitzt, aber sie hatte nur gekichert als er sie fragte was sie damit gemeint hat. Also hatte er auch nicht weiter gefragt. Er hatte mittlerweile begriffen das Nora einen sehr eigenständigen Humor hatte. Meistens einen sehr versauten der selbst Julie manchmal die Schamesröte in die Wangen trieb.

"R?"

Mit hochgezogener Augenbraue öffnete er die Türe und sah Julie die Treppe hochkommen.

"R, kommst du? Dad kommt jeden Moment und das Abendessen steht schon auf dem Tisch."

Er blinzelte leicht. Julie legte ihre Arme auf seine Schultern ab, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und drückte ihm einen sehr kurzen, aber sanften Kuss auf die Lippen.

"Du sollst doch noch nicht alleine die Treppen hoch.", murmelte sie gegen seine Lippen und knabberte leicht an seiner Unterlippe.

Er wusste keine Antwort darauf, also zuckte er nur kurz mit der Schulter.

"Zucker.", grinste sie und verdrehte die Augen.

Sein Frust und Ärger war in dem Moment wie weggeblasen. Wie immer, wenn sie ihre Finger hinten in die Haare seines Hinterkopfes vergraben hatte und leise Dinge gegen seinen Mund wisperte.

Seine Lieblingsemotion nahm die Überhand und erfüllte ihn.

Er liebte es, wieder am Leben zu sein. Er liebte seine schmerzenden Glieder, er liebte es Lesen, Schreiben und anständiges Rechnen wieder zu lernen, er liebte es das er einen wieder einsetzenden Bartwuchs hatte und sich bald rasieren musste auch wenn R keine Ahnung hatte wie das ging und wo er es lernte und er liebte es ihren weichen Körper gegen seinen angespannten Brustkorb gelehnt zu spüren.

Und vor allem liebte er diese unglaubliche Frau.
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