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Das Meer, die Geige und Du

von SoundSky
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dänemark Finnland Norwegen Schweden
08.05.2013
09.03.2014
43
223.870
14
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08.05.2013 2.422
 
„Mama, Luke kann seinen Koffer schon alleine tragen. Das hieß jetzt nicht, dass du meinen nehmen musst!“
„Wölkchen, ich will dir doch nur helfen.“
„Ich bin aber kein kleines Kind mehr.“
„In meinen Augen wirst du immer der kleine acht Jährige bleiben, der weinend in unser Zimmer gekommen ist und gesagt hat, dass er ins Bett gema-“
„Mama!“, unterbrach ich sie empört und wedelte wild mit den Händen, als ob es das ungeschehen machen könnte, was sie begonnen hatte, zu erwähnen. Doch durch das amüsierte Schnauben neben mir wurde mir klar, dass Lukas es durchaus gehört und überaus lustig fand. Ich verzog hilflos meine Lippen zu einem versuchten Lächeln und sah zu ihm. Er hatte sein Gesicht leicht von mir abgewandt, dass ich das papierfeine Lächeln nicht sehen sollte, jedoch konnte ich einen Blick darauf erhaschen. Schief grinsend legte ich einen Arm um seine Schulter.
„Das findest du wohl lustig, wie?“
„Schon, ja“, erwiderte Lukas.
„Du bist gemein.“
„Ich habe mir mit acht wenigstens nicht mehr in die Hose gemacht.“
„Ich hatte viel Wasser getrunken und schlecht geträumt!“
„Das sagen sie alle“, mit einem Klaps auf meinem Arm löste er sich aus meiner Umklammerung und trat zu meiner Mutter, um ihr wieder seinen Koffer abzunehmen. Diese schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.
„Ach Muffin! Ich finde es so schade, dass ihr schon wieder geht. Immerhin wart ihr nur einen Monat hier. Das ist doch viel zu wenig“, sagte meine Mutter, die mir auch meinen Koffer reichte. Kurz stellte sie sich auf die Zehenspitzen und zupfte an meinen Haaren herum, was ich mit irritiertem Blick zu ließ.
„Wir müssen wirklich langsam wieder zurück, Sofia“, sagte Lukas. „Das Café ist schon viel zu lange alleine und ich habe in der letzten Woche besorgniserregende Anrufe von meinem kleinen Bruder bekommen.“
„Der kleine Schneehase! Wie geht es ihm denn?“, erkundigte sie sich meine Mutter im freudigen Ton.
„Ganz gut.“
„Dein Bruder ist so hübsch!“
„Ich werde es ihm ausrichten, dass du das denkst.“
„Und du natürlich auch, Muffin“, fügte sie mit einem kleinen Kichern hinzu und strich nun bei ihm durchs Haar, was der Norweger allerdings ohne Murren über sich ergehen ließ. In dem vergangenen Monat hatte er meine Mutter in vielen Facetten kennengelernt und sich scheinbar daran gewöhnt, dass er es nicht verhindern konnte, dass sie einen antatschen musste. Und auch wenn ich nicht wusste warum, aber ich fand es extrem niedlich, dass er die liebevollen Gesten von ihr erlaubte.
„Ja, Muffin ist wirklich sehr hübsch“, grinste ich und zog mir meine Jacke an den Schultern zurecht. Durch den Rucksack, den ich mit mir schleppte, war sie mir fast herunter gerutscht. „Ein süßer, hübscher Muffin.“
Lukas gab ein Würgegeräusch von sich, dass ich ihm nur ein breiteres Grinsen schenkte. „Was denn? Komplimente sind doch toll.“
„Nicht, wenn du mich mit Gebäck vergleichst“, erwiderte er lahm. „Das klingt, als hättest du erotische Fantasien damit.“
„Wuah“, machte ich und verzog mein Gesicht zu einer Grimasse.
„Genau.“
„Wann geht euer Flug?“, hörte ich meine Mutter etwas weiter entfernt unvermittelt fragen.
Sie hatte sich auf die Anzeigetafel zu bewegt, ging allerdings fast in der Menschenmasse um sie herum unter. Nur gerade so konnte ich ihren blonden Schopf erblicken, den sie heute mal zu einem Zopf gebändigt hatte.
„In einer Dreiviertelstunde“, antwortete ich, während ich mich durch eine Gruppe von deutschen Touristen quetschte, wovon mir ein paar einen irritierten, freundlichen Blick zuwarfen. Das Geräusch der Räder ihrer Koffer war so laut, dass ich mein eben Gesagtes wiederholen musste.
„Dann solltet ihr aber demnächst einchecken, Wölkchen.“
„Ja, wir gehen auch jetzt, Mama.“
„Ach, mein Junge“, aus ihrer Kehle entwich ein tiefer Seufzer. „Auch wenn ich will, dass ihr glücklich zusammen in Norwegen lebt, so finde ich es traurig, dass ihr schon wieder geht. Du wirst mir sowieso fehlen und dein kleiner Schatz ist mir auch so ans Herz gewachsen. Vor allem sein Essen wird mir fehlen.“
Mit einem Grinsen, das durchaus als frech durchgehen konnte, fügte sie hinzu: „Endlich hast du wen gefunden, der ein ordentliches Talent hat für den Haushalt. Ich habe mir immer gewünscht, dass du jemanden hast, der wenigstens Wäsche waschen kann. Du bist nicht gerade talentiert in diesen Dingen. Aber Lukas ist wirklich der perfekte Mensch dafür!“
Während ich mit ihr gesprochen hatte, hatte sich Lukas zu uns gesellt und stumm unser Gespräch mit verfolgt, jedoch bei der Stelle mit „meinem kleinen Schatz“ war auf seine Wangen eine dezente Röte getreten, gefolgt von einem Ausdruck, der entweder „Wie peinlich“ oder „Ich bring hier gleich wen um“ zu deuten war.
„Ja, das hat er wirklich drauf“, grinste ich. „Nur lass ihn nie ausrechnen, wie der Extrempunkt einer Funktion ist.“
Ich keuchte auf, als mir ein Stoß in die Rippen verpasst wurde.
„He“, meinte ich, während ich mir über die pochende Stelle rieb. „Das ist doch bloß die Wahrheit, Luke.“
„Das ist auch unwichtig“, sagte er bloß trocken.
Meine Mutter nickte. „Da hat er recht. Mathe ist überbewertet. Dadurch, dass du einen Term lösen kannst, kannst du nicht eine Lasagne machen.“
„Termlasagne“, lachte ich.
Der Lärm um uns herum wurde lauter, als durch den Lautsprecher eine Frau ansagte, dass der Flug Richtung Oslo bald starten würde. Das Echo ihrer durch die Maschine verzerrten Stimme hallte durch die komplette Halle und einige Leute wandten ihre Köpfe in Richtung der Lautsprecher.
„Unser Flug“, meinte ich und tastete nach dem Griff meines Koffers, um sicher zu gehen, dass er noch an meiner Seite war. „Wir sollten jetzt.“
„Mhm“, machte meine Mutter, deren Augen ungewöhnlich zu glänzen schien.
Ich kam nicht umhin, dass leichte Sorge in mir aufstieg.
„Und du schaffst das auch wirklich alleine, Mama?“
„Ja Wölkchen, ich werde es hinkriegen“, versicherte sie mir und die Traurigkeit, die kurz in ihrer Miene erschienen war, war von der einen Sekunde auf der anderen wieder verschwunden. „Die Tanzschule muss ja wieder laufen und ich denke, dass es mich auch ablenken wird. Da dein Vater nie sonderlich gerne getanzt hat, ist es keine Sache, die mir zu sehr an ihn erinnert. Für die Erinnerungen habe ich ja noch die Wohnung, nicht? Außerdem bin ich ja nicht alleine. Mathilde zieht zu mir.“
„Hö? Was?“, ich musste überrascht blinzeln.
„Habe ich dir das noch nicht gesagt? Mathilde – du kennst meine gute Freundin hoffentlich noch. Wenn nicht, dann bin ich enttäuscht von dir -“, sie zwinkerte mir scherzhaft zu, „hat angeboten, dass sie zu mir zieht. Ihr Sohn Nikolaj ist vor Kurzem nach Århus gezogen und jetzt fühlt sie sich alleine. Was liegt da näher, als dass zwei alte, lustige Damen sich eine Wohnung teilen?“
„Du bist nicht alt, Mama“, lächelte ich.
„Ich habe einen bald dreißig jährigen Sohn, erzähl mir nicht das Gegenteil“, lachte sie. „Außerdem bin ich gerne alt. Da darf man so verschroben und eine durchgeknallte Schreckschraube sein, wie man will.“
„Schön gesagt“, meinte ich und schüttelte belustigt den Kopf.
„Nicht?“, strahlte sie und streckte die Arme aus. Ich beugte mich runter zu ihr und schloss sie fest in meine Arme.
„Toll, wenn du wen bei dir hast“, sagte ich. „Nur hoffentlich feiert ihr keine all zu wilden Partys, hm?“
„Wir werden uns zusammenreißen, Wölkchen“, ich konnte das Beben ihrer Brust direkt an meiner Haut spüren. Ich hörte sie so gerne lachen.
„Und wir werden uns bald wiedersehen, mein süßer Schatz! Spätestens bei der Hochzeit, oder?“
„Was?“
Erschrocken zuckte ich zurück und sah meine Mutter mit weit aufgerissenen Augen an. „Wie, was? Hochzeit?“
Ich hoffte, mich verhört zu haben.
„Ja, natürlich. Ihr werdet doch heiraten, oder?“
„Ich... keinen Schimmer“, erwiderte ich perplex.
„Muffin?“, fragend schaute mein Gegenüber zu Lukas, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte. Auch seine Züge waren ihm etwas entgleist und er sah sie verwundert an.
Er schüttelte bloß den Kopf.
„Ach, kommt schon noch“, lachte meine Mutter und löste sich von mir, nur, um meinen Freund in eine innige Umarmung zu schließen. Erst versteifte er sich ein wenig, doch dann hob er seine Arme und legte sie um ihre rundliche Gestalt.
„Ihr ladet mich aber dann auf jeden Fall ein! Und wenn ich Enkelkinder kriege, rückt sofort mit der Sprache raus und verschweigt es mir nicht wieder monatelang.“
„Mama!“
„Ich sags doch nur“, erwiderte sie und gab Lukas noch einen kleinen Kuss auf die Wange. Er schlug bei dieser liebevollen Geste die Augen nieder.
„So, ich glaube, ihr solltet dann langsam“, meinte meine Mutter und blinzelte uns beiden noch einmal freundlich zu. „Ruft an, wenn ihr angekommen seid.“
„Hm“, machte ich, noch den Schock von gerade verdauend.
Dass sie jetzt schon von der Ehe sprach hatte mir beinahe einen Herzinfarkt verursacht. Die Sache bei Lukas und mir war gerade mal wieder gut geworden, da ging mir das definitiv einen Schritt zu weit.
„Machen wir, Sofia“, versprach Lukas und schulterte seine Tasche nochmal neu.
„Ich wünsche euch beiden einen guten Flug. Und ich hab euch sehr lieb, ja?“
Mit diesen Worten verabschiedete Sofia Køhler sich, winkte uns noch ein letztes Mal und verschwand in dem Meer aus Leibern, das sie sofort verschluckte.
„Wir dich auch!“, rief ich ihr noch eilig nach, nahm meinen Koffer und folgte Lukas, der sich schon seinen Weg hin zum Schalter durchkämpfte.
Die ganzen Touristen und anderen Reisenden, die sich hier in der Flughafenhalle aufhielten, erschwerten es einem enorm, sich stressfrei zu seinem Flug zu begeben.
„Nach hause!“, grinste ich, als ich neben meinem Freund angekommen war.
„Ja.“
„Gott, freu ich mich!“
„Ja.“
„Kannst du noch was anderes als ja sagen?“, grinste ich.
„Ja. Nein“, entgegnete Lukas, woraufhin ich leicht lachen musste.
Ohne zu fragen griff ich nach seiner Hand und verschränkte meine Finger mit seinen.
„Ich habe das Café und alles andere so vermisst! Emil, Tino, Peter, Antonio. Sogar Berwald den Sack“, sagte ich, während ich meine Hand kurz aus Lukas' gleiten ließ, um nach meinen Tickets zu greifen, die sich in meiner Jackentasche befanden.
„Mir geht es gleich. Ich will nur noch nach hause.“
„Ja. Nach hause“, wiederholte ich und konnte nicht verhindern, dass sich ein Grinsen auf meiner Miene ausbreitete. „Schön, das zu sagen und auch zu fühlen.“
Mein Freund erwiderte nichts. Er warf mir bloß aus dem Augenwinkel einen fragenden Blick zu.
„Als ich hier war, hat sich das total falsch angefühlt, weißt du?“, erklärte ich. „Ich habe hier zwar einen langen Teil meines Lebens verbracht, aber jetzt denke ich echt, dass ich nach hause gehe. Nicht nur zurück nach Norwegen.“
„Softie“, war Lukas' einziger Kommentar dazu.
„Vielleicht“, lächelte ich. „Aber es ist halt so.“
Ich nahm erneut die weiche Hand meines Partners und drückte sie leicht.
Gerade konnte passieren, was wollte. Ich war glücklich.
Die Traurigkeit über den Tod meines Vaters stand natürlich noch in meinem Inneren. Es wäre viel zu einfach, wenn sie so mir nichts, dir nichts verschwinden würde. Oft genug war ich noch betrübt deswegen und erinnerte mich daran zurück, wie die letzten Tage und seine Beerdigung war. Aber dann blickte ich auf und sah Lukas bei mir in der Küche stehen, neben mir im Bett liegen oder einfach nur seine Silhouette in der Ferne und der Schmerz wurde ein ganz kleines bisschen erträglicher.
Ich wusste nicht genau, wie es dazu gekommen war. Weder hatten wir ein tiefgehendes Gespräch geführt, noch hatten wir irgendetwas Spezielles gemacht, aber irgendwie war das zwischen uns wieder... gut geworden. Den ganzen Monat lang hatte sich wieder das aufgebaut, was wir hatten, bevor ich gegangen war.
Begonnen hatte es damit, dass er mir wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Dann, dass er die Komplimente von mir zuließ. Gefolgt von den Berührungen, Küssen und schließlich auch das „Ich liebe dich“, das ich die ganze Zeit über zurückgehalten hatte, da es mir falsch vorkam, es ihm zu diesem Zeitpunkt zu sagen. Zwar hatte er es erst gestern über sich gebracht, mir mit einem „Ich dich auch“ zu antworten, aber seitdem verschwanden die Schmetterlinge nicht mehr aus meinem Bauch, so kitschig es auch klang. Irgendwie war es seltsam, wie das Leben so spielte. Ich hatte erwartet, dass wir eine Unterhaltung führen würden, die mehr als unangenehm sein würde. Dass wir uns fetzen und beschimpfen würden. Doch nichts dergleichen war geschehen. Wir hatten nur Zeit miteinander verbracht – sie vergehen und alles reparieren lassen. Manchmal war lag es wirklich nur ein kleines bisschen an einem selbst, damit sich alles so entwickelt, wie man will.
„Ich glaube, wir müssen uns auf einiges gefasst machen, wenn wir wieder zu Hause sind“, hörte ich Lukas neben mir sagen.
Verwundert legte ich den Kopf zur Seite. „Wieso?“
„Emil hat des Öfteren davon geredet, dass ein Italiener da ist, der die Kunden vergrault.“
„Hä?“
„Antonio scheint Lovino bei uns eingestellt zu haben.“
„Oha!“, machte ich und riss verwundert die Augen auf. „Wieso?! Ist der nicht in dem Restaurants seines Bruders?“
„Er schien genug davon gehabt zu haben“, sagte er. „Hat gekündigt und war dann arbeitslos. Und da Antonio nicht wollte, dass er versauert, hat er kurzerhand beschlossen, dass Lovino im Café arbeiten könnte.“
„Oh Gott. Ob die Bude noch Kundschaft hat?“
„Irgendwie denk ichs nicht“, die Miene meines Freundes verfinsterte sich umgehend und ich drückte zur Stärkung seine Hand.
„Wirst du ihn rausschmeißen, wenn wir zurück sind?“, wollte ich grinsend wissen.
„Hochkantig.“
„Gut!“
Ich beugte mich leicht zu Lukas herunter, der mich fragend ansah, dann jedoch seine Augen schloss, als ich ihm einen sanften Kuss auf die Lippen drückte.
„Ich bin grad echt happy“, murmelte ich gegen seinen Mund.
„Schön. Welche Droge sorgt dafür?“
„Lass den Scheiß“, lächelte ich. „Und die Droge heißt Lukas Bondevik.“
„Lustig.“
„Ja, nicht? Hey, Luke!“
„Du brauchst nicht zu brüllen, ich steh direkt vor dir. Was ist?“
„Spielst du mir noch mal was vor, wenn wir zu Hause sind?“

Manchmal bedarf es nicht viel im Leben. Nur einen Strand in seiner Nähe, ein leckerer Kuchen, der extra für einen gebacken wurde oder die Musik, die man sonst nicht hörte, aber einen trotzdem gefiel. Aber manchmal ist es auch einfach nur ein Mensch, der für einen da war – egal als Geliebter, Freund oder irgendetwas anderes.
Vor zwei Jahren, als ich einem bestimmten Geigenspieler fast in die Arme gerannt wäre, hätte ich nicht erwartet, diesen Menschen gefunden zu haben. Er war Teil meines Lebens geworden. Mein fehlendes Puzzlestück. Wer weiß? Vielleicht würden wir irgendwann wirklich mal heiraten. Aber selbst wenn nicht, eins wusste ich: Er war meine Zukunft. Würde es auch immer bleiben. Als Freund war er anfänglich in mein Leben getreten; ein Freund würde er auch bleiben, aber er war im Lauf der Zeit so viel mehr geworden.
Es bedarf nicht viel im Leben. Eigentlich nur die Kleinigkeiten, die einen glücklich machten. Und der Wunsch, dass alles gut wird.

Ende
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