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Das Meer, die Geige und Du

von SoundSky
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dänemark Finnland Norwegen Schweden
08.05.2013
09.03.2014
43
223.870
14
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Dieses Kapitel
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08.05.2013 6.803
 
Lukas' POV


Der Koffer rammte immer wieder versehentlich gegen die Wand, weswegen ein lautes, in den Ohren Schmerzen verursachendes Geräusch entstand. Als würde man zwanzig Streichhölzer gleichzeitig an einer Schachtel anzünden.
Der Putz rieselte in Form winziger Körnchen auf die Stufen und ließ einen denken, dass jemand Zucker oder irgendein Puder auf der Treppe verteilt hätte. Einmal war das sogar passiert. Da hatte Lukas Mathias den Auftrag gegeben, aus der Küche des Cafés Mehl zu holen, weil er in seinem eigenen Vorrat nichts mehr hatte. Nur selten bediente er sich an den Lebensmitteln, die für das Geschäft bestimmt waren, aber hätte er kein Mehl gehabt, hätte es kein Mittagessen geben können, was wiederum bedeutete, dass sein Freund bis zur Unerträglichkeit gejammert hätte. Und darauf hatte Lukas wirklich gut verzichten können.
Mathias war mit bloß einem dummen Kommentar(„Du willst mich nur von hinten sehen, Luke!“) nach unten gegangen und hatte sogar ohne Umwege das Verlangte besorgt, doch dann war ihm auf der Treppe seine Unachtsamkeit zum Verhängnis geworden. Er war gestolpert, hatte die Mehltüte versehentlich aufgerissen und hatte sich in einer Wolke voll weißem Staub wieder gefunden. Damals hatte Lukas es nicht verhindern können und leicht lachen müssen. Heute hatte er nicht mal mehr ein minimales Heben der Mundwinkel dafür übrig.
Die Last, die auf seinen eher dünnen Armen lag, zog ihn in eine immer mehr gebeugte Haltung, weshalb er mit einem erleichterten Seufzer den schweren Koffer auf dem Boden abstellte, als er endlich unten angelangt war. Das Aufkommen der kleinen Räder hallte leise nach.
Lukas kontrollierte, ob ihm ja auch nichts runtergefallen war; doch in seinen Händen hielt er das Ticket, seinen Reisepass und auch seine marineblaue Tasche befand sich an seiner Seite. Trotzdem wurde er dieses nachhaltige Gefühl nicht los, dass er irgendetwas vergessen hätte. Das kannte man allerdings – viele Menschen glaubten, obwohl sie gegensätzlich ihrer Angst alles dabei hatten, irgendetwas in ihrer Wohnung liegen gelassen zu haben, wenn sie länger verreisten.
Aber was sollte Lukas schon nicht bei sich tragen? Seine Absicht war es, nicht all zu lange fern von seinem zu Hause zu bleiben, was der Grund dafür war, dass er keinen großen Koffer hatte und sich auch nur wenig Gepäck darin befand.
Einerseits schmerzte ihm der Gedanke, einige Zeit lang nicht im Café sein zu können, jedoch erinnerte ihn hier momentan viel zu viel an Mathias, als dass er noch einen weiteren Tag hier verbringen könnte, ohne den Verstand zu verlieren. Aber auf der anderen Hand lag, dass er zwar weg fuhr, aber dafür zu Mathias. Es glich einer Falle, aus der er nicht entkommen konnte.
Aber selbst wenn dem so war: Wenigstens konnte er dadurch, dass er zu seinem Exfreund fuhr, endlich alles kappen und damit abschließen. Auch wenn der Preis halt dafür war, ihn nochmal zu sehen, so sehr sich auch alles in ihm dagegen sträubte.
Schnell fuhr der Norweger sich durch die welligen Haare, achtete dabei aber darauf, die Spange, die einige Strähnen aus seinem Gesicht fernhielt, in keinster Weise zu berühren. Ihm war jedes Mal dabei, als ob er heißes Eisen anfassen würde; natürlich war Lukas klar, dass das pure Einbildung war, doch musste er es nicht darauf anlegen. Am einfachsten wäre es, wenn er das Kreuz wegschmeißen würde, damit er auch die letzten Reste von Mathias aus seinem Leben verbannen konnte, jedoch brachte er nicht Kraft genug dafür auf, um das wirklich zu tun. Würde er wirklich dieses Geschenk entfernen, würde er die Tür komplett verschließen und den Schlüssel weg werfen. Den Schlüssel, der ihm das Tor zu einer Welt geöffnet hatte, die er vielleicht niemals wieder betreten könnte.
Seufzend umklammerte Lukas den Griff seines Koffers und ließ den kahlen Flur hinter sich, wobei das Rattern der Räder in Form eines Echos sein stetiger Begleiter war. Dieses Geräusch verursachte in ihm eine Einsamkeit, die der junge Mann schnell zu verdrängen versuchte. Schon viel zu sehr hatte er sich von negativen Emotionen leiten lassen – jetzt brach er zu einer Reise auf, die sein Leben wieder in die rechte Bahnen lenken könnte. Möglicherweise war die Stärke, wie sehr darauf hoffte, kindisch, aber das nahm er in Kauf. Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
Das Café leuchtete ihm mit einem warmen Licht entgegen, als Lukas durch die Tür trat und ihm sofort einen ruhigen Eindruck vermittelte. Durch die Oktobersonne, die zu enorm früher Stunde schon das Bett des Horizontes in Anspruch nahm, wirkten die elfenbeinfarbenen Wände gar golden und es erschienen auf den Dielen vereinzelt Sonnentaler, die einen kleinen Tanz aufführten, in deren Betrachtung Lukas für einige Sekunden stumm versunken war.
Er wollte nicht weg. Er wollte hier bleiben, sich zusammenreißen und diesen Kerl so schnell vergessen wie es ging. Doch war ihm mehr als bewusst, dass dies nicht möglich war. So leicht es auch klang – so schnell konnte er eine Person, die ihm so nahe gekommen war, nicht verdrängen. Und die Schmerzen sowieso nicht. Es war alles noch viel zu offen. Wie Wunden, die immer wieder aufbrachen, wenn er nur ansatzweise versuchte, schlecht oder überhaupt an Mathias zu denken. So sehr sich in Lukas auch der Wunsch entwickelte, keine positiven Gedanken über diesen Mann zu haben, so waren ihm bestimmte Gefühle im Weg, die das verhinderten. Sie waren noch viel zu stark, als dass sie schlechte Denkweisen zulassen würden. Und er hasste es. Hasste es so sehr, dass die Wut, von der er anfänglich nicht gewusst hatte, auf wen er sie lenken soll, sich langsam aber sicher auf ihn selbst richtete.
Eine lindernde Dunkelheit breitete sich in seinem Sichtfeld aus, als Lukas die Augen schloss – nur für einen Herzschlag, der ihm eventuell Kraft geben würde, um weitere Schritte zu gehen. Weg von hier. Weg aus der Stadt. Weg aus Norwegen. Hin zu ihm.
Noch einen letzten Blick auf das Café werfend, atmete er tief durch und brachte den ersten, dann den zweiten und schließlich immer mehr Schritte hinter sich, die ihn hinaus aus dem Hausinneren führten und raus in die Welt, die er schon seit Längerem nur noch von den Fenstern aus betrachtet hatte. Ihm lächelten kräftige Farben entgegen, die durch den kommenden Herbst in vielerlei Variationen erschienen. Knallrote und goldgelbe Blätter, ein beinahe violetter Himmel und fluffige, orangefarbene Wolken. Alles wirkte so, als ob es einem Gemälde entsprungen wäre, was Lukas allerdings nur mit einem schwachen Blinzeln zur Kenntnis nahm. Er sollte sich nicht all zu sehr an so einem Anblick erfreuen. Wann wusste er schon, dass er es wiedersehen würde?
Die Räder kratzten über den Stein, als er seinen Koffer nach draußen zog.
Schweigend sah der Norweger zu Emil, der an dem Geländer der Treppe lehnte und ihn mit einem Blick ansah, den er nicht komplett nachvollziehen konnte.
„Hast du alles?“, fragte Emil. Er hatte seinen Kopf leicht zur Seite geneigt.
Lukas nickte.
Die beiden sahen sich schweigend an.
Lukas wusste nicht, ob es überhaupt irgendetwas gab, was sie aneinander zu sagen hatten.
Auf Wiedersehen? Sie würden sich auf jeden Fall wiedersehen, das musste nicht ausgesprochen werden.
Pass auf dich auf? Er hätte es am liebsten gesagt, aber er wusste, dass sein kleiner Bruder ziemlich allergisch darauf reagieren würde.
Machs gut? Auch das erschien ihm fehl am Platz.
Also sagte er nichts. Genau wie in den letzten Wochen. Diesem Mann fehlten schlichtweg die Worte, die über seine Lippen kommen sollten.
Ganz in dem Erwarten, dass sie so – ohne, dass irgendwer auch nur den Mund aufklappte – für einige Minuten verharren würden, tastete Lukas schon nach dem Griff seines Koffers, doch da vernahm er plötzlich die Stimme seines Gegenübers.
„Also... wenn du da bist“, begann Emil leise. Er klang leicht verunsichert. „Dann hoffe ich, dass du ihm einen richtigen Arschtritt gibst. Dass er so etwas nicht wieder macht.“
Sein großer Bruder blinzelte einige Male verwundert und zum ersten Mal seit einer langen Zeit, brachte er es sogar wieder Zustande, seine Lippen minimalst zu der Andeutung eines Lächelns zu verziehen.
Gerade, als er etwas erwidern wollte, fuhr Emil schon fort: „Aber weißt du, worauf ich mehr hoffe? Dass ihr beide, ja... also“, an der Stelle holte er tief Luft, als ob ihm das Folgende enorm schwerfallen würde, „Dass ihr zwei euch wieder zusammenrauft.“
Ein seltsames Prickeln lief Lukas' Nacken herab, als er ihm in die außergewöhnlichen Augen sah.
Sein Herz krampfte sich leicht zusammen und ihm war, als hätte er einen Atemzug ausgelassen. Dass Emil so etwas sagen würde, damit hatte er nicht gerechnet.
„Ich denke nicht, dass das geschehen wird“, sagte er und umklammerte den Griff seines Koffers fester.
„Ich weiß.“
Mehr sprachen sie nicht aus. Lukas ging auf ihn zu, umarmte seinen kleinen Bruder schlaff und stieg dann Stufe für Stufe die kleine Treppe hinunter, die zur Straße und damit hinunter zum Auto führte, das einfach nur da stand. Darauf wartete, gefahren zu werden. Er wollte nicht weg. Er wollte es nicht in Bewegung setzen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, obwohl alles in seinem Leib schrie, sich auf dem Absatz umzudrehen und so schnell wie möglich zu fliehen. Doch diese enorme Empfindung kämpfte gleichzeitig gegen die Sehnsucht an, die ihn seit zwei Wochen zerfrass und zu überwältigen drohte.
Mit einem dumpfen Geräusch schlug der Koffer im Kofferraum auf und als Lukas die Tür zuschlug und seine Hände um das Lenkrad legte, musste er mit bebender Brust Luft holen, um seine Nerven wenigstens für zwei Sekunden zu beruhigen.
Er sah aus dem Fenster zu Emil, der vor der Tür stehen geblieben war. Ihm kam es so unendlich falsch vor, ihn da so stehen zu lassen. Ohne, dass sie sich viel gesagt hatten. Aber weder er noch sein Bruder waren die Menschen, die ihre Gefühle unbedingt mit Hilfe von Wörtern Ausdruck verliehen. Viel mehr zählten Gesten; selbst wenn es nur ein kleiner, liebevoller Blinzler war.
Zum letzten Mal für eine unbestimmte Zeit hob Lukas seine Hand, machte eine Bewegung, die einem Winken glich und startete den Motor, auf dem Weg zu einer Reise, die er gar nicht machen wollte.

Am Flughafen war es unglaublich laut. An jeder Ecke summte irgendetwas und eine Unmenge von Stimmen erfüllten sein Ohr, die er weitestgehend versuchte auszublenden. Doch gegen sein Trommelfell prallte eine ungeheure Menge von Lauten und seine Augen wurden von Eindrücken überflutet, bei denen Lukas kaum hinter her kam, sie einzuordnen. Gespräche links von ihm. Kofferrollen hinter ihm. Vor ihm geräuschvolles Papierrascheln. Ausgefallen gekleidete Menschen schräg neben ihm. Dem Norweger kam es so vor, als ob die Welt um ihn herum wie auf einer Kassette laufen würde – während er auf der Seite A wandelte, spielte der Rest des Planeten auf der B – Seite. Getrennte Wege auf der selben Straße.
Das Gefühl, als ob er wie ein wandelnder Toter durch die Flughafenhalle schreiten würde, konnte er nicht abschütteln, egal, mit welchem Gedankengang er es auch probierte. Die Leere und Kälte waren kein Stück verblasst oder mehr erträglicher geworden; der Ballast war eher größer.
In solchen Momenten wünschte Lukas sich, besser mit Worten umgehen zu können oder gar mit Gefühlen. Wenn er sie leichter definieren könnte, dann wäre alles so viel einfacher. Kein blödes „Warum fühlst du dich so?“, kein sinnloses „Reiß dich zusammen“ oder „Was ist mit dir nicht in Ordnung?“ Er hätte eine Antwort, wenn er es wüsste; jedoch ging sein Wissen nicht so weit. Es wagte sich nicht so weit in diesen Bereich hinein. Emotionen waren für den jungen Mann schon immer ein Mysterium gewesen.
Durch die gläsernen Wände schimmerte das Sonnenlicht und erweckte auf den Verkleidungen der Flugzeuge, die draußen darauf warteten, sich in den Himmel zu erheben, ein beißenden Glanz. Vögel fegten über das Azurblau hinweg und die Fröhlichkeit der Leute in der Halle schien nicht nur diesen Platz, sondern die ganze Welt zu erfüllen. Lukas allerdings ließ sie kalt. Wie alles seit den letzten zwei Wochen.
Träge führte er weiter seinen Weg fort, bis er das Gesicht eines Menschen entdeckte, der ihm vage bekannt vorkam. Ein Paar blaue Augen leuchtete ihm entgegen und blonde Locken wippten hin und her, als sie sich auf ihn zu bewegte. Ihre rundliche Gestalt stapfte gar selbstsicher auf ihn zu und kurz war ihm so, als ob Mathias' Mutter eine erheiterte Miene verziehen würde – doch beim zweiten Hinsehen erkannte er die dunklen Augenringe, die Falten an den Mundwinkeln und die fahle Haut, das alles nur dadurch karschiert wurde, dass Sofia sich ein mildes Lächeln auf die Lippen zwängte. Ohne es wirklich zu wollen, schaltete sich in Lukas eine Bewunderung für diese Frau ein, die bisher das Intensivste war, das er gespürt hatte. Ihr Mann lag im sterben und es war keine Frage, dass dieses Prozedere eine Qual sein musste – trotzdem lächelte sie.
„Muffin“, begrüßte Sofia Lukas und zog ihn ohne zu fragen in ihre kurzen Arme. Er musste sich enorm runterbeugen, um die überraschende Umarmung halbwegs zu erwidern. Auch wenn ihm kein bisschen danach war.
„Schön, dass du da bist.“
„Hm. Eigentlich wollte ich ni-“
Mit einer Geste, die dem Wegwerfen eines zerknüllten Papier glichs, schnitt die Ältere ihm das Wort ab.
„Jetzt sag nichts, okay? Du bist jetzt hier und das hat seinen Grund. Komm nun.“
Leicht perplex von dieser Reaktion geriet Lukas kurzzeitig in eine Art Starre, aus der sich jedoch relativ schnell wieder löste und ohne einen weiteren Ton von sich zu geben, folgte er Sofia, die zielstrebig vorgegangen war.
Dass dabei sein Nacken prickelte, ihm heiß und kalt zugleich und ihm übel wurde, ignorierte Lukas wie jedes Mal.

Ich saß an seinem Bett. Die Laken waren so weiß, dass die Farbe meines eigentlich auch weißen Hemdes eher einem gelbton glich. Kurz betrachtete ich den Stoff um meinen Arm herum, wandte meine Augen dann wieder zu dem Gesicht meines Vaters. Stark hoben sich seine Wangenknochen aus seinem restlichen Gesicht hervor, das schon seit ein paar Tagen kaum mehr eine gesunde Färbung besaß. Die Haut diesen Mannes war enorm bleich geworden und die gesamte Muskulatur war so eingefallen, dass man ihm den Tod schon ansehen konnte. Ich musste schwer schlucken.
Mit dem Vorhaben, meinen Stuhl leise näher an das Bett zu schieben, erhob ich mich halb von der Sitzfläche und griff nach dem kalten Holz, aus dem das Mobiliar bestand. Die Kühle setzte sich umgehend an meine Fingerspitzen. Mit einem Ruck zog ich die Beine des Stuhles über den Boden, was ein gewaltiges, kratzendes Geräusch erzeugte. Minimalst zuckte ich von diesem Laut zusammen, ließ mich langsam wieder auf meinen Hintern sinken und ergriff die Hand meines Vaters, die so knochig geworden war, dass seine Knöchel heraus stachen. Sanft strich ich mit meinen Fingerkuppen über seine raue Haut und stützte mich mit den Ellenbogen auf meinen Beinen auf.
Schon seit zwei Stunden saß ich hier. In der Zeit war nur eine Schwester herein gekommen, um die Werte zu prüfen und sich bei mir zu erkundigen, ob ich irgendetwas brauchte. Ich hatte das außergewöhnlich nett gefunden, aber erwidert, dass er mir an nichts fehlte. Was das betraf, war es natürlich eine große Lüge gewesen; mir fehlten die Gespräche mit meinem Dad. Er konnte seit letzter Woche nicht mehr sprechen, da seine Atmung nicht mehr vernünftig funktionierte und von den Versuchen, mit irgendwem zu kommunizieren, bloß schmerzhafte Hustenanfälle bekam. Und mir fehlte Lukas. Selbst nach den zwei Wochen tat es noch verdammt weh. Ich hatte gehofft, dass die Distanz und Zeit es ein klein wenig lindern und die Schuldgefühle einigermaßen tilgen würde, doch stattdessen kam es mir so vor, als ob alles noch wesentlich schlimmer geworden war. Oft genug lag ich nachts wach und konnte nicht schlafen, nur, weil mich die Gedanken an ihn wach hielten. Und dann kam ich übermüdet ins Krankenhaus, wo mein sterbender Vater auf mich wartete. Doch das alles waren Informationen gewesen, die die Krankenschwester nichts angingen und weswegen ich sie für mich behalten hatte.
Die Vorhänge waren nicht zugezogen, was dafür sorgte, dass man eine schöne Aussicht auf den kleinen Garten des Krankenhauses hatte, in dem große, breit wuchernde Eichen standen, die sich langsam begannen, für den Herbst vorzubereiten. Täglich regnete es mindestens drei Mal ein Schauer roter und gelber Blätter, die filigran in Richtung Boden segelten und die gütige Wirkung mit sich trugen, einen wenigstens für drei, vier Sekunden dieses beschissene Desaster vergessen zu lassen. Vereinzelt zwitscherten ein paar Vögel ihre Lieder oder schrien über den Himmel hinweg ihre Reise in den Süden hinaus, wo die Wärme und der Sommer wartete. Hier in Dänemark kamen mir die Winter zwar nicht so kalt vor wie in Norwegen, aber ich konnte nachvollziehen, wieso sie diese lange Reise antraten. Am liebsten würde ich auch einfach nur die Koffer packen und verschwinden. Dieser Drang war an manchen Tagen sogar so stark, dass ich ein paar Mal angefangen hatte, wahllos Klamotten aus meinem Schrank zu ziehen und in einen Koffer zu werfen, den ich dann doch nie gänzlich füllen würde. Wohin sollte ich auch schon? Ich wollte nach Norwegen zurück, auf jeden Fall. Aber in mir saß eine Angst, die mich daran hinderte und sonst wünschte ich mir momentan nicht, woanders zu sein. Zudem hielt mich hier die Pflicht als Sohn, der für seinen Vater da sein musste.
Sanft drückte ich seine Hand und beugte mich näher an seine schmale Gestalt heran. Auf die Bettdecke wurde dabei ein länglicher Schatten von mir geworfen.
„Papa?“, fragte ich vorsichtig und neigte leicht den Kopf.
Mir war klar, dass es ein fruchtloser Versuch war, ihn wieder zu einem Gespräch zu bewegen; körperlich war er dazu schlichtweg nicht mehr in der Lage. Aber irgendetwas in mir trieb mich dazu, es wenigstens noch einmal zu probieren.
„Hm, ich sollte wohl keine Antwort erwarten, eh?“
Ich konnte über meine eigenen Worte bloß den Kopf schütteln. Trotzdem sprudelte es weiter aus mir heraus.
„Ich kann echt nicht glauben, wie das hier alles gerade ist. Weißt du, es kommt mir so... unwirklich vor. Als würde ich jeden Moment aufwachen, mir die Augen reiben und denken, was für ein komischer Traum das doch war.
Aber leider ist das kein Traum, so sehr ich mir das auch wünsche.“ Ich lachte trocken auf.
„Und das tu ich echt oft genug. Mama und ich haben schon darüber geredet, was passiert, wenn es zum Schlimmsten kommt. Ich würde bei ihr bleiben, also, wieder nach hause ziehen. Sie hat zwar gesagt, sie würde es alleine schaffen, aber das glaube ich nicht. Es muss doch total hart sein, den Menschen zu verlieren, den man sein halbes Leben geliebt hat, oder? Bei mir ist es ja nicht anders.“
Mein Blick wanderte zum Boden und meine Schultern sackten leicht nach unten. Ich empfand tatsächlich das Gleiche – nur, dass es bei mir auf einer anderen Basis stattfand. Meine Mutter verlor den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt hatte. Ich verlor den Mann, zu dem ich seit klein auf hinauf geblickt und unglaublich respektiert hatte. Hinter meinen Augäpfeln baute sich ein unangenehmer Druck auf, den ich schnell weg blinzelte und verdrängte, indem ich meinen Wortschwall fortführte.
„Bisher war das Leben echt nett zu mir und hat mir harte Schicksalsschläge relativ erspart. Na ja...“ Ich klappte meinen Mund zu und schloss die Augen. Eine Sache war da, die mich belastet und ich ihnen nie erzählt hatte. Nur einer Person. Und das war Lukas gewesen. Unvermittelt meldete mein Bauchgefühl sich, das sich schon seit längerem im Ruhemodus befunden zu haben schien. Ich spürte, wie es mich dazu antrieb, auch endlich ihm davon zu erzählen. Über meinen Nacken lief ein kalter Schauer, trotzdem begann ich: „Auch wenn du mir jetzt nichts dazu sagen kannst, Papa... ich würd dir gern was erzählen. Ist vielleicht auch besser, wenn du nicht reden kannst.“ Meine Hand zitterte leicht, als ich mir durch die Haare fuhr.
„Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnern kannst, aber vor zehn Jahren, da bin ich doch auf dieser Party gewesen und bei der Heimfahrt, da... da habe ich diesen Unfall gebaut.
Irgendwie glaube ich, dass ihr schon immer gewusst habt, dass ich euch nicht alles erzählt habe, weswegen es dich vielleicht jetzt auch gar nicht überrascht, was ich sage. Also, der Mann... ich habe ihm nicht sofort geholfen.“
Vor meinem inneren Auge flimmerten ungewollt die Bilder auf, die sich unweigerlich in mein Gedächtnis gebrannt hatten. Blut. Ein verdrehter Arm. Die tiefen, zerkratzten Beulen im Auto. Das Blaulicht des Krankenwagens. Hastig kniff ich meine Augen zusammen, dass meine Wangen leicht zu pochen begannen.
„Ich hab zwar geschworen, dass ich ihm sofort geholfen habe, aber das war gelogen. Ich bin erst mal wie ein feiger Idiot davon gefahren, habe mich dann aber auf halber Strecke um entschieden. Und heute... heute bin ich auch stolz darauf, dass ich mich dem gestellt habe“, sagte ich, während ich auf die blassen Lider meines Vaters blickte, die leicht zuckten. Das gab mir den Anlass dazu, zu denken, dass er entweder träumte oder mir doch irgendwie zuhörte. Ich konnte nicht genau sagen, was mir jetzt lieber war. Ein Vogel schrie ungewöhnlich laut. Ich reagierte kein bisschen darauf, da sich meine ganze Konzentration auf den jetzigen Moment fokussierte.
„Lange habe ich totale Probleme damit gehabt. Selbst heute mach ich mir fast in die Hose, wenn ich in ein Auto steigen muss. Jeden Tag fährt Mama mich hier hin und das ist echt die Hölle. Aber ich kriegs hin“, an der Stelle musste ich grinsen, welches jedoch nach einigen Sekunden wieder von meinen Lippen verblasste, „das habe ich allerdings jemanden zu verdanken.
Ehrlich gesagt gibt es da mehrere Dinge, die ich dir mitgeteilt habe. Zu viele.“
Noch mehr sank ich in mich zusammen und umklammerte nun mit der anderen Hand auch den Arm meines Vaters, der sich überhaupt nicht geregt hatte. Die Maschinen waren neben den Tierlauten von draußen die einzigen Laute, die den Raum erfüllten.
Ich presste meine Lippen zusammen und versuchte, mehr und mehr gegen den Druck anzukämpfen, der nun auch wie ein Kloß in meinem Hals steckte.
„Wieso jetzt eigentlich?“, meine Stimme hatte angefangen, leicht zu beben.
„Wieso muss das jetzt passieren? Vor ein paar Monaten war alles noch in Ordnung.
Mama und du, ihr wart sogar noch bei uns. Wieso habt ihr mir nicht später gesagt, dass du krank geworden bist? Warum, Papa?“
Erneut strich ich mit meiner Hand durch meine blonden Strähnen. Jedoch verkrampfte ich mich so dabei, dass sich meine Fingernägel in meine Kopfhaut krallten. Mein Blick wanderte zur Decke und ich holte tief Luft, um der Traurigkeit, die in mir aufstieg wie bittere Galle, Einhalt zu gebieten.
„Ich hatte vor gehabt, euch noch so vieles zu erzählen.
Zum Beispiel, dass ich gelernt habe, wie ein paar finnische Gerichte gehen. Auch, wenn man die echt nicht essen will, irgendwie fand ichs cool.
Oder, dass Alfred mir gesagt hat, dass ich gute Chancen darauf habe, komplett in die Feuerwehr aufgenommen zu werden. Obwohl... ich glaube, das kann ich mir in die Backen schmieren, wenn ich jetzt hier bin anstatt in Norwegen.
Und vor allem...“ Mein Herz pochte so laut, dass ich dachte, dass man es im ganzen Zimmer hören müsste, doch als ich genauer lauschte, ob dies auch der Fall war, konnte ich bloß das Piepen der Maschine vernehmen, die die Lebenszeichen meines Vaters angaben.
Nicht, dass ich Angst vor diesem Moment gehabt hatte. Ich hatte schon von Anfang an vor gehabt, meinen Eltern von meiner Beziehung(die nun ja leider nicht mehr existierte) zu erzählen, doch zu Beginn hatte Lukas etwas dagegen gehabt und danach hatte ich es schlicht und weg vergessen. Es war für mich zur Normalität geworden, dass jeder wusste, dass Lukas und ich ein Paar waren. Da meine Eltern sich nicht mehr großartig gemeldet hatten, war es in meinem Verstand ganz hinten in eine Ecke gerückt, die ich bis jetzt nicht mehr angerührt hatte.
„Am liebsten hatte ich dir noch sagen wollen, dass ich glücklich gewesen bin.
Du hast mir doch oftmals gepredigt, dass jeder Mensch ein Puzzlestück ist und man nur sein anderes, passendes Teil finden muss, oder? Und tja, was soll ich dir sagen... das habe ich getan. Und zwar in Lukas.“
Kurz war mir, als ob sich irgendein Muskel bei meinem Gegenüber geregt haben musste, doch da schien mir mein Verstand einen Scherz gespielt zu haben. Ich seufzte leise und versuchte wieder, meine Mundwinkel anzuheben, damit ich wenigstens äußerlich so tun konnte, dass noch alles in Ordnung war. Irgendwie dämlich, wenn die Welt in- und um einen herum gerade in Scherben zerfiel.
„Ich habe mich in ihn verliebt. In meinen besten Freund. Und als wir zusammen gekommen waren, das war total... komisch? Keine Ahnung, jedenfalls nichts für einen Kitschfilm. Er hat mich davor geärgert, indem er mich provoziert hat. Aber diese Zeit, die ich mit ihm hatte, war verdammt schön gewesen. Und ich finds scheiße, dass sie zu Ende ist“, murmelte ich. „Doch lieber bin ich hier bei dir und bleib bei dir, bis alles hier zu Ende ist. Lukas und ich... das kann irgendwann vielleicht wieder werden. Aber dich sehe ich ja dann nie wieder.“
In meine Augen stiegen kleine Tränen, die ich mir verstohlen wegwischte. Ich hatte die ganzen zwei Wochen nicht geweint, also sollte ich es jetzt auch nicht tun. Mein Vater sollte nicht sehen oder hören, wie ich vor ihm hier wie ein kleines Kind heulte.
Aber an sich war es sein kleines Kind, das bei ihm saß und um Fassung rang.
„Ich kann es nicht glauben. Ich... ich will das auch gar nicht.“ Ohne es zu wollen entwich mir ein erstickter Laut.
„Wie soll ich denn bitte alles ohne dich hinkriegen?
Papa“, ich umgriff seine Hand fester und biss mir kräftig auf die Lippe, damit zu endlich aufhörte, so dumm zu zittern. „Du hast mir immer gezeigt, wie alles geht.
Ich habe mir immer ein Beispiel an dir genommen. Die Welt gesehen, wie du sie siehst, weil es einfach schön so ist.
Du hast mich zwar manchmal richtig heftig angemault, aber... wer weiß, vielleicht hab ich das da ja auch gebraucht. Du hast mir immer das gegeben, was ich gebraucht hab, Papa.“
Wenn ich in einen Spiegel gesehen hätte, hätte ich das verdächtige Schimmern in meinen Augen sofort gesehen und mich selbst verflucht, dass ich es so weit kommen ließ. Jedoch gelang es mir immer weniger, die Traurigkeit nach hinten zu drängen und so zu tun, als ob ich das hier aushalten würde. Es war wie ein Amboss, auf dem sich nochmal unendlich viele Gewichte stapelten, der auf meiner Seele und meinem Kopf lastete und von Tag zu Tag schwerer wurde.
„Ich habe es so satt, jeden Tag hier zu kommen und dich so zu sehen. Ich will echt nicht mehr. Und Mama kriegt es langsam auch nicht mehr auf die Reihe. Die Ärzte halten uns mit Sachen hin wie 'Er wird es bald überstanden haben' oder 'Es dauert nicht mehr all zu lange', aber ich glaube, die lügen uns nur an, damit wir ihnen nichts vorheulen. Du liegst hier nun schon seit bald einem Monat und es wurde nur noch schlimmer. Ich bin froh, dass ich dich noch sehen konnte, wo es dir halbwegs in Ordnung ging und wir uns unterhalten konnten. Du hast mir in den letzten Wochen noch so einiges gesagt, wofür ich verdammt dankbar bin. Na ja, und ich... ich komm natürlich erst jetzt wieder mit dem Scheiß, den ich dir schon vorher lange sagen wollte.“
Ich spürte die Feuchte auf meinen Wangen kaum. Ich merkte nur, wie etwas meine Haut hinunter rann, doch es interessierte mich nicht. Ob es eine Träne war, ob es drei oder vier waren. Mein Fokus, meine ganze Welt, lag jetzt nur bei meinem Vater.
„Ich pack das einfach noch nicht, Papa. Ich bin zwar schon erwachsen, aber irgendwie bekomm ich einiges einfach nicht hin. Ich bin noch nicht dazu bereit, dass du gehst“, gestand ich, während meine Stimme begann, dezent zu entgleisen. Ein Laut, der einem Schluchzen ähnelte, unterbrach mich kurz und ich brauchte einige Sekunden, um mich wieder einigermaßen zu fassen.
Ich weinte nicht schnell und schämte mich auch nicht, wenn es passierte, aber gerade, in diesem Augenblick, verdammte ich mich dafür. Ich hatte mir geschworen, dass ich nicht weinen würde, bis es vorbei war. Und jetzt saß ich hier, die salzigen Tropfen aus meinen Augen laufend und kam mir hilfloser vor als je zuvor.
„Du sollst mich nicht allein lassen, bitte. Ich pack das nicht“, schluchzte ich, während ich mir wütend mit einer Hand über die Wangen strich.
Es war so untypisch für mich, so etwas zu sagen. Doch in mir löste sich einfach nicht das Gefühl, dass ich es wirklich nicht schaffte. Diese Zweifel waren es unter anderem, die mich dazu brachten, in solch einen gebrochenen Zustand zu verfallen. Und ich wollte, dass er es wusste. Dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht der erwachsene Mann war, der sonst jedem entgegen lächelte, sondern ein Sohn, der seinen Papa schrecklich vermisste, obwohl er gerade dessen Hand hielt.
„Papa“, das Wort war kaum noch zu verstehen, so sehr erstickt klang meine Stimme.
Mein Sichtfeld war total verschwommen und in meinem Kopf pochte es so heftig, dass ich glaubte, nur mit geschlossenen Augen das hier wirklich ertragen zu können. Das Einzige, was ich hörte, das Schlagen meines Herzens, das viel zu schnell ging. Und das Dröhnen des Blutes in meinen Ohren.

Vielleicht hörte ich deswegen nicht, wie sich die Tür öffnete. Vielleicht aber auch nur, weil ich es nicht hören wollte. Momentan war ich in meiner eigenen, kleinen Blase, die nur meinen Vater und mich beinhaltete. Es sollte keiner die Frechheit besitzen, uns zu stören.
Ich haderte mit mir, ob ich mich umdrehen sollte. Doch in mir sagte nichts, was ich tun sollte und was nicht. Die Tränen flossen unaufhörlich und ich schluchzte immer wieder auf. Worauf ich mich im Moment nur richtig konzentrieren konnte, war das weinen. Mir war bewusst, dass es absolut nicht zu mir passte. Aber es war ein totaler Zusammenbruch von mir, den ich nicht verhindern konnte.
Langsam wandte ich meinen Kopf nach hinten; vollkommen gleich, wer da auch stehen würde. Wahrscheinlich war es nur wieder eine Schwester, die die Werte kontrollieren wollte.
Mein Blick wanderte von einem Paar sandverkrustete Chucks hoch zu einer feinen, dunkelgrauen Hose, über der ein hellblaues Hemd lag, das den Oberkörper der Person umhüllte, von der ich am wenigsten glauben konnte, dass sie tatsächlich da war.
Doch es waren die Augen, die mich direkt ansahen, die ich seit zwei Wochen nicht mehr aus meinem Kopf bekommen konnte. Die ich vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. In die ich mich vor mehr als einem halben Jahr mehr als verliebt hatte.
„Lukas.“
Als ob das Nennen seines Namens einen Schalter in ihn betätigt hätte, löste sich seine schmale Gestalt aus dem Türrahmen und kam auf uns zu. Durch den Tränenschleier vor meinen Augen konnte ich nicht richtig erkennen, was er tat, doch als ich das Geräusch eines heranrückenden Stuhles vernahm und seine enorme Körperwärme neben mir spürte, wusste ich, dass er irgendetwas im Bezug mit meinen Vater tun wollte.
Sanft wurde eine Hand von mir zur Seite geschoben und ich verfolgte stumm, wie Lukas seine zierlichen Finger auf den Handrücken des Kranken legte.
Wie eine Melodie, die immer als Ohrwurm in meinem Kopf gewesen war, erklang seine Stimme.
„Schön, dich wiederzusehen.“
Mehr sagte er nicht. Es war nur das, was er mit seiner melodischen Stimme sprach.
Doch das genügte, dass ich wieder von einer Flutwelle von Traurigkeit übermahnt wurde und mir heftig auf die Lippe biss, damit ich nicht wie ein kleines Kind in einen Schluchzanfall verfiel.
In meinem Kopf drehten sich unendlich viele Gedanken. Was tat er hier? Wieso sagte er das? Wieso hatte er mir noch keine Ohrfeige gegeben?
Ich an seiner Stelle hätte das getan. Mehr als einmal.
Als seine dunklen Iriden sich auf mich richteten, spannte ich unweigerlich alles in mir an, doch ich wagte es nicht, auch nur einen Zentimeter an ihm vorbei zu sehen.
„Was tust du hier?“
Ohne mir auch nur ansatzweise zu antworten, erhob Lukas sich und steuerte die Tür an. Nur ein kleines, fast unmerkliches Winken deutete mir, dass ich ihm folgen sollte. Kurz blickte ich unschlüssig auf seinen Rücken, bis ich schließlich nochmals die Hand meines Vaters drückte und ihm nacheilte.

Draußen auf dem Flur erleuchteten nur die kahlen Deckenlampen die Umgebung. Doch diese waren zu diesem Zeitpunkt nicht eingeschaltet, weswegen das Gesicht meines Exfreundes in Zwielicht getaucht war.
Ich fühlte mich mehr als unwohl. An sich wollte ich bloß fliehen und nicht hören, was er da sagte. Aber der Ausbruch von vorhin saß mir noch zu tief in den Knochen, als dass ich jetzt alleine irgendwo sein konnte. Zudem wollte ich wissen, was er hier machte. Ich kannte Lukas gut genug um zu wissen, dass er nicht ohne Grund einfach irgendwo hin ging. Und in diesem Fall sogar flog.
Für einen kurzen Moment verlor ich mich in der Musterung meines Gegenübers – ich hatte ihn ganze zwei Wochen nicht mehr gesehen und es war, als ob ich auf Entzug gewesen wäre und nun die volle Dosis wieder bekommen würde. Sein Duft schlug mir intensiver denn je entgegen und auch seine Haarfarbe erschien mir heller, als sie mir bisher jemals vorgekommen war. Beinahe war es, als ob ich ihn zum ersten Mal sehen würde – trotzdem herrschte das Gefühl der Vertrautheit vor.
Und obwohl er mir hübsch wie immer vorkam, entgingen mir die müden Augen und der angespannte Ausdruck in seinem Gesicht nicht.
„Luke, was machst du hier?“, wiederholte ich.
Keine Antwort.
Mir wurde noch mulmiger zumute, trotzdem zwang ich mich, meine Lippen wenigstens ein wenig zu verziehen.
„Du wolltest wohl-“
Mit einer knappen Geste schnitt Lukas mir das Wort ab.
„Red nicht weiter, sonst könnte das böse enden.“
„Wie...?“
„Was denkst du, weswegen ich hier bin?“
Ganz unvermittelt traf mich diese Frage, weswegen ich keine genaue Antwort wusste. Suchend huschten meine Augen hin und her.
„Ich... ich würde glatt behaupten, um mir den Hintern aufzureißen?“
Ich versuchte, einen scherzhaften Ton anzuschlagen, jedoch misslang mir das kläglich. Meine Stimme zitterte immer noch und mehr wirkte es wie ein trauriger Versuch, einen Witz bei einer Trauerfeier zu bringen.
Lukas verschränkte die Arme vor der Brust, als ob er einen Schild bräuchte. Der Stoff seines Hemdes warf an seinen Ärmeln dabei enorme Falten.
„Ja“, erwiderte er schlicht. „Das war mein Plan.“
„Luke, hör zu. Das hat seine Gründe gehabt, sonst hät ich das nie gemacht und-“
Wieder machte er diese Bewegung, dass ich meine Lippen aufeinander presste.
„Auch wenn es seine Gründe hatte“, er warf mir einen Blick zu, den ich absolut nicht einordnen konnte, „so ist es trotzdem idiotisch gewesen.“
Ich musste perplex blinzeln. „Idiotisch?“
„Ja. Das hättest du nicht tun brauchen.“
„Hä?“ Für den Moment waren die Tränen über meinen Vater vergessen; irritierte er mich viel zu sehr mit dem, worauf er hinaus wollte.
„Geistreich wie immer“, bei dem Kommentar von ihm musste ich schwach grinsen, „aber streng mal deinen Kopf an, Mathias.“
Als er meinen Namen sagte, begann dort, wo es in den letzten Wochen so schwer in mir gewesen war, ein warmes Prickeln zu entstehen, wo ich reflexartig meine Hand drauf legte.
„Ich weiß echt nicht, was du meinst, Luke.“
„Na das“, er wedelte sinnlos mit der Hand herum, was nicht wesentlich dazu beitrug, dass ich verstand, was er meinte.
Genervt verdrehte er die Augen. „Schluss machen.“
„Aber...“, verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. „Ich ziehe wieder nach hier und ich wollte keine Fernbeziehung.“
„Deine Mutter hat mir was vollkommen anderes erzählt“, entgegnete Lukas.
„Meine Mama?“
„Sie hat mich hier her gefahren.“
„Stimmt eigentlich. Wie kommst du hier her?“
„Emil.“
„Der ist auch hier?“
„Nein.“
„Dann...-“
„Er hat mir ein Ticket gekauft, du Idiot“, knurrte Lukas. „Auch, wenn ich das nicht gewollt habe.“
„Ah“, machte ich, kaute dann jedoch nachdenklich auf meiner Unterlippe herum.
„Damit du mir den Arsch aufreißen kannst“, schlussfolgerte ich aus dem, was er mir da gerade mitgeteilt hatte.
„Genau.“ Ich hörte, wie Luks tief Luft holte und ich bereite mich innerlich schon mal darauf vor, gleich die größte Standpauke meines Lebens zu bekommen.
Es vergingen einige Herzschläge, bis er endlich seine Stimme erhob. Und stattdessen der schimpfenden Worte, die ich erwartet hatte, spürte ich, wie er mit einer Hand vorsichtig meine Wange berührte und leise murmelte: „Du bist der dümmste Mensch, den ich kenne.“
Ich konnte nicht anders. Ich schaffte es einfach nicht, anders zu reagieren. Ich wusste nicht, ob es die plötzliche Nähe war oder das, was er zu mir gesagt hatte, aber ich hatte ihn schneller in eine innige Umarmung gezogen, als ich gucken konnte. Fest presste ich seinen schmalen Leib an mich und sog tief den vertrauten Duft von ihm ein, der mir für wenige Sekunden die Illusion gab, zu Hause im Café zu sitzen und von der Zukunft zu träumen, die wir beide gemeinsam haben würden, so albern das auch war.
„Wieso?“, murmelte ich in seine Kleidung hinein, die meine Stimme dämpfte. „Wieso soll ich der dümmste Mensch sein, den du kennst?“
„Weil du das alles alleine schaffen willst, Dummkopf“, erwiderte der Norweger, während er schlaff seine Arme um mich legte. „Und du das gar nicht brauchst.“
„Du bist nicht sauer auf mich, Luke?“
„Doch. Ungeheuerlich.“
„Wieso machst du das dann?“
Die Angst, dass er oder ich mir hier gerade falsche Hoffnungen machte, wuchs von Herzschlag zu Herzschlag an, verschwand jedoch mit dem, was er gegen meine Brust nuschelte. „Weil du Hilfe brauchst und ich für dich da bin, kapiert?“
Es war, als ob diese eisige Starre, die in mir vorgeherrscht hatte, sich endlich beginnen würde, leicht zu lösen. Nicht, dass sie komplett weg schmolz und alles wieder gut war – das funktionierte nur im Film. Aber es vermittelte mir das Gefühl, dass alles besser werden würde. Auch, wenn es nur ein Stückchen war.
„Danke“, flüsterte ich, während sich ein kleines Lächeln auf meinen Mund schlich.
Lukas machte irgendeinen unverständlichen Laut, den ich jedoch nur als positiv auffasste und ihn noch fester an mich drückte.
„Sind wir wieder zusammen?“, fragte ich ohne zu zögern.
Erst erhielt ich keinerlei Antwort.
„Ich weiß es nicht“, murmelte er schließlich. „Ich bin echt angepisst.“
„Mhm... und wenn ich es wieder gut mache?“
„Und wie?“
„Ich sage dir mindestens drei Mal am Tag, wie sehr ich dich liebe, gebe dir den besten Sex, den du je hattest und mache dir einen Monat lang Frühstück. Deal?“
„Mehr hast du nicht zu bieten?“
„Ich könnte noch drauf legen, zwei Mal in der Woche zu kellnern, aber dann stirbt das Geschirr vielleicht...“
„Oh nein, lass das mal. Gegen Ende hast du mir die Hälfte des Geschirrs zerstört.“
„Sag ich doch.“
Lukas hob sein Gesicht an und ich konnte erkennen, wie dieser Schimmer in seine Iriden getreten war, den ich vorher so sehnlichst vermisst hatte.
„Versprich mir nur eins“, begann er langsam. „Dass du nie wieder so eine unglaubliche Dummheit machst.“
„Versprochen“, grinste ich.
„Ich muss mir aber noch überlegen, ob das mit uns so ein guter Plan ist.“
„Egal! Ich bin grad einfach nur glücklich, Luke!“
„Hmpf.“
„Komm“, ich trat einige Schritte zurück und erlöste ihn aus meiner Umarmung – allerdings nur, um dann nur nach seiner Hand zu greifen und ihn hinter mir her zurück in das Zimmer zu ziehen.
Ich wollte es meinem Vater zeigen, auch wenn er nicht mehr richtig bei Bewusstsein war. Ich wusste einfach, dass er es mitkriegen würde.
Mit einer schwächeren Version von meinem Grinsen trat ich näher an das Bett heran – dabei zog ich Lukas mit mir runter – lehnte mich näher an das Gesicht meines Vaters und lächelte: „Papa? Ich bin glücklich.“
Mehr wollte ich ihm nicht sagen. Stattdessen hob ich die verschränkten Hände von Lukas und mir direkt vor seine Nase und grinste ein: „Siehst du?“

Ich hörte das Piepen erst nicht. Oder ich hielt es für ein Geräusch von draußen. Doch dann, nach einigen Sekunden, erreichte es gänzlich mein Trommelfell und als mein Blick den Bildschirm der Maschine erreichte, auf der die Lebenszeichen meines Vaters angezeigt wurden, verkrampfte sich mein Herz, als ich diese nicht zuckende, grüne Linie sah, die von einem ungeheuren schrillen Ton begleitet wurde.
Erneut stiegen mir Tränen in die Augen, ohne, dass ich etwas dagegen ausrichten konnte. Dieses Mal liefen sie unkontrolliert über mein Gesicht, wurden allerdings nicht von Schluchzern untermalt. Ich spannte kräftig meine gesamte Muskulatur um den Mund herum an und hielt mich krampfhaft an Lukas Hand fest, die mir als einzige Sache erschien, die mir gerade Halt gab.
Kaum nahm ich war, wie er einen Arm um meine Schulter legte und mir mit sanfter Stimme zu redete. Es war nicht viel. Bloß „Es tut mir leid“ oder „Wein doch nicht so...“, aber es war auch nur der Klang seiner Stimme, der dazu beitrug, dass ich nicht komplett zusammen klappte.
Schnell schloss ich die Augen und lehnte meinen Kopf gegen den Scheitel des Menschens, den ich liebte.
„Er ist tot“, hauchte ich.
„Es tut mir leid, Mathias.“
„Mir auch. Aber er... hat... er hat es geschafft.“
„Ja.“
Nur dadurch, dass Lukas seinen Kopf so neigte, merkte ich, dass ihm irgendetwas aufgefallen zu sein schien.
„Mathias?“
„Hm?“, machte ich leise.
„Dein Vater... hat er eben schon gelächelt?“
Ich öffnete die Augen. „Nein.“
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