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Das Meer, die Geige und Du

von SoundSky
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dänemark Finnland Norwegen Schweden
08.05.2013
09.03.2014
43
223.870
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Dieses Kapitel
7 Reviews
 
08.05.2013 7.153
 
Lukas,

Es tut mir leid.
Ich habe nie gedacht, dass ich dir mal einen Brief schreibe. Ich bin nicht so der Typ dafür. Ich finde es viel zu schwülstig, kitschig und... ach Gott, ich kann sowas echt nicht. Es tut mir so leid.
Wenn ich dir denn mal einen Brief geschrieben hätte, dann ganz bestimmt nicht so einen. Wollen tue ich es nicht. Ganz und gar nicht. Meine Hand zittert hier gerade beim schreiben und ich kann es kein Stück unterdrücken(das siehst du wahrscheinlich an meiner krakeligen Schrift. Aber du beschwerst dich sowieso immer, dass ich unleserlich schreiben würde.)
Ich glaube, du hast keine Ahnung, warum ich das hier mache. Um ehrlich zu sein: Ich habe es auch nicht. Aber ich fühle, dass ich es machen muss, weil ich nicht so egoistisch sein und etwas Unmögliches von dir verlangen kann. Das hast du einfach nicht verdient, weißt du? Du sagst doch sowieso oft genug, dass du ohne mich besser dran wärst. Nicht, dass ich dir das glaube...
Siehst du, ich kann das echt nicht. Ich rede jetzt schon wieder um den heißen Brei herum. Ich komme jetzt zum Punkt, weil ich es hasse, so unnötig drum herum zu reden.
Das, was du jetzt liest, tut mir ungeheuer weh zu schreiben. Lukas, ich gehe fort von hier.


Auch wenn eine Unmenge von Menschen sich in der Halle befanden, nahm ich kaum ein Geräusch um mich herum war. Es war schon ein riesiger Zufall, dass ich gegen keine Person stieß, die – ihren Koffer hinter sich her ziehend – vor mir her gingen und sich mit einem Lächeln auf den Lippen unterhielten, das mir viel zu falsch für meine derzeitige Situation vorkam. Aber was sollte ich schon großartig sagen? „Hey, lächelt nicht, weil ich mich scheiße fühle“? Anderen konnte ich es ja nicht verbieten. Doch für mich fühlte es sich so an, als ob meine gesamte Gesichtsmuskulatur eingefroren und nicht mal ansatzweise dazu in der Lage wäre, je wieder aufzutauen.
Allerdings war dies nicht nur in meinem Gesicht der Fall – mein kompletter Körper fühlte sich eiskalt und starr an, obwohl ich dick eingepackt in meinen schwarzen Hoodie und einer dunkelgrauen Winterjacke war.
Von einigen Menschen wurde mir ein schiefer Blick zugeworfen, weil ich gerade eben so herum lief, doch es ging mir mehr als am Arsch vorbei. Ich hatte nicht mehr frieren, nicht mehr dieses wärmelose Ziehen in meinen Gliedern verspüren wollen.
Jedoch war mein Versuch, etwas dagegen zu unternehmen, nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Ich bibberte noch am ganzen Leib. Das hatte ich den ganzen Flug über.
Die Ansagerin des Flughafens sprach eine Nachricht durch den Lautsprecher hindurch, woraus resultierte, dass ich wegen des lauten Echos leicht zusammen zuckte und kurz von einer Irritation ergriffen wurde, die eigentlich mehr als seltsam war. Das, was sie sprach – oder eher, die Sprache, die sie verwendete – war mir mehr als über fünfundzwanzig Jahre vertraut. Wieso verwirrte es mich plötzlich so sehr?
In Ordnung, eigentlich existierte ein plausibler Grund. Er war genau genommen sogar mehr als plausibel; trotz allem erschien es mir viel zu absurd, dass knapp zwei Jahre Aufenthalt in Norwegen mein Gehör auf Dänisch so enorm umgestellt hatten. Diese beiden Sprachen ähnelten sich sehr – bloß war die Aussprache der Knackpunkt. Und komischerweise war es auch genau das, was mich dezent irritierte.
Ohne es richtig zu bemerken, war ich zum Stehen gekommen und schaute zur Decke der Flughafenhalle, die von zahlreichen grellen Lampen geziert wurde, die zu dieser Tageszeit jedoch nicht benötigt wurden.
Das Licht der nachmittäglichen Septembersonne schien in einem angenehmen Winkel in das Gebäude herein – das Licht fächerte sich in einer ungeheuren Breite, dass die Schatten der Menschen, die mal im Eiltempo, mal gemächlich, ihre Wege gingen, in die Länge gezogen wurden. An einigen Punkten vermischten sich die dunklen Silhouetten für einige Herzschläge, bis die Besitzer wieder zu weit auseinander waren, damit ihre Schatten in Kontakt bleiben konnten.
Meine Augen wanderten wie von selbst hinunter zu meinem schwarzen Spiegelbild, das gerade von drei anderen gekreuzt wurde. Ich wusste nicht, warum es geschah. Ich wusste nicht mal, warum dem so war, aber dieser Anblick löste in mir eine Niedergeschlagenheit aus, die mich für einen flüchtigen Moment die Augen schließen ließ, in der Befürchtung, dass mir ein weinerlicher Laut entfahren konnte. Gott sei Dank blieb ich still; nur der Lärm in der Halle nahm noch um einige Dezibel zu.
„Wölkchen?“
So plötzlich, wie ich den Kosenamen meiner Mutter für mich hörte, jagte sie mir einen enormen Schreck ein und ich fuhr wie von der Tarantel gestochen herum. Es war, als bräuchte mein Gehirn einige Sekunden, um wahrlich zu registrieren, dass sie wirklich vor mir stand.
Die blonden Locken meiner Mutter waren zu einem kleinen Knoten gebändigt, aus dem vereinzelt ein paar Strähnen sprangen und ihre farbenfrohe Kleidung fiel einem unverzüglich ins Augenmerk. Doch war ihre Miene absolut nicht passend zu dem, was sie trug.
Ihre blauen Augen machten einen müden und matten Eindruck – dunkle Ringe zeichneten sich unter ihren Lidern ab und ihre gesamte Mimik wirkte total angespannt. Doch wieder einmal schaffte meine Mutter es, mich in Erstaunen zu versetzen, indem sie ein (eine abgeschwächte Version) glückliches Lächeln auf ihren Lippen aufleuchten ließ und mich mit einem „Du bist da! Ich habe dich vermisst, mein kleiner Junge!“ in ihre warmen, vertrauten Arme schloss.
Augenblicklich ließ ich meine Tasche zu Boden fallen und ging leicht in die Hocke, wobei meine Kniegelenke wegen des langen sitzens ein lautes Knacken von sich gaben. Fest drückte ich sie an mich und sog den Geruch ein, der für mich Sicherheit und Geborgenheit bedeute.
„Ich dachte, du würdest sehr viel später kommen“, hörte ich die Stimme meiner Mutter an meinem Ohr. Sie klang ein wenig brüchig.
„Ich habe den ersten Flug genommen, den ich kriegen konnte“, erwiderte ich, um gleich darauf in Schweigen zu verfallen.
Für eine gefühlte Ewigkeit standen wir so da. Arm im Arm, kein Wort mehr miteinander sprechend. Die Momente, wo wir beide mal still waren, waren äußerst selten, weswegen es mir auch etwas surreal erschien. Doch es war nicht nur das; alles kam mir so fremdartig und vollkommen falsch vor, dass ich dachte, jeden Moment neben Lukas im Bett aufwachen zu müssen. Er würde mir einen genervten Blick zuwerfen, sich auf die Seite rollen und mich mit einem „Sagst du noch ein Wort, kannst du heute Nacht bei dir schlafen“ zum schweigen. Trotzdem würde ich lächeln müssen und mich an ihn kuscheln. Aber das würde nicht geschehen. Ich spürte, wie ein schmerzvolles Stechen mein Herz verkrampfen ließ.
Als sie sich schließlich von mir löste, bedachte mich meine Mutter mit einem gleichermaßen glücklichen und traurigen Blick.
„Komm, wir bringen deine Sachen nach hause und dann können wir los“, sagte sie, während sie ungefragt nach meinem Koffer griff und sich den Weg durch die Masse aus Leibern bahnte, die ihr den Weg raus aus dem Flughafen versperrten.
Ich schaute ihr für einige Sekunden nach, bis ich mich schließlich meine Tasche nahm und in Bewegung setzte.
Ich war zu Hause. Doch es fühlte sich für mich kein bisschen so an.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das tut. Oder ich kann auch nicht in Worte fassen, wie sehr ich das nicht will. Ich will bei dir sein, mit dir reden und dich berühren können, überwältigenden Sex und lustige Abende mit dir haben. Ich will in den letzten Wochen, wo der Sommer noch da ist, mit dir auf den Stufen vor dem Café sitzen und einfach nur aufs Meer schauen. Ich will deine weichen Haare anfassen können und an dieser lustigen Locke zupfen, die bei dir irgendwie immer absteht.
Okay, ich könnte diese Liste jetzt noch unendlich weiterführen, aber würde ich das tun, würde ich es niemals hinkriegen, von hier weg zu gehen oder gar deine Wohnung zu verlassen.
Ach, da fällt mir ein... hat es dir gefallen, was ich vorbereitet habe? Ich will es doch mal stark hoffen! Das war total viel Arbeit gewesen. Finde mal Heidekraut zu der Jahreszeit und kaufe gefühlte zehn Kilo Kerzen. Aber ich habe es gerne gemacht. Weißt du, ich habe mir das echt schön vorgestellt... du kommst heim, ich sitze im Wohnzimmer und übergebe dir eine Blume. Ja, ja, du wirst jetzt sicher denken „Ist das schwul“, aber hey! Wir können es uns erlauben. Dann hätten wir Kuchen gegessen und gefeiert, dass wir nun schon ein halbes Jahr ein Liebespaar sind. Ein halbes Jahr nur... es kommt mir absolut nicht so vor. Gleichzeitig viel kürzer und viel länger. Klingt komisch, oder?
Dieser Brief wird langsam etwas zu abweichend. Was ich eigentlich nur will, ist, dass du glücklich wirst. Auch ohne mich.


Wie eine Puppe stand er da. Die Arme hingen schlaff am Körper herunter, der Kopf verharrte schon seit einigen Minuten unbeweglich in einer Position und seine ohnehin schon recht leblosen Augen wirkten wie tot. Als wäre er eine Marionette, deren Spieler das Weite gesucht hatte.
Er hasste diese Zustände. Aber er konnte einfach nichts daran ändern. Sein Körper gehorchte ihm nicht, wie sehr er auch dagegen ankämpfte; doch war es in seinem Verstand auch viel zu chaotisch und verwirrend, als dass er klare Anordnungen geben könnte.
Das bezog sich nicht nur auf seinen eigenen Körper, sondern auch auf das, was sich um ihn herum abspielte. Ein paar Kellner liefen leicht orientierungslos herum – mussten sich selbst die freien Tische suchen, die abgeräumt werden mussten und selber schauen, wer bezahlen und wer bestellen wollte. Natürlich konnten sie das ohnehin schon, nur sonst waren unter Lukas' Adleraugen keine all zu langen Pausen zwischen dem Hereinkommen und Verlassen der Gäste gewesen.
Seine Lider fielen wie von selbst zu. Er sollte an sich nicht so mitten im Café herum stehen, während reger Betrieb um ihn herum war, doch er konnte es nicht ändern. Das Gefühl, wenn er auch nur einen weiteren Schritt tun würde, würden seine Beine ihn nicht mehr halten können, drohte ihn schier zu überwältigen, weswegen Lukas versuchte, tief Luft zu holen und wenigstens den Versuch zu starten, sich selbst zu beruhigen. Alles in ihm war ihm aus den Händen geglitten. Nichts unterstand ihm mehr. Er hasste es. Und noch mehr hasste er es, dass er wieder auf eine Person hereingefallen war.
Durch den unvermittelten Stoß in seinen Rücken, der Lukas von der einen Sekunden auf der anderen gegeben wurde, verlor er beinahe das Gleichgewicht und taumelte leicht nach vorne. Schnell bemühte er sich darum, wieder Balance zu gewinnen und drehte sich mit gestraffter Haltung um, als er endlich wieder fest auf beiden Beinen stand.
„Oh, Verzeihung“, sagte eine ältere Dame, die ihn aus zusammengekniffenen Augen ansah. „Ich habe dich nicht gesehen, junger Mann.“
Lukas sagte nichts. So, wie es seit fünf Tagen üblich war. Er schenkte der betagten Frau nur ein kaum merkliches Nicken und trat beiseite, damit sie sich mit ihrer Gehhilfe einen Weg hin zur Tür bahnen konnte.
„Ist dir was passiert?“, erkundigte sich eine Stimme, die links neben ihm ertönte. Aus dem Augenwinkel schielte Lukas zu Antonio, der ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte. Seine grünen Iriden schimmerten hell im Sonnenlicht, das dem Café mal wieder eine prächtige Atmosphäre verlieh. Allerdings war dieser Effekt für den Norweger seit einer kleinen Zeitspanne verloren gegangen. Die Sonne tat ihm weh. Erinnerte ihn viel zu sehr an Mathias, der immer wie ein Idiot gelächelt hatte, wenn an einem regnerischen Tag doch mal die helle Scheibe am Himmel aufgetaucht war. Lukas hatte diese Freude über olles Licht nie nachvollziehen können, aber die Antwort seines Freundes darauf war jedes Mal lediglich gewesen „Auf jeden Regenschauer folgt Sonnenschein! Das ist ein positives Omen oder Zeichen, Luke!“ gewesen, was ihn allerdings nur noch mehr irritiert hatte.
Warum sollte ausgerechnet so etwas ein gutes Vorzeichen darstellen? Es war doch nur die Sonne.
„Nein, alles gut“, erwiderte Lukas knapp, drückte sich das Tablett gegen die Brust, das er die ganze Zeit über im Arm gehalten hatte und bemühte sich, zwischen den Gästen zu der Theke zu gelangen, an der momentan keiner zum kassieren stand.
Emil hatte sich komischerweise seit ein paar Tagen freiwillig dazu gemeldet – selbst, wenn er Schule hatte. Normalerweise hatte Lukas seinen jüngeren Bruder dazu zwingen müssen, weswegen ihn diese freiwillige Bereitschaft etwas suspekt vorkam.
Aber an sich war es kein großes Rätsel, wieso er das tat. Emil wusste, was los war.
Nicht, dass Lukas es ihm erzählt hätte – das hätte er nie im Leben fertig gebracht. Aber an dem darauffolgenden Abend, an dem Lukas' Inneres komplett eingefroren war, hatte der Jüngere von ihnen den Brief gefunden, was jedoch auch keine große Schwierigkeit gewesen war. Er hatte nichts aufgeräumt. Hatte alles so gelassen, wie er es vorgefunden hatte, weshalb Emil auch der Brief nicht verborgen geblieben war. Einerseits war Lukas sich nicht sicher, ob er das gewollt hatte, aber andererseits spürte er dieses widerstrebende Gefühl in sich, dass noch jemand davon wusste, was ihn dezent verunsicherte. Trotz allem überwog die Erleichterung, dass er es vor seinem Bruder nicht verheimlichen musste.
„Lukas?“ Er hatte damals den weißen Schopf des Teenagers direkt erkannt, selbst in der Dunkelheit, die in seinem Zimmer geherrscht hatte. Ab und an war ein Blitz über den pechschwarzen Himmel gezuckt, der wenigstens für einige Sekunden Licht gespendet hatte.
„Ich komme rein.“
Lukas hatte nichts gesagt. Was er auch die folgenden Tage nicht tun würde.
Emil war zu ihm ans Bett getreten und auch, wenn er seinen Ausdruck nicht richtig hatte erkennen können, wusste er, dass er mit Bedauern und Sorge angesehen wurde.
„Alles okay?“
Nichts.
„Hm“, hatte sein kleiner Bruder gemacht und ein merkwürdiges Geräusch von sich gegeben. „Dumme Frage eigentlich.“
Die Matratze war um einige Zentimeter abgesunken, was ihm gezeigt hatte, dass sich noch eine Person aufs Bett gesetzt hatte.
Auch wenn Emil sich bemüht hatte, irgendwie mit ihm ins Gespräch zu kommen, hatte er bloß apathisch die gegenüberliegende Wand angestarrt – wie schon am Abend zuvor.
Nach einigen Minuten, die sich wie Stunden angefühlt hatten, hatte der Isländer es schließlich aufgegeben und war mit einem „Es tut mir leid. Wirklich. Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid“ aus dem Raum verschwunden.
Lukas hatte ein „Bleib hier“ auf der Zunge gelegen, doch war es ihm nicht über die Lippen gekommen. Hatte die Kraft, diese Worte auszusprechen, einfach nicht gefunden. Was wäre gewesen, wenn Emil ihm die Antwort gegeben hätte, vor der er sich so fürchtete? „Nein, ich gehe jetzt.“ Wie Mathias gegangen war.
In der Nacht hatte Lukas noch oftmals einen Druck hinter seinen Augäpfeln verspürt,  der ihm signalisierte, dass sein Körper sich bloß der schwerwiegenden Traurigkeit fügen und weinen wollte. Doch er weinte nicht. Kein einziges Mal.
Der Winter, der in ihm herrschte, würde nicht so schnell von dannen ziehen. Für den Rest seines Körpers würde es eventuell noch Hoffnung geben, aber sein Herz würde nie wieder auch nur ein kleines bisschen Wärme empfinden.
Bei dem Gedanken fasste Lukas sich automatisch an seine Brust, wo er das Pochen hinter seinen Rippen spürte. Poch. Poch. Poch. Poch. Es war schwach. Sehr, sehr schwach.
Nochmals schloss er kurz seine Augen, weswegen er nicht bemerkte, wie ihm das Tablett aus den Armen glitt und mit lautem Geschepper auf dem Boden aufknallte. Bei seinem Flug in Richtung Grund hatte es zwei Teller von der Theke gerissen, die in vielen Scherben nun zu seinen Füßen lagen. Kleine, helle Splitter, die mal Teil eines Ganzen gewesen waren.
Lukas zuckte nur leicht zusammen, als der Krach seine Ohren erfüllte, doch es genügte, dass sich das verdrängte Elend, welches er tapfer die letzten Tage weit von sich geschoben hatte, wieder an die Oberfläche kämpfte und ihn all den Schmerz spüren ließ, den er nie mehr fühlen wollte.
Leicht öffnete Lukas seine Augen. Das Sonnenlicht biss in seinen Augenwinkeln.
Er sah zu den zerbrochenen Tellern; starrte sie eine gefühlte Stunde an, bis er sich schließlich doch dazu entschloss, die Scherben aufzusammeln.
Gerade, als er sich hinhockte, spürte er, wie ihm eine Hand auf die Schulter gelegen wurde und eine vertraute Stimme, die in einer ungewöhnlich sanften Tonlage sprach, erklang: „Lukas? Lass gut sein, ich mach das schon. Geh nach oben. Leg dich hin. Du solltest wirklich nicht arbeiten.“
Mit ausdrucksloser Miene wandte Lukas seinen Kopf in die Richtung seines kleinen Bruders, der ihn so mitleidig ansah, dass er am liebsten geschrien hätte. Er wollte kein Mitleid. Er wollte keine Schmerzen. Er wollte Hass, Verachtung und unendlichen Zorn. Aber das einzige, was in ihm war, war Kälte und Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die nicht sein sollte. Eine Sehnsucht nach Mathias, die einfach nicht sein sollte.
Wie mechanisch schüttelte er den Kopf, doch Emil schüttelte bloß den Kopf.
„Du gehst jetzt hoch, verstanden? Sonst machst du nur noch mehr kaputt und darauf habe ich wirklich keine Lust. Außerdem blockierst du immer den Eingang – der ist eh schon zu klein für alle Gäste. Geh hoch“, sagte sein Gegenüber beharrlich, woraufhin Lukas schwach nickte und sich an ihm vorbei schob, in Richtung der Tür, die zum Flur seiner Wohnung führte.
Das waren harte Worte gewesen. Aber er kannte Emil gut genug um zu wissen, dass sich hinter dieser Härte eine Fürsorge verbarg, die seinem kleinen Bruder selbst schon Angst einjagte. Emil meinte es nur gut. Nur gut...
Der Norweger stieg wie eine Puppe jede einzelne Stufe hoch – hölzern, schlaff und gar willenlos. Wenn er oben angekommen wäre, würde er schlafen. Einfach nur schlafen. Und wenn Gott gnädig wäre, ihn nie wieder aufwachen lassen.

Ich sollte dir erklären, was das alles hier soll. Immerhin habe ich jetzt fast schon eine ganze Seite geschrieben und du hast immer noch keine Ahnung, was passiert ist. Okay... Gott, mir ist kotzübel.
Also. Der Grund, warum das hier alles passiert ist, ist mein Vater. Erinnerst du dich noch an ihn? Ich denke aber schon. Er mochte dich, obwohl du schwul bist. Da fällt mir ein, dass ich es meinen Eltern immer noch nicht gesagt habe...
Mein Vater ist krank. Er wird bald sterben. Zwei Wochen haben die Ärzte ihm noch gegeben, wenn sein Körper es denn noch so lange mitmacht.
Er will mich sehen, das hat mir meine Mutter gesagt. Sie hat vor gerade mal einer Viertelstunde angerufen. Sie hat schrecklich angefangen zu weinen, das war so grauenhaft. Sie hat gesagt: „Mathias, bitte, bitte komm nach hause! Dein Vater hat bald nicht mehr genug Kraft und er will dich nochmal sehen, bevor es zu spät für ihn ist. Ich bezahl dir auch den Flug und... einfach alles, aber bitte komm nach hause!“
Weißt du, was komisch war? Als sie mich aufgefordert hat, nach hause zu kommen, habe ich mir automatisch gedacht „Ich bins doch, wieso soll ich nach hause gehen?“
Anfangs habe ich Dänemark noch total vermisst. Ich glaube, daran erinnerst du dich auch noch. Ich habe total viel rumgemotzt, warum ich denn weg gegangen bin, dass Norwegen so lahm ist und alle so bescheuert sprechen. Aber dann habe ich dich kennen und damit auch Norwegen zu lieben gelernt. Wenn ein Land eine so tolle Person hervor bringen kann, dann muss es einfach nur genial sein!
Ich bin bei dir zu Hause. Wo du bist, bin ich zu Hause.
Aber ich kann nicht mehr zurück nach hause.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit mein Vater wirklich noch hat. Möglicherweise mehr als zwei Wochen, vielleicht aber noch weniger. Krebs ist echt unberechenbar. Und dann weiß ich nicht, wie es dann meiner Mama geht. Ich will bei ihr sein, wenn mein Dad nicht mehr da ist. Und in der Zeit kann ich nicht bei dir sein. Und ich will auch nicht, dass du so lange auf mich wartest. Wer weiß, was noch passiert, wenn ich in Dänemark bin? Vielleicht wird meine Mutter auch noch krank und ich muss noch länger da bleiben, als ich eigentlich geplant habe oder meine Familie braucht noch mehr Unterstützung, als ich angenommen habe. All das kann passieren, weswegen ich das hier mache. Einen Schlussstrich bei uns ziehen.


Die Häuser flogen nur so an mir vorbei. Ich konnte kaum richtige Konturen wahrnehmen – weder Fensterrahmen noch Hauseingänge. Vor meinen Augen flog eine bunte Welt vorbei, zu der ich nicht mehr gehörte.
Die Sonne schien immer noch so hell, obwohl inzwischen zwei Stunden vergangen waren. Meiner Meinung nach gab sie ihrer Leuchtkraft nur noch mal einen Schub, damit ich nicht im Dunkeln zum Krankenhaus fahren musste. Oder ich mich überhaupt nicht zu fürchten brauchte. Obwohl das ehrlich gesagt wenig nutzte.
Es war zehn Jahre her gewesen, dass ich zum letzten Mal in einem Auto gesessen hatte. Zehn verdammte Jahre. Und das spürte ich definitiv.
Die Sitze kamen mir unbequem vor, der Geruch, der im Fahrzeug herrschte, rief bei mir einen kalten Schweißausbruch hervor und ich konnte meine Beine nirgends richtig positionieren, dass sie eine gute Lage hatten.
Meine Hände zitterten leicht und mich überschlugen im Wechsel Kälte-, und Hitzewellen, doch ich presste lediglich meine Lippen aufeinander und verharkte meinen Blick auf die Außenwelt, die mir gleichzeitig vertraut und fremd war.
Mein Herz, das mir beinahe aus der Brust sprang, weil es vor Angst so heftig schlug, ignorierte ich zusätzlich. Ich musste das hier auf mich nehmen. Für meinen Vater.
Da konnte mein Körper mich mit Angstzuständen überhäufen, wie er wollte. Eine zwanzig minütige Fahrt sollte zu schaffen sein. Ich wollte es schaffen.
Am Steuer saß meine Mutter. Sie hatte ihre Hände fest um das Lenkrad gelegt, dass die Knöchel an ihren Händen weiß hervor traten. Wie ich hatte sie die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen gepresst, die sich allerdings jedes Mal aufs Neue zu einem milden Lächeln löste, wenn sie meinen Blick bemerkte. Ich hob dann auch meine Mundwinkel um ein, zwei lächerliche Zentimeter. Wir waren das auch. Lächerlich. Belächelten eine Situation, in der man nur weinen konnte.
Die Ankunft war wie eine Erlösung für mich. Als wir endlich auf dem Parkplatz des Krankenhauses parkten, nahm ich mir gar nicht die Zeit, auch nur ein Wort zu sagen. Als wäre ich fünfzig Jahre in dem Auto eingesperrt gewesen, sprang ich aus dem Inneren des Fahrzeuges hinaus und achtete darauf, genügend Abstand zu diesem engen Vehikel zu nehmen. Immer noch zitterte mein Körper – nur wusste ich dieses Mal nicht, ob es noch Nachwirkungen von meiner fast Panikattacke waren oder der Angst davor, meinen Vater gleich zu sehen. In einem Krankenhaus. Krank. Dem Tod unglaublich nahe.
In meinem Hals bildete sich ein dicker Kloß, den ich mit heftigem Schlucken zu vertreiben versuchte; stattdessen stieg mir etwas Galle hoch, die ich aber noch rechtzeitig runterschlucken konnte. Wenn ich mich jetzt übergeben müsste, würde das auch nichts bringen.
Würde es sowieso nicht, weswegen ich mich dazu entschied, ein leichtes, falsches Lächeln und eine entspannte Miene aufzusetzen, wie ich es in meinem Leben bisher noch nie getan hatte.
Ich strich einige Falten meines Hoodies glatt, der unter der geöffneten Winterjacke enorm zerknittert worden war und schaute fragend zu meiner Mutter, die daraufhin nur stumm meine Hand nahm und mich zum Eingang des Gebäudes führte.
Die elektrischen Türen gingen lautlos für uns auf – wie ein Begrüßungscommittee, das wusste, warum wir hier waren.
Ich ließ meinen Blick rasch über die Umgebung wandern, die jedoch nicht sonderlich spannend war: Weiße Wände, weiße Böden, hier und da ein paar Pflanzen und eine Stuhlreihe, auf der man sitzen konnte. Wir gingen, ohne auf die anderen Menschen zu achten, wortlos zum Fahrstuhl und blieben auch den ganzen restlichen Weg über zum Zimmer meines Vaters stumm. In meinem Hirn kreisten Millionen Worte, doch auf meiner Zunge befand sich kein einziger Buchstabe. Aber was hätte ich auch schon sagen sollen? Die Gedanken, die in meinem Verstand vorherrschten, waren größtenteils die Sorge vor dem Moment, an dem ich meinen Vater sehen würde und die Sehnsucht nach Lukas. Und die Schuldgefühle. Sie lagen mir wie Steine im Magen und wie eine untragbare Last auf den Schultern.
Immer wieder tauchte diese Stimme in meinem Kopf auf, die mir immer zu die gleichen Sätze zuflüsterte.
Du hast Schluss gemacht, ohne Grund.
Du hättest doch wiederkommen können, wieso hast du Schluss gemacht?
Wieso hast du ihn nicht mitgenommen?
Du hast ihn angelogen, dass du schon weg wärst, dabei bist du erst fünf Tage später geflogen.
Wieso hast du das gemacht?

Ja, wieso hatte ich das gemacht? In jedem dieser grausamen Gedanken steckte doch ein kleiner Funken Wahrheit.
Ich hätte ihn doch mitnehmen können, oder? Wir wären zusammen hier her geflogen, und-...
Nein. Es wäre nicht gegangen. Lukas hatte das Café, was er nicht einfach so für eine unbestimmte Zeit schließen konnte. Das war es, was das alles hier so schwer machte: die unbestimmte Zeit.
Wenn ich wüsste, wann ich wieder zurück nach Norwegen könnte, hätte ich ihn darum gebeten, auf mich zu warten. Ihn so sehr darum gebeten, wie ich es sonst noch nie getan hätte. Dass er auf mich warten und mich wieder begrüßen solle, wenn ich wiederkommen würde. Aber ich konnte das nicht von ihm verlangen. Was wäre, wenn ich über ein halbes Jahr weg sein würde? Ich konnte nicht einfach so zurückfliegen; hier hielt mich die Pflicht, für meine Familie da zu sein und auch dort für meinen Vater zu trauern, wo wir unser Leben gemeinsam verbracht hatten.
Und das war in Dänemark, nicht in Norwegen.
Ganz und gar in meinen Gedanken versunken bemerkte ich nicht, wie meine Mutter vor einer der unzähligen hellbraunen Türen zum Stehen gekommen war und für einige Herzschläge nur das Holz vor sich anstarrte.
Als ich keine Schritte hinter mir hörte, drehte ich mich verwundert um. Der Anblick von meiner Mutter, wie sie so unentschlossen vor der Tür stand, ließ mein Herz ein wenig verkrampfen.
Eilig ging ich zu ihr zurück und nahm ihre Hand. Ich wusste nicht, ob es irgendwie etwas brachte; wir beide hatten entsetzliche Angst. Schon bei dem Gedanken daran, meinen Vater jetzt zu sehen, wurde mir speiübel und ich hätte am liebsten auf der Stelle kehrt gemacht, doch ich riss mich zusammen, drückte die Hand von ihr und öffnete die Tür innerhalb eines Blinzelns.
Das erste, was ich sah, war das große Fenster, das einen unglaublichen Ausblick über Kopenhagen bot und so viel Sonnenlicht in die Räumlichkeiten ließ, dass ich die Augen etwas zusammenkneifen musste, um nicht geblendet zu werden. Die Wände waren in einem gedeckten orangeton gestrichen und vereinzelt hingen ein paar aussaglose Bilder, wie von beispielsweise einer fein gezeichneten Obstschale.
Nicht wie im Sangen av havet, wo so viele persönliche Erinnerungen von Lukas' Familie hingen, dass man schon das Gefühl bekommen konnte, dass man ein Stück ihrer Geschichte wusste. Immerhin war die Kindheit der beiden Söhne ja ziemlich ausführlich dokumentiert.
Kurz glaubte ich, aus dem Augenwinkel ein Foto aus dem Café gesehen zu haben, doch als ich meinen Kopf ruckartig in die Richtung bewegte, entdeckte ich nichts als eine nackte Fläche, die mir einen Stich im Herzen versetzte. Mein Verstand trickste mich ungeheuer gemein aus – wieso machte er das?
Kopfschüttelnd trat ich mehr ins Zimmer ein und hielt unwillkürlich den Atem an, als ich das Bett entdeckte, in dem mein Vater sich befand.
Er war blasser als sonst; nicht so weiß wie das Laken, mit dem er sich zugedeckt hatte, aber es war definitiv nicht seine normale Hautfarbe. Auch war er dünner geworden. Seine Wangenknochen hoben sich noch extremer als ohnehin schon aus seinem Gesicht und seine Arme, wobei er einen zur Begrüßung hob, waren schmaler geworden, dass ich zwei Mal hingucken musste, damit ich sicher war, dass sie wirklich diesen dünnen Umfang erreicht hatten. Victor Køhler war sonst immer ein sehr durchtrainierter Mann gewesen, was mir die Tatsache, wie viel er abgenommen hatte, noch suspekter erscheinen ließ. Die Person, die da vor mir lag, machte den Anschein von einem zerbrechlichen Lebewesen, nicht von einem kräftigen Erwachsenen, wie ich ihn sonst kannte.
Aber das, was mir am stärksten ins Augenmerk fiel, war der Hut, den er auf dem Kopf trug. Normal würden noch ein paar der dicken, dunklen Haare darunter hervor linsen, jedoch konnte ich nichts dergleichen erkennen. Nicht mal ein Härchen.
Meine Übelkeit nahm noch um einiges zu und ich wappnete mich innerlich schon mal dafür, gleich Hals über Kopf zur Toilette rennen zu müssen; nachdem allerdings ein paar Sekunden verstrichen waren, ebbte dieser Anfall wieder ein wenig ab und ich schaffte es sogar, meinen Vater anzulächeln.
„Hallo Papa.“
Zwei simple Worte, die mir in Zukunft nicht mehr vergönnt waren, zu sagen.

Nicht, weil ich Schluss machen will. Nicht, weil ich dich nicht liebe. Nein, absolut nicht.
Ich liebe dich so sehr, dass ich ehrlich spüren kann, wie mein Herz hier gerade zu bluten anfängt und dass sich mein Körper gegen das sträubt, was ich mache. Aber weißt du... ich weiß nicht, ob es gut für uns wäre, eine Fernbeziehung zu führen. Ich bin echt mehr der Typ Mensch, der seinen Partner bei sich haben muss, sonst werde ich wahnsinnig. Und ich weiß, dass dir ohne mich ziemlich langweilig sein wird.(Nicht leugnen, ich weiß das schon.)
Nur per Skype sehen und telefonieren würde mir nicht reichen. Wir würden anfangen, schlimm zu streiten und... Gott, ich will da gar nicht drüber nachdenken. Dass ich das überhaupt tue ist extrem merkwürdig. Normalerweise male ich nie schwarz, aber das mit dir – unsere Beziehung – ist mir so wichtig, dass selbst ich da zum Pessimist mutiere. Zumindestens in ein paar Punkten.
Ich bitte dich stark zu sein, okay? Wenn schon nicht für mich, dann für dich selbst.


Es war der vierzehnte Tag, seitdem Mathias Schluss gemacht hatte. Lukas zählte jeden einzelnen Tag mit. Den Grund dafür, dessen war er sich selbst nicht einmal bewusst – es geschah einfach, ohne, dass er etwas dagegen tun konnte. Bei Adrian hatte er das anfänglich auch gemacht, aber nur für eine Woche. Danach hatte er auf andere Art und Weise Kummer gehabt.
Das Bett knarzte leise unter der Bewegung, die Lukas machte. Dabei hatte er nur seine Beine enger an seinen Körper gezogen. Auch das Laken raschelte und erfüllte für einige Sekunden mit diesem Laut das sonst so stille Zimmer. Draußen schrie ein Vogel. Er sang nicht, er schrie. Bei diesem Geräusch wurde ihm komischerweise noch elender.
Die leicht bebenden Finger, die sich vorher eng umeinander geschlossen hatten, begannen nun stark zu zittern, was in ihm eine große Wut auf sich selbst und seinen Körper auslöste. Zwei Wochen lief das nun schon so. Seit zwei Wochen lief er mit diesen Qualen herum, die kein bisschen besser wurden. Sein eigener Leib bockte, machte das, was er wollte. Ihn wunderte es ja auch schon, dass er das bisschen Essen, was er zu sich nahm, bei sich behalten konnte.
Am liebsten würde er gar nichts essen – nicht mal einen Schluck Wasser wollte er.
Jedoch bestand Emil darauf, dass er wenigstens mit ihm zu Abend aß. Kochen tat sein kleiner Bruder glücklicherweise nicht selber(auch wenn er es netterweise versucht hatte), sondern Antonio bereitete, bevor er nach hause ging, noch etwas für die beiden vor. Lukas wollte sich noch dafür bedanken, aber die Begebenheit, dass er eigentlich überhaupt keine Nahrung zu sich nehmen wollte, ließ ihn von diesem Vorhaben abkommen. Wieso sollte er dankbar sein, wenn er zu etwas gezwungen wurde, was er nicht wollte?
Natürlich hatte der Norweger bemerkt, dass er abgenommen hatte. Er sah nicht unbedingt mager aus, aber seine schon zierliche Figur wirkte leicht knochig und auf keinen Fall gesund. Aber wie vieles war es ihm schlicht und weg egal.
Dieses Desinteresse an allem, was sich eingestellt hatte, brachte Lukas gleichermaßen große Angst und endlose Verwirrung. Sollte er nicht wenigstens wütend sein? Und wenn er es denn schon mal war, dann auf Mathias und nicht auf sich selber? Er verstand es nicht.
Seine matten Augen wanderten müde zu dem Fenster, aus dem das Mondlicht schief auf den Boden fiel und so hell wie nie das ganze Zimmer beleuchtete. Lukas wäre es lieber gewesen, wenn alles in Finsternis getaucht wäre. Dann hätte er sich wenigstens nicht schlecht fühlen müssen, weil in ihm alles schwarz war und die Welt da draußen noch von Licht erfüllt.
In der Ferne konnte er das dunkle Meer sehen, das sich seelenruhig in der Nacht bewegte und ihm – als einziges dazu in der Lage – ein klein wenig beruhigte und Balsam für seine angeschlagenen Nerven war. Er verließ selten das Haus, und wenn, dann nur, um an den Strand zu gehen. Stundenlang lief er dann alleine über die große Sandfläche; hörte dann nur die Körner unter seinen Sohlen knirschen und das Meer neben sich rauschen. Wenigstens dabei ging es ihm nicht ganz so miserabel. Die Stelle allerdings, wo Mathias und er sich ständig getroffen hatten, vermied er tunlichst. Schon, wenn er sie in der Ferne entdeckte, drehte er sich auf dem Absatz um und schlug einen anderen Weg ein. Sie war Gift für ihn. Wie alles, was mit diesem Mann zu tun hatte.
Er hatte Sachen in seinem Leben zerstört, von denen er nie gedacht hätte, dass sie ihm jemand ruinieren könnte. Lukas konnte die Sonne und den Sommer nicht mehr ertragen, weil sie ihn viel zu sehr an Mathias erinnerten. Er konnte die Farbe rot nicht mehr sehen, weil das die Lieblingsfarbe von ihm gewesen war. Und er konnte nicht mal mehr Geige spielen. Das, was eigentlich nur Lukas gehört hatte, war von einem Idioten kaputt gemacht worden, der nicht mal ansatzweise etwas von Musik verstand. Einmal hatte Lukas den Versuch gestartet, wieder ein Stück zu spielen, um sich ablenken zu können. Doch als er schon die erste Note angeschlagen hatte, hatte sich keine seine Hände mehr geregt und es war wie eine Starre gewesen, die sich nicht so leicht hatte lösen lassen. Vor lauter Wut darüber, nicht mehr fähig zu sein, ein simples Lied zu spielen, war er kurz davor gewesen, seine Geige einfach nur gegen einen Felsen zu schlagen und sie so lange zu demolieren, bis wenigstens ein bisschen von dem Schmerz verflogen war. Aber das hatte er nicht über sich bringen können. Seitdem lag seine Geige in der Ecke seines Zimmers und wartete darauf, wieder bespielt zu werden.
Eine Strähne fiel Lukas ins Auge, die er sich träge hinters Ohr strich. Dabei stieß er gegen das Kreuz in seinen Haaren, das sich kühl auf seiner Haut anfühlte. Seine Hand kurz an dieser Stelle verharren lassend, schloss der Norweger die Augen und genoss das kühle Brennen auf seiner Haut.
„Wieso?“ Er richtete die Frage an sich selbst, wusste aber trotzdem nicht, worauf sie sich bezog. Vielleicht, wieso er noch das Kreuz trug? Wieso er noch das Bild von Mathias und sich auf dem Tisch stehen hatte, dass der Idiot am Jahrmarkt hatte machen und am gleichen Tag sofort noch ausdrucken lassen? Oder wieso er sich das mit sich hatte machen lassen?
Lukas wusste es nicht. Und vielleicht würde er es auch nie wissen.
Nochmals strich er über das kühle Metall, das seine Fingerkuppen zum kribbeln brachte und – ohne sich wirklich bewusst zu sein, weshalb – ein paar winzige Tränen in die Augen steigen ließ. Eilig blinzelte er sie weg, doch sie versiegten nicht ganz.
Warum war ausgerechnet jetzt der Zeitpunkt, wo die Traurigkeit nach draußen dringen wollte? Sie hatte zwei Wochen Zeit gehabt, doch sie hatte sich kein einziges Mal in dieser Variante gezeigt. Und jetzt nur, weil er jetzt erst richtig realisierte, dass er noch das dumme Geschenk von Mathias trug?
Am liebsten hätte Lukas sich die Spange aus den Haaren gerissen und aus dem Fenster geworfen, aber selbst dazu war er zu kraftlos für. Schlafen war das einzige, was er wollte. Einfach nur schlafen.
In dem Moment, wo ein gnädiges weg dämmern einsetzte, klopfte es an der Tür.
Ohne die geschlossenen Lider auch nur einen Millimeter anzuheben, gab Lukas einen brüchigen Laut von sich, um zu signalisieren, dass die Person rein konnte. Emil war der einzige, den er hinein ließ. Sonst empfing er keinen.
Erst hörte er die Tür ins Schloss fallen, dann Schritte und schließlich merkte er, wie jemand zu ihm aufs Bett krabbelte und sich gegen die Wand lehnte.
„Kein Essen“, war das einzige, was Lukas murmelte. „Wirklich nicht.“
„Nein“, erwiderte Emil genauso leise. „Du hast heute schon was gegessen. Sogar mehr als die vorherigen Tage, das freut mich.“
Sein großer Bruder sagte nichts. Nickte einfach nur. Ja, heute war ein vergleichsweise  guter Tag gewesen.
„Ist dir kalt?“
„Nein.“
„Aber das Fenster ist auf und du hast nur dünne Sachen an.“
„Ich will das Meer hören.“
Mehr hatte Lukas die letzten Tage auch nicht gehört. Nur das Rauschen des Ozeans.
Emil schwieg. Beide taten sie es.
Es gab eine Unmenge von Worten, die gesagt werden mussten, aber keiner sprach sie aus. Vielleicht lag es daran, dass keiner der beiden gut mit Worten konnte, aber vielleicht auch daran, dass jeder von ihnen wusste, dass reden nichts bringen würde. Die Zeit würde helfen, mehr nicht.
Nach und nach war Lukas wieder dabei, in einen leichten Schlaf zu verfallen, als der Jüngere unvermittelt die Stimme erhob.
„Lukas, ich muss dir was sagen.“
Irgendwie verunsicherten ihn diese Worte ein wenig, aber trotzdem öffnete er die Augen und sah sein Gegenüber mit dem aufmerksamsten Blick an, den er aufbringen konnte.
Emil holte tief Luft, als ob es ihm schwer fallen würde, das zu sagen, was er sagen wollte.
„Weißt du, ich habe anfangs gedacht, dass es besser wird. Aber... es sind nun schon zwei Wochen und...“ Hilflos rang er mit den Worten, mit denen er doch nichts anfangen konnte. Der Norweger blickte ihn bloß weiter an.
„Ich kann mir das nicht mit ansehen. Also... wie das bei dir ist. Und ich...- Ach Gott.“
Verunsichert kratzte Emil sich am Hinterkopf und sog verärgert Luft ein.
„Ich hasse es, dich so zu sehen! So“, brachte er eilig hervor. „Weil du das nicht verdient hast und ich glaube, dass Ma... dieser Depp ein absoluter Scheißkerl ist. Aber trotzdem...“
Mit dem Blick, mit dem Lukas bedacht wurde, brachte sein kleiner Bruder es zum ersten Mal fertig, dass er einen verwunderten Ausdruck zur Schau trug – keine Ausdruckslosigkeit wie sonst. Er verstand nicht, worauf er hinaus wollte.
„Was?“, fragte Lukas leise.
„Aber trotzdem glaube ich nicht, dass es richtig ist. Dass ihr auseinander seid.
Ich habe dich noch nie so glücklich erlebt wie mit ihm. Selbst bei Adrian warst du nur teilweise so glücklich. Du hast echt viel gelächelt für deine Verhältnisse und warst sogar was freundlicher zu mir. Es soll nicht sein. Also, das Gefühl habe ich.“
Leicht verzog der Ältere das Gesicht bei dem, was ihm da gesagt wurde.
In seinem sonst so starren Inneres fing alles an, ein klein wenig weh zu tun.
„Ich kann nicht verstehen, warum Mathias das gemacht hat. Er hätte doch noch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen können“, fuhr Emil fort, während er an dem dunklen Laken zupfte. Anscheinend musste er sich, während er redete, auf etwas anderes konzentrieren.
„Aber ich bin nicht alleine, der das nicht mit ansehen kann.
Antonio macht sich auch höllische Sorgen. Sogar die ganze Belegschaft und die Stammgäste. Nur keiner sagt was, weil du eh nicht darauf reagierst.
Doch ich hab echt keine Lust darauf, dass du hier so vor dich hin vegetierst, weswegen ich mir etwas überlegt habe.“
Lukas zog leicht die Augenbrauen zusammen. Was meinte er?
„Es wird dir nicht gefallen, das weiß ich jetzt schon“, brummte Emil und zog aus seiner Jackentasche ein paar Papiere heraus, die er aufgrund der Dunkelheit nicht genau erkennen konnte.
Es war die bloße Neugierde, die ihn dazu antrieb zu fragen: „Was ist das?“
„Flugtickets. Nach Kopenhagen.“
Lukas blinzelte ein Mal. Zwei Mal. Drei Mal. Brachte keinen Ton hervor.
Die Zeitspanne, die diese Information brauchte, komplett in sein Gehirn zu gelangen, starrte er seinen kleinen Bruder nur an. Doch dann begann er, seinen Kopf mechanisch hin und her zu schütteln.
„Doch“, entgegnete Emil erstaunlich stur. „Doch, du wirst dorthin fliegen und... und...  keine Ahnung, was du machst. Ich würde ihm den Hintern aufreißen, an deiner Stelle.“ Er schüttelte den Kopf. „Wenn schon Schluss machen, dann wenigstens mit einem Knall und wo du auch mitreden kannst. Aber...“, an der Stelle hörte Lukas, wie Emil sich nervös räusperte, „mehr hoffe ich, dass ihr euch wieder vertragt. Ehrlich.“
Sein großer Bruder wollte irgendetwas erwidern. „Nein“, „Vergiss es“ oder „Nie im Leben“, aber stattdessen kam aus seinem Mund: „Woher hast du das ganze Geld?“
„Hey, unsere Eltern haben ein schlechtes Gewissen und viel Geld für uns. Aber Antonio hat auch was dazu gegeben. Er will irgendwie helfen.“
„Dann hat er seine Hilfe falsch eingesetzt.“
„Lukas“, seufzte Emil. „Jetzt hör auf, dich auf stur zu stellen und flieg einfach dahin.“
„Ich kann nicht, das Caf-“
„Ist momentan ohne dich besser dran, so leid es mir tut, das zu sagen“, unterbrach sein Gegenüber ihn ungeduldig. „Du bist gerade echt keine gute Arbeitskraft. Und ich und Antonio können das hinkriegen.“
„Wieso sollte ich? Sag mir einen Grund.“
Der Isländer blieb für einige Sekunden stumm. Das Meer war die einzige Geräuschekulisse für eine kleine Ewigkeit. „Weil du so schrecklich in ihn verliebt bist, dass selbst ich davon Liebeskummer kriege“, erwiderte er schließlich mit einem dezent verlegenen Ton.
Lukas konnte es nicht verhindern. Es war die Verblüffung und der ganze Kummer, der sich angehäuft hatte, was jetzt heraus brach.
Die anfänglichen wenigen Tränen sammelten sich zu mehreren und fingen an, langsam seine Wangen hinunter zu rollen. Zum Glück entwich ihm kein Schluchzen oder Ähnliches.
Ohne irgendetwas zu sagen, griff er nach den Flugtickets und nickte. Alles in ihm schrie, sich danach zu fügen; bloß war es sein Stolz und etwas Angst gewesen, das ihn daran gehindert hatte, sofort zu zustimmen.
„Du fliegst?“
„Ja.“

Ich werde heute schon fliegen, also kannst du mich nicht erwischen. Es tut mir so unglaublich leid.
Von Tino und den anderen werde ich mich aber auch nicht verabschieden. Das würde mir unfair erscheinen.
Lukas, ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Du bist meine Welt. Ich kann mich echt nur selbst dafür hassen, was ich gerade mache.
Machs dir am besten einfach und vergiss mich. Das wird’s leichter für uns beide machen. Auch wenn ich es nicht schaffen werde, dich zu vergessen.
Wir hatten eine unglaubliche Zeit zusammen, die mir wie ein Traum vorkommt. Du bist der erste und wahrscheinlich auch einzige Junge, der mir das Herz gestohlen hat.
Werde glücklich ohne mich. Aber... eine kleine Bitte hätte ich trotzdem. Könntest du mich wenigstens als eine schöne Erinnerung behalten? Das würde mich extrem glücklich machen.

Ich liebe dich. Vergib mir.


Mathias

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... hm. Ich weiß absolut nicht, was ich zu diesem Kapitel sagen soll. Scheiße. ^^'
Weder finde ich es gut, noch finde ich es schlecht. Es ist... ich glaube, hier ging es wirklich nur um das Wichtigste. Deswegen habe ich auch nicht so detailreich geschrieben, entschuldigt. Aber ich wollte nicht unnötig ZU viele schwülstige Gefühlssachen schreiben, hier kam es echt nur auf die wesentlichen Punkte an.

In diesem Kapitel werden zwei Wochen überbrückt, falls ihr euch wundert ^^ Lukas fliegt ihm nicht direkt hinter her, erst nach zwei Wochen. Weil es mir etwas unrealistisch erschien, ihn sofort hinter her zu jagen.

Was bei Mathias noch los ist, erfahrt ihr mehr im nächsten Kapitel. Und das wird das letzte "Kapitel" sein, dann folgt noch der Epilog und ein Nachwort meinerseits.
Omfg... ;___; Emotionen! Q_Q

Ich danke euch fürs lesen.

Bis nächsten Sonntag,

- Sound
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