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Das Meer, die Geige und Du

von SoundSky
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dänemark Finnland Norwegen Schweden
08.05.2013
09.03.2014
43
223.870
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08.05.2013 2.146
 
„Bin wieder da!“, rief ich und schloss die Tür hinter mir.
Ich befand mich im kleinen Flur der Wohnung, die ich mir mit meinen drei Mitbewohnern teilte, der schon mit einer breiten, nussbraunen Kommode und einem kleinen limonengrünen Schuhschrank komplett ausgefüllt war.
Auf der Kommode stapelte sich lauter Kleinkram wie Post, die man einmal hingelegt und danach vergessen hatte oder eine Packung Taschentücher, die man sich eigentlich mitnehmen wollte.
Ein dunkelblaues, selbstgetöpfertes Schälchen fand zudem dort auch seinen Platz.
Ich warf meinen Hausschlüssel achtlos hinein und zuckte kurz bei dem lauten Klimpern zusammen.
„Schön, dass du wieder da bist, Matty!“, erklang eine vertraute Stimme aus dem Raum, der am Ende des Flures lag.
„Hey Tino“, brüllte ich zurück und war dabei, mir meine klitschnassen Schuhe auszuziehen.
Dabei stützte ich mich an der buttergelben Wand ab, die sich rau unter meiner Handfläche anfühlte.
Wie oft war ich schon an dieser Dreckswand vorbei gelaufen und hatte mich daran verletzt.
Bei der Erinnerung an diesen kleinen, aber brennenden Schmerz zog es in meinen Fingern.
Schnell zog ich meinen Arm zurück und wischte mir die Innenseite meiner Hand an meiner Jeans ab, was ich aber sofort bereute, da ich den hellbraunen Parkettboden umgehend mit Sand würzte und auch meine Hand wieder voll von den hellen Körnern war.
Mit einem leisen „Boah ist Sand ekelhaft“ packte ich mir die Einkaufstüten und schlängelte mich zwischen den herumliegenden Schuhen und Spielzeug hindurch in Richtung der Küche.

In der Küche wurde ich von Wärme empfangen, die mir sofort die Kälte aus den Knochen jagte.
Die Wände, die in einem schönen gedeckten weiß gestrichen waren und mit Unmengen von kleinen Bildern behangen waren, wirkten zum Glück in keinster Weise kühl, denn ich konnte jetzt echt nichts gebrauchen, was das Zittern in meinem Körper noch verschlimmerte.
Außerdem roch es extrem gut.
Während ich zum Esstisch schlenderte, der sich in der hinteren, linken Ecke des hellen Zimmers befand, versuchte ich mit viel Schnuppern herauszufinden, was in den Töpfen vor sich hin köchelte.
Es duftete nach etwas für mich Undefinierbarem.
Ich schüttelte leicht den Kopf und ging die letzten paar Schritte zum Tisch, der mit einer hellblauen Tischdecke bedeckt war.
Mit gelben Garn waren ein paar kleinere Verzierungen in den Stoff gestickt worden, die ich gerne betrachtete, wenn mir langweilig war.
Ich fuhr kurz über die zierlichen Muster und stellte dann die Einkaufstüten ab.
Allerdings hatte ich vergessen, dass die total nass waren.
Der blaue Stoff sog sich sofort mit dem Wasser voll und ein paar unschöne, dunkle Flecken tauchten auf der Decke auf.
Geschockt versuchte ich, die Schweinerei irgendwie zu verdecken.
Schließlich gab ich es auf und lehnte mich mit meinem Hintern gegen die Tischplatte.

„Du bist aber extrem spät“, bemerkte Tino, der mich mit hochgehoben Augenbrauen anschaute, aber den Kochlöffel, den er dabei in der Hand hielt, ließ ihn nicht gerade streng aussehen.
Eher wie eine Mutter, die mit ihrem rebellischen Sohn leicht schimpfte.
Ich grinste und zuckte mit den Schultern.
Tino Väinämönien-Oxenstierna war ein zierlicher, mittelgroßer junger Mann und stammte aus Finnland.
Er war sechs Jahre jünger als ich, aber ich hätte ihn glatt zehn weniger geschätzt.
Sein Gesicht hatte leicht feminine Züge und er hatte immer eine Art an sich, die etwas kindlich wirkte.
Aber er war extrem freundlich und ich kam super mit ihm aus, also war es mir egal, ob er sich manchmal mehr wie eine Frau benahm.
Obwohl die rosa Schürze, die er sich umgebunden hatte, nicht gerade seine maskuline Seite unterstrich.

„Ist irgendetwas passiert, als du nach Hause kommen wolltest?“, erkundigte sich mein Mitbewohner, als er sich wieder den Töpfen zu wandte, in denen eine helle Flüssigkeit vor sich hin blubberte.
Darin schwammen irgendwelche komischen grünen Stückchen und ich begann mich unwillkürlich zu fragen, was für eine „finnische Köstlichkeit“, wie Tino seine Gerichte gerne bezeichnete, er uns nun wieder vorsetzen würde.
Bestimmt war Lakritze drin.
Es war immer Lakritze da drin.
Ich verzog kurz meinen Mund, wandte mich dann aber wieder Tino zu.
„Passiert ist nichts. War nur nicht schnell genug“, grinste ich. „Und dann hab' ich mich auch noch verlaufen.“
„Ach nein“, Tino schaute mich bekümmert an.
„Schon wieder? Mathias, sicher, dass ich dir nicht doch mal einen Stadtplan mitgeben soll?“
„Nein, nein, brauchst du nicht“, winkte ich ab.
„Sicher?“
„Jup.“
„Aber wenn du dich ständig verläufst, das ist doch auch nicht gut!“, sagte Tino und seufzte mitleidig. „Peter macht sich dann auch immer schreckliche Sorgen.
Von mir mal ganz abgesehen.
Ich ess dann immer so viel Lakritze vor lauter Stress.“
„Du isst immer viel Lakritze, Tino“, grinste ich.
Für den Kommentar erntete ich nur einen leichten Schlag auf den Kopf mit dem Kochlöffel.
„Lass das, da ist doch Essen dran!“, rief ich, während ich meine Sturmfrisur nach Essensreste absuchte.
Ich packte in irgendetwas Feuchtes und ich war nicht sicher, ob es immer noch Wasser oder die weiße Pampe aus dem Topf war.
Angewidert wischte ich mir die Flüssigkeit an meinem T-Shirt ab und war erleichtert als ich sah, dass es nur Überreste vom Regen war.

„Hast du denn keinen nach dem Weg gefragt?“
Ich hob überrascht den Kopf. „Wie?“
Tino war dabei, sich die Schürze auszuziehen und schaute mich fragend an.
„Ob du nach dem Weg gefragt hast“, wiederholte er seine Frage.
„Quatsch, sowas muss ich doch nicht machen!“, grinste ich und erwiderte seinen Blick mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Ich würde ihm bestimmt nicht von meinem Erlebnis vom Strand erzählen.
Zwar mochte ich diesen quirligen Kerl, aber ich kannte ihn immerhin erst einen Monat.
Also verpackte ich meine ungewöhnliche Begegnung einfach in ein kleines Lügengespinst.
„Ich fang jetzt einfach mal von Vorne an“, sagte ich und ließ mich in einen der stabilen, dunkelbraunen Stühle fallen, die etwas chaotisch an den Esstisch geschoben herum standen.
„Als ich aus dem Supermarkt kam hatte ich keine Lust, noch durch die Stadt zu laufen oder gar in einen Bus zu steigen.
Ich mein, die Teile platzen fast aus allen Nähten, das seh ich schon aus zehn Kilometern Entfernung!
Dann hab ich mir gedacht: 'Hey, geh doch auf der Landstraße nach Hause, dauert ja nur eine halbe Stunde!'
Na ja, dann bin ich halt dort mutterseelenallein rumgelatscht und...“
Fast hätte ich „Und dann habe ich einen Typen mit einer Geige gesehen“ gesagt, aber ich biss mir noch schnell genug auf die Zunge.
An sich war es natürlich kein großes Ding gewesen, dass ich diesen Mann gesehen hatte, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Tino es nicht wissen sollte.
Und mein Bauchgefühl hatte mich bisher nie angelogen.
Es genoss mein vollstes Vertrauen; egal ob beim Thema „Richtig oder falsch“ oder beim Essen.

Schnell suchte ich mir wieder einen roten Faden in meiner etwas abgewandelten Geschichte und fuhr fort: „Und dann bin ich irgendwie falsch abgebogen, glaub ich.
Ich bin in 'ner Gegend gelandet, die ich vorher noch nie in meinem Leben gesehen habe.
Kaum Häuser, Kuhfürze waren da lauter als Autos und so weiter, weißt schon, was ich meine, oder?“
Tino hatte sich auch an den Tisch gesetzt und mir aufmerksam zugehört und nickte nun.
„Okay, und da bin ich dann halt erstmal total planlos rumgelaufen und dann hat es auch noch angefangen zu regnen.
Weißt du, wie ich mich da aufgeregt habe?
Ach ja, das Brot ist ziemlich nass, tut mir leid.
Okay, dann bin ich eben 'ne ganze Weile einfach ziellos durch die Gegend gelaufen bis ich Peters Gekreische hören konnte.
Der Kleine hat ein Organ, das ist unglaublich.“
Während meines ganzen Vortrags hatte ich nur einmal Luft geholt und Tino keine Möglichkeit gelassen, auch nur eine einzige Frage zu stellen.
Würde er jetzt irgendein kleines Detail wissen wollen, hätte ich keine Ahnung, wie ich darauf antworten sollte und ich würde mich verraten.
Es wäre wirklich kein Weltuntergang, wenn das passieren würde, aber ich hatte auch keine richtige Lust dazu, mit meinem Mitbewohner über merkwürdige Geigenspieler zu reden.

Tino hatte die ganze Zeit geschwiegen und musterte mich jetzt aufmerksam.
Ich starrte zurück, allerdings mit einem unangenehmen Prickeln im Nacken.
Schließlich lehnte der Finne sich mit einem Seufzen zurück und klopfte mit seinen Fingern irgendeinen unbestimmten Takt auf der Tischplatte.
„Du lügst, so laut schreit Peter gar nicht“, war das Einzige, was er dazu zu sagen hatte und lächelte mich an.
Gut, er hatte es geschluckt.
Ich atmete erleichtert aus und legte meine Arme auf den Tisch.
„Oh doch, ich habe ihn ganz genau gehört, mehrere Blocks weiter“, grinste ich.
Mein Gegenüber schüttelte nur lachend seinen Kopf und deutete mit einer Hand auf die hellbraunen Wandschränke, die fast die gesamte Wand über den Küchentheken einnahmen.
„Holst du bitte mal Teller raus?“
„Du bist hier der Koch, wieso soll ich das denn machen?“
„Mathias, du wohnst hier genau wie alle Anderen und das heißt, du kannst auch mal was für den Haushalt tun.
Auch wenn das bedeutet, dass du nur mal Teller holen musst.
Außerdem trage ich euch nicht den Hintern nach und ich bin grade zu faul, um aufzustehen“, grinste Tino und streckte sich genüsslich.
Ich rollte lachend mit den Augen und gab ein leises „Pff“ von mir, erhob mich aber vom Stuhl und machte mich daran, das Geschirr fürs Essen raus zu kramen.

Als ich schließlich den Tisch gedeckt hatte(die Einkäufe hatte ich unter Tinos strengen und vorwurfsvollen Blick schnell weg geräumt) hörten wir, wie jemand wild gegen die Haustür schlug.
Wir beide wechselten einen überraschten Blick und Tino glitt von seinem Stuhl um nach zu schauen, wer die Tür so malträtierte.
Ich folgte ihm leise.
Als wir an der Haustüre angekommen waren, hatte mein Mitbewohner schon seine Hand um den Türknauf gelegt, aber er zögerte.
Ich schaute ihn fragend an, er konterte mit einem unsicheren Blick.
Ich schnaubte kurz und übernahm das Öffnen kurzerhand für ihn.

Vor der Tür stand Peter, vollkommen verdreckt und übersät mit zahllosen Schürfwunden und Prellungen.
Tino riss erschrocken seine Augen auf und mir entfuhr ein: „Alter Falter!“
„Was zum...?! Peter, wie siehst du denn aus?!“, rief Tino geschockt und packte sich seinen Adoptivsohn bei der Schulter, um ihn genauer von allen Seiten zu begutachten.
Der kleine Junge hatte mal eine langbeinige Hose angehabt und das, was er am Oberkörper trug, war mal ein Pullover gewesen.
Beides war vollkommen zerfetzt und vor lauter Schmutz konnte man gar nicht mehr erkennen, welche Farben die Kleidungsstücke mal gehabt hatten.
In meinem Kopf ehrte ich noch einmal kurz die verlorengegangenen Hosenbeine, machte mich dann aber auch daran, Peter genauer anzuschauen.
Sein weizenblondes Haar war total verwuschelt und ähnelte schon fast meiner Frisur.
In seinem Gesicht zogen sich zwei tiefe Kratzer von seinem Kinn bis zu seiner linken Schläfe.
Seine Knie waren aufgeschlagen und seine Handflächen blutig, außerdem hatte sich sein rechtes Auge angefangen blau zu verfärben.
Der Junge wurde sowas von verprügelt.

Ich tastete in meiner Hosentasche nach dem Taschentuch, das ich für den Notfall noch eingesteckt hatte und reichte es Tino, der Peter immer wieder in alle Richtungen drehte um sicher zu gehen, dass nirgendwo eine Wunde war, die genäht werden musste.
Mit einem knappen „Danke“ nahm der Finne das Tuch entgegen und wischte seinem Sohn einmal quer durchs Gesicht, der dabei zusammen zuckte.
„Wir gehen jetzt sofort ins Bad, machen dich sauber und behandeln deine Wunden, junger Mann! Keine Widerrede und du erzählst mir danach umgehend, was passiert ist, verstanden?“, befahl Tino streng und packte sich Peter am unverletzten Handgelenk.
Dieser sagte nichts, warf mir noch schnell einen flehenden Blick zu und verschwand dann im Badezimmer.

Ich lehnte mich gegen die Wand und verschränkte meine Arme.
Seufzend ließ ich meinen Kopf nach Hinten fallen bis ich den kühlen Putz an meiner Kopfhaut spürte.
Peter war in dem Monat, in dem ich hier war, schon öfters mit kleineren Verletzung nach Hause gekommen, aber wie er heute aussah war, nach Tinos Reaktion nach, der Gipfel gewesen.
Was frass dieser Junge nur ständig aus, dass er immer wieder verprügelt wurde?
So schlimm war ja nicht mal ich gewesen, und meine Eltern betonten immer wieder gerne, wie schlimm ich als Kind gewesen war.
Aus dem Badezimmer drangen ein paar gequälte Laute und Tinos hektisches Geschimpfe auf Finnisch.
Ob ihm klar war, dass das Kind nur zirka die Hälfte verstand?
In Ordnung, ich verstand es überhaupt nicht.
Mit einem letzten mitleidigem Blick auf die Badezimmertür schlenderte ich zurück in die Küche, um den Topf mit dem Essen auf den Herd warm zu halten und jedem etwas auf den Teller zu schütten.
Nicht nur ich hatte sicher Hunger nach dieser Aufregung.
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Yay, neues Kapitel ^.^

Also, hier wollte ich mehr darauf eingehen, wie die Verhältnisse(und vorallem wer die Familie ist :D) aussehen, in denen Mathias lebt ~
Und das wird leider auch die nächsten zwei Kapitel weiter geführt v.v (Fürchtet euch vor Kapitel 4 >D)

Wer den kleinen Peter wohl verprügelt hat? Und warum? .-.

Ich hoffe, ihr hattet viel Spaß und Kapitel 3 folgt am nächsten Sonntag ;3

- Sound
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