Ich gehe mal eben Zigaretten holen

GeschichteRomanze, Familie / P16 Slash
07.05.2013
03.06.2013
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Dieses Kapitel
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Eigentlich wollte ich auf der Zugfahrt nach Süddeutschland, wo ich die Konfirmation eines nahen Angehörigen besuchte schuldbewusst am Geisterclub weiterschreiben, mein Teenager-Kind neben mir, schlecht gelaunt, weil der MP-3 Player versagte, aber als ich vor der Kirche so ganz allein und heimlich eine Zigarette geraucht habe und feststellen musste, meine Brieftasche im Gemeindehaus liegengelassen zu haben, wusste ich: Entweder ich schreibe das hier oder Costa Rica.

Diese Geschichte ist für alle schrecklichen Eltern und für alle schrecklichen Kinder, für alle, die nicht wissen, wo das Mannsein anfängt und das Frausein aufhört. Das ist für all jene, denen regelmäßig der Schweiß ausbricht, weil sie alles falsch machen in ihrer Rolle als mündige erwachsene Erziehungsberechtigte und alle, die beim Laternenfest heimlich hinter dem Flieder rauchen.

Wir treffen uns in Monokko.

Diese Story wird keinen Spaß machen, glaubt mir.

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Micco's Beach Club

Wenn ich morgens die Augen aufschlug, hörte ich als erstes das Geräusch der Wellen. Mein Kopf füllte sich mit dem an und abschwellenden Rauschen, solange, bis ich begriff, wer ich war. Wenn die nächste Welle die Erkenntnis darüber in mein Bewusstsein schwappen ließ, wollte ich mich umbringen. Dann verwarf ich den Gedanken und stand auf. Jeden Morgen.

Ich besaß fünf Hemden und drei kurze Hosen, ein paar Turnschuhe, ein paar Flip-Flops. Ich zog mich an und wusch mich, aus dem Wasserhahn kam nur kaltes Wasser.
Sauber und ein wenig müde, betrat ich meine Strandbar durch die Küche, die meinen Wohnbereich von der Theke trennte, mahlte Bohnen und kochte Kaffee. Filterkaffee, keine Crema, kein Barista, keine Kapseln, kein „Gerät bitte reinigen“. Mit meinem Becher in der Hand ging ich zum Meer, barfuß, weichen Sand unter den Füßen, watete durch die Barriere von braunen, trockenen Algen und frischen grünen, die wie Kreppbänder über dem Weiß schweben. Ich beobachtete die Wellen, die flackerten und funkelten wie außerirdische Störbilder. Mal war das Wasser türkis, mal dunkelblau, mal grau. In diesen Minuten dachte ich gar nichts. Ich schaute einfach nur.

Meine Strandbar ist klein, über der Lampionbeleuchtung, die das Vordach schmückt, hängt verblasst und brüchig ein Holzschild mit der Aufschrift Micco's Beach Club. Ich habe den Namen nicht geändert. Wozu auch. Mir wäre ohnehin nichts Besseres eingefallen.
Als ich mich in Monokko nach einem Objekt zum Wohnen und Arbeiten umgesehen hatte, konnte ich wählen zwischen Miccos Bar und der Luna Lodge, einen Kilometer weiter. Ich habe mir Miccos halbherzig geführte Bücher durchgesehen und gerechnet. Die Bar lief nicht gut, ich konnte nur bescheiden von den Einnahmen leben, Micco nicht einmal bescheiden – er hatte Familie. Die Luna Lodge, einen Kilometer weite war immer voll mit Urlaubern, der Strand sauber, die Hotels in Wurfweite, klimatisierter Bereich, Kaffeevollautomat, neue Küche, Anlage, beste Boxen. Zwanzig Tische. Ein Volltreffer, wenn man fleißig ist, vorhat Geld zu verdienen, und wenn man Menschen mag.
Ein Alptraum, wenn nicht.
Auf dem Rückweg vom Meer klaubte ich den Müll vom Sand, den frisch produzierten, sowie den angeschwemmten; die Algen reche ich nicht mehr zusammen. Ein algenfreier, öffentlicher Strandabschnitt lockt zu viele Touristen an. Anfänglich kochte ich ein paar Gerichte frisch und hielt die Toilette sauber. Das Ergebnis waren jede Menge Kunden. Also strich ich das Mittagsmenü, ersetzte es durch labberige, teure Sandwiches, verkaufte die Anlage, weil Urlauber Musik lieben und sie schon von Weitem hören und putzte die Klos nur noch selten. Es funktionierte. Mein schlechter Ruf eilte mir voraus und ich hatte wieder meine Ruhe.
Rio hielt mich für nicht ganz richtig im Kopf. Erfahren werde ich es nie, weil er taubstumm ist. Gehörlos sagt man ja eigentlich, aber ich kann nicht mehr, ich habe zu lange zu korrekt und steril sprechen müssen. Er kann Gebärdensprache und monokkisch von den Lippen lesen. Ich kann beides nicht. Kein monokkisch, keine Gebärdensprache. Rio bewarb sich auf den Job als Küchenhilfe, ich hatte einen gelben Zettel im Supermarkt aufgehängt und er war der einzige Bewerber. Rio hatte keine Vorerfahrung, keine Qualifikation, aber das kümmerte mich nicht, denn er verfügte über ein unschlagbares Plus: seine Taubstummheit. Am Anfang begleitete seine Frau Madina ihn, um meine Anweisungen zu übersetzen. Aber die Aufgaben waren überschaubar, jetzt brauchte er keinen Dolmetscher mehr, er wusste was er zu tun hatte.
Meine Tage sind lang, mein Leben ist wie Facebook, nur mit physikalisch greifbaren Menschen. Ich antworte immer positiv auf nichtssagende Informationen, ab und an teile ich einen Link, zum Beispiel, wenn es Sambucca im Angebot gibt und wenn die Flut meine Hütte holt, dann wird irgendwer – vielleicht der Friseur oder auch Rio – einen Post eröffnen, in dem steht, dass Heiko tot ist. Oh, wie schade! Dann hat Madina den perfekten Schwertfisch geangelt. Das gibt dann 25 Gefällt mirs und ich bin von Seite drei meiner realen Facebookwelt gestrichen. Es gibt immer etwas Wichtigeres. Das geht im Leben so schnell wie in der virtuellen Welt, in der man nichts weiter tut als Bilder zu teilen und einen Button drücken. Mir sagen Leute oft sie mögen Facebook nicht, weil es nicht das echte Leben sei und man mit Menschen gar keinen tieferen Kontakt hat. Alles sei so unpersönlich und letztlich ginge es alleine um die Selbstdarstellung. Ich höre zu und weiß beim besten Willen nicht, worin der Unterschied besteht. Meinen Computer benutze ich nur um E-Mails zu checken, sie zu beantworten und Rechnungen zu bezahlen. Ich bestätige keine Freundschaftsanfragen mehr. Ich „like“ nichts mehr und ich teile keine Bilder mehr. Dafür habe ich mir mein echtes Leben Facebook-handlich gemacht.

Ich hatte das Reden so satt. Anfänglich machte es nur Probleme, dann begann es zu nerven, dann tat es weh, dann wurde es mir langweilig und schließlich war es unerträglich.
In meiner früheren Existenz war ich PR-Manager, ich habe so viel geredet, so viel gelogen; ich weiß mittlerweile nicht mehr, was ich davon tatsächlich ernst gemeint habe und was erfunden.
Ich liebe das Leben nicht, ich hasse es nicht. Es ist Zeit, die vergeht, gleichförmig. Die Wiederholung ist das Konzept. Man kann genauso gut versuchen sich gegen den Regen zu wehren. Ich hatte kapituliert, ich nahm die Vergeblichkeit hin, wie die Haare im Nacken, nachdem ich beim Friseur war.
Meine Sehnsucht galt immer dem Ausbruch aus der Wiederholung. Eine vergebliche Sehnsucht. Ich fügte mich der Vergeblichkeit. Ich fügte mich ihr so total und komplett, dass nichts mehr mich freute und nichts mehr mich erschütterte. Jeder Höhepunkt, jeder Tiefschlag war der Beginn einer unausweichlichen Wiederholung. Wenn ich ein Gespräch begann, wusste ich bereits, wie es endete.

In Monokko war ich endlich vollständig alleine, ein Ort an dem ich nicht einmal die Sprache verstand. Nur ich und der nie abreißende Strom der Gedanken, nur ich und meine geschlossenen Augen gegen die Sonne gereckt, die farbigen Muster hinter meinen Lidern, die keinen interessieren, aber die ein paar Minuten meine komplette Welt ausfüllen.
Ich war nicht immer so. Ich war viel zu lange nicht so.
Die Tage zogen sich in ihrer eigenartigen Ähnlichkeit in die Länge und dennoch zerrannen sie wie der monokkische Sand unter meinen Fingern. Aufstehen, Suizidgedanken, einkaufen, Strandbar öffnen, schließen, putzen, schlafen, eine neue Falte auf der Stirn entdecken, essen, zahlen, verdienen, im Supermarkt neue Flip-Flops in den Wagen schmeißen. Den ganzen Tag irgendwelche Gefühle. Langeweile, Schuld, Traurigkeit, Gleichgültigkeit, Sonnensprenkel, wenn ich die Augen schließe, traumlose Nächte, Wichsen, ab und an versuchen sich zu amüsieren. Klappte nicht. Ich stand in einem der vielen Clubs, den Bart ordentlich auf drei Millimeter gestutzt, ein frisches Hemd am Leibe, mein Haar so blond, dass man die ersten weißen Strähnen nicht sah, meine grünen Augen ein Hingucker inmitten der vielen dunklen. und Ich sah mich um. Ja, der checkt mich ab. Der auch. Okay. Wenn ich viel Durchhaltevermögen aufbrachte, dann blieb ich auf ein Getränk. Wenn jemand mich ansprach, sagte ich, ich habe mich im Etablissement geirrt und verließ den Laden. Ich wollte niemanden. Ich wollte niemanden anfassen und ich wollte nicht angefasst werden. Das begriff ich erst, wenn sich mir die Möglichkeit bot.

So lebte ich in Frieden, Rio starrte auf den tonlosen Fernseher, den ich wegen der Fußballspiele angeschafft hatte. Fußballspiele sind in etwa wie Facebook oder Ecstasy. Für ein paar Stunden sind alle Zuschauer Freunde und liken sich bevor jeder wieder seinen Weg geht und man sich vergisst. Wenn Spiele stattfanden, störte mich die Überfüllung in Micco's Beach Club nicht.

Als Rios Frau in der Bar erschien ahnte ich nicht, dass mein Idyll einen Riss bekommen sollte. Ich hatte nichts dagegen, wenn sie ihn besuchte und sie sich auf ihre lautlose Art unterhielten.
Aber diesmal kamen die beiden zu mir und wollten etwas. Das erkannte ich an der Art, wie sie mich ins Auge fassten. Und richtig. „Ah Heiko, muss mit dir reden … Ich helfe Rio jetzt hier.“
„Hier gibt’s keine Arbeit für zwei.“
„Aber wenn Rio alleine, dann er kann nicht Kunden bedienen.“
Eigentlich war es mir egal. Selbst wenn ein Besucher wegen Rios Gehörlosigkeit abhaute, grämte mich das nicht. Aber normalerweise schaffte er es durchaus ohne Probleme, einem Kind ein Stieleis aus der Truhe zu holen und die dazugehörige Mutter mit einem Orangensaft zu versorgen.
Also widersprach ich: „Doch, kann er.“
Madina machte ein unglückliches Gesicht und biss sich auf die Unterlippe, ich sah ihre kleinen gelblichen Zähne, dann sagte sie: „Rio immer einsam hier. Keiner redet.“
Ich warf ihm einen Blick zu. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er darunter litt, dass wir uns nicht unterhielten. Ich zeigte auf den Fernseher. Unterhaltung war gegeben.
Madina schüttelte entschlossen den Kopf. „Ich brauch kein Lohn. Ich leiste Gesellschaft für Rio. Ich kann auch putzen.“
Das war für mich ungefähr so, als verkünde sie, mir hier und jetzt meinen Blinddarm herauszuoperieren. Mit einem Eierlöffel.
Auf keinen Fall würde ich ein Paar hier beschäftigen, auch wenn sie still kommunizierten. Alleine der Gedanke nervte mich wie Brennnesseln im Bett.
„Nein.“
Rio sah mich treuherzig an. Nein verstand er.
„Warum?“
Ich schüttelte den Kopf und wiederholte stur: „Nein.“
Madina trat einen Schritt zurück, hob die dünn gezupften Brauen und stellte klar: „Rio mein Mann.“ Sie tippte sich auf die Brust, dann nickte sie kampfbereit.
Um Himmels Willen. Sie dachte ernsthaft, ich wolle Rio an die Wäsche. Dass der blonde Barbesitzer aus dem Ausland auf Männer stand, hatte sich rumgesprochen in Monokko. Aber dass Madina tatsächlich glaubte, ich brächte auch nur das geringste Interesse an ihrem Ehemann auf, sprach für das, das man die „rosarote Brille der Liebe“ nannte. Nicht dass Rio abstoßend war, nein, er hatte für mich nur einfach kein Geschlecht. Sexuelle Anziehung gleich null. Nicht ein einziger meiner Gäste hatte jemals versucht ihn anzumachen. Und das lag nicht an seinem Ohrendefekt … Ich setzte an das Problem richtigzustellen, aber verwarf den Gedanken. Mir war klar, dass Madina nicht lockerlassen würde, aus Eifersucht und vielleicht auch aus Sorge um ihren isolierten, einsamen Mann.
Ich setzte ein schuldbewusstes Gesicht auf und hob hilflos die Arme. „Aber Rio ist so … unwiderstehlich, Madina. Was soll ich machen? Sags mir! Kann ich meine Gefühle einfach abstellen wie ein Radio?“
Jetzt sprachen wir dieselbe Sprache. Ich sagte doch, ich weiß schon vorher wie ein Gespräch endet.
Sie legte den Kopf schräg und wägte ab. „Ich weiß, ich weiß … Besser Rio arbeitet woanders. Du suchst Mann in Toba-Viertel. Besser für dich, besser für Rio, ja?“
Ich nickte bedauernd. Besser. Ja.
Die Toba-Street war Monokkos Sündenpfuhl. Eine lange schmutzige Straße; Bordells, Massagesalons, Schwulenbars, Swingerclubs, Spielhallen, Straßenstrich. Hier fand jeder was ihm gefiel. Kinder, Hühner, Männer, Frauen, Reiche, Arme, Dealer, Mörder, Liebe, Hass, Tod, neue Papiere.
Dann öffnete ich die Kasse und händigte ihr seinen Wochenlohn aus. Schwarz, wie immer. In Monokko interessiert das niemanden. Da gilt das Finanzamt als Verbrecherorganisation.
Sie zählte das Geld und Rio wehrte ab. Es war erst Montag, und ich zahlte bis Sonntag. Geld für sechs Tage zu erhalten, in denen er keine Sandwichs schmierte und die Küche fegte, waren ihm unangenehm, aber ich lächelte aufmunternd und Medina steckte die Scheine ein.
„Abfindung“, sagte sie knapp.
Dann fuchtelte sie mit ihren Händen, um Rio zu erklären, wie wir uns geeinigt hatten und sie zogen Schulter an Schulter ab. Rio drehte sich ein paarmal zu mir um, zuckte entschuldigend mit den Achseln, machte eine traurige Grimasse, formte mit seinen Lippen das Wort Bozo -Danke- und ich winkte ihm verständnisvoll zu.
So ein Ärger. Ich hatte den perfekten Angestellten verloren.
Ich verschwand in meine Wohnung und druckte einen neuen gelben Zettel aus. Küchenhilfe ab sofort gesucht.
Ich seufzte, weil ich wusste, es würde sich kein zweiter Gehörloser melden. Ich schloss die Bar ab, machte mich auf den Weg, und hängte meine Stellenausschreibung im Supermarkt auf, neben die Kopie eines verschlissenen Kindersitzes, der zum Verkauf angeboten wurde. Ich fuhr mit meiner Fingerspitze die Konturen nach und zwang mich dann meinen Blick abzuwenden.

Und mit dem gelben Zettel brach Avid in mein Leben ein. Avid war Anti-Facebook, Schmerz und Schmerzmittel zugleich. Wann immer ich an Avid denke, muss ich lächeln und gleichzeitig tut mir alles weh. Wenn ich wissen will, ob ich noch lebe oder schon tot bin, dann schließe ich die Augen und krame Avids Gesicht aus meinem Gedächtnis.
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