Tridem - Der Soldat, der Doktor und der Niflheimer

GeschichteAllgemein / P12
02.05.2013
10.08.2014
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Bericht Dr. Kento Remot:
"Sir!"
Ich wirbelte blitzartig herum, als mir jemand auf die Schulter tippte. Die Angestellte des Raumhafens von Olymp wich erschrocken zurück.
"Sie haben ihren Koffer stehen lassen", flüsterte sie eingeschüchtert.
Ich murmelte beschämt eine Entschuldigung und nahm den Koffer entgegen, ohne dabei den festen Griff um die kleine Gepäcktasche zu lösen, der meine ganze Aufmerksamkeit galt. In dem Koffer befanden sich nur einige Kleidungsstücke, Bücher und Fotos. In der Tasche dagegen!
Ein feiner Energiestrom schien direkt aus der Tasche durch meine verkrampften Finger in meinen Kopf zu fließen. Es war das fremde Artefakt, daß sich in der Tasche befand.
Nur die Tasche lösen! Nur die Finger kurz öffnen! Dann wäre ich frei!
Aber ich konnte nicht. Seit das fremde Objekt meine Handlungen bestimmte, war es mir nicht einmal für wenige Sekunden gelungen, mich von ihm zu entfernen. Ohne Probleme waren meine bisherigen Ansichten und Prinzipien von dem Ding außer Kraft gesetzt worden, als Artefakt EX-GM/382 auf Last Hope mir, Doktor Kento Remot, zur Erforschung anvertraut worden war.
Ich hätte dem Ding keine Energie zuführen dürfen!
Vorwürfe spukten durch meinen Schädel. Vor wenigen Tagen war ich noch ein hochkarätiges Mitglied des Waringer-Teams gewesen. Heute galt ich unter meinen Kollegen als Dieb. Wahrscheinlich vermutete man, daß ich in dem Artefakt einen hohen Wert erkannt hatte und es deshalb gestohlen hatte. Wenigstens würde das für eine Weile die Solare Abwehr auf die falschen Spuren lenken.
Aber wenn sie mich fänden, würden sie es mir wegnehmen! Vielleicht wäre ich dann frei ...
Der Strom aus der Tasche verstärkte sich kurz. Ein kurzer Blitz löschte den Gedanken aus. Ein Blinzeln und ich dachte daran, daß ich Artefakt EX-GM/382 nach New Sydney bringen mußte. Offenbar steckte hinter dem Planeten mehr, als die Menschheit vermutete. Zur Zeit existierte dort eine kleine Kolonie von politisch unabhängigen Sekundärsiedlern. Mehrere tausend freiheitsliebende Menschen lebten in einer primitiven Stadt und versuchten die umliegenden Großmächte wie dem Solaren Imperium, dem Carsualschen Bund, dem Imperium Dabrifa und der Zentralgalaktischen Union von einem Zugriff abzuhalten.
95 Prozent der Oberfläche waren nur vom Weltraum aus fotografiert worden, so daß sich noch alles mögliche auf New Sydney verbergen konnte. Die Möglichkeit wissenschaftlicher Entdeckungen was das Einzige, das mich zur Zeit über meine Lage hinwegtrösten konnte.
Vor dem Gang zum Frachterterminal setzte ich meinen Koffer ab. Ich hatte Glück, daß einer der seltenen Frachtflüge nach New Sydney fällig war und auch Passagiere mitnahm. Mit der an meine Brust gepreßten Tasche setzte ich mich auf eine kleine Bank und wartete in Gedanken versunken, daß ich an Bord gehen konnte.


Bericht Hakon:
Es herrschte eine drückende Hitze auf dem endlosen Raumhafengelände von Trade-City. Bozcyks Stern brannte erbarmungslos auf die trostlosen Terminals und Lagerhallen des Frachtbereiches, und nicht der geringste Wolkenfetzen hinderte das Zentralgestirn daran.
Ich begann dieses Klima zu verfluchen. Tropische Schwüle setzte mir zu, und die unerträgliche Hitze lähmte meinen Verstand.
Ich wechselte auf ein schnelleres Laufband, versprach mir Kühlung durch den Fahrtwind. Es half jedoch nicht viel.
Endlich kündigte sich mein Ziel an, Frachtterminal XII. Behende, wie ich es von meinem Körper unter diesen Bedingungen nicht erwartet hätte, sprang ich über die langsameren Laufbänder und verließ dieses Transportmittel. Eine Energierampe führte direkt in das Gebäude, das von außen wie ein gigantischer Bauklotz anmutete.
Von innen war es eine kahle Lagerhalle, angefüllt mit Containern und riesigem Stückgut wie Fusionsmeilern und Waring-Konvertern. Lastengleiter und –Roboter schwirrten umher.
Doch das kümmerte mich zunächst nur am Rande. Angenehme Kühle stob mir entgegen, umspülte mein Gesicht und ließ mich aufatmen.
Schnell schüttelte ich den letzten Rest der Benommenheit von mir und näherte mich dem kleinen Passagierbereich, der in einer Ecke der gigantischen Halle fast verschwand. Die Frachtflüge, die hier abgewickelt wurden, wurden anscheinend nur selten auch von Fluggästen genutzt.
Beherzten Schrittes legte ich die letzten Meter zu meinem Ziel zurück. Hier musste er sich aufhalten, alle Anzeichen hatten darauf hingedeutet.
Der nächste Flug, der von hier aus starten sollte, hatte den Planeten zum Ziel, der heutzutage als eine relativ junge und unbedeutende Kolonialwelt galt und den Namen New Sydney trug. Ich hatte bereits per Positroniknetzwerk meine Passage auf diesem Schiff geordert. Sollte er ebenfalls dabei sein – und daran bestand für mich kein Zweifel –, würde er mir nicht mehr entkommen.
Nur wenige Lemurerabkömmlinge hielten sich in dem von transparenten Wänden abgegrenzten Warteraum auf, die meisten davon mochten Angestellte des Raumhafens oder der Speditionsfirma sein.
Und einer von ihnen ...
Langsam schritt ich auf die Reihe schlichter Bänke zu, wo die wenigen Passagiere ihre Wartezeit verbrachten. Das nur für mich hörbare Signal meiner schwarzen Kombination wurde immer deutlicher. Nur kurz bedauerte ich, dass mir nicht die vollständige Kapazität CANDIDEs zur Verfügung stand, doch so war es eigentlich auch spannender.
Da, das war es! Endlich war ich am vorläufigen Ziel meiner Suche angelangt.
Beherrscht setzte ich mich in wenigen Metern Entfernung nieder und nahm ihn unauffällig in Augenschein.
Dass es tatsächlich ein er war, hatte ich natürlich nicht ahnen können. Die Legende hatte jedoch ständig die männliche Form benutzt.
Er wirkte denkbar unscheinbar. Jedenfalls hatte er keine herausstechenden Merkmale. Außer vielleicht sein Blick, der einmal von hoher Intelligenz und Neugier gezeugt haben mochte.
Heute war er angsterfüllt und leer.
In sich zusammengesunken hockte der Mann – augenscheinlich ein Terraner – auf der Bank, die Hände fest um eine Tasche geschlossen. Sie musste das Artefakt enthalten, von dem die Legende sprach.
Trotz der großen Erfahrung und Abgeklärtheit, die ich eigentlich besitzen sollte, war ich Neugierig und Aufgeregt – zumindest innerlich, so weit reichte meine Beherrschung dann doch, dass ich nach außen hin die Ruhe selbst war. Ich ertappte mich doch tatsächlich dabei, ihn ansprechen und ausfragen zu wollen. Dabei wusste ich, dass dies weder angemessen noch überhaupt nötig war.
Diesmal konnte meine Beherrschung nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf meine Züge stahl.
War es die angenehme Kühle der Halle oder die Vorfreude auf das anstehende Abenteuer? Ich fühlte mich mit einemmal rundum zufrieden und machte es mir auf der kargen Bank so bequem wie irgend möglich.
Denn wieder begann das Spiel, das ich so sehr liebte. Das Spiel, das allgemein Leben genannt wurde. Es war ein schönes Spiel, und ich genoss es noch immer. Seine Regeln wollten jedoch streng beachtet werden und die wohl wichtigste hieß Verantwortung.
Verantwortung für das Universum, in dem man lebte und mit dem man interagierte, Verantwortung für die Lebewesen, denen man begegnete, ihr Leben, ihre Freiheit und ihren Frieden.
"Darf ich Ihnen ein Getränk anbieten, Herr?"
Die metallene Stimme des herangeschwebten Service-Roboters heischte Aufmerksamkeit. Es schien mir eine semiautonome Positronik-Einheit zu sein, wie sie findige Geschäftsleute zuhauf an Orten dieser Art ausschwärmen ließen, um – selbstverständlich gegen Bezahlung – tatenlos wartenden Wesen Erfrischungen anzubieten.
"Ich danke dir", erwiderte ich. "Ein kühles Glas Wasser wäre angenehm."
"Darf ich Sie bitten, zehn Soli zu entrichten, Herr?"
Ich tat ihm den Gefallen und erhielt dafür einen Halbliter-Trinkbehälter mit dem gewünschten Naß. Ehe das Kunstwesen zu den anderen Wartenden entschwebte, um ihnen seine Dienste anzutragen, bedankte ich mich bei ihm.
Das Wasser tat meiner noch immer ausgedörrten Kehle gut. Während ich es genoss, beobachtete ich ihn, wie er fahrig und nervös den Service-Roboter fort jagte.
Er musste meinen Blick gespürt haben. Schüchtern fast suchten seine Augen in alle Richtungen, als fühle er sich ertappt.
Als sein Blick dem meinen begegnete, wollte er ihn zunächst gleich wieder abwenden. Für einen winzigen Augenblick schien er jedoch inne zu halten.
Instinktiv krampften sich seine Finger um die kleine Tasche zusammen. Er holte kurz Luft, als wenn er etwas hätte sagen wollen, richtete seinen Blick zu Boden und starrte schließlich für eine Sekunde auf die Tasche in seinen Händen.
Nach allem, was ich über das Artefakt wusste – und das war so viel nicht –, musste es ein Qual für ihn sein.
Endlich riss er seinen Kopf wieder in meine Richtung und begann stockend zu sprechen.
"Sie ... Sie gehen ziemlich höflich mit einfachen Robotern um", begann er etwas hilflos eine zwanglose Konversation.
"Oh", entgegnete ich gefasst. "ich bringe allen Wesen den nötigen Respekt entgegen. Obwohl er durch seine Programmierung in ein ziemlich stumpfsinniges Verhaltensmuster gepresst wurde, handelt es sich bei diesem Roboter durchaus um ein lernfähiges und zu eigenen Entscheidungen fähiges Wesen."
Ich hatte meiner Stimme einen zwanglosen und heiteren Klang gegeben. Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu: "Mein Name ist Hakon, ich bin aufgrund von Forschungen nach New Sydney unterwegs. Was führt Sie auf diese abgelegene Welt, Mister ...?"
"Remot", platzte es aus ihm heraus. "Kento Remot." Fast erschrak er über sich selbst, dass ihm sein eigener Name einfach so rausgerutscht war. Scheinbar war er vor irgend jemand oder etwas auf der Flucht. Als nichts geschah, fing er sich jedoch wieder ein wenig und sprach weiter:
"Welche Forschungen wollen Sie denn dort betreiben, Mister ... Hakon?"
Mir war klar, dass er sich nicht im geringsten für meine Geschichte interessierte. Er wollte nur so schnell wie möglich von sich als Gesprächsthema ablenken. Am liebsten hätte er dieses Gespräch sofort abgebrochen, und er verfluchte sich sicher bereits dafür, es überhaupt begonnen zu haben.
Nun, ich tat ihm immerhin den Gefallen, nicht auf seine Situation einzugehen. Ich dachte allerdings nicht daran, den einmal geknüpften Kontakt wieder abreißen zu lassen.
"Ich war bis vor kurzem Kosmo-Archäologe an Bord eines Explorers", begann ich mit meiner im Groben sogar wahren Geschichte. "Vor einigen Monaten machten wir einen Zwischenstopp auf New Sydney, um Proviant und Rohstoffe zu fassen. Da der Planet bereits vor einigen Jahren von einem Explorer erforscht wurde, traten wir dort nicht in Aktion. Ich hatte mehr aus Langeweile die Wartezeit genutzt, um den Planeten ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Sie müssen wissen, dass New Sydney erst zu 95% überhaupt fotografiert wurde. Für mich war das natürlich verlockend.
Als ich auf dem Weiterflug meine Messergebnisse auswertete, habe tatsächlich Hinweise auf eine Kultur gefunden, die lange bevor die heutigen Siedler überhaupt daran dachten, nach New Sydney zu gehen, erloschen war.
Unglücklicherweise hatte der Explorer bereits eine andere nicht minder wichtige Aufgabe zu erfüllen, die jedoch nicht mein Spezialgebiet betraf. Daher ließ ich mich vor einigen Tagen hier auf Olymp absetzen, um die nächste Passage nach New Sydney zu nehmen.
Dort gedenke ich nun, meine Forschungsarbeit fortzusetzen."
Nach einer Pause fügte ich lächelnd hinzu: "Hakon ist übrigens mein Vorname. Ich stamme von Niflheim, da haben wir keine Nachnamen."



Bericht Daniel:
Deringhouse Port, Opposite,
Raumhafen der Solaren Flotte,
Galaktische Westside

Im Großen und ganzen war DERINGHOUSE PORT tot, toter ging es gar nicht mehr. Seit die 9. Außenflotte und der 103. Experimentalverband zusammen mit der Wildcat-Raumlandedivision nach Morgenrot versetzt worden waren, gab es hier gerade noch dreitausend Leute, auf einem Raumhafen, der für das hundertfache ausgelegt war.
Es gab also nicht besonders viel zu tun, solange sich die Truppen von Admiral Cogsworth mit den Blues prügeln durften.
Ach ja, alle drei Tage startete ein kleiner Verband Frachtschiffe mit drei Schweren Kreuzern als Begleitschutz, um der 9. Nachschub zu bringen, das war aber auch schon das absolute Highlight.
Und da der kleine Verband gerade erst vor einer Stunde aufgebrochen war, hatte Daniel Ramspoth, Leutnant der Versorgung, beschlossen, ein ausgiebiges Sonnenbad zu nehmen um der Langeweile vorzubeugen, anstatt in seinem Büro Däumchen zu drehen.

"Herr Leutnant?"
Dan schob die Sonnenbrille hoch und sah mürrisch auf. Vor ihm stand Kadett Pickett. Er machte gerade sein praktisches Jahr hier auf Opposite. Obwohl er eigentlich dran gewöhnt sein sollte schreckte Dick Pickett ein wenig zusammen, als Dan die Brille anhob. Das ließ den Leutnant kalt. Diese Reaktion war er widerum gewohnt. "Was denn?", fragte er barsch.
Pickett straffte sich. "Sir, es ist so, ich weiß ja, dass Sie Pause haben, aber ich habe da ein paar Fragen."
Seufzend richtete sich Dan auf. Er setzte die Sonnenbrille ab und rieb sich verschlafen seine Augen. Eine Geste, die er sich nicht abgewöhnen konnte. Dann richtete er sich langsam, sehr langsam auf und griff am Kistenstapel, auf dem er saß entlang und angelte sich zwei Flaschen Arkonbräu Dunkel. Eine reichte er dem jungen Mann von Terra, der nur zögernd zugriff.
"Setzen Sie sich, Dick. Und machen Sie endlich Ihr Bier auf, sonst bereue ich es noch, Ihnen eins spendiert zu haben."
"Ja, Sir. Sofort, Sir."
Dan setzte die Flasche an und nahm einen tiefen Schluck. Der Inhalt der Flasche war von der Kühlplatte auf exakte siebeneinhalb Grad runtergekühlt worden, die ideale Trinktemperatur für Arkonbier.
"Wußten Sie, Dick, dass die Arkoniden die Kunst des Bierbrauens irgendwann in der Anfangsphase der Kolonisation von M13 aufgegeben hatten? Die haben sich lieber Wein oder Schnaps hinter die Binde gegossen. Erst als Atlan Imperator von Arkon wurde kam das Bier zurück. Für fast vierzig Jahre galt es als Statussymbol, als Getränk der Höheren Khasurns, der arkonidischen Adelshäuser. Erst dann begann es sich auch im Volk durchzusetzen. Tja, seitdem machen die Rotaugen ein paar wirklich nette Sorten."
"Das ist interessant, Sir." Der Kadett öffnete den Drehverschuß und nippte an der Flasche. "Schmeckt merkwürdig. Ich trinke eigentlich nur Zippa."
"Banause", knurrte der Leutnant. "Mit Softdrinks versetztes Pils ist kein richtiges Bier. Merken Sie sich das."
"Jawoll, Herr Leutnant!", rief Pickett und salutierte grinsend.
Dan klopfte ihm gönnerhaft auf die Schultern. "Also, was wollen Sie wissen?"
"Ach ja. Sir, es... Nun, es gibt da so ein paar Gerüchte, wie Sie Ihr Auge, nun..." Der junge Mann verstummte. Er starrte in sein Bier und sagte nicht ein Wort mehr.
"So, Sie wollen wissen, wie ich mein rechtes Auge verloren habe?"
"Ja, Sir", gestand Dick Pickett leise.
Nachdenklich kratzte sich Dan am Rand der handtellergroßen Terkonitplatte, die seinen rechten Wangenknochen und einen Teil der Stirn bedeckte. Dort, wo sein Auge hätte sein sollen, glomm nur ein mattgrün schimmerndes Oval. Es war kein schöner Anblick, das wußte Dan selber, aber warum sollte ihn das nun noch interessieren?
"Tja, Kadett, das ist jetzt schon zwei Jahre her. Sie müssen wissen, damals war ich noch Adjutant des Militärattachés in der terranischen Botschaft auf Arkon."
"Wow. Arkon!"
"Ich finde, ich habe meinen Job gut gemacht. Kommodore Strasser hatte immer einen gut geführten Terminplan, war über das aktuelle politische Geschehen immer bestens informiert und brauchte vor keinem arkonidischem Etikett zu kapitulieren. Ich fand jedes Ritual am Hofe in den Datenbänken. Ich war der Beste."
"Und wie haben Sie da Ihr Auge verloren?", unterbrach Dick den Älteren.
"Das kommt noch, keine Angst. Jedenfalls ging ich die meiste Zeit mit dem Herrn Kommodore ein und aus im Kristallpalast. Ehrlich gesagt, ich kannte bereits die Hälfte der dort arbeitenden Diener und ihre Hemmschwelle für Bestechlichkeit mit kalten Solar und ich hatte auch einige Kontakte mit den Khasurns.
Leider hat mir das alles, als es drauf ankam, verdammt wenig genützt."
"Hat der Imperator Ihnen das Auge rausbrennen lassen?"
"Erzählt man sich das? Nein, so war es nicht. Es war mehr die alte Geschichte. Junge trifft Mädchen, wenn Sie verstehen."
"Nee."
Dan seufzte mitleiderregend.
"Dann hole ich weiter aus. Sie hieß Darla und war eine verdammt hübsche Frau mit himmelblauen Augen und herrlichem hellroten Haar. Ich lernte sie kennen, während Kommodore Strasser im Kristallpalast in einer endlos wirkenden Sitzung festhing. Es ging um ungenehmigt aufmarschierte USO-Flottenverbände im Raumgebiet der Unither."
"Das sind doch die mit dem Rüssel, oder?"
"Ja, sind sie, aber das ist für meine Geschichte nicht wichtig. Ich saß da also herum und hatte nichts besseres zu tun, als mich mit Süßigkeiten vollzustopfen und Löcher in die Luft zu starren, als sie vorbeigeschwebt kam. Ja, sie ging nicht, sie schwebte. Ihr heiteres Lächeln ließ in meinem Herzen die Sonne scheinen. Und ihr perfekter Hintern sorgte für eine verzehnfachte Testosteron-Ausschüttung in anderen Bereichen meines Körpers. Ich weiß nicht mehr, wie wir ins Gespräch gekommen sind, es ist wohl auch nicht mehr so wichtig. Wir unterhielten uns über zwei Stunden über irgendwelches belangloses Zeug und verabredeten uns für den nächsten Abend in einem kleinen Café. Und sie ist wirklich gekommen. Wir haben einen wundervollen Abend verbracht, sind noch etwas spazieren gegangen und haben uns anschließend hinter einem hohen Busch verkrochen."
Dick schluckte aufgeregt. "Sie haben... Sie haben...!"
"Regen Sie sich ab, junger Mann. Ich habe damals selbstverständlich ein Depotmedikament zur Verhütung benutzt", erwiderte Dan grinsend. "Es stellte sich heraus, dass Darla eine waschechte Arkonidin war. Die Haare waren gefärbt, die blauen Augen nur eine kosmetische Veränderung. In Wirklichkeit war sie Abkömmling aus einem der höchstrangigen Adelshäuser Arkons, und nicht, wie ich gedacht habe, eine Adlige von einem der unzähligen Planeten des Imperiums.
Es gab einen Mordskrach, das kann ich Ihnen sagen, Dick. Das Ganze zog sich bis nach Terrania hin, und schließlich wurde ich zurück nach Sol versetzt, weil ich für die Harmonie zwischen terranischer Botschaft und der arkonidischen Regierung nicht mehr tragbar war."
"Die haben Sie rausgeworfen? Ist ja fies. Haben Sie Darla eigentlich wiedergesehen?"
"Nein, nie mehr. Jetzt kommt die Stelle, wie ich das Auge verloren habe. Ich mußte Arkon sofort verlassen und durfte nicht mal mehr auf den monatlichen Flottenpendler warten. Also buchte die Botschaft auf einem Linienflug für mich. Am Raumhafen aber stürzte sich plötzlich ein riesiger Naat auf mich. Ich habe diese Kerle schon oft gesehen, drei Meter Druchschnittsgröße, Wow, aber der war glatt noch einen Kopf größer. Sein erster Schlag striff mich an der rechten Schläfe. Ich wurde herumgewirbelt und zu Boden gerissen. Der zweite Schlag ging nur soo weit neben meinem rechten Arm in den Plastitboden und riß ein Loch rein, groß wie ein Shift. Bevor er ein drittes Mal zuschlagen konnte hatte ich aber meine Dienstwaffe gezogen und abgedrückt. Hätte der erste Schuß ihm nicht einen direkten Durchgang zum Hinterkopf verschafft, wäre ich jetzt wahrscheinlich tot. Richtig tot."
"Was? Der Naat hat Sie nur gestriffen?"
"Hätte er mich richtig erwischt, wäre mein Kopf Mus gewesen, Kadett."
"Ja, Sir. Aber wieso hat man Ihnen auf Arkon nicht ein neues Auge gezüchtet und implantiert?"
Dan zuckte die Achseln. "Die waren wohl nicht sehr erfreut, dass ich noch lebte. Sie versorgten meine Wunde notdürftig mit Biomol und jagten mich geradezu an Bord meines Linienfluges. Als ich drei Tage später auf Terra eintraf und ins Flottenhospital überwiesen wurde, war alles schon zu spät. Dass mein rechtes Auge verloren war, damit hatte ich mich schnell abgefunden. Aber in diesen drei Tagen sind auch die Sehnerven abgestorben. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, festzustellen, ob sie verletzt worden waren. Seitdem laufe ich mit dem künstlichen Auge rum."
"Hat man denn nie festgestellt, wer den Naat geschickt hat?", zweifelte der Kadett.
"Aber sicher hat man das. Einen Monat später informierte mich die Botschaft auf Arkon darüber, dass der Naat höchstwahrscheinlich zur arkonidischen Mafia gehört hat."
"Ha. Den hat bestimmt der Vater von der Alten geschickt, mit der Sie..."
Dan gab dem Jüngeren einen kräftigen Klaps auf den Hinterkopf. "Merken Sie sich, Kadett, reden Sie nie respektlos über Menschen, die nicht anwesend sind, oder über Frauen im Allgemeinen. Nur was Sie mit Respekt behandeln, erweist Ihnen ebenfalls Respekt."
"Ja, Sir", brummte Dick beleidigt und rieb sich die schmerzende Stelle am Kopf.
"Ich bin aber ganz froh über das Implantat", meinte Dan schmunzelnd.
"Ehrlich?"
"Aber ja. Das Ding ist doch Klasse. Ich habe eine Zoomfunktion, ich kann mit dem Ding in der Nacht sehen, hinter der Linse liegt ein Minicomputer, der auf meinen Befehl Bilddaten aufzeichnen und bearbeiten kann, und zuguterletzt habe ich den Röntgenblick."
"Den was?"
"Röntgenblick. Ich kann damit nachsehen, was ein Mensch in den Taschen seiner Uniform hat. Und noch ein bißchen tiefer", sagte Dan genüßlich und trank sein Bier aus. "Sehen Sie zum Beispiel die Uniformhose da hinten? Da drin stecken ein paar hübsche Waden. Hm, die Knie sind auch nicht übel. Und erst die Oberschenkel, die habe ich schon mal gesehen..:"
"Das ist Captain Campbell!", rief der Kadett und sprang auf.
"...Und was für ein gut trainierter Bauch."
"Na, Leutnant, spielen Sie wieder mit Ihrem Gimmick?"
Dan sah hoch und grinste seine direkte Vorgesetzte frech an. "Sie wissen doch ebensogut wie ich, dass mein Implantat lediglich Hitzequellen orten kann. Alles, was ich unter Ihrer Kleidung sehen kann, Captain, sind Wärmefelder."
"Hm. Die Antwort aus Terrania ist da. Pickett, ist Ihre Pause nicht bereits zu Ende?"
"D-doch, Ma´am!", stammelte der angehende Offizier und rannte, nicht ohne vorher noch salutiert zu haben, zurück in seinen Aufgabenbereich.
Als der junge Mann außer Hörweite war, setzte sich Captain Campbell neben Ramspoth auf die Kiste und angelte sich ein Bier von der Kühlplatte. "Welchen Schwachsinn haben Sie dem Jungen erzählt, Dannie? Wieder die Geschichte mit dem rachsüchtigen Springerpatriarchen? Oder die, in der Sie in den Schuß springen, der eigentlich Lordadmiral Atlan zugedacht war? Vielleicht doch die Version mit dem unvorsichtigen Haluter? Das ist meine Lieblingsgeschichte."
"Ich habe diesmal was Brandneues erzählt. Sie müssen nächste Woche nur die Ohren spitzen, wenn es in der Garnison rumgeht. Also, raus mit der Sprache. Was sagt Terrania?"
Campbell seufzte vielsagend. "Sie sind ein Verrückter, Dannie. Unkonventionell, geil auf Beifall und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Wenn es Sie beruhigt, ich persönlich habe Sie nie gemocht."
"Hm. Dann hat Terrania also zugestimmt?"
Captain Erice Campbell griff in die Außentasche ihrer lindgrünen Uniformjacke und zog einen Speicherkristall hervor. "Hier, die legitimen Dokumente für die Abfindung, die Entlassung und bereits angesetzte Reserveübungen. Sie werden den Leuten fehlen, Dannie."
"Das will ich doch schwer hoffen", erwiderte der Leutnant und griff sich das letzte Bier von der Platte. "Wissen Sie, Captain, Sie sind der einzige Mensch in diesem Universum, bei dem ich es gerne höre, wenn er mich Dannie nennt."
Erice nahm einen tiefen Schluck aus der Bierflasche. "Nanu? Sie werden doch nicht etwa weich auf Ihre alten Tage, Leutnant?", lachte sie.
Dan runzelte die Stirn. "Nein, nicht weich. Ich denke, ich habe einfach nur Angst vor dem, was vor mir liegt. Ich meine, ich war sieben Jahre in der Flotte, habe nach Flottenvorschrift die Zähne geputzt, nach Flottenvorschrift Bier getrunken und nach Flottenvorschrift getötet. Und jetzt haben die Vorschriften keine Gültigkeit mehr für mich. Erice, ich habe Angst."
Der Captain verschluckte sich fast an ihrem Bier. "Mensch, Dannie, erschrecken Sie mich nicht so. Sie waren bei Bancrofts Blitzern und hatten über vierzig Einsätze im Bluesgebiet. Und Sie haben Angst?"
"Vergessen Sie´s", brummte Dan beleidigt. "Ach ja, ich habe Fujikato gesagt, er soll meine wöchentliche Kiste Arkon Dunkel an Sie liefern, zum gleichen Preis. Ich hoffe, das ist Ihnen Recht." Der Leutnant griff nach seinem Uniformhemd. Er klaubte den Speicherkristall auf und nahm das angebrochene Bier mit. Bevor er ging, sagte er zu seiner Vorgesetzten: "Wissen Sie, was mein Problem ist? Ich bin einfach zu gefühlskalt, weil ich die irrige Annahme habe, das stehe in den Vorschriften."
"Sie und gefühlskalt? Nee."
Dan zuckte die Achseln. "Eben, Captain, eben."
Während er ging, zog er das Hemd über. Der Kristall wanderte in eine der Außentaschen. Jetzt mußte er nur noch packen und auf seine Mitfluggelegenheit warten. Danach war er frei.
***
Es war heiß, als ich aus der Raumfähre ausstieg und zum siebten- oder achtenmal den Frachthafen Trade City IV von Olymp betrat. Was heißt hier heiß, die Fetten schmorten im eigenen Saft, und selbst ich war nach wenigen Metern schweißgebadet.
Ich wunk dem Piloten der Fähre ein letztes Mal zu, er wünschte mir Glück, na ja, zumindest meinte er es so. Die Worte, die er dabei verwendete, hätten ein empfindlicheres Gemüt garantiert dazu veranlaßt, ihn wegen diskriminierender Beleidigung und Obszönität anzuzeigen. Ich grinste nur frech und zeigte ihm den Mittelfinger meiner rechten Hand. Das schien dem Burschen zu gefallen. Er lachte rauh und ließ das Schott seiner Fähre wieder zufahren. Kaum, daß ich aus dem Gefahrenbereich war, startete er auch schon wieder. Na toll, einerseits hatten wir dreiundvierzig Grad im Schatten, andererseits traf mich nun ein Schwall heißer Luft aus den Korrekturtriebwerken der Fähre. Ich wischte mir mit dem Ärmel meiner alten Uniform die Stirn trocken und setzte mich stumm in Bewegung auf den geduckten Plattenbau am Rande des Landefeldes. Olymp hatte in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen, gerade als Warenumschlagplatz. Zur Zeit bezog das Solare Imperium dreißig Prozent aller Güter, die es nicht selbst produzierte über Olymp, aber es war abzusehen, dass es in absehbarer Zeit noch mehr werden würden. Immerhin lag Olymp für den Handel mit den Arkoniden äußerst günstig.
Noch ein, zwei Jahre, schätzte ich, und die Plattenbauten und geduckten Lagerhallen würden hypermodernen Terminals weichen. Im Osten der Stadt waren bereits die Maschinen im Gange, gewaltige Flächen zu roden, auf denen dereinst ein Raumhafen entstehen sollte, der das achtfache der Kapazität haben sollte denn alle bisherigen Raumhäfen von Olymp zusammen.
Aber das interessierte mich nur am Rande. Wichtig war für mich nur eines. Auf Olymp würde ich schnell eine Passage bekommen, irgendwo in die Galaxis hinein. Oder drüber hinaus. Warum nicht nach Andromeda? Da war bestimmt `ne Menge los. Oder zu den Gurrads und Baramos in die Magellanschen Wolken? Vielleicht aber auch nur in den Bluessektor?
Fest stand für mich nur eines. Von der Solaren Flotte hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Ich hatte keine Lust, irgendwann auf einer Veteranenwelt mein Gnadenbrot zu fressen und beim Jabuanspiel mit verkalkten Kameraden meine Zeit zu vertrödeln.
Ich suchte ein Abenteuer, wenn möglich ein gefährliches. Wenn möglich ein tödliches. Je größer die Gefahr, desto größer der Nervenkitzel für mich.
"Du froh, Daniel?", zirpte es in meiner Brusttasche. Ich hielt an und öffnete den Magnetverschluß. Mein kleiner Freund hatte verdammt lange geschlafen. Und die stickige Hitze in meiner Tasche schien ihm überhaupt nichts auszumachen. Da lugte er auch schon hervor und kicherte leise. Im Großen und Ganzen sah mein kleiner Freund aus wie eine terranische Fledermaus, vielleicht so groß wie eine Handspanne. Breitete er seine Lederschwingen auseinander, maß er gut und gerne vierzig Zentimeter.
"Guten Morgen, Zacharias. Ja, ich bin froh. Hast du gut geschlafen?"
Der kleine Kerl klappte sein Maul ein parmal auf und zu und gähnte herzhaft. Dabei entblößte er zwei Viererreihen scharfer Reißzähne und vier Sechser mit dicken Mahlzähnen. "Gut geschlafen ich. Wenig Menschen hier, keine Not, kein Zorn."
Ich grinste, während ich dem kleinen Kerl das Nackenfell kraulte. Zacharias war für so ein kleines Wesen sehr intelligent. Er beherrschte Interkosmo und terranisch leidlich, hatte ein gutes Namensgedächtnis und besaß eine besondere Fähigkeit, die mir schon oft aus der Scheiße geholfen hatte. Er war rudimentär empathisch veranlagt. Je nachdem wie die Stimmung der Intelligenzwesen um ihn herum war, verfärbte sich sein Fell. Quittegelb bedeutete höchste Erregung, Angst oder große Panik. Hellblau bedeutete Harmonie und Ruhe. Tiefrot hingegen deutete auf überkochenden Zorn. Dazwischen gab es noch viele feine Abstufungen, die ich zu lesen gelernt hatte, seit Zak bei mir war. Wir ergänzten uns ganz gut. Er warnte mich vor Gefahr, besserte meine Laune und betörte mit seinem niedlichen Aussehen die Frauen, und ich sorgte für Futter und suchte für ihn eine Spur seiner Heimatwelt.
Ich zog ein kleines Etui aus meiner Hose, öffnete es und zog eine fette Raupe hervor. Das Biest zappelte noch, obwohl das Kühletui es auf fast null Grad hatte runterkühlen sollen.
Zak hakte sich mit den Greifkrallen seiner Lederschwingen an den Saum meiner Brusttasche und hebelte sich etwas hinaus. Sein Fell war dunkelblau. Er schnappte nach der Raupe, aber ich hielt sie weg.
"Zak, du weißt doch, dass die Raupe noch zu kalt ist. Du bekommst wieder diese fürchterlichen Magenschmerzen, wenn du sie so frißt."
"Ich weiß", meinte der kleine Kerl betrübt. "Doch hungrig nach langem Flug bin ich."
Ich ließ mich nicht erweichen, immerhin besorgte ich nicht nur die Nahrung, ich war auch Zaks amtlich eingetragener Vormund und mußte auf ihn achten. Ich drehte die fette Raupe ein paarmal in der Hand, bis ich meinte, es sei genug und reichte sie dann meinem kleinen Freund.
Der schnappte sofort zu wie ein ausgehungerter Kjörksaurier nach dem kalten Buffet und schlang das dicke Ding in vier schnellen Happen herunter. "Schon besser", meinte er schließlich.
"Willst du jetzt fliegen?"
"Nein, aber auf Schulter reiten will ich."
"Na, dann komm."
Zak kletterte ganz aus der Tasche, spannte seine Flughäute und sprang. Kurz vor dem Boden fingen ihn seine Schwingen auf, er schlug ein paarmal kräftig und schraubte sich so nach oben. Schließlich landete er auf meiner Schulter.

Wir erreichten das geduckte Gebäude. Drinnen war es nicht wesentlich kühler, leider. Der Zollbeamte, der mich empfing, schien ebenfalls unter der Hitze zu leiden. Äußerst wortkarg ratterte er seinen Fragenkatalog herunter, beäugte mißtrauisch meinen kleinen Freund und das Etui mit seiner Lieblingsnahrung, ließ mich aber schließlich passieren, nachdem ich einen horrend hohen Betrag für die Raupen hatte berappen müssen. Immerhin führte ich eine lebendige, ökosystemfremde Spezies ein. Danach durfte ich gehen.
Es war nicht viel los, vielleicht fünf Passagiergesellschaften und elf Transportfirmen waren hier vertreten, die Kunden ließen sich mit Händen und Füßen abzählen und allgemein ergab man sich der Mittagshitze.
Auch ich hatte nichts besseres zu tun als mich in den nächsten Sitz zu quetschen, mich nach Möglichkeit nicht zu bewegen und die Abflugtermine auf den großen Anzeigen zu studieren.
Nach Lepso gingen ein Passagierraumer und drei Frachter. Alle würden noch heute starten. Das war doch schon mal was. Diese verwahrloste Welt würde mich bestimmt ein paar Wochen beschäftigen, und von dort war es nur ein winzigkleiner Schritt nach Zalit, Arkon oder Ariga, wo auch ein bißchen was los war.
Ja, das war es doch. Also Lepso. Der Passagierraumer kam von Plophos und würde nur einen kurzen Aufenthalt auf Lepso haben, bevor er nach Arkon weiterflog. Eine terranische Gesellschaft, wie es schien. Die Frachter waren Springer und Freihändler. Vielleicht war der Freihändler die beste Lösung, überlegte ich, als mich Zak mit seiner weichen Nase anstupste. Sein Fell hatte die Farbe gewechselt und war jetzt orange. "Ärger da. Großer Mann hat viel, viel Angst, kleine Leute sind gierig-wütend."
Ich besah mir die Szenerie, die mir mein kleiner Freund beschrieben hatte. Ein junger Terraner mit hellblondem Haar stand inmitten einer Gruppe kleiner, stämmiger Grüngesichter. Überschwere, sieben, ich schätzte ihr Alter auf vielleicht vierzehn Standardjahre. Na toll, dachte ich, eine Jugendbande.
Langsam erhob ich mich, während mein kleiner Freund in die Tasche schlüpfen wollte. "Besser nicht. Flieg unter die Decke. Nicht, dass dich ein verirrter Schlag trifft."
Zak protestierte zwar, dass er mich nicht im Stich lassen wollte, flog aber gehorsam bis unter die Decke.

Gemächlich schlenderte ich zu der Gruppe. Einer der Jugendlichen hatte dem Terraner sein frischgekauftes Essen entrissen, einen Zalitburger. Deutlich hörte ich ihn rufen: "So, jetzt habt Ihr mein Mittagessen. Laßt Ihr mich endlich in Ruhe?" Die Stimme des Burschen zitterte, aber dennoch stand er aufrecht und steif unter den johlenden Kindern.
Einer stieß den Terry an, dass er zum nächsten stolperte, der reichte ihn weiter, das er ein paarmal im Kreis umhergereicht wurde. Dabei, fiel mir auf, umklammerte er krampfhaft die kleine schwarze Tasche in der Linken. Noch war sie keinem der Jugendlichen aufgefallen, aber das würde nicht mehr lange dauern.
"Was'n da drin, Opa?", wollte der Kräftigste von ihnen wissen und versuchte, dem Terraner die Tasche zu entreißen. Der schien durchaus gewillt, sie fahren zu lassen, aber er konnte es nicht. Das schien den Überschweren zu verwirren. Wie die meisten seines Volkes auch war er bei einer Schwerkraft von über zweifacher Erdschwere aufgewachsen und dementsprechend um einiges kräftiger als ein normaler Terraner, aber jetzt schaffte er es nicht mal, diesem Bücherwurm die kleine Tasche zu entreißen.
"Nun laß schon los, Opa, oder ich werde ungemütlich!", brüllte der Bursche. Sein Gesicht hatte sich tiefgrün verfärbt und er spuckte beim Sprechen.
Ich stellte mich daneben und gähnte demonstrativ. "Laßt gut sein, Kids, und geht nach Hause. Das ist besser für euch."
Die jungen Überschweren sahen mich an. Einer verschränkte seiner Finger ineinander und drückte sie nach außen. Es krachte wie ein Schuß, als seine Fingerknorpel übereinander rieben. "Noch so'n Opa. Ist hier irgendwo ein Nest?"
"Hey, der trägt `ne SI-Uniform. Mein Großonkel und sein Schiff wurden letzte Woche von 'nem SI-Pott plattgemacht." Der Junge, der gesprochen hatte, baute sich drohend vor mir auf. Er war nicht einmal einen Meter fünfzig groß, dafür aber ebenso breit. Aber er war eben noch ein Kind. Ich beschloß, gnädig mit ihm zu sein.
"Warst du dabei, SI-Spinner?"
"Ich schieße generell nicht auf Wracks."
DAS verletzte seinen Familienstolz. Er heulte fürchterlich auf und sprang auf mich zu.
Nun, er war ein Überschwerer, stärker als ein normaler Mensch, schneller und gemeiner, aber er war noch jung, hatte wenig Kampferfahrung. Ich hingegen hatte schon gegen einige Überschwere gekämpft und auch den einen oder anderen im Nahkampf besiegt. Dafür war ich ausgebildet worden. Ich trat zur Seite und packte den heranspringenden Jungen im Nacken, drückte ihn nach vorne. Der fing an zu taumeln, vom eigenen und von mir verstärkten Schwung getragen, und raste mit dem Kopf voran gegen die nächste Wand. Dort blieb er liegen.
"Der hat Cotraz fertiggemacht! Du Ratnisk!", brüllte der nächste und warf sich auf mich. Wieder wich ich aus. Der andere Bengel landete schwer auf seinem Bauch und blieb einen Moment liegen, um den verlorengegangenen Atem wieder in die Lungen zu holen. Als er wieder hochkam und mich haßerfüllt anstarrte, sah er nur noch meine Faust. Sein Nasenbein brach mit einem häßlichen Knirschen. Der Schwung meines Schlages ließ ihn nach hinten fallen. Da saß er auf seinem Arsch und umklammerte seine blutende Nase.
Ich lächelte in die Runde. "Noch einer?"
Wieder sprang einer der Bengel vor, aber da hatte ich schon meinen rechten Fuß hochgebracht. Die Spitze traf ihn mitten auf der linken Schläfe. Einen Terraner hätte ich mit diesem Treffer getötet. Der Überschwere knallte wie ein nasser Sack zu Boden und rührte sich nicht mehr. Da zog einer eine Vibroklinge und hielt sie mir unter die Nase. Schnell begann der Arkonstahl der Klinge weiß aufzuglühen. Es summte leise. "Dich schneide ich in Streifen, Terry", drohte er mir.
Da griff aber eine starke Hand in sein Haar und zog ihn fort. Die Hand mit dem Messer wurde nach hinten gedreht, bis der Bengel es schreiend fallenließ. Doch der Arm, der das Handgelenk hielt, schraubte sich noch immer wie ein pneumatischer Block um den Knochen des Jungen und ließ nicht locker. Nach ein paar Augenblicken winselte der Junge nur noch. Ich sah hoch und blickte in ein paar strenger grauer Augen. Ein Terraner, einer der wußte wie man kämpfte. Er sah in die Runde, und sein eiskalter Blick ließ die restlichen drei zurückweichen. "Nun haut schon ab und nehmt die anderen mit!", blaffte er und ließ das Handgelenk fahren.
Sofort wälzte sich der Bursche auf die Knie und kroch davon.

Die Züge meines Gegenübers entspannten sich, verloren alle Härte. Nun sah er beinahe sympathisch aus. Er lächelte dem Terraner, dem ich geholfen hatte zu und fragte: "Alles in Ordnung, Kento?"
Der Angesprochene nickte und deutete in meine Richtung. "Dank ihm. Aber ich bin unhöflich. Mein Name ist Kento Re... Kento, einfach nur Kento. Das ist Hakon."
Ich lächelte die beiden freundlich an. Kento zuckte zusammen, wahrscheinlich hatte er erst jetzt mein Implantat bemerkt. Hakon reichte mir ohne zu Zögern die Rechte. Er deutete mit einem Nicken auf die mattblaue Stelle in meinem Gesicht und meinte: "Bluesoffensive?"
"Etwas in der Art." Danach schüttelte ich Kento die Hand. Er hatte einen festen Händedruck, der nun gar nicht zu seinem ängstlichen Äußeren passen wollte.
Kurz darauf landete Zak wieder auf meiner Schulter. "Alles ruhig. Kein Streit, kein Haß", zirpte er. Sein himmelblaues Fell schien das zu bestätigen.
"Na, den hätte ich ja beinahe vergessen. Das ist Zacharias. Sag guten Tag zu Kento und Hakon."
"Guten Tag."
"Zacharias ist ein Findelkind. Ich habe ihn während eines Kampfeinsatzes aus einem illegalen Baálol-Labor befreit. Seither begleitet er mich, bis wir herausgefunden haben, wo er eigentlich Zuhause ist."
Kento strahlte über das ganze Gesicht, als er versuchte, Zak zu streicheln. Er zuckte zurück und sah mich verlegen an. "Darf ich?"
"Oh, Zak hat seinen eigenen Willen. Aber er hat es gerne, gestreichelt zu werden. Und dich scheint er zu mögen."
Etwas zaghaft begann er den kleinen Kerl hinter dem Ohr zu kraulen, als dieser aber behaglich seufzte, verstärkte Kento seine Bemühungen und kraulte auch den pelzigen Bauch. "Ja, das magst du", freute sich der junge Bursche.
"Wo soll es hingehen?", fragte ich gutgelaunt.
"Trittbrett", sagte Hakon.
"New Sydney", sagte Kento.
"Hm, ich hätte schwören konnen, Ihr beide reist zusammen", meinte ich verwirrt und kratzte mich hinterm Ohr.
Die Zwei sahen mich an und Hakon begann zu grinsen. "Du bist nicht von hier, was? New Sydney und Trittbrett sind dasselbe. Das ist eine kleine Kolonie knapp vor dem Dabrifa-Raum. Sie ist nicht besonders groß, aber ab und an benutzen Kolonieschiffe den Planeten als Absprungpunkt in die Southside, wo das Solare Imperium gerade die neuen Koloniegebiete erforscht."
Irgendwas, als ich die beiden so ansah, machte in mir Klick. Mein kleiner Freund Zak fühlte sich so wohl bei Kento, dass er kurzerhand auf seine Schulter wechselte, um sich noch besser streicheln zu lassen. Beide begegneten mir mit ehrlichem, aufrechtem Blick. Doch lag eine stille Bitte in den Augen des jüngeren Terraners. Es war wie ein Hilferuf. Hakons Blick war klar und fest, aber irgendwie war da ein Schimmer von Achtung in seinen Augen, Respekt für mich zusammen mit den Gedanken, welchen Spaß wir gemeinsam haben konnten, wenn wir drei erst mal die Galaxis unsicher machten.

Ich ging zu der kleinen Snackbar um die Ecke und bestellte reichlich vom nährstofffreien Essen. Dazu ein paar Pommes für Zak, er liebte das Zeug. Außerdem ergänzte er mit dem pflanzlichen Fett seine Ernährung. "Hunger?", fragte ich, als ich mit einem vollen Tablett wiederkam.
"Kannst du Gedanken lesen?", freute sich Kento und griff sich mit der Rechten einen Zalit mit doppelt Raytan heraus.
Hakon bediente sich erst nur zögerlich, griff sich dann aber doch zwei Cheese-Akonen heraus.
Wir schlenderten zu ihren Sitzplätzen zurück. Ihr Gepäck war noch da. Das verwunderte mich nicht. Wir hatten gerade erst eine Menge Stärke und Wut demonstriert und ein guter Dieb ging eben kein unkalkulierbares Risiko ein.
Wir setzten uns und schlangen das billige Fastfood herunter und spülten mit einem Softdrink nach, der gerade auf Olymp Mode war. Er schmeckte auch wie eine billige Modeerscheinung, erfrischte aber ungemein.
New Sydney, Sprungbrett in die Southside, überlegte ich. Wenn es schon kein richtiges Abenteuer war, dann doch zumindest ein Anfang. Und wollte ich nicht neu anfangen?
Kento fütterte Zacharias mit Pommes, bis der nicht mehr konnte, nicht schwer bei seinem Minimagen.
Hakon unterhielt sich mit mir über belangloses Zeug.
Ich erzählte von meiner Zeit in der Flotte und wärmte eine meiner älteren Geschichten auf, wie ich mein Auge verloren hatte. Ich erzählte die Geschichte des unvorsichtigen Haluters.
Hakon sah mich an, daß ich schon dachte, er hätte meine kleine Flunkerei durchschaut. Aber nein, er sagte nur: "Tut mir leid."
Kento spielte noch etwas mit Zak, bevor der sich zu einem Verdauungsschläfchen in meine Tasche zurückzog und beteiligte sich dann an der Unterhaltung. Er erzählte nicht viel über sich, aber er stritt gerne über physikalische Anomalien. Besonders ereiferte er sich, als Hakon und ich über die Waringer-Theorie der parallelen Universen diskutierten. Wir waren anscheinend alle drei recht beschlagen auf diesem Gebiet. Aber Kento wußte mit Abstand das Meiste. Beinahe hätte ich glauben können, er hätte bei der Ausarbeitung des Thesenblattes, dem die Theorie zugrunde lag, mitgeholfen. Schließlich sagte ich: "Wißt Ihr was, Jungs? Trittbrett klingt großartig für mich. Die Southside ist bestimmt eine tolle Ecke für ein Abenteuer."
"Warum kommst du dann nicht mit?", ermunterte mich Hakon.
"Ja, genau. Kannst du eine Korvette fliegen?", setzte Kento hinterher.
"Langsam, langsam", lachte ich. "Ich war zwar in einer Raumlandedivision, aber ich bin kein Genie. Mit einer Jet kann ich vielleicht noch umgehen. Zur Korvette reicht es leider nicht mehr."
"Wir fliegen mit einem Springer, der SARUMAT XIV. Ich glaube, es sind noch Passagen frei. Und besonders teuer ist die fliegende Rostlaube auch nicht. Sie fliegt in zwei Stunden."
Ich nickte schwer. "Hakon, Kento, Ihr habt soeben Gesellschaft bekommen."
Für einen Moment durchzuckte mich ein schlechtes Gefühl, ein ekliges Ziehen in der Magengegend, dass mich eigentlich nur dann heimsuchte, wenn ich im Begriff war, wirklich, wirklich schwere Fehler zu begehen. Ich sah den beiden in die Augen. In Kentos Blick erkannte ich eine große Angst. Etwas lastete auf ihm, aber uns beide als Begleitung zu haben schien ihm eine Erleichterung zu sein.
Hakons Augen waren leer. Ich sah keinen Groll, keine Freude, keinen Haß und keine Zufriedenheit. Aber um seine Lippen spielte ein spöttischer Zug, etwas Amüsement, etwas Spaß. Ich zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass ich mich auf ihn oder Kento würde verlassen können, aber in diesem Abenteuer – dass es eines werden würde, zweifelte ich nicht eine Sekunde – hatte er die besten Karten zugemischt bekommen.
Egal, was passieren würde, es würde bestimmt Spaß machen...
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