Das vergessene Grauen

GeschichteHorror, Sci-Fi / P16
OC (Own Character)
25.04.2013
25.04.2013
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25.04.2013 4.755
 
Juni 2012

Das Licht flackerte. Ralf störte sich nicht daran. Er hatte das schon öfters gesehen. In dem kleinen Bunker gab es nicht viel Platz. Trotzdem war er froh, sich jetzt hier zu befinden, und nicht draußen zu sein. Draußen, wo durch den Kometeneinschlag der ganze Planet erschüttert worden war, und die Menschen den atomaren Winter von mehr als 50 Grad Celsius Minus ertragen mussten. In wilden Horden liefen sie draußen herum, plünderten, brandschatzen und mordeten.
„Ist etwas vorgefallen?“ fragte Boris der nun auch den Raum betrat, in welchem Ralf sich aufhielt.
„Nein, überhaupt nichts“ entgegnete Ralf, „Ist meine Wachschicht schon zuende?“
„Ja, ist sie. Ich löse dich ab.“ antwortete Boris.
Erleichtert seufzend stand Ralf auf und verließ den Raum. Eigentlich war es sinnlos, hier Wache zu schieben. Die Menschen von draußen konnten ohnehin nicht hineingelangen. Und sollte es ihnen jemals doch gelingen, war der Wachtposten allerhöchstens der erste der starb. Der Bunker in welchem sie sich versteckt hatten, war ein kleiner Bunker, der noch im zweiten Weltkrieg gebaut worden war. Derjenige der ihn bauen ließ, hatte wohl sich und seine Familie vor den Bombenangriffen der Alliierten beschützen wollen.
Thorsten, früher ein hohes Tier in der Stadtverwaltung, hatte später den Lageplan zu diesem Bunker entdeckt, und sich von dessen Anwesenheit selbst überzeugt. Doch zufällig erfuhr er, kurz bevor er die Existenz dieses Bunkers bekanntgeben wollte, dass ein Komet auf die Erde zuhielt. In der Aufregung die daraufhin durch die Medien ging, vergaß er den Bunker. Er fiel ihm erst dann wieder ein, als klar war, dass ein Zusammenstoß des Kometen mit der Erde unabwendbar war.
Und so keimte schnell der Plan in ihm auf, sich in diesem Bunker einzuquartieren. Er besorgte sich Lebensmittel die lange haltbar waren, und verbunkerte sie zuhauf. Doch auch ein großer Vorrat geht irgendwann zur Neige. Und so musste Thorsten eine Möglichkeit finden, auch autark Nahrung produzieren zu können. Zum Glück hatte er einen guten Freund namens Dieter. Ihn weihte er kurzerhand in seinen Plan ein, denn er war ein Forscher der sich damit beschäftigte, Genmanipulationen an Pflanzen durchzuführen, damit sie viel widerstandsfähiger und langlebiger wurden, und auch unter widrigsten Bedingungen gezüchtet werden konnten.
Beide zogen kurz vor der Kometenkatastrophe in den Bunker und nahmen ihre Familien mit. Ralf, Boris und Katrin waren Praktikanten in Dieters Labor. Er lud sie ein, mit ihm mitzukommen, und im Bunker in Sicherheit zu sein. Ralf und Katrin waren Geschwister, deren Eltern schon seit Jahren in den USA lebten und keinen Kontakt mehr zu ihnen hatten. Boris war in einem Heim aufgewachsen. Seine Mutter hatte ihn als Baby ausgesetzt, und es ließen sich keine Pflegeeltern für ihn finden. Und so erklärten sie sich bereit, Dieter zu begleiten.
Alle drei waren sie unter 20 Jahre alt. Abgesehen von Thorstens und Dieters Kindern waren sie also die jüngsten Bewohner dieses Bunkers. Ein kleiner Bunker, in welchem nur 15 Leute lebten. Ralf schlurfte weiter durch die Gänge. In der Nähe der Schleuse konnte er die Menschen draußen schreiben hören. Wenigstens war es im Bunker etwas leiser.

September 2012

Boris stand kampfbereit an der Schleuse. Ralf war zusammen mit Hanna und Josef draußen unterwegs. Dieters Forschungen waren zunächst ein Erfolg gewesen. Ihm war es gelungen, eine Pflanze zu züchten die das Wasser reinigte, sodass es als Trinkwasser zu gebrauchen war. Doch alle Versuche, essbare Nutzpflanzen zu züchten, waren auf ganzer Linie fehlgeschlagen.
Dieter hatte gesagt, für eine neue Kultur von Pflanzen würde man Wasserpflanzen als Basis brauchen. Pflanzen, die im Wasser am Meer leben würden. Da sich der Bunker in einer Stadt nahe an der Nordsee befand, machten sich immer kleine Dreiergruppen auf den Weg zum Strand, um dort geeignete Pflanzen zu finden. Die Konserven gingen langsam zur Neige, deshalb hatte Thorsten vor einer Weile angeordnet, dass man bald auch Tiere jagen werde, um sie zu essen. Doch diese Anordnung zog er schnell zurück. Denn die Tiere veränderten sich. Von einem Außeneinsatz brachte er zwei Tiere zu Versuchszwecken mit. Eine Spinne und eine Ratte. Die Spinne war eigentlich eine normale Hausspinne, allerdings schon annähernd so groß wie eine Vogelspinne. Und die Ratte war auch fast doppelt so groß wie eine normale Ratte.
Doch bevor Dieter Experimente an ihnen durchführen konnte, waren sie verschwunden. Er hatte nie erfahren, dass Boris es war, der sie befreit hatte. Er hatte sich schon immer gegen Tierversuche gesträubt, und wollte den beiden Tieren ein schlimmes Schicksal ersparen.
Hanna war Torstens Frau und Josef war Dieters jüngerer Bruder. Sie beide hatten sich zusammen mit Ralf freiwillig gemeldet, neue Proben zu besorgen.
Plötzlich tauchte ein Schatten in Boris´ Blickfeld auf. Er richtete das Gewehr auf diesen Schatten, doch da kam er schon näher, und Boris erkannte Josef. Er schleppte sich eilig zu dem Bunker hin, und hatte einen Sack geschultert, in welchem sich offensichtlich etwas befand. Josef stolperte durch die offene Schleuse, und ließ sich dann zu Boden sinken. Es sah ganz so aus, als sei er in einen heftigen Kampf geraten.
„Was ist passiert? Und wo sind Hanna und Ralf?“ bestürmte Boris ihn mit Fragen.
„Barbaren haben uns angegriffen“ ächzte er, „Sie sind tot. Aber ich habe hier ein seltsames Artefakt gefunden. Es könnte vielleicht wichtig sein.“
Boris kamen die Tränen, als er fassungslos wiederholte: „Sie sind tot? Aber... aber warum denn?“
„Ich glaube... ich glaube, die Barbaren wollten... wollten sie essen.“ Josef spuckte die Worte aus, er wurde immer schwächer. Dann starb er schließlich.
Boris stand noch eine Weile vor seiner Leiche. Dann öffnete er den Sack, den Josef mit letzter Kraft hineingeschleppt hatte. Darin befand sich ein riesiger, grün leuchtender Kristall. Er war sehr groß. Eigentlich hätte man ihn nur mit einer Schubkarre transportieren können. Josef musste wirklich sehr stark gewesen sein. Und plötzlich kamen Boris auch seine letzten Worte um so deutlicher in den Sinn. Die Menschen, sie benahmen sich nun wie Barbaren, hatten Ralf und Hanna umgebracht, um sie zu essen. Boris war schon seit seinem 14. Lebensjahr Veganer. Er verabscheute es bereits, Tiere zu essen. Aber Kannibalismus war ja noch um einiges schlimmer.
Schaudernd stand Boris auf. Sein Blick fiel auf den grünen, leuchtenden Kristall. Aus unerfindlichen Gründen fühlte Boris sich in dessen Gegenwart unwohl. Er hatte das Gefühl, als sei der Kristall lebendig und intelligent, und würde ihn beobachten. Dann nahm der junge Mann sein Funkgerät zur Hand und sprach hinein: „Unser Spähtrupp ist zurück. Es gibt ziemlich schlechte Neuigkeiten.“

März 2014

Die Nahrung ging inzwischen zur Neige. Wahrscheinlich wären sie inzwischen sogar vollkommen ohne Nahrung, wenn die Bunkerbesatzung sich im Laufe der Zeit nicht entschieden geschmälert hätte. Nur noch sechs Menschen lebten im Bunker. Thorsten, Dieter, Boris, Katrin, Mareike und Julia. Mareike und Julia waren die Nichten von Thorsten, seine Frau konnte keine Kinder bekommen, und sie zogen die Kinder auf, da ihre eigentlichen Eltern sich nicht um sie kümmern wollten. Seine Frau hatte er verloren. Dieter war inzwischen der einzige Überlebende seiner Familie. Das harte Leben und die Verluste hatten jedem der Bunkerinsassen auf´s Gemüt geschlagen. Zu allem Unglück hatten auch die Menschen draußen den Bunker schon entdeckt. Sie warfen sich wieder und wieder gegen die Tür und versuchten gewaltsam reinzukommen, natürlich erfolglos.
Boris schlenderte lustlos in seinem Raum umher. Dieter hatte sich inzwischen voll und ganz seinen Experimenten gewidmet. Der Kristall stand in seinem Labor, und beleuchtete es in seinem unheimlichen Grün. Ein Klopfen an der Tür riss Boris aus seinen düsteren Gedanken.
Die Tür öffnete sich und Mareike betrat den Raum. Sie strahlte über ihr ganzes Gesicht, was Boris in Anbetracht der Umstände sehr befremdlich fand. Als sie in den Bunker kam, war sie noch ein 12-jähriges Mädchen gewesen. Nun war sie 14 Jahre alt, bald würde sie 15 werden. Ihr Körper zeigte nun langsam weibliche Rundungen, und das Mädchen war sich dessen auch bewusst. Boris hegte schon seit längerem den Verdacht, dass sie für ihn schwärmte. Sie verhielt sich ziemlich aufreizend und kokett, wenn sie mit ihm alleine war. Doch bisher war er nicht auf ihre Reize eingegangen. Für seinen Geschmack war sie einfach etwas zu jung, denn er war immerhin schon 18.
„Onkel Dieter hat einen großen Erfolg erzielt“ verkündete sie, „Es gibt etwas, was unser Überleben in dieser feindlichen Welt problemlos ermöglichen würde.“
Sie nannte Dieter schon immer Onkel, auch wenn es keine verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen gab. Boris folgte ihr, als sie in den Versammlungsraum gingen. Dort warteten auch schon Thorsten, Katrin und Julia. Vorne auf dem Tisch standen sechs Reagenzgläser, in welchem sich eine trübe, gelbe Flüssigkeit befand. Boris hatte im Labor schon mehr als einmal den Behälter mit dieser Flüssigkeit gesehen. Doch immer wenn er Dieter darauf ansprach, meinte dieser nur ausweichend, dies sei sein Nebenprojekt. Dann ging die Tür zum Labor auf, und Dieter kam herein.
„Schön, dass ihr alle da seid“ begrüßte er sie, „Leider ist es mir nicht gelungen, eine Pflanze zu züchten, von der wir uns ernähren könnten, ohne hierfür den Bunker verlassen zu müssen. Doch seid nicht wegen dieser schlechten Neuigkeit betrübt, denn das was ich bisher als Nebenprojekt betrieben habe, war ein großer Erfolg.“
Er wies auf die fünf Reagenzgläser.
„Es ist mir gelungen, einen kleinen Parasiten zu erschaffen“ verkündete er, „Er wird uns dabei helfen, die schwere Zeit nach dieser Katastrophe unbeschadet zu überstehen.“
„Wieso hast du denn plötzlich Tiergenetik betrieben?“ wollte Thorsten wissen, „Dein Fachgebiet ist doch Pflanzengenetik.“
„Und wozu soll dieser Parasit gut sein? Die Zeiten sind auch so schon schwer genug, da brauchen wir nicht auch noch Parasiten.“ wandte Julia ein.
„Es gibt keinen großen Unterschied in der Genetik, da war die Nebenforschung wirklich nicht weiter schwer“ beantwortete Dieter Thorstens Frage, und wandte sich dann an Julia, „Die Idee kam mir, als mir das Wort Darmflora in den Sinn kam. Wir haben ohnehin schon unzählige Bakterien in unseren Körpern. Im menschlichen Darm leben sehr viele, die unseren Körpern dabei helfen, die aufgenommene Nahrung zu verdauen, und die auch die schädlichen Auswirkungen von Industrienahrung minimieren. Australische Ureinwohner würden eine Cola aus den Industrieländern nicht gut vertragen. Also ist ein Parasit, der unseren Körpern hilft, da nur die nächste, logische Entwicklung.“
„Darmflora“ dachte Boris, „Ja, natürlich. Flora ist lateinisch für Pflanzenwelt. Das war für ihn wohl die richtige Eingebung.“
Er konnte aber keine weiteren Gedanken fassen. Er erinnerte sich dunkel an dem Geschmack von Cola. Boris hätte nie gedacht, dass ihm etwas zu essen oder zu trinken sosehr fehlen könnte. Schon seit über zwei Jahren kannte er nichts anderes außer Konserven. Konserven, die schon zur Neige gingen. Und das war noch eine Untertreibung. Selbst bei maximaler Rationierung reichten die Konserven noch höchstens einen Monat. Dieters Erfindung kam keinen Moment zu früh.
„Wir injizieren uns den Parasiten, wobei man ihn eher als einen Symbionten bezeichnen sollte“ fuhr Dieter fort, „Denn er schadet unseren Körpern ja nicht. Ganz im Gegenteil sogar. Durch ihn werden wir körperlich um einiges kräftiger und widerstandsfähiger. Und wir können auch jede Art von Nahrung aufnehmen, ohne davon krank zu werden.“
„Warum ist der Parasit denn flüssig?“ erkundigte sich Mareike.
„Der Symbiont ist sehr klein. Etwas größer als die meisten Vielzeller, aber immer noch so klein, dass man ihn nur unter dem Mikroskop sehen kann. Und er hat eine ungeheure Vermehrungsrate. Die Flüssigkeit da besteht aus Tausenden und Abertausenden dieser kleinen Tierchen.“ erklärte der Wissenschaftler.
„Wenn nicht die Kometenkatastrophe passiert wäre, hättest du dir damit den Nobelpreis sicher verdient“ lobte Thorsten, „Aber wie ist dir dieses Glanzstück an Forschung gelungen?“
„Zuerst gingen alle der ersten Versuche daneben. Doch seit der grüne Kristall im Labor ist, sind die Experimente plötzlich ein großer Erfolg.“ erklärte Dieter strahlend.
„Geht von dem Kristall vielleicht irgendeine Art von Strahlung aus?“ wollte Boris wissen, „Schließlich könnte er aus dem Weltraum kommen. Vor dem Kometeneinschlag habe ich soetwas noch nie gesehen.“
„Das war auch meine Überlegung“ gab Dieter zu, „Und ich habe ihn auch gleich gemessen, aber ich konnte keine Art von Strahlung feststellen. Zumindest keine die wir kennen.“
Dieter stand mit seinem Enthusiasmus ziemlich alleine da. Der Gedanke, einen Parasiten in sich zu haben, welcher noch dazu möglicherweise von einer außerirdischen Quelle mit unbekannter Strahlung bestrahlt worden war, behagte offenbar nur dem Wissenschaftler selbst.
Die Bunkerinsassen machten keinen Hehl aus ihrer Abneigung, und so brauste Dieter auf: „Hört mal, wir haben da nicht groß eine andere Wahl, okay? Aber wir sind schon so gut wie tot, wenn wir nicht dafür sorgen, dass wir in dieser Umwelt überleben können. Wir haben nunmal nicht das Glück, in einem der zahlreichen, großen Bunker zu sitzen, die tief in der Erde sind. Entweder wir gehen diesen Schritt, oder wir können auch gleich den Bunker verlassen und uns von den Halbwilden da draußen umbringen lassen.“
Die Bunkerbewohner sahen sich an, und nickten sich dann zu. Jeder war einverstanden.

Juli 2014

Es lief besser als erwartet. Der Symbiont hatte tatsächlich dafür gesorgt, dass sie widerstandsfähiger wurden. Obwohl es außerhalb des Bunkers etliche Grad unter Null kalt war, spürten Boris, Mareike und Katrin die Kälte kaum. Zu dritt eilten sie durch die Nacht. Seit dem Kometeneinschlag herrschte eine andauernde, kalte Nacht. Schon seit über zwei Jahren war kein Sonnenstrahl mehr zur Erde gedrungen. Obwohl es dunkel war, konnten die drei ziemlich gut sehen. Jeder von ihnen trug einen Rucksack voll mit Lebensmitteln, die sie aus einem Lager mitgenommen hatten. Viele dieser Lebensmittel waren zwar auch Konserven, alles andere wäre so lange nicht haltbar gewesen, doch immerhin gab es etwas anderes zu essen. Sie waren auf dem Rückweg in den Bunker, als plötzlich aus einer der Häuserschluchten ein Schrei erklang.
Einige Barbaren sprangen aus dem eingeschlagenen Fenster, im Erdgeschoss eines verfallenen Gebäudes. Sie waren zu zehnt. Sechs Männer und vier Frauen. Jeder hatte sich mit einem Knüppel, einer Eisenstange oder etwas anderem bewaffnet. Und sie sahen die drei Jugendlichen ziemlich angriffslustig an. In den Blicken der Menschen fehlte etwas, und Boris kam als erster darauf. Die Intelligenz. Man konnte sich nicht vorstellen, dass diese Leute noch vor wenigen Jahren ganz normalen Jobs nachgingen, und ein zivilisiertes Leben hatten. Sie erschienen wie eine dumpfe Horde.
Die drei Bunkerbewohner machten sich kampfbereit. Boris wunderte sich über seine Reaktion. Normalerweise wäre die Flucht ihre einzige Möglichkeit gewesen, aus der Sache lebend herauszukommen. Aber trotzdem war es so, als würde etwas in ihm sich darauf freuen, dass es einen Kampf geben würde. Dann griffen die Barbaren an.
Mareike sprang leichtfüßig in die Luft, und Boris wunderte sich über den Sprung. Sie hätte ohne weiteres auf ein Autodach springen können. Katrin setzte ihr nach. Zwei Männer waren zu verdutzt, die beiden Mädchen auf einmal vor ihnen standen, um noch schnell genug reagieren zu können. Mit bloßen Faustschlägen streckten sie die Männer nieder. Eine Frau rannte auf Boris zu, und stieß dabei einen wilden Kampfschrei aus, während sie die Eisenstange schwang. Boris entriss ihr mühelos die Waffe, packte die Frau an Schulter und Taille, und warf sie spielerisch durch die Luft. Sie prallte hart gegen ein Auto und sackte dann bewusstlos zu Boden. Ein Mann schlug seinen Knüppel gegen Katrin, doch diese riss nur ihren Arm hoch, sodass das Holz zerbrach, als er dagegenschlug. Mit einem wuchtigen Faustschlag in die Magengrube ging er zu Boden. Eine Frau versuchte Katrin mit einem alten, rostigen Messer zu erstechen, doch sie wich ihr schnell aus. Zu schnell, als dass die Frau der Bewegung folgen konnte. Dann hob sie ein Motorrad auf und schleuderte es auf die Frau, welche von der schweren Maschine unter sich begraben wurde. Inzwischen hatten die übrigen Menschen gemerkt, dass sie ihre Gegner erheblich unterschätzt hatten. Vor Angst schreiend traten sie die Flucht an. Und Boris musste dagegen ankämpfen, ihnen zu folgen, und weiterzukämpfen.

Später im Bunker teilten sie ihre Vorräte untereinander auf.
„Es läuft einfach super“ stellte Katrin fest, „Jetzt muss keiner von uns mehr hungern. Seit drei Monaten können wir alle uns so richtig satt essen.“
„Ich sagte ja, dass meine Forschungen richtungsweisend sein würden“ stellte Dieter fest, „Ihr habt sicher auch schon gemerkt, dass ihr ein gutes Stück kräftiger seid, als sonst, oder?“
„Ha, das ist noch eine Untertreibung“ meinte Boris, „Jetzt ist jeder von uns praktisch ein Supermann... oder eine Superfrau. Ich bin mir aber trotzdem noch etwas unsicher. Ich meine, dass bisher keine Nebenwirkungen aufgetreten sind, heißt ja nicht, dass es nicht noch passieren kann.“
„Ach, sei doch nicht so pessimistisch. Wir mussten soviel erdulden, warum sollte uns nicht auch einmal das Glück winken?“ redete Thorsten fröhlich.
Er stand vor dem Ofen, in welchem die Bunkerbewohner das Fleisch brieten, welches sich in einigen der Konservendosen befunden hatte. Alle freuten sich schon darauf, außer Boris, der an seiner veganen Ernährung auch jetzt noch festhielt. Nachdem das Fleisch fertig gebraten war, stürzten Thorsten, Dieter und Julia sich darauf und schlangen es regelrecht herunter. Katrin und Mareike aßen auch davon, doch sie aßen nach wie vor zivilisiert. Boris starrte mit Befremden auf die Szenerie die sich ihm bot. Gestern hatten die drei auch Fleisch gegessen, als sie losgezogen waren, um Lebensmittel zu besorgen. Und gestern hatten sie noch normal gegessen. Nach allem was sie durchgemacht hatten, war es nicht weiter ungewöhnlich, dass man sich etwas wild benahm. Aber trotzdem hatte Boris ein ungutes Gefühl dabei. Wieder dachte er daran, dass nichts über mögliche Nebenwirkungen bekannt war. Aber da Katrin und Mareike sich nicht daran störten, sagte er nichts.

Boris war gleich nach dem Essen schlafen gegangen. Ob im Bunker oder draußen, Tag und Nacht spielten keine Rolle mehr. Er hatte einen seltsamen Traum. Ihm war, als würde er durch die Städte streifen. Achtsam, gierig, wie ein Raubtier. Er bewegte sich über die Ruinen und war auf der Jagd. Nichts zählte mehr, außer Hunger und Beute, Hunger und Beute, großer Hunger und viel Beute.
Boris wurde wach. Er musste wohl lange geschlafen haben, denn er fühlte sich ausgeruht und fit. Bei sich im Raum hörte er zwei flüsternde Stimmen. Katrin und Mareike waren bei ihm in Raum. Sie starrten ihn mit vor Erregung geweiteten Augen an. Trotz der Dunkelheit konnte Boris sie sehr gut erkennen. Als sie bemerkten, dass er wach war, beugten sie sich zu ihm vor. Sie küssten und streichelten ihn, und rieben sich fordernd an ihn. Unter normalen Umständen hätte sie Boris die beiden Mädchen hochkant hinausgeworfen, und seinen Raum abgeschlossen, doch auch in ihm pulsierte ein seltsames, dunkles Verlagen, welches alle Gedanken beiseite wischte. Er rückte ein Stück von den Mädchen weg, und entkleidete sich. Auch Mareike und Katrin streiften zitternd und bebend ihre Kleidung ab. Als alle drei nackt waren, schmiegten sich die Mädchen wieder an Boris. Diesmal bewegte er sich nicht weg.

November 2014

Die Bunkerbewohner hatten sich ziemlich stark verändert. Sie redeten nur noch selten miteinander. Wenn sie nicht aßen, schliefen oder außerhalb des Bunkers waren, saßen, standen oder lagen sie im Versammlungsraum. Der Kristall wurde inzwischen aus dem Labor in diesen Raum gebracht, und die Bunkerbewohner betrachteten ihn als Mittelpunkt ihres Lebens. Manchmal kniete einer von ihnen ehrfürchtig vor dem grün leuchtenden Kristall, als würde er den Gedanken eines Lebewesens lauschen.
Zumindest galt dies für fünf von ihnen. Boris benahm sich noch immer so wie vorher. Und er fand das Verhalten der anderen mehr als befremdlich. Er verfluchte den Tag, an dem Josef diesen Kristall in den Bunker gebracht hatte. Das Glühen des Kristalls erschien ihm unheimlich, aber doch auf eine gewisse Art und Weise düster verlockend.
Nach einer Weile zog er sich schließlich in seinen Raum zurück und legte sich dort zum Schlafen nieder. In der Nähe der anderen konnte er nicht schlafen. In den letzten Monaten hatte sich sein Verstand etwas verändert. Er war nun imstande, die Gedanken der anderen zu lesen. Es war aber nicht so, wie es in den meisten Gruselbüchern beschrieben wurde, die Boris damals so gerne gelesen hatte. Er konnte keineswegs ablesen, was jemand anderes dachte. Es war eher eine Art instinktives Wissen, was derjenige plante, dachte oder fühlte. Aber seine Kräfte wuchsen von Tag zu Tag, und es mochte sein, dass Boris eines Tages durchaus in der Lage sein würde, tatsächlich die Gedanken der anderen zu lesen. Inzwischen waren seine Kräfte aber durchaus schon stark genug, um der seltsamen Unterhaltung zu lauschen, die im telepathischen Äther widerhallte.

„Sei gegrüßt, Wan´hal´leo. Wie schreiten deine Versuche an den Primärrassenvertretern voran?“
„Dich grüße ich auch, Wan´lan´boras. Bei fünf von sechs Testobjekten zeigen die vorgenommenen Veränderungen einen großen Erfolg. Aber bei dem verbliebenen Testobjekt nicht. Der Primärrassenvertreter verweigert die Nahrungsaufnahme anderer Spezies, sodass die körperliche Veränderung nicht fortschreiten kann. Aus diesem Grund kann er auch nicht geistig kontrolliert werden, oder zumindest nur in einen geringeren Maß als die anderen.“
„Was gedenkst du zu unternehmen?“
„Bei den fünf erfolgreichen Testobjekten werde ich in kurzer Zeit die zweite Phase der Veränderung einleiten. Das verbliebene Textobjekt werde ich beobachten. Im Zweifelsfall muss ich es neutralisieren lassen.“
„Möge die Sonne unseres Heimatgestirns dich wärmen, Wan´hal´leo.“
„Dich auch, Wan´lan´boras.“


Boris wachte auf. Er konnte nicht glauben, was er da mitangehört hatte. Er konnte nicht glauben, dass die Kristalle wirklich intelligent waren, noch dazu Lebewesen von einem fremden Planeten. Boris entschloss sich, künftig auf der Hut zu sein, und sich einen Plan zu überlegen, wie er dem entgegenwirken konnte, was diese Außerirdischen wohl planen mochten. Denn etwas in ihm sagte ihm, dass es nichts Gutes sein konnte.

Noch immer November 2014

Boris hatte in den vergangenen Tagen versucht, die anderen Bunkerbewohner aus dem Versammlungsraum herauszulocken. Zu Thorsten, Dieter und Julia konnte er kaum durchdringen. Sie reagierten überaus unwirsch, wenn er versuchte, sie von dem Kristall wegzubringen. Lediglich bei Katrin und Mareike hatte er einen kleinen Erfolg. Ihm gelang es hin und wieder, eines der Mädchen aus dem Raum zu holen, mit der Versprechung, bei ihm zu nächtigen. Doch immer wenn er am nächsten Morgen wieder wach wurde, war er alleine. In der Nacht schlichen sich die Mädchen wieder aus seinem Zimmer, und legten sich zu dem Kristall.
Eines Nachts hatte Boris abgewartet bis alle eingeschlafen waren, und dann den Kristall hochgehoben. Mit seinen neuen Kräften war es kein Problem, ihn zu tragen. Sein Plan war es gewesen, den Kristall nach draußen zu bringen und wegzuwerfen. Doch wie auf einem unsichtbaren Befehl hin, waren die übrigen Fünf aufgewacht, und hatten ihn freundlich aber bestimmt darum gebeten, den Kristall an Ort und Stelle zu lassen. Seitdem gingen ihm die anderen aus dem Weg. Das Klima zwischen ihnen war immer kühler geworden. Doch eines Morgens machte er eine furchtbare Entdeckung.
Der Versammlungsraum schien leer zu sein, als Boris ihn betrat. Doch dann entdeckte er fünf große Kokons, welche an den Wänden geklebt waren. Von den Kokons ging ein seltsames Glühen und Pulsieren aus. Wenn Boris sich in die Nähe von einem der Kokons stellte, hörte er aus dessen Innerem seltsam schmatzende, knackende Geräusche. So als würden sich Knochen, Sehnen, Organe und Muskeln auflösen und neu anordnen. Boris wollte die anderen aus den Kokons befreien, doch er wusste nicht, wie weit die Verwandlung schon fortgeschritten war. Er befürchtete, dass er sie versehentlich töten würde.
Der Junge setzte sich vor dem Kristall hin. Er konzentrierte sich, und richtete seine telepathischen Kräfte auf den Kristall aus. Zuerst geschah nichts, doch dann drang er in den Verstand der Kreatur dort ein. Das Wesen träumte. Dadurch wurde Boris klar, was es wollte, plante und tat. Diese Spezies war von einem anderen Planeten auf der Erde gelandet. Sie mussten ihre Körper aufgeben, und ließen ihre Geister in die grünen Kristalle wandern. Mit dem Kometen – ihrer Raumarche – waren sie auf der Erde gestrandet. Und dort hatten sie begonnen, die irdischen Lebewesen zu verändern, um Körper zu erschaffen, in denen sie ihre Geister überwechseln konnten.
Boris brach den telepathischen Kontakt wieder ab. Er befürchtete, dass der Außerirdische ihn sonst bemerken würde. Außerdem reifte in seinen Gedanken nun ein Plan, wie er die Bemühungen von zumindest diesem Daa´muren – so nannten sich die Außerirdischen – zunichtemachen konnte. Dann bemerkte er plötzlich ein seltsames Geräusch.
Boris sah sich um. Einer der Kokons bekam einen Riss. Das Geräusch wiederholte sich, und der Riss wurde breiter. Boris handelte schnell. Er wollte auf keinen Fall zulassen, dass der Kristall diese Monster, die einst seine Mitbewohner in diesem Bunker waren, ausbrüten würde. Boris erreichte den Lagerraum, nahm eine Axt an sich, und rannte mit ihr in den Versammlungsraum zurück.
Mit voller Wucht ließ er die Axt auf den Kristall niedersausen. Wieder und wieder, doch nichts tat sich.
„Das hätte ich mir denken können“ murmelte Boris vor sich hin, „Dieser Kristall hat eine lange Reise durch das All sowie den Beschuss mit Atomraketen und einem Einschlag auf der Erde überstanden. Da ist eine Axt doch höchstens eine Lachnummer.“
Inzwischen war der Kokon gänzlich aufgeplatzt. Aus seinem Inneren schälte sich eine Art mutiertes Monster. Boris musste fast freudlos auflachen. Das Monster sah aus wie ein Tatzelwurm. Ein langer, beinloser Hinterleib endete in einer knöchernen Schwanzspitze. Allerdings verfügte das Monster über zwei Vordergliedmaßen, die fast wie menschliche Hände aussahen, jedoch eindeutig reptiloid waren, und in scharfen Krallen mündeten. Die Farbe dieses Wesens war ein helles Gelb. Boris zwang sich, das Gesicht des Monsters anzugucken. Doch wo einstmals ein menschliches Gesicht zu sehen war, war nun eine eidechsenartige Fratze.
Mit einem lauten Fauchen ging die Kreatur auf Boris los. Dieser wich ihr geschwind aus. Ein Mensch wäre niemals schnell genug gewesen, doch Boris war kein reiner Mensch mehr. Nicht mit dem Symbionten, der in seinem Blut schwamm. Mit einer krallenbewehrten Hand schlug die Kreatur nach Boris, doch dieser blockte den Schlag mit der Axt ab, und holte seinerseits aus.
Die Waffe traf das Monster an der Schulter, doch die Wunde schien nicht sehr tief zu sein, denn im neuerlichen Fauchen des Monsters lag mehr Wut als Schmerz. Es spannte seinen Schwanz an und sprang dann erneut auf Boris zu. Diesmal konnte der junge Mann nicht mehr ausweichen. Das Gewicht des Untiers riss ihn zu Boden, und seine Klauen zerfetzten Boris´ Kleidung, durchbohrten seine Haut und drangen in seinen Körper ein. Boris schrie vor Schmerz, und der Schmerz verlieh ihm ungeheure Kräfte.
Boris schob das Monster von sich herunter, stand auf und sprang zur Seite. Nur einen Augenblick später schlug eine krallenbewehrte Hand an die Stelle, wo er eben noch gestanden hatte. Doch Boris hatte einen Plan. Er schlug mit der Axt die Schwanzspitze des Monsters ab. Diesmal war es echter Schmerz, der es aufschreien ließ. Boris hechtete zu der abgetrennten Schwanzspitze, umklammerte sie mit seinen Händen und lehnte sich gegen die Wand. Er blieb ruhig stehen, als das Monster ihn ansprang, und streckte erst im letzten Moment die knöcherne Schwanzspitze wie einen Dolch vor. Das mutierte Ungeheuer konnte im Sprung nicht mehr ausweichen, und wurde aufgespießt.
Erschöpft warf Boris den toten Körper von sich. Er wollte keinen Gedanken daran verschwenden, dass dieses Monster noch vor einigen Tagen ein Mensch gewesen war, noch dazu einer den er gut kannte, der ihm womöglich nahegestanden hatte.
„Ich werde nicht zulassen, dass ihr die Erde bevölkert, und den Planeten noch weiter zerstört! Dass ihr den Planeten näher an die Sonne schiebt und alles Leben hier verbrennt.“ schrie er den grünen Kristall an, als könne er ihn hören.
Dann ging Boris wieder in den Lagerraum zurück. Dort legte er die Stromzufuhr des Bunkers lahm. Als nächstes brachte er eine große Gasflasche. Danach nahm er weitere Gasflaschen mit, bis er den gesamten Vorrat des Bunkers beisammen hatte. Diese stellte er um den Kristall herum auf, und schlug mit seiner Axt den Deckel jeder Gasflasche ab, sodass das Gas zischend entströmte.
Die anderen Kokons bewegten sich inzwischen ebenfalls. Zwei von ihnen rissen gerade auf. Es konnte nur noch wenige Minuten dauern, bis sie schlüpfen würden. Boris lief schnell in den Lagerraum zurück.
Nun stand er vor dem Stromkasten. Er zögerte einen Moment lang. Aber dann stand sein Entschluss fest. Denn nur ein Funke genügte. Boris schaltete den Strom wieder ein.
BU-BUMM!
Eine gewaltige Explosion zerstörte den Bunker von innen, und vernichtete das grauenvolle Experiment.

„Wan´lan´boras, ich grüße dich.“
„Ich dich auch. Was geschah, Wan´hal´leo?“
„Das Testobjekt, welches ich nicht beeinflussen konnte, hat sich selbst und alle anderen Testobjekte neutralisiert. Damit war diese Versuchsreihe ein Fehlschlag.“
„Das ist nur ein kleiner Rückschlag. Unseren Plan behindert das nicht weiter.“
„Möge die Sonne unseres Heimatgestirns dich wärmen, Wan´lan´boras.“
„Dich auch, Wan´hal´leo.“


ENDE



Barbarei und Verdummung = Nach dem Kometeneinschlag, minimierten die Daa´muren die geistigen Leistungen der Menschen, damit diese bzw. ihre Körper als Wirte für sie geeignet seien. Doch der Plan ging nicht auf, und die Daa´muren konzentrierten sich schnell auf andere Spezies. Trotzdem fiel praktisch die gesamte Menschheit in die Steinzeit zurück, was sich auch über fast 500 Jahre nicht mehr ändern sollte.

Daa´muren = Außerirdische, die mit dem Kometen zur Erde kamen. Sie ließen ihre Geister in grüne Kristalle wandern und hefteten diese an den Kometen, welcher dann die Erde traf.
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