Unten am Wasser

KurzgeschichteRomanze / P18 Slash
Lucifer Sam Winchester
23.04.2013
10.05.2013
5
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Hallo, meine Lieben!
Diese Geschichte spielt im Grunde am Anfang der 5. Staffel, aber ich glaube, es gibt keine Spoiler vor denen ich warnen müsste, ich wünsche euch nur viel Spaß beim Lesen : )


Unten am Wasser

Sam starrte missmutig in seinen schon erkalteten Kaffee. Draußen schlug heftiger Regen gegen die Scheibe des Cafés als versuche er das Glas zu zerbersten und Sam mit sich zu reißen. Sam hätte nichts dagegen einzuwenden. Den Tod finden in einem aufregenden Sturm? Nun, er hatte schon merkwürdigere Todesfantasien gehabt.
„Darf ich nachschenken?“, es war die tiefe Stimme des Kellners, der Sam an diesem sehr frühen Morgen schon zweimal nachgeschenkt hatte. Und Sam nickte ein drittes Mal und wusste schon jetzt, dass der Kaffee auf der halben Strecke eh wieder abkühlen würde. Er sah den schwarzen Strahl der Flüssigkeit in die Tasse fallen und wünschte sich auch so ein einfaches Schicksal zu haben.
Er murmelte irgendwas, was vielleicht ein „Danke“ sein sollte, aber nie wurde.
Ja, es war offiziell. Kein Bruder, keine Familie und eine tonnenschwere Schuld auf den Schultern, die wohl mit sehr, sehr vielen Todesopfern die perfekte Mischung für Selbstzerstörung und Selbsthass erzeugen würde.
Er vergrub das Gesicht in den Händen, nur kurz, um sich den peinlichen Angstschweiß von der Stirn zu wischen.
Lillith war tot, Ruby war tot. Lucifer war frei.
Müde sah er nach draußen in den ironischer weise sehr apokalyptischen Sturm und war sich sicher, dass es der Teufel höchstpersönlich sein musste, der die Regenwolken dermaßen dazu angestachelt hatte.
Er konnte nicht mehr jagen, er wollte das auch gar nicht. Wenn das Problem bei der Sache nicht wäre, dass er nicht wusste was er stattdessen tun sollte. Er wusste es nicht, er wusste es einfach nicht. Deshalb saß er ja auch schon seit geschlagenen Stunden auf ein und demselben Platz, trank alle paar sechzig Minuten einen wässrigen Kaffee und wollte sich nur in seiner dicken Schicht aus Selbstmitleid einrollen und darin verschwinden bis die Welt untergegangen war.
Er dachte an Dean, immer zu nur an Dean. Und wusste einfach nicht ob er wütend, traurig oder beides zugleich sein sollte. Trauer war wohl das stärkere der beiden Gefühle.
„Wollen Sie vielleicht etwas essen?“, es war wieder dieser Kellner. Sam hatte ihn noch keines Blickes gewürdigt und er wollte ja auch nie wieder irgendeinen Menschen ansehen, schließlich hatte er diese gesamte Rasse in den Tod gestürzt. Und es war wie böser Sarkasmus, dass dieser Kellner so nett und warm klang, während draußen die Welt einen tiefen, feuchten Schuld (der sich Abgrund nennt) hinabgeht.  
„Danke, nein.“, murmelte Sam.
„Das Rührei ist gut, ich mache es selber.“, sagte der Mann, als hätte er Sam nicht gehört.
„Gut, dann nehme ich es.“, sagte Sam und tat ebenfalls so als hätte er sich vorher nicht gehört.
Tatsächlich schmeckte das Ei, das er wenig später bekam, nach nichts. Aber er war sich sicher, dass das an ihm lag, nicht an dem Ei oder an dem Mann, der es zubereitet hatte.
Er musste endlich mal was tun. Irgendwas. Vielleicht sollte er arbeiten? Als was? Irgendwas würde er finden. Die Idee, sein Leben umzukrempeln und kurz vorm Weltende noch mal neu anzufangen, hatte sich in seinem Kopf festgesetzt mit jeden weiteren faden Bissen den er tat.
„Zahlen bitte.“, rief er und hoffte, dass er laut genug rief.
Der Kellner kam, legte einen Zettel vor ihm hin und zog das Portemonnaie aus der Schlaufe an seinem Gürtel. Seine großen Hände waren alles was sich Sam dabei ansah. Er legte das Geld vor ihm auf den Zettel ohne darauf gesehen zu haben, wahrscheinlich mit viel zu viel Trinkgeld.
Der Kellner dankte ihm und nahm das Geschirr mit sich.
Eine Stunde später saß Sam noch immer an seinem Platz.
„Kann ich Ihnen vielleicht doch noch einen Kaffee bringen?“
Langsam kam ihm die Stimme schon fast bekannt vor. Aber er nickte nicht, er tat gar nichts. Dann endlich nahm er seine Jacke und verließ das Café ohne zu wissen, wo er hin sollte.

Er nahm das erste Motel was er fand, drei Straßen weiter. Es war die Art von Motel, errichtet von jungen, motivierten Leuten, die eingerichtet waren wie ein uriger Souvenirladen. Viel zu bunt und viel zu gemütlich. Sam meinte nicht, dass er Gemütlichkeit verdient hatte. Trotzdem schälte er sich aus seinen durchnässten Sachen und warf sich auf das quietschende Bett. Es war komisch ohne Dean zu sein und trotzdem zu wissen, dass er irgendwo da draußen war.
Kein Vertrauen mehr.
Sam konnte ihn verstehen, das tat er wirklich. Aber er würde so gerne wieder im Impala sitzen und Deans eigentlich ganz schönem Gesang lauschen. Er hätte so gerne seinen Bruder im Zimmer, der auf seinem Bett saß und sein Gewehr reinigte.
Er überlegte wie lange dieses Selbstmitleid noch anhalten würde, bevor es von Selbsthass ersetzt werden würde.
Das geschah dann am nächsten Morgen, in aller früh. Als er sich aufsetzte und merkte, wie wertlos und schrecklich er war. Als ihm die Schwere seine Schuld mit einem kalten Schlag traf und ihn geradezu ins Bad geförderte wo er sich über die Toilette beugte und würgte und spukte.
Außer dass sein Magen nun noch leerer war als zuvor, geschah nichts.
Er war der schlimmste Mensch der Welt, wenn er überhaupt noch ein Mensch war. Wer hatte je den Teufel höchstpersönlich befreit? Ach richtig, das hatte bisher nur er getan. Er hasste sein Bild im Spiegel, deshalb sah er einfach gar nicht hin.

Auf der Suche nach etwas Essen trugen seine Füße ihn in das gleiche Café wie gestern schon. Es war ein kleiner Laden, die Wände waren gelb und sahen aus wie frisch gestrichen. Es gab eine altmodische Jukebox und eine historische Kasse. Auf dem Tresen stand eine Spardose, die verdächtig wie Deans Impala aussah.
Sam seufzte, versuchte nicht allzu sehr hinzustarren und setzte sich wieder an den einsamen Platz am Fenster, möglichst weit weg von all den Menschen, die er indirekt ins Grab bringen würde.  
„Guten Morgen. Einen Kaffee?“, es war wieder die tiefe Stimme des Kellners und Sam fühlte sich irgendwie an alte Kirchbänke und ein buntes Glasfenster in einer Kapelle erinnert durch das Licht leuchtete. Er sah nicht auf, wollte nicht sehen wie der Mann mit der schönen Stimme aussah, wollte nicht in Augen sehen, die er ins Verderben gestürzt hatte.
„Ja, bitte.“, murmelte Sam und starrte seine Finger an. Er sah wieder seine Hand wie sie ausgestreckt nach Lillith griff, ihr die dämonische Kehle zerdrückte, sah wie sie in sich zusammensackte, erleuchtete und dann einen toten Körper zurückließ.
Seine Erinnerung wurde von der Tasse unterbrochen, die vor ihm abgestellt wurde. Und er war sich sicher, dass gestern noch kein Keks auf dem weißen Porzellanrand der Untertasse gelegen hatte.
Er starrte auf den weißen, warmen Rauch, der aus der Tasse stieg und fand, dass es ein merkwürdig tröstender Anblick war. Einfach eine Tasse Kaffee, das Einfachste der Welt.
Und plötzlich brach draußen wieder dieser Endzeitregen los, prasselte wütend gegen die Scheibe an der er saß. Er nahm einen Schluck von dem Kaffee und griff dann nach dem Keks.
Es war die Art von Keks, die er schon immer heimlich geliebt hatte, überzogen mit Kristallinzucker, bröckelig und trocken wie ein altes Weihnachtsplätzchen. Er fühlte sich so getröstet wie er den Keks aß, so sehr, dass er sogar noch einen Schluck Kaffee nahm und die Karte zu sich heranzog um sich etwas zu Essen herauszusuchen.
„Eine harte Nacht?“
Sam hörte harten Jeansstoff über Holz schaben, das Klingel von Geldstücken, einen Schlüsselbund als sich der Kellner ihm gegenüber auf die Bank sinken ließ.
Und jetzt sah er zum ersten Mal auf, in helle, mandelförmige Augen. Ein Gesicht eines Mannes Mitte dreißig, ein Lächeln auf den Lippen, welches sehr zu seiner Stimme passte. Etwas das wie Brandnarben aussah auf der rechten Schläfe. Kurze, helle Haare und ein Drei-Tage-Bart. Alles in allem das Gesicht eines Mannes, der morgens früh aufstehen musste um zur Arbeit zu gehen, keine Zeit für viele Spielereien im Bad.
Sam schüttelte den Kopf. Irgendwie wollte er alles loswerden. Erzählen, dass er, Sam Winchester, den Teufel freigelassen hatte. Er hätte irgendwas sagen können wie „Ich habe viel falsch gemacht.“, aber er tat es nicht.
„Ärger zuhause?“, fragte der Mann versöhnlich. Er klang geduldig und Sam war überrascht auf was für eine merkwürdige Art und Weise er damit ja sogar Recht hatte. Also nickte er.
„Mein Bruder.“, meinte er als würde das alles erklären.
Und der Mann nickte tatsächlich verständnisvoll, „kenne ich. Meiner auch.“
Sam wusste nicht was er hier tat. Er wusste ja gar nicht was er je wieder tun sollte, aber irgendwie wollte er diese Konversation aufrecht erhalten, denn sie war einfach und sorglos, wie nichts anderes in seinem Leben.
„Das Ei gestern war lecker.“, sagte er deshalb.
„Es sah nicht so aus, als wären Sie angetan davon gewesen.“, es war kein Vorwurf, nur eine Feststellung und Sam beruhigte das. Mehr Vorwürfe passten wahrscheinlich gar nicht mehr in ihn hinein.
„Kann ich noch etwas davon haben?“, fragte er. Der Mann lächelte und es war wie ein amüsiertes Huschen über seine Züge was sofort verschwand als Sam überrascht genauer hinsah.
„Kommt sofort.“, sagte er und erhob sich.
Sam schaute wieder nach draußen, in den Regen, der versuchte die Welt wegzuschwemmen.
‚Wenn es aufhören würde, gehe ich nachher nach einem Job suchen‘, dachte Sam. Er könnte als vieles jobben und da er keinen Job bevorzugte war es ihm egal. Er nahm sich vor, einfach das erstbeste zu nehmen.
Er roch das dampfende Ei, bevor er hörte wie der Teller vor ihm abgestellt wurde.
„Darf ich?“, fragte der Kellner und deutete auf den Platz gegenüber von Sam.
Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, dass er sich ruhig setzten dürfte. Anscheinend war wenig zu tun und eigentlich war Sam ganz froh über etwas Gesellschaft. Dieser Mann wusste schließlich nicht was er getan hatte und hatte somit keinen Grund ihn zu verurteilen. Merkwürdigerweise fühlte er sich gar nicht mehr wie Sam Winchester, der ein Jäger ist, er ist im Moment vielmehr bloß Sam, der Hunger hat und Arbeit sucht.
Er nahm einen Happen von dem heißen Ei und es schmeckte ihm nun. Es schmeckte gut gesalzen und gebraten und sorgsam gedreht und gewendet. Bevor er sich versah gab er seinem Hunger nach und verschlang alles. Er hatte seit über einem Tag nichts gegessen.
„Neu in der Stadt?“, fragte der Mann.
Sam nickte, schluckte und machte mit der Gabel eine fast schon zu ausschweifende Handbewegung.
„Bin auf der Suche nach nem Job.“, erzählte er, was sich sehr einfach anhörte und ihm irgendwie eine kleine Masse von der Last von seinen Schultern nahm.
„Und was so?“, der Mann klang wirklich auf ehrliche Art interessiert, aber vielleicht wollte er sich auch einfach nur etwas von seiner nervigen Arbeit ablenken. Sam wusste es nicht.
Er zuckte mit den Schultern, „eigentlich egal.“
„Wollen Sie noch etwas essen?“
„Gerne.“
„Und was?“
Er wollte schon nach der Karte greifen, da sagte der Mann: „Wir haben frisches Brot. Ich kann Ihnen etwas Suppe warmmachen zum Eintunken, sehr lecker. Dazu einen Salat?“, er hatte sich schon erhoben während er sprach.
Es klang nach genau dem, auf was Sams Magen hungrig war und er nickte und versuchte es mit einem Lächeln das dankbar aussehen sollte.
Ein Blick nach draußen verriet ihm, dass der Regen plötzlich aufgehört hatte. Der Himmel war unschuldig blau, als wäre nichts passiert, nur die Straßen und die Autos, die nass im frühmorgendlichen Sonnenschein glitzerten, waren Beweise.
Auf einmal sah  die Welt vor Sam Augen etwas versöhnlicher aus. Er dachte an Dean, was er wohl gerade tat und er hoffte, dass Castiel bei ihm war. Der Engel könnte auf seinen großen Bruder aufpassen, besser als er es je gekonnt hätte. Er wünschte sich, Dean würde anrufen und ihn zurückhaben wollen. Vielleicht würde das passieren. Dean konnte viel verzeihen. Aber konnte er auch einfach wieder Vertrauen zu Sam aufbauen, nachdem der es gebrochen hatte? Sam fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht, dachte daran, wie Dean das auch immer tat, wenn er verzweifelt war.
Ein Blick auf den Tresen zeigte ihm, dass dort tatsächlich eine Spardose stand, die aussah wie ein Chevy Impala. Sam nahm sich vor den Kellner zu fragen.
Der kleine Laden war spärlich besucht. Es gab einen alten Mann in der hinteren Ecke, der in einer Zeitung blätterte und eine junge Frau, die mit viel Appetit aß. Der Kellner war die einzige Bedienung. Vielleicht gehörte ihm der Laden ja auch, Sam nahm sich vor ihn das ebenfalls zu fragen. Es fiel ihm auf, dass er viel zu fragen hatte, aber vielleicht wollte er auch lieber über ein fremdes Leben nachdenken als über sein eigenes.
Sein Essen wurde vor ihm abgestellt. Eine grüne, gutriechende Suppe in einer blauen Schüssel und zwei Scheiben warmes Brot auf einem runden Holzbrett, dazu nasser Salat, Gurken, Tomaten und etwas Mais auf einem Glasteller, Silberbesteck.
Sam sah auf, sah, dass der Kellner gerade die Bezahlung der jungen Frau annahm und dann zur Jukebox schlenderte. Er trug alte Jeans, die an den Schenkelinnenseiten verschlissen waren, ein graues, altes T-Shirt mit einem verblichenen Aufdruck an den Schultern und eine blasse, fleckige Schürze um die Hüften. An seinem Gürtel hingen das schwere Portemonnaie und ein Schlüsselbund.
Er steckte Geld in die Jukebox, welches er aus seiner Hosentasche geholt hatte und wählte. Es begannen die leisen Töne von Bobby Bares „The Streets of Baltimore“ als der Mann sich zu Sam umdrehte und mit einem höflichen Lächeln auf ihn zukam.
„Ich höre gerne Country“, sagte er als er sich setzte, „ich hoffe es stört Sie nicht.“
Sam schüttelte matt den Kopf. Es war ein Lied was er gut kannte, ein Lied was er liebte und ewig nicht gehört hatte, weil er es vergessen hatte, genauso wie all die Erinnerungen die daran hingen.
„Ist das ein Impala?“, fragte Sam mehr um sich davon abzulenken, brach etwas Brot ab und ließ es in die Suppe gleiten. Der warme Teig sog sich voll, wurde dunkel und schwer und Sam aß mit Appetit.
Der Mann nickte, „Sie kennen Sich wohl aus?“
Vielleicht klang es amüsiert, Sam wollte sich da nicht festlegen.
„Mein Bruder fährt einen.“, erklärte er und brach ein weiteres Stück Brot ab.
„Das ist ja ein Zufall.“, sagte der Mann. Sam lächelte kurz, eigentlich wollte er nicht über Dean reden. Er wollte nur ein Fremder in einer fremden Stadt sein und seine Vergangenheit hinter sich lassen.
Die Sonne strahlte um ihr Leben, es würde sicher ein heißer Tag werden.
Der Mann ihm gegenüber summte den Refrain mit. Es war ein tiefes, bedachtes Summen, dunkler, tröstender Bass und kurzzeitig stellten sich Sams Nackenhaare auf. Das konnte er sich nicht erklären, deshalb sagte er schnell etwas.
„Es schmeckt wirklich gut.“
„Das freut mich.“
Wieder Stille von Sam und Summen von dem Kellner. Sam fragte sich warum er noch dort saß wo er saß und Sam Gesellschaft leistete. Er sah doch nicht etwa verzweifelt aus? Hatte der Mann Mitleid mit ihm?
„Gehört Ihnen der Laden?“, fragte er.
Der Mann lächelte, freundlich und warm. Es sah für Sam nicht wie Mitleid aus, aber er war sich nicht sicher.
„Richtig geraten.“, antwortete er, „ich rate Ihnen, gehen Sei nicht in die Gastronomie. Es ist ein verdammter Job.“, es war wie ein Ehemann, der über seine Frau redet, die immer meckert und schimpft und die er trotzdem über alles liebt. Sam wusste nicht was er sagen sollte, es war so tröstlich diesen Mann gegenüber zu haben.
„Merk ich mir.“, meinte Sam. Da stand der Mann auf und schenkte dem alten Mann in der Ecke Kaffee nach. Danach verschwand er in der Küche.
Was Dean wohl tat? War er auch traurig, dass Sam nicht mehr da war? Vermisste er ihn? Oder war er froh, sich keine Sorgen mehr machen zu müssen? Sam sah plötzlich, dass er das letzte Stück Brot in die fast leere Suppe tunkte und auch der Salat war schon weg. Er musste sich einen Job suchen, er musste irgendwas machen.
Er drehte sich auf seinem Platz, sah nach dem Mann und hörte ihn in der Küche arbeiten. Also legte er bloß Geld auf den Tisch und verließ das Café.

Er fand einen Job als Lagerhelfer. Eine Arbeit, die anstrengend war und ihm keine Zeit für Gedanken an seine tonnenschwere Schuld bot. Es war nur ein Aushilfsjob für eine Woche, man hatte ihn sofort genommen, lag wahrscheinlich an seiner Größe und seinem gesunden Körperbau. Zum ersten Mal war Sam ganz dankbar dafür. Er hatte die ersten fünf Stunden hinter sich in denen er ausgiebig eingearbeitet worden war. Er fühlte sich auf angenehme Art und Weise erschöpft, aber nicht müde.
Er hatte noch genügend Geld, kaufte sich ein paar neue Anziehsachen, einfach um irgendwas an seinem Leben zu ändern, weil er von jetzt an alles daran ändern wollte.
Er summte „The Streets of Baltimore“ als er gerade sein Motelzimmer wieder verließ wo er sich kurz ausgeruht und seine neuen Sachen abgelegt hatte. Als er nach draußen in den Sonnenschein trat und in den Himmel sah dachte er an Dean, ganz kurz, es war nur ein kleines Zucken in seinem Gehirn. Er verdrängte das auf der Stelle. Er wollte jetzt sein Leben neu beginnen, einen neuen Abschnitt. Er wusste, dass er beschädigte Ware war, und so fühlte er sich auch. Kleiner als sonst, wertloser und nutzloser. Aber er war sich auch sicher, dass er so die geringste Gefahr darstellte. Er versuchte nicht an warmes, dickes Dämonenblut zu denken, sich nicht vorzustellen wie es seine Kehle hinab lief, wie er gierig trank. Er tat es zweifelsohne dennoch und verfluchte sich dafür. Keinen Tropfen mehr, das hatte er sich festvorgenommen und er würde sich daran halten.
Seine Füße trugen ihn wieder zu dem Café welches ihm schon vertrau vorkam und er fühlte sich etwas besser als er durch den weißgestrichenen Türrahmen und die Glastür trat.  
Er setzte sich auf seinen Platz am Fenster und kaum hatte er das getan brach der apokalyptische Regen wie ein Wasserfall los, als wolle er Sam in dem Laden einschließen und nie wieder herauslassen.
„Na?“
Sam wandte sich vom Fenster ab und sah den Mann an, der ihn freundlich anlächelte. Es hatte etwas Beruhigendes, was er sich nicht erklären konnte und er spürte, dass er diesen Fremden mochte, noch bevor er seinen Namen kannte. Das mit dem Namen fiel ihm auch erst jetzt auf.
„Einen Kaffee, bitte.“, sagte er, verbesserte sich aber sofort, „oder haben Sie ein Bier?“
Das Lächeln auf den Zügen des Mannes wurde ein paar Millimeter breiter, „Sie haben wohl einen Job gefunden.“, stellte er fest und holte das Bier.
Er stellte es vor Sam auf den Tisch, ging dann zur Jukebox und wählte diesmal ein anderes Lied aus, wieder Country und wieder aus einer anderen Zeit, dann holte er sich auch ein Bier und setzte sich zu seinem Gast.
Der Laden war leer und Sam fiel sofort auf, dass die Schürze um die Hüften des Besitzers fehlte.
„Eigentlich habe ich gerade schließen wollen.“, sagte der Mann und als Sam ihn ansah lächelte er wieder auf seine Art. Sam fand, dass er sehr intelligent aussah und dass sein Blick sehr tief ging, vielleicht bildete er sich das ja auch nur ein…
Vielleicht sollte er jetzt gehen und dem armen Mann seinen Feierabend lassen, dachte er sich.
„Entschuldigen Sie.“, murmelte er, irgendwie peinlich berührt, und machte Anstalten aufzustehen.
„Ich bin Nick.“, sagte der Mann, streckte seine Hand aus bevor sich Sam hatte erheben können.
„Sam.“, gab er zurück und war nur ein klein wenig verwirrt. Eigentlich war er froh, nicht raus in den Regen zu müssen.
„Sam.“, wiederholte Nick und seine Stimme erschien Sam tiefer und dunkler als sonst, vielleicht wie ein Knurren oder wie ein Knarren. Wieder diese Bild von der alten Kapelle mit dem bunten Glas und den alten Holzbänken. Doch bevor Sam dem genauer nachgehen konnte, lächelte ihn Nick schon wieder so aufrichtig und von Grund auf ehrlich an, so dass er nichts dagegen machen konnte als er zurücklächelte.
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