Wärme

von Eudore
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
22.04.2013
22.04.2013
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Hallo :)
Laut der Suchfunktion, scheint dies die erste Geschichte zum wunderbaren Anime Last Exile zu sein.
Ich hoffe, es bleibt nicht die Letzte. :)

Disclaimer: Last Exile ist Eigentum des Studios Gonzo.

Ich wünsche euch viel Vergnügen. :)



Man sagte dem Hause Eraclea vieles nach. Unendlichen Reichtum etwa. Oder eine Neigung zu rücksichtslosem Luxus. Ehrgeiz oder viel mehr Machtgier. Und dann war da natürlich noch der Hang zum Wahnsinn, dem nicht nur der ehemalige Maestro, sondern auch seine Tochter Delphine zum Opfer gefallen war und der nur darauf wartete, Dio in seine scharfen Klauen zu bekommen.

Wenn Dio an sein Zuhause dachte, dachte er an Kälte. Eiseskälte, die sich in jedem Winkel des schneeweißen Gemäuers ausbreitete und sich auf seine Lunge legte und ihn förmlich erstickte. Alles war kalt und tot. Delphines Lächeln, Cicadas Augen, die Mienen der anderen Diener. Die Kälte hatte sich längst auch in Dio eingenistet und jeden Funken Wärme aus seinem Hirn und seinem Herzen vertrieben. Man konnte ihr nicht entrinnen.

Mit seiner Geburt hatte Dio eine viel zu dünne Eisdecke betreten, war eingebrochen und dazu verdammt, sein Leben im kalten, dunklen Wasser zu verbringen, während Licht und Sonne unerreichbar waren. Er konnte gegen die Wände seines Gefängnisses schlagen und schreien und schreien und schreien und doch wurde alles vom kalten Wasser absorbiert. Es saugte ihm langsam das Leben aus den Gliedern und Delphine unterstützte es noch tatkräftig dabei. Irgendwann war sein Herz so taub, dass die Erkenntnis langsam in sein Hirn sickerte. Manchen Menschen war es nicht vergönnt, glücklich zu werden. Tränen halfen wenig.

Und dann kam Lucciola.

Obwohl seine Haut angenehm warm war, verglühte Dio, als er ihn zum ersten Mal umarmte. Seine ernsten Augen strahlten eine bis dahin vollkommen ungeahnte Wärme aus, die den dicken Eispanzer, unter dem Dio lag und auf seinen Tod wartete, schmelzen ließ. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er auftauchen und frische, warme Luft einsaugen, die jeden Winkel seines Körpers erfüllte.

Oh, er liebte Lucciola. Er liebte ihn wie einen Freund, einen Bruder, einen Vater, einen Mann, alles auf einmal.

Lucciola war alles.

Lucciola war der Wind, der durch sein Haar strich, wenn sie flogen.

Lucciola war die Sonne auf seiner Haut, wenn sie wieder ausgebüxt waren und die Erde erkundeten.

Lucciola war der Mond, der nachts in sein karges Zimmer schien und die Schatten vertrieb.

Lucciola war der samtblaue Nachthimmel mit all seinen funkelnden Lichtern.

Lucciola war gleichzeitig Licht und Dunkelheit. Er gab Leben und Ruhe.

Lucciola war das Kissen, in das er nachts weinte, wenn Delphine wieder ihre Launen an ihm ausgelassen hatte.

Lucciola war sein Freund. Sein erster, einziger und letzter Freund.

Oh, Dio würde nie vergessen, wie er geweint hatte… wie dicke Tränen seine schmalen Kinderwangen herunter kullerten und glänzende Spuren hinterließen. Weil er Dios Freund war. Es hatte noch nie jemand wegen Dio geweint, erst recht nicht vor Freude.

Immer war er nur der unnütze Sohn, der ungezogene Bruder oder der ungeeignete Nachfolger gewesen. Nun war er jemand, den man gern hatte.

Dieser Gedanke ließ ihn nachts nicht schlafen und in die Dunkelheit lächeln. Sein Lächeln wurde breiter, wenn er hörte, wie sich Lucciola im Schlaf leicht auf seinem schmalen Feldbett regte.

Obwohl Lucciola der ernsteste Mensch auf der ganzen Welt war und die immer gleiche, neutrale Miene trug, konnte man mit ihm spielen, lachen und Schabernack treiben. Man könnte mit ihm ein Starship stibitzen und irre Manöver fliegen. Oder verlassene Häuser erkunden. Oder Kuchen aus der Küche klauen. Oder sich kichernd vor Cicada verstecken. Mit Lucciola war alles heller und schöner.

Und er hatte die perfekte Form für Dios Arme. Es war fast, als ob sie füreinander hergestellt worden wären. Stück A und Stück B, aus irgendeiner Fabrik. Lucciolas Brustkorb passte genau in Dios Umarmungen und seine Halsbeuge war wie geschaffen, um sein Gesicht daran zu legen. Lucciola hatte sich daran gewöhnen müssen. Schließlich wurden Diener für gewöhnlich höchst selten geherzt. Er musste es nicht erwidern. Es reichte Dio völlig, wenn Lucciolas Wange seinen Schopf streifte und sein warmer Atem seinen Nacken entlang kletterte.    

Lucciola konnte lächeln ohne zu lächeln. Sein Blick wurde weich und er neigte den Kopf ganz leicht nach rechts. Dio hatte lange gebraucht, um ihn wie ein offenes Buch lesen zu können, doch es war ihm gelungen. Lucciola senkte den Blick und spannte den Kiefer an, wenn er sich ärgerte. Wenn er dabei die Brauen leicht zusammenzog, war er traurig. Zuckte jedoch die Linke ein wenig, ohne dass sich sonst etwas in seinem Gesicht tat, lachte er. Dio starb beinahe vor Lachen, als er ihm eines Tages verkündete, dass er ganz genau wüsste, was in seinem Kopf vor sich gegen würde und Lucciola daraufhin  bemerkte, dies sei eher unwahrscheinlich, nur um dann den Blick zu senken und mit dem Kiefer zu mahlen.

Er liebte es, Lucciola zu ärgern. Natürlich nur ein wenig. Es machte Spaß, sich anzupirschen und zu sehen, wie er zusammenzuckte, obwohl Dio den Verdacht hatte, dass Lucciola längst nicht mehr wirklich erschrak. Dann brachte er ihn eben anders aus dem Konzept.

Lucciolas durchtrainierter Rücken spannte sich an, als Dio die Arme um ihn schlang und sein Gesicht an seinen hellen Schopf presste. Seine schmalen Finger wanderten von Lucciolas Bauch bis zu seinem Herzen und blieben dort liegen. Wenn er die Luft anhielt, spürte er sein Herz langsam und regelmäßig klopfen.

„Lucciola“, hauchte er ihm ins Ohr und registrierte mit Genugtuung, dass sich die feinen Härchen in seinem Nacken aufstellten, als Dios Lippen seine Haut zart streiften. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“

Lucciola warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Es ist mir eine Ehre, in Eure Geheimnisse eingeweiht zu werden. Ich danke Euch vielmals.“ Sein Kiefer arbeitete, ohne dass er den Blick senkte. Er war unsicher.

„Ja? Ist das so?“, flüsterte Dio neckend und seine Nase streifte Lucciolas Ohr. Er nickte langsam, während sein Kiefer nicht müde wurde.

„Gut, dann verrate ich dir jetzt das Geheimnis. Aber du darfst es niemandem erzählen.“ Dios Finger krümmten sich sanft gegen Lucciolas Brust.

„Jawohl“, antwortete Lucciola und seine, für ein Mitglied der Gilde ungewöhnlich dunklen Augen erwiderten Dios Blick. Dunkelblau, wie das Meer. Dio liebte diese Farbe.

„Du bist mein Glühwürmchen“, hauchte er und Lucciolas Haar kitzelte seine Nase. „Es kann noch so finster sein und das Loch, in dem ich liege, kann noch so tief sein und doch sitze ich nie im Dunkeln. Wegen dir.“

Er lächelte, als Lucciolas Gesicht sich regte und seine neutrale Maske zerbröselte. Ein sachtes Zittern ging durch seinen Kiefer und seine Augen röteten sich leicht. Er atmete tief durch und fixierte einen Punkt hinter seinem Herrn.

„Danke.“ Seine Stimme war ein wenig brüchig und Dios Lächeln wurde etwas traurig.

„Oh, nein. Jetzt weinst du, Lucciola.“ Er wischte mit seinem Daumen umsichtig unter Lucciolas dichten, hellen Wimpern her und musterte den einsamen Tropfen, der langsam seine Fingerkuppe hinab krabbelte.

„Ich danke Euch“, wiederholte Lucciola und nach einem letzten tiefen Atemzug hatte er sich wieder unter Kontrolle. Dio legte lächelnd den Kopf an seine Schulter und umarmte ihn fester.

„Versprich mir, dass du niemals fortgehst“, flüsterte er und spürte, wie sich Lucciolas Schultern strafften.

„Ich werde bis zum Ende meines Lebens bei Euch sein, in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug. Immer“, erwiderte Lucciola mit fester Stimme und nun gab Dio einen leisen Laut von sich.

„Jetzt hast du mich zum Weinen gebracht. Wie furchtbar“, sagte er mit einem kleinen Lachen und wischte sich über das Gesicht. „Oh, was sind wir doch für Heulsusen…“

Lucciolas linke Augenbraue zuckte leicht und Dio strahlte ihn an.

Er würde nie wieder in seinem Leben frieren.
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