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Spooks - neues Leben, neues Glück?

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
16.04.2013
30.06.2013
11
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16.04.2013 2.323
 
Ros lehnte sich zurück und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Noch knapp zwei Stunden bis nach Tel Aviv. Die Operation, die sie dort abschließen wollte, lief seit über zwei Jahren. Gemeinsam mit dem Mossad waren sie einer Bande Schmuggler auf der Spur, die Waffen der ganz besonderen Art handelten: Atomsprengköpfe, Chemie- und Biowaffen. Die israelischen Kollegen hatten eine wunderschöne Mausefalle mit einem dicken Stück Käse drin aufgestellt und den letzten Meldungen zufolge marschierte der Tross mit seiner Lieferung mittenrein. Auch die Käufer der Ware befanden sich bereits auf dem Weg zur Übergabestelle – nicht ahnend, dass die Gegend nur so von Spezialeinheiten wimmelte, die die Falle dichtmachen würden. Alle an einem Ort versammelt und fertig zum Eintüten.

Ros’ Verbindungsmann war Joshua, ein Bursche Anfang dreißig. Er döste in seinem Sitz, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Seit er vor einer halben Stunde seine Mails gelesen hatte, lag dieser Ausdruck auf seinem Gesicht. Ros konnte nicht ahnen, dass der Grund dafür eine Mail gewesen war, die Josh von seinem Chef erhalten hatte und die nur aus einer Folge von Zahlen bestand: 51-3264-1420-1-1-1. Das bedeutete nichts anderes als 51 cm, 3264 g, um 14.20 Uhr, ein Mädchen, der erste Name der Liste – in diesem Falle Rebecca – und alles prima. Die Kommunikationsspezialisten würden sich wahrscheinlich die Zähne an Deutungen ausbeißen, ohne auf die wahnwitzige Idee zu verfallen, es könnte sich um Klartext handeln.


Im Operationszentrum packte Joshuas Chef gerade seine Sachen zusammen. Feierabend. Die Überwachung war an den Schmugglern dran, es lief alles nach Plan. Vor Morgen früh würde nichts passieren.
Die Eskorte stand schon bereit. Wann immer sich Aron in der Öffentlichkeit bewegte, wurde er von einem Kommando abgeschirmt – auch wenn die Identität des Mossad-Operationschefs nicht bekannt war. Der Dienst war nicht sonderlich groß, aber eine verschwiegene und vor allem verschworene Gemeinschaft. Und sie bewegten sich im eigenen Land sehr offen, auch eine Besonderheit. Die Bodyguards verfolgten, wie Aron noch in die Markthalle ging, um was für’s Abendessen einzukaufen. Er kochte gern und gut, sicher ein netter Ausgleich zur Arbeit. Auch die Fahrt ins Jezreel-Tal, zu seinem Haus, verlief ohne Probleme. Haus und Grundstück waren clever gesichert und mit einem gestaffelten Verteidigungsring versehen. Sollte der jemals zum Einsatz kommen müssen, würden sich die Nachbarn wundern. Sie hielten Aron für einen Versicherungsmanager.

„Ich habe Hunger!“ Die junge Dame, die ihn mit in die Hüften gestemmten Händen und blitzenden Augen im Flur empfing, zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
„Warum machst du dir dann nichts zu Essen, Sweetheart?“
„Du kriegst die leckeren Filets und ich soll mit den Resten aus dem Kühlschrank vorliebnehmen? Vergiss es!“
Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit, umkreist von Mausinator, dem Kater des Hauses, der die Filets auf der Arbeitsplatte nicht aus den Augen ließ. Allerdings vergebens – die verfressenen Zweibeiner gaben ihm nichts ab.
„Wie war die Arbeit?“, wollte Aron von seiner Tochter wissen. Sarah war vierzehn und war mit Riesenschritten auf dem Weg vom Kind zur Frau – was dazu führte, dass sich ihr Vater manchmal ziemlich alt vorkam.
„Babykram“, erwiderte sie. Sarah war im Physik-Kurs der Schule, Naturwissenschaften waren ihr Steckenpferd.
„Atombomben bauen ist erst in der zehnten Klasse dran“, meinte er ironisch. „Bis dahin wirst du mit den langweiligeren Dingen vorlieb nehmen müssen.“
„Wie Kohle entsteht, weiß ich schon“, erwiderte Sarah trocken und wies auf die Pfanne. „Du musst mir das nicht demonstrieren.“
„Shit!“ Aron rettete das Steak gerade noch rechtzeitig.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Sarah.
„Sicher.“
„Die Welt geht heute nicht unter?“
„Stand nichts im Plan.“
„OK, wenn du meinst. Würdest du mir sagen, wenn es gefährlich wird?“
„Spatz, wenn ich dir erlaube, bis morgens im Peachers zu bleiben, bevor du achtzehn bist, darfst du davon ausgehen, dass es die letzte Nacht auf Erden ist.“
„Das heißt, ich soll froh sein, um elf Uhr zuhause sein zu müssen?“
„Schlaues Kind.“

Aron atmete einmal unmerklich tief durch. Sarah lebte nicht im rosaroten Kokon, schon aus Sicherheitsgründen war er seinen Kids gegenüber weitgehend ehrlich. Sein Leben hatte es einfach mit sich gebracht. Sarahs großer Bruder war im Alter von elf, zwölf Jahren mit so einschneidenden Veränderungen in seinem Leben konfrontiert worden, dass seinem Vater nur blieb, ihn ein Stück weit in die Geheimnisse seines Lebens einzuweihen, damit der Kleine verstand, warum und wieso gewisse Dinge sein mussten. Zum Glück hatte es funktioniert und die Bindung zwischen beiden wurde wieder stärker. Außerdem hielt das Wissen Kinder vor allem im Teenageralter von zu unbedachten Handlungen ab.

Trotzdem, Sarah war erst vierzehn. Und obwohl Aron sie von klein auf spielerisch an Dinge wie Selbstverteidigung oder auch nur Gefahrenwahrnehmung herangeführt hatte und ihre Fähigkeiten darin die jedes durchschnittlichen Teenagers turmhoch überragten, ohne dass es Sarah sonderlich bewusst wäre – sie war noch ein Kind. Sie hatte das Recht, unbeschwert zu sein und jugendlichen Blödsinn zu veranstalten. Ohne zu grübeln. Normalerweise gelang es ihm, die Arbeit im Büro zu lassen und sich die Anspannung nicht anmerken zu lassen. Egal, was gerade für eine Operation lief.

Fünf Minuten später gab es Essen. Draußen auf der Terrasse, wo die Abendsonne über die Weinberge schien und alles in wunderschönes Licht tauchte. Ein Hang Weinstöcke gehörte zu diesem Grundstück und im Schuppen neben dem Haus stand alles, was man brauchte, um aus Trauben Wein zu fabrizieren. Irgendwann hatte Aron den Anblick des verwilderten Hangs nicht mehr ertragen und begonnen, die teilweise uralten Stöcke wieder zu kultivieren. Die Ergebnisse der Lese reichten für ein oder zwei Fässer pro Jahr – ein süffiges und sehr exklusives Tröpfchen.

Später – Sarah war schon zu Bett gegangen – saß Aron auf der Hollywoodschaukel, den Mausinator auf dem Schoß, trank noch ein Glas Wein und dachte nach. Ihm war durchaus klar, was ihn unbewusst beschäftigt hielt: Morgen würde Operation Mousetrap zu Ende gehen und er zwangsläufig jemanden treffen müssen: Ros Myers. Die Nachfolgerin von Harry Pearce. Harry – der alte Haudegen war vor gut einem Jahrzehnt in den Ruhestand gegangen und leider im vergangenen Jahr an einer Herzschwäche gestorben. Bis dahin hatte er mit Ruth in einem schicken Häuschen an der Küste gelebt und neue Rosensorten gezüchtet, denen er die Namen seiner toten Agenten gab. Auch eine Art der Erinnerung. Es waren wunderschöne Rosen. Sir Harry erfuhr es nie, aber eine Sorte blühte hier direkt vor der Terrasse. Eine weiße, zart rosafarbene Blüte. Arons Blick blieb lange daran hängen, bevor er aufstand, um ebenfalls ins Bett zu gehen.
Es war besser, allein mit Ros zu reden. Am besten hier.


Ros stand am Fenster und schaute hinaus. Sie konnte nicht schlafen – obwohl das Appartement, in dem sie untergebracht war, sehr komfortabel war. Die Anspannung verhinderte jeglichen Schlaf, das war schon immer so und würde sich auch nicht mehr ändern. Sie hatte nur einen Menschen gekannt, dem es gelang, quasi auf Kommando zu schlafen und das praktisch in jeder Lage, notfalls im Stehen: Adam Carter. Eine Fähigkeit, die sie leider nie erlangt hatte, obwohl sie im Einsatz extrem hilfreich war, weil man viel länger durchhielt.

Den letzten Nachrichten zufolge stand Operation Mousetrap kurz vor dem Ende. Schmuggler und Ware eingetroffen, sie warteten auf ihre Kunden. Beobachtet und umstellt von einer Spezialeinheit, die sie nicht entkommen lassen würden. Mehrere Kernsprengköpfe würden nach England zurückkehren, wo sie einst aus einem Depot der Armee gestohlen worden waren.

Ros holte eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und goß sich ein Glas ein. Sie war gespannt auf Morgen – besonders auf den Operationsleiter des Mossad. Eine legendäre Figur. Ihm und dem Mossad-Chef Yossi Belad war in den letzten zehn Jahren nahezu Unglaubliches gelungen: der Frieden hier war relativ stabil und die Palästinenserfrage schien kurz vor einer Lösung zu stehen: die Staatsgründung Palästinas wurde vorbereitet.

Eine Entwicklung, die noch vor fünfzehn Jahren utopisch schien. Aber manchmal entwickelte sich die Geschichte. In Israel gewann eine Richtung Einfluss, die sich vor allem durch eine ordentliche Portion Realitätssinn auszeichnete. Bald waren diese Strömung und die Partei im Parlament vertreten. Der Regierungschef und Yossi Belad gehörten dazu. Der Premier kümmerte sich um die Politik und der zum Mossad-Chef ernannte Belad revolutionierte seinen Dienst. Die zehn Gebote des Mossad. Einerseits hart und kompromisslos, auf der anderen Seite aber ungewohnt sensitiv und offen. Es machte sie klar und berechenbarer. Nachdem sie in den eigenen Reihen ein wenig aufgeräumt und sich von bösen Gewohnheiten verabschiedet hatten, bewiesen sie der Welt, dass der neue Stil sehr ernst gemeint war. Die Israelis waren schon immer die Besten gewesen – dazu waren sie verdammt. Ein kleines Land, dem alle ringsumher an die Gurgel wollten. Jetzt glänzten sie mit furchterregender Effizienz und Perfektion, gepaart mit einer manchmal unglaublichen Chuzpe und Frechheit. Natürlich, auch sie hatten Verluste und mussten Niederlagen einstecken. Aber sie erwarben sich noch nie gekannten Respekt, sogar bei ihren ärgsten Feinden. Und die Idee hinter den zehn Geboten veranlasste nicht nur einen hartgesottenen Dschihadisten zum Überlaufen.

Sie griffen sie nämlich auf einer ganz ungewohnten Ebene an: der Ideologie. Das operative Genie hinter ihren Einsätzen musste ein brillanter Zyniker und gnadenloser Rhetoriker sein. Eine der Voraussetzunge für die Entwicklung war die Tatsache, dass es dem Mossad seit Jahren gelang, die ganzen Hardliner auf der Gegenseite so geschickt gegeneinander auszuspielen, dass sie ausschließlich damit beschäftigt waren, einander zu zerfleischen. Divide et impere. Teile und herrsche.

Ein Treppenwitz der Geheimdienstgeschichte war die Sache mit der Palästinensischen Heimatfront, einer Splittergruppe mit terroristischen Ambitionen. Deren Chef war ein Mann mit überschaubarem Intellekt, aber großem Einfluss. Wie sich irgendwann herausstellte, hatte der Mann einen Ghostwriter, der seine Ideen für ihn publikumswirksam formulierte. Dieser Ghostwriter, der sich hinter einer nebulösen Wolke verbarg und seinen Klienten niemals traf, arbeitete allerdings im King Saul Boulevard. An dieser Adresse residierte der Mossad und der Ghostwriter war gerüchteweise der israelische Operationschef selbst.

Irgendwann fragte der sich wohl beim Verfassen seiner Pamphlete, wie weit er gehen konnte mit der Manipulation der Palästinensischen Heimatfront und begann, abstruse Ideen in seine Werke einzuarbeiten. Mittels seiner „Anleitungen“ wurde die Gruppe dazu veranlasst, sich auf völlig unwichtige Fragen einzuschießen und davon keinen Deut abzuweichen. Ein Sprengsatz, der in der politischen Landschaft Palästinas hochging wie eine Atombombe. Fortan verbrachte man dort viel Zeit damit, sich im Streit über lächerliche Details zu verlieren. Die „Unterhosendiskussion“ hatte Legendenstatus erlangt. Es drehte sich um die Frage, wie die Uniformen einer zukünftigen Armee eines hypothetischen palästinensischen Staates aussehen sollten – auch untendrunter.
In Geheimdienstkreise munkelte man, der King Saul Boulevard sei an dem Tag nicht einsatzfähig gewesen, als ihnen Diskussionen über die korrekte Farbe bei Treffen hochrangiger Funktionäre bekannt wurden – weil sie sich dort vor Lachen auf dem Boden gerollt hätten.


Aron wurde gegen fünf Uhr durchs Handyklingeln geweckt. „Es geht los.“
„Ich komm gleich.“
Er setzte sich auf und griff nach dem Stück Hightech, das neben dem Bett stand, bevor er aufstand und in die Küche schlurfte, um Kaffee aufzusetzen. Während die Maschine eine Tasse ein massiv koffeinhaltiges Getränk zusammenblubberte, ging Aron duschen. Zum Kaffee gab es eine Kiwi als Frühstück – er war zu faul, sich erst ein Brötchen aufzubacken. Seit Tamar nicht mehr für sie sorgte, riss ein gewisser Schlendrian in puncto Frühstück ein, zumindest bei Aron. Für Sarah stellte er alles bereit und schrieb einen Zettel mit der Bitte, ihn gleich anzurufen. Er musste sie noch auf den Besuch vorbereiten.

Zwanzig Minuten später war er im Büro.
„Die Kundschaft kommt grade in den Laden“, informierte ihn Rachel, eine seiner Mitarbeiterinnen. Sie saß vor dem Bildschirm, die Kopfhörer auf. „Noch jemand ein Eis vor dem Hauptfilm?“ Ein alter Standardwitz, trotzdem mussten alle unwillkürlich grinsen, bevor sie gespannt verfolgten, wie auch die letzten Kandidaten in die Falle tappten. Hinter ihnen schloss die Spezialeinheit den Kreis. Da kam keiner mehr raus.
„Gut. Dann nehmen wir den Haufen mal auseinander.“

Ros sah zu, wie die Spezialkräfte völlig überraschte Terroristen einsammelten. Zu verblüfft, um ernsthaften Widerstand zu leisten. Die Waffen waren vollständig und intakt – eine Meldung, die im Thames House mit Erleichterung zur Kenntnis genommen wurde. Die Dinger stammten aus einem Einbruch in ein Depot bei Liverpool und ihr Verschwinden war für die Briten ein schwerer Schlag gewesen. Reines Glück, dass bisher kein britisches Plutonium für einen Anschlag verwendet worden war.

Die Gefangenen wurden in LKWs abtransportiert. Ros übergab die Verantwortung für die Sprengköpfe an einen Colonel der Armee, der mit seinem Team dafür sorgen würde, dass sie sicher wieder dahin gelangten, wo sie hin gehörten. Anschließend brachte ein Fahrer Ros zum Hauptquartier, damit sie an den Verhören der Gefangenen teilnehmen konnte.


Aron verfolgte die Fortschritte der Aktion den ganzen Tag lang. Das Büro summte wie ein Bienenstock, Erkenntnisse wurden abgeglichen und weitergeleitet. Josh trug die Verantwortung für die Engländer und er erledigte seinen Job heute mit einem quasi hinter den Ohren festgeklinkten Grinsen, welches jeden Gesprächspartner unwillkürlich ebenfalls grinsen ließ. Nur zu Befragungen war er heute nicht zu gebrauchen, denn Pokerface lag im Moment außerhalb seines Repertoires.
Aktion Mousetrap erfolgreich abgeschlossen. Blieb nur noch, alles mit Ros Myers zu besprechen, Bilanz zu ziehen und die folgenden Schritte festzulegen.

Ros war zufrieden. Äußerst zufrieden. Die Befragungen liefen sehr effizient – ohne, dass der Folterkeller herhalten musste. Es reichte, den demoralisierten Typen noch eine reinzuwürgen, indem man ihnen einfach erzählte, was man alles wusste. Der Maulwurf war längst in Sicherheit gebracht. Einige der Gestalten würde man sicher ausliefern, der Rest durfte eine Zukunft in einem Hochsicherheitsgefängnis ins Auge fassen. Denn für einmal gegriffene Terroristen dieser Couleur galt Gebot acht: Keine Gnade, niemals. Den Rest ihres Lebens konnten sie von ihren Zellenfenstern aus den Ort sehen, der ihnen blieb: der Friedhof des Gefängnisses.


Ein Auto brachte Ros zu der Besprechung. Der junge Fahrer war überaus schweigsam. Sie fuhren aus der Stadt heraus, es wurde ländlicher. Weinberge kamen in Sicht. Schließlich hielt das Auto vor einem der typischen Häuser der Gegend. „Gehen Sie einfach rein“, sagte der Fahrer.
Ros stieg aus und ging den Weg bis zur Haustür entlang. Eine Katze streifte durch den Garten und musterte die Besucherin neugierig. Ros drückte auf die Klingel und hörte dann Schritte hinter der Haustür. Aber als die Tür sich öffnete, erstarrte sie förmlich: „Adam!“
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