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Die Schattenprinzessin

GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P16
Hildegunst von Mythenmetz
16.04.2013
16.04.2013
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Die Schattenprinzessin


Hier wird die Geschichte fortgesetzt.
In ihr werde ich nun aufdecken, was es mit dem mystheriösen zweiten Brief auf sich hatte und wie es mir in den Katakomben erging. Wir werden gemeinsam herausfinden, ob der Schattenkönig tatsächlich noch lebt, oh meine treuesten aller Freunde, wir werden uns ein zweites Mal auf die Suche nach seinen Spuren in der Geschichte Buchhaims begeben. Ja, ich bin es wieder; Hildegunst von Mythenmetz, euer geliebter Erzähler.

Die Geschichte handelt davon, wie ich die Schattenprinzessin Tara kennenlernte und wie mein Freund Homunkoloss durch die Kräfte von Freundschaft und Liebe wieder ein Leben an der Oberfläche führen konnte.
Sie erzählt von Verrat und Treue, Mut und Feigheit, Verlust und Gewinn, Wahnsinn und Klarsicht, von Wut und Freude, von Hass, Rache und Tod, von Vergebung und dem Anfang eines neues Lebens.




Katakomben von Buchhaim, Phistomefel-Rüssel, Gegenwart.

Mit zitternden Klauen hielt ich das Kärtchen über die Kerzenflamme, bis darauf die blassgelbe Geheimschrift erschien. Auf der Einladung stand nur ein einziger Satz.
Er lautete: ´Hier fängt die Geschichte an.´
Ich starrte das Papier an, bis es in meinen Händen plötzlich in Flammen aufging und ich es erschrocken fallen ließ. Es segelte zu Boden und blieb zu meinen Füßen liegen, wo es langsam verkohlte.
Da stand ich nun.
Das Kerzenlicht erhellte kaum meine Umgebung; die schwarz verkohlten Tunnelwände sah ich gar nicht. Ich starrte den schwelenden Fetzen auf dem Boden vor meinen Füßen lange an, bis er verglüht war.
Die Dunkelheit und die Stille schienen sich wie kalte Würmer in meine Ohren zu winden und sich mit meinem Blut zu vermischen. Mir schlug das Herz bis zum Hals.
Wie sollte ich jemals wieder herausfinden aus den labyrinthischen Gängen der Katakomben?
Und dann hörte ich etwas, das mir umgehend die Tränen der nackten Furcht in die Augen trieb. Es war ein leises, raschelndes Seufzen, das wie ein Windhauch durch den Tunnel strich und mir einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Ich erstarrte bis ins Mark.
Nicht einmal meine Augen wagte ich noch zu bewegen.
Ein Schluchzen stieg in mir auf. Ich versuchte, es zu unterdrücken, aber da brach es auch schon aus mir heraus, laut und unkontrollierbar.
Ich wimmerte unterdrückt und drückte mir beide Klauen auf den Mund.
Tränen liefen mir in Strömen über das alte, runzlige Gesicht.
"Na, na.", sagte da eine tiefe, raschelnde Stimme direkt hinter mir.
Ich fuhr heftig zusammen und wirbelte herum.
Durch meine Tränen hindurch sah ich eine breite Fläche verkohlten Papieres vor mir.
Ein Bauch.
Langsam ließ ich meinen Blick nach oben wandern.
Eine breite, ebenfalls aus schwarz verkohltem Papier bestehende Brust.
Darüber ein Gesicht. Ein verkohltes Papiergesicht ohne Augen, aus dem mich ein papierener Mund schief anlächelte.
Ich blickte direkt in das Antlitz meines totgeglaubten Freundes Homunkoloss.
Mir wurde schwindelig.
"Äähjhhä....", krächzte ich mit offenem Mund. Meine Augen quollen aus ihren Höhlen.
Dann knickten plötzlich meine Beine weg und mit wurde weiß vor den Augen.




Die Tochter des Bücherjägers
und
Die Schattenprinzessin

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem kleinen, kargen Raum mit steinernen Wänden. Eine warme Decke umhüllte mich und der Geruch von Leder und Bittermandel stiegen mir in die Nase. Seltsamerweise auch der von Marmelade und Rotwein.
Ich blinzelte und erkannte im Halbdunkel eine große Gestalt, die neben meinem Lager hockte und in einem Buch las. Die geriffelte Sillouette kam mir schmerzlich bekannt vor, auch die Größe und die fast spürbare Aura aus Willenskraft und Energie.
Als hätte dieser Jemand neben mir mein Starren gespürt, wandte er sich zu mir um.
Es war Homunkoloss.
Erneut klappte mir der Mund auf, ohne dass ein Ton herauskam.
"Hey...", sagte er leise. "Na?"
Das waren nicht gerade die Worte, die ich erwartet hatte.
"Ja, ich lebe noch, danke der Nachfrage." Vielleicht.
Oder: "Ich freue mich ja so, dich zu sehen, Hildegunst." So etwas in der Richtung.
"Du...lebst?!", würgte ich hervor.
Er atmete tief ein. "Ja.", seufzte er dann. "Ich lebe noch. Unkraut vergeht nicht.", fügte er mit dem selben seltsamen schiefen Lächeln hinzu, mit dem er mich schon zuvor empfangen hatte. Ich glotzte ihn an.
"Wo sind wir hier?!", fragte ich dann.
"In der Ledernen Grotte. Beziehungsweise in einer der unbenutzten Wohnhöhlen der Buchlinge.", gab mir Homunkoloss bereitwillig Auskunft.
"So?", staunte ich. Dann sah ich ihn wieder an.
"Was ist passiert?!" Meine Stimme überschlug sich bei dieser Frage. "Ich dachte, du hättest Smeik zur Hölle gejagt und wärst dann selbst in Flammen aufgegangen?!"
Doch meine Hoffnung auf eine ausführliche Erklärung wurde sogleich vom Schattenkönig zerschlagen.
"Eins nach dem anderen.", wiegelte er ab. "Ich möchte dir, bevor ich dir das alles erzähle noch jemanden vorstellen."
Er erhob sich. "Komm mit."
Beinahe wären mir wieder die Tränen in die Augen geschossen.
Hatte er das nicht auch bei unserer ersten Begegnung vor 200 Jahren als Erstes gesagt?

Folgsam stand ich auf und kam ihm nach, als er die kleine Wohnhöhle verließ.
Er musste sich gewaltig bücken, um durch die niedrige Türöffnung zu kommen. Als er sich hindurch geschlängelt hatte, wobei er aussah wie ein Limbo-Tänzer, knallte er mit dem Kopf gegen einen hervorstehenden Felsblock.
Prompt fluchte er in einer mir unbekannten Sprache. Ich musste kichern.
"Gegen das Ding stoße ich jedes Mal.", knurrte der Schattenkönig ungehalten. Er führte mich an den vielen unbenutzten und den bewohnten Höhlen vorbei, bis wir schließlich in der zehntralen Grotte ankamen.
Sie sah aus wie immer. Beziehungsweise so, wie sie ausgesehen hatte als die Bücherjäger sich noch von ihr ferngehalten hatten.
Der einzige Unterschied war, dass zu den fahrenden Regalen am Boden der Grotte jetzt noch ein Haufen Geräte kam, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.  In der Mitte von allem standen zwei große, zylindrische Gefäße aus durchsichtigem Material, in denen, soweit ich erkennen konnte, je ein Mensch schwamm.
"Was ist denn das alles?!", fragte ich überwältigt.
"Eins nach dem anderen.", wiederholte Homunkoloss.
Ich zog eine Schnute.
Wir marschierten die breite Treppe herunter, wobei ich hinter dem Schattenkönig herlief wie ein Entenküken hinter seiner Mutter, und auf eine der großen Maschinen zu, die jetzt den Eindruck eines medizinischen Gerätes auf mich machte.
"Tara!", rief Homunkoloss. "Calypso! Kommt her, bitte."
Ein Wesen, dass auf mich wirkte wie die weibliche Version des Schattenkönigs, kam ins Blickfeld.
Mein Mund klappte auf und blieb offen stehen. Der Schattenkönig drückte ihn mir mit dem Zeigefinger wieder zu.
Die  "Schattenkönigin" (Ich muss sie in Ermangelung eines mir bekannten Namens so nennen) kam die Treppen der Bücherbahn herunter und blieb vor uns stehen.
Sie musterte mich aufmerksam. Rote Haare, die aus Lesebändchen bestanden, rahmten ihr Gesicht ein und die Papierfetzen, die ihren Leib bedeckten, bestanden aus Notenblättern, wie ich erkannte.
"Ist das-", setzte sie an, und Homunkoloss nickte. "Das ist Hildegunst von Mythenmetz, mein...Schüler."
Sie wandte sich wieder mir zu und lächelte freundlich. "Hi. Ich bin Tara.", stellte sie sich vor und reichte mir die Hand.
"Ich freu mich, dich endlich kennenzulernen."
Ich schüttelte ihre Hand, die noch feingliedriger war als die von Homunkoloss, aber dennoch einen beunruhigend starken Griff aufbrachte. "Mythenmetz.", erwiderte ich so würdevoll wie ich konnte.
"Hildegunst von Mythenmetz."
Tara lächelte immer noch höflich, wandte sich jetzt aber um, als würde sie nach jemandem Ausschau halten. Und tatsächlich, ein Wolpertinger gesellte sich zu uns.
Es war ein Weibchen, dass die Züge eines Collies hatte und und auf eine unauffällige Weise hübsch war.
Sie trug dunkle Stiefel aus Leder, eine seitlich geschnürte Hose, ebenfalls aus dunklem Leder und eine ebensolche Weste, an den Händen fingerlose Handschuhe aus dem selben Material, geschmückt mit spitzen Nieten.
In ihren großen, abgeknickten Ohren funkelten silberne Ringe.
Auch sie musterte mich, aber mit einer für einen Wolpertinger ungewöhnlichen Zurückhaltung. Ihre Augen waren von einem hellen blassgrün, wie mir auffiel. Das musste Calypso sein.
"Hallo.", grüßte ich höflich. "Mein Name ist-"
"Hildegunst von Mythenmetz!?", unterbrach sie mich. "Ich weiß."
Ich schwieg. Sie wandte sich an Homunkoloss. "Wir liegen perfekt im Zeitplan. Morgen mittag können wir starten."
Der Schattenkönig schien sich für einen Moment in sich selbst zurückzuziehen.
"In Ordnung.", sagte er leise. "Gut. Kannst du dich für einen Moment von deiner Arbeit loseisen?", fragte er dann ungewohnt freundlich. Calypso nickte. "Sicher."
"Hildegunst- das ist die Ziehtochter von Colophonius Regenschein."
"Bullshit!", knurrte Calypso.
Ich blinzelte verdutzt.
"...Wie wäre es, wenn du einfach von ganz von vorne anfängst?", fragte ich dann.
Der Schattenkönig taxierte mich. "Von Anfang an? Schön. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die ganze Welt. Auf der Erde war es noch wüst und unheimlich; es war finster, und Wasserfluten bedeckten alles."
Ich lachte. "Halt, halt! Ich meinte, was ist passiert, nachdem wir uns getrennt haben? Was ist mit Smeik geschehen und so weiter?!"
Er grinste kurz. "Ich werde wohl noch weiter zurückgreifen müssen als bis dahin."
"Ja, das wäre dann wohl mein Part.", meinte Calypso. "Um es kurz zu machen, ich wurde als Welpe von Colophonius aufgegriffen und zu Artgenossen in ein Gasthaus gebracht, wo ich später als Rausschmeißer arbeitete. Eines Tages kam Regenschein in diese Schenke und ich folgte ihm bis in die Katakomben, wo ich auf Rongkong Coma traf, der mich beinahe umgebracht hätte, wäre Colophonius nicht dazwischengegangen. Dann-"
"Moment bitte.", unterbrach ich dreist. "Das würde ich gerne ein bisschen genauer hören."
Calypso schürzte die Lippen. Dann begann sie zu erzählen.


Calypsos Geschichte

Wumm!
In einem atemberaubend schönen Schauer explodierten Feuerwerkskörper am Nachthimmel.
Jubel wurde laut.
Es war Neujahr. Buchhaim feierte.
Man tanzte und lachte, freute sich, ein weiteres Jahr überstanden zu haben.
In einer düsteren Ecke zwischen den Häusern stand ein Bücherjäger. An eine Häuserwand gelehnt, die Arme verschränkt und mit funkelndem Blick verfolgte er das ausgelassene Treiben.
Das Licht der Feuerwerkskörper spiegelte sich in seinen Augen, die scharf durch den Schlitz seines Gesichtsschutzes sahen.
Von Kopf bis Fuß eine imposante Erscheinung.
Dennoch, trotz seiner martialischen Kleidung umgab ihn eine edle Aura. Er war ein Hundling und sein Name war Colophonius Regenschein.
Er stand so unbewegt da wie eine Statue.
Unstetes Licht beleuchtete seine schmale Gestalt, wie er da in seiner Ecke lehnte.

Ein kleiner Wolpertinger mit dunkelbraunem Fell torkelte auf allen Vieren und unsicheren Beinchen auf die Straße. Colophonius sah interessiert auf. Noch nie hatte er einen Wolpertingerwelpen gesehen. Oh Götter, die waren ja wirklich putzig.
Dem Kleinen half das allerdings im Moment nicht viel. Er tapste mitten in die tanzende Menge und bekam postwendend einen Tritt in die Rippen. Aufjaulend wurde er von den Füßen gehoben und in den Straßenstaub befördert, wo jemand über ihn stolperte.
Nach einem Tritt an den Kopf rührte er sich nicht mehr.
Colophonius wandte den Blick wieder ab. Die Welt außerhalb der Katakomben war oftmals nicht weniger gnadenlos, bzw. sinnlos grausam. Pech für den Kleinen.

Eine neue Welle aus Tanzenden kam die Straße entlang. Wenn er nicht aufstand, würde der Welpe zertrampelt.
Regenschein zögerte drei quälende Sekunden lang. Dann stieß er einen Fluch aus und schob die Leute vor sich aus dem Weg.
Mit ein paar Sätzen war er auf der Straße, hob den Welpen auf und verschwand im Getümmel wie ein Geist.
Eine verräucherte Gaststätte bot ihnen schließlich Zuflucht.

Colophonius schob sich an einen Tisch in der Ecke. Dort legte er den Welpen auf seinen Schoss und tastete vorsichtig seinen Brustkorb ab.
Der Kleine schnaufte, dann nießte er und schüttelte sich.
Gebrochen war also wohl nichts.
Schwankend richtete der Wolpertinger sich auf und musterte Colofonius ernst.
Der Bücherjäger musterte zurück.
Dann nahm er seinen Helm ab.
Welpe und Jäger sahen sich in die Augen.
Ein Augenblick verging.
Dann leckte der Welpe dem Hundling über die Schnauze.
Und dessen Herz wurde zu Wachs.

Der Welpe, der eigentlich weiblich war, war von seinen Eltern gemäß deren Instinkte gleich nach der Geburt ausgesetzt worden.
Es war nie im Vornherein klar, ob ein Welpe einmal ein wilder oder ein zivilisierter Wolpertinger wurde.
Wurde ein wilder daraus, hatte er seine Heimat bereits gefunden. Wurde es ein zivilisierter, musste er seinen Weg in die Zivilisation selbst finden.
Im Falle unseres Welpen war die Kleine von einem Küchenmädchen gefunden worden, die in den schier endlosen Wiesen vor Buchhaim nach Kräutern suchte. Sie war am Nackenfell gepackt und kurzerhand in den Sammelkorb gesteckt worden.
Leider hatte die Köchin etwas gegen unnütze Esser, und so war das Küchenmädchen mit Ohrfeigen in die Küche und der Welpe mit Fußtritten auf die Straße gejagt worden.

Da saß er nun auf dem Trottoir, ganz elend, schmutzig und hungrig, im Licht der Laternen und des Feuerwerks.
Die Kleine schloss die Augen und witterte.
Eine Welt von bunten Flecken, Bahnen und Fäden erblühte vor ihrem inneren Auge, tausende verschiedene Gerüche; eine Farbexplosion!
Mit einem erschrockenen Winseln riss die kleine Wolpertingerin die Augen wieder auf, wankte einen Schritt rückwärts und setzte sich auf den Hintern.
Nach einem Augenblick der Besinnung versuchte sie es nochmal.
Tausende Gerüche, doch wohin sollte sie?!
Zurück in die Gaststätte? Nein. Die Tritte schmerzten noch immer, außerdem wusste sie den Weg nicht mehr.
Nach vorne durch die Menge?
Da waren viele gute Düfte, doch wie sollte sie es da hindurch schaffen?
Der Mut verließ sie.
Winselnd taperte sie am Rand des Trottoirs hin und her. Ihr Magen knurrte laut.
Sie war so hungrig, dass ihr schlecht wurde.
Und plötzlich schoss sie los.
Der Mut der Verzweiflung war es, der sie schließlich auf die Straße springen und auf einen Stand zuhetzten ließ, an dem gebratene Mäuseblasen verkauft wurden.
Ein Tritt in die Rippen erwischte sie und ihr entfuhr ein schmerzerfülltes Jaulen.
Jemand trat ihr auf den Schwanz, man stolperte über sie, dann bekam sie auch noch einen Tritt gegen den Kopf.
Ein dickes Tuch schien sich auf die Welt zu legen, das alle Eindrücke nur noch gedämpft durchließ.
Sie schwankte am Rande einer Ohnmacht.
Jemand hob sie auf und trug sie weg. Dann wurde es dunkel und stickig um sie her und sie wurde abgetastet.
Schmale Finger drückten leicht auf die Stellen, an denen die diversen Tritte sie erwischt hatten und sie quietschte auf.
Ihre Benommenheit schwand.
Blinzelnd ud schwankend setzte sie sich auf und fand sich Auge in Auge mit einem Geschöpf, dass kein Gesicht hatte.
Das Ding legte die Hände an seinen Kopf und zog ihn sich von den Schultern, um einen zweiten zu offenbaren, der darunter zum Vorschein kam. Der Welpe staunte.
Das Wesen war ein Hund, wie sie. Und er roch...nett. Irgendwie interessant. Und fremd.
Die Kleine wollte ihm instinktiv zeigen, dass sie sich ihm unterwarf und leckte ihm über die Schnauze.

Colophonius war erstaunt über die Welle der Zuneigung, die ihn ergriff, als die kleine nasse Zunge des Welpen seine Nase mit Sabber überzog. Die Augen des Tieres waren von einem hellen Blaugrün, sein Fell Dunkelbraun.
Der Hundling hatte keine Kinder. Er hatte auch nie welche gewollt. Aber diese winzige Wolpertingerin schaffte es, seinen Beschützerinstinkt zu wecken.
Er hörte ihre Bauch knurren und musste lächeln. "Hast wohl Hunger, mh?", brummte er schmunzelnd.
Sie winselte.
"Das nehme ich als Ja."
Colphonius stand auf und ging zur Theke, nicht ohne seinen Helm wieder aufzusetzten.
"Dörrfleisch.", bestellte er knapp. "Und Wasser."
Der Barkeeper eilte, das gewünschte zu holen und Regenschein wollte gerade zurück zu seinem Tisch gehen, als er hinter sich ein Winseln hörte. Er fuhr herum und sah den Welpen auf dem Boden sitzen, genau dort, wo er selbst gerade noch gestanden hatte.
"Donner!", rief er und lachte. "Du Rabauke!" Er packte ihn am Schlafittchen und hob ihn in seine Arme.
Die Kleine winselte ungeduldig.
Der Barmann kam zurück und packte einen Sack voller Dörrfleisch und zwei Wasserschläuche auf den Tresen.
Regenschein seufzte leise. Wie, beim Flüstern des Schattenkönigs, sollte er das in sein Versteck bringen?
Der Welpe strampelte und errregte seine Aufmerksamkeit. Er setzte ihn auf der Theke ab und öffnete den Sack mit dem Dörrfleisch, um einen langen Streifen herauszuholen.
Heißhungrig stürzte sich der Welpe darauf.
Der Barmann beobachtete die Szene mit stummem Entsetzen.
"Was bin ich ihnen schuldig?", fragte Colophonius. Der Barmann wedelte abwehrend mit seinen vier Händen.
"Nichts! Gar nichts! Das geht aufs Haus!"
Colophonius grunzte und hängte sich die Wasserschläuche über die Schulter. Der mit dem Dörrfleisch kam auf die andere.
Dann klemmte er sich den Welpen unter den Arm.
" 'schüss.", knurrte er dem Barmann über die Schulter zu und stampfte nach draußen.
Kühle, frische Luft schlug ihnen entgegen und die kleine Wolpertingerin schnaufte ekstatisch, ohne das Fleisch zwischen ihren Zähnen loszulassen.

Colphonius überlegte. Er konnte es sich nicht leisten, auf ein Kind aufzupassen. Bei seiner Beschäftigung wäre das lebensgefährlich.
Also musste er die Kleine wegbringen, am Besten zu Artgenossen.
Doch wo in Buchhaim fand man Wolpertinger?
Natürlich, in Gaststätten, als Rausschmeißer. War das die richtige Umgebung für ein Kind?

Regenschein wischte seine Bedenken fort und steuerte die nächste Schenke an, schwankend unter der Last seiner neu erworbenen Vorräte. Hatte die Kleine eigentlich einen Namen? Nein...
Suchend ließ er seinen Blick schweifen, bis er an einem Ladenschild hängenblieb.
"Delia´s" stand da. Sonst nichts.
"Delia...", überlegte der Hundling. "Hm..."
Es war der Beiname der griechischen Göttin Artemis, soviel wusste er.
Ein Menschenname zwar, aber auch ein starker Name. Colophonius wusste nicht, dass er gerade einen entscheidenden Fehler beging. Gab man einem Lebewesen einen Namen, dann entwickelte man Gefühle dafür.
Er beugte sich zu dem Welpen herab.
"Delia.", sagte er. "Du heißt jetzt Delia."
Und er schwören können, dass die Kleine ihn angrinste.



Vier Monate später.

Eine Fahne von Dampfbier wehte Delia entgegen, als sie den besoffenen Wildschweinling von einem völlig verängstigten, in eine Ecke getriebenen Fernhachen wegzog.
"Das reicht, ab nach draußen..."
"Ich wolle doch nur´n bisschn Spasss habn...", lallte er sich an. "Issoch nix ppassiert..."
"Ja klar.", sagte die Wopertingerin trocken, bevor sie ihn mit einem kräftigen Tritt in den Hintern aus dem Gasthof beförderte.
Angewidert schloss sie die Tür und begab sich wieder zu dem Fernhachen.
"Ist alles in Ordnung?", fragte sie freundlich.
In seinen riesigen, runden Augen konnte sie ihr Spiegelbild sehen.
"Ja...", antwortete der Fernhache mit zitternder Stimme. "...Danke."
"Das ist mein Job.", sagte Delia so sanft lächelnd, wie das mit einem Raubtiergebiss ging.
Ein Luftzug fuhr in den Raum, der das Licht flackern ließ. Die Wolpertingerin drehte sich um, alarmiert vom entsetzten Keuchen der Gäste -und erstarrte.
Im Türrahmen stand, illuminiert von den Blitzen des draußen tobenden Gewitters, ein Bücherjäger.
Er trat ein, nahm seinen Helm ab und schüttelte sich, dass die Tropfen flogen.
Der penetrante Geruch nach nassem Hundefell erfüllte den Raum.
Delia starrte ihn an. Sie kannte ihn.
Sie wusste nicht woher und war sich der Sache nicht ganz sicher, aber dennoch war da dieses unbestimmte Gefühl der Bekanntschaft.
Moment mal.
Woher sollte sie einen Bücherjäger kennen?! Sie hatte ihr Lebtag noch mit keinem dieser Gruselgestalten zu tun gehabt.
Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie ihn.
Er war ein Hundling mit hellbraunem Fell und einer für einen Bücherjäger ungewöhnlich friedfertigen Ausstrahlung.
Allerdings konnte dieser Eindruck auch täuschen.
Delia beäugte ihn misstrauisch, als er an ihr vorbei zur Theke ging.
Er drehte leicht den Kopf- und für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie sich in die Augen. Eine Erinnerung durchzuckte Delia, so scharf und deutlich, dass sie nach Luft schnappte.
Sie, als Welpe, im Arm dieses Bücherjägers. Sie, wie sie ihm die Schnauze leckte. Dörrfleisch. Der Geruch von muffigen Büchern.
Von altem Blut.
Dann war es vorbei und er sah wieder weg.
"Hoa!", machte die Wolpertingerin halblaut und blinzelte. Der Bücherjäger ging an die Theke und bestellte Dörrfleisch und Wasser.
Schon wieder Dörrfleisch! Sie sah sich in ihrer Erinnerung bestätigt und konnte plötzlich kaum noch stillstehen.
Wer war er?!

Der Hundling bekam das Gewünschte und ging damit zur Tür. Ohne bezahlt zu haben!
Bekanntschaft oder nicht, das fiel in ihren Aufgabenbereich. Mit einem großen Schritt versperrte sie ihm den Weg.
"Einen Augenblick! Haben sie nicht etwas vergessen?"
"Und das wäre?!", knurrte er zurück.
"Zu bezahlen!" Die unterschwellige Drohung in der Stimme der Wolpertingerin war deutlich zu hören.
"Das geht in Ordnung, Delia!", rief der Barmann. "Lass ihn in Ruhe!"
Widerwillig und ohne den Augenkontakt zu lösen, trat sie zur Seite. Sie spürte regelrecht, dass der Hundling sie unter seiner Maske anlächelte.
"Auf Wiedersehen, Delia.", sagte er so freundlich, dass sie stutzig wurde. Sie knurrte leise.
Mit einem leisen Glucksen trat er an ihr vorbei und verschwand.
Jetzt war sie erst recht wild darauf zu erfahren, wer er war. Sie sah ihm düster nach, die Wolfsaugen nur noch schmale Schlitze.
Dann folgte sie ihm abrupt, riss die Tür auf und schoss hinaus in den Regen.
Alles andere konnte warten, beschloss sie.
Sie drehte den Kopf nach links und rechts und suchte die Straßen nach ihm ab.
Da! Da hinten war er!

So schnell sie konnte, rannte sie ihm nach und hatte ihn bald eingeholt.
Sie duckte sich hinter eine Hauswand, schlich ihm hinterher, instinktiv von Deckung zu Deckung huschend.
Der Regen machte es beinahe unmöglich etwas zu wittern, daher musste sie ihren Augen vertrauen.
Ausgerechnet ihrem schwächsten Sinnesorgan.
Aha, er verschwand in einem Antiquariat. Sie flitzte hinterher.
Ein Glöckchen läutete, als der Bücherjäger eintrat.
Verflixt.
Delia biss sich auf die Unterlippe. Sollte sie ihm einfach folgen, zulassen, dass die Glocke sie an ihn verriet?
Oder es irgendwie anders versuchen? Wenn ja, wie? Oder doch nicht?
Unerntschlossen trat sie auf der Stelle, dann fasste sie sich ein Herz und schob die Tür auf. Es bimmelte lautstark.
Hastig schob sich die Wolpertingerin durch den Türspalt und schloss sie hinter sich.
Erneutes Gebimmel.
Und kein Zeichen von dem Bücherjäger.
Er war spurlos verschwunden.
Das Herz sank ihr.

Mit gerunzelter Stirn musterte sie jeden Zentimeter des dunklen, staubigen Raumes vor ihr. In einem dünnen Lichtfinger, der in das Antiquariat fiel, tanzten Staubkörner.
Jemand musste sie aufgewirbelt haben.
Delia schloss die Augen und schnupperte.
Da! Eine fremde und gleichzeitig vertraute Geruchsspur. Schwach zwar nur, aber sie war da.
Der Witterung folgend, ging die Wolpertingerin in die Knie und kroch über den Boden, bis ihr empfindliches Riechorgan plötzlich gegen das Holz der Theke stieß.
Aua!
Sie rieb sich die Nase, richtete sich in einer fließenden Bewegung auf- und sah sich plötzlich Auge in Auge mit dem Besitzer des Ladens.
Der stieß einen Schrei aus und machte einen Satz rückwärts, offenbar zu Tode erschrocken.
"Entschuldigung!" rief Delia hastig und hob beschwichtigend die Hände. "Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken!"
"Nicht?", japste der Antiquariar, die Hand aufs Herz gepresst. Er bebte am ganzen Leib.
"Meiner Seel´, ich bin gerade zwei Jahre älter geworden!"
Delia grinste verlegen.
Das wurde von ihrem Gegenüber wohl allerdings als Zähnefletschen gedeutet, denn er verstummte augenblicklich und starrte sie mit furchtsam geweiteten Augen an.
Die Wolpertingerin besann sich darauf, weshalb sie hier war.
"Ich muss mich ausdrücklich entschuldigen.", sagte sie so höflich wie möglich. "Aber ich suche den Bücherjäger, der vor etwa einer Minute hier rein gekommen ist."
"Bücherjäger?", wiederholte ihr Gegenüber. Wenn seine Verwirrung nur gespielt war, dann machte er das ausgezeichnet.
Fast glaubte sie ihm.
"Hier war kein Bücherjäger, Miss."
Delia stellte sich ganz gerade hin und sah ihm in die Augen, den Kopf leicht nach unten geneigt. Ihr kalter, strenger Blick tat fast sofort seine Wirkung.
"Hier ist...ein Eingang zu den Katakomben.", stammelte der Antiquariar, drückte sich an ihr vorbei und betätigte einen Knopf, der an der Theke verborgen war. Der große Holzkasten teilte sich in der Mitte und fuhr auseinander, um ein schwarzes Loch zu enthüllen.
"Vermutlich ist er dort hinunter."

Delia wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Warme, muffige Luft stieg aus der Tiefe empor, wie der stinkende Atem eines Büchermonsters.
Sie schauderte und musste unwillkürlich gegen den Drang ankämpfen, noch weiter zurückzuweichen.
Da wollte sie hinunter?! WOLLEN definitiv nicht.
Aber dort war der Hundling verschwunden, das konnte sie jetzt wittern. Hm...
Bevor sie eine Entscheidung fällen konnte, fällte der Ladenbesitzer sie.
Etwas knallte ihr mit Wucht an den Hinterkopf und alles verschwamm vor ihren Augen. Dann kippte der Raum und es wurde schwarz.


Rongkong Coma

Sie erwachte in vollkommener Dunkelheit.
Es war verstörend, dass es keinen Unterschied am visuellen Eindruck machte, ob ihre Augen geschlossen oder offen waren.
Langsam wich der Nebel der Ohnmacht aus ihrem Kopf und machte Platz für Schmerzen und Panik.
Oh Götter, tat ihr der Schädel weh!!
Stöhnend setzte sie sich auf. Was zum Henker war geschehen? Wo war sie?
Es roch nach Erde und alten Büchern, und nach etwas, dessen Ursprung sie nicht wissen wollte. Eine Weile blieb sie sitzen und hielt sich den pochenden Kopf.
Der Bücherjäger.
Das Antiquariat.
Der Eingang.
Da kam die Erinnerung zurück. Der miese kleine Kerl hatte ihr etwas vor den Detz geknallt und sie offenbar hier liegen gelassen.
Jetzt wurde Delia wütend.
Sie ging in die Hocke, schoss nach oben- und krachte mit dem Kopf gegen die Decke.
Die Wolpertingerin jaulte auf und fiel zurück, Schmerzenstränen in den Augen.
"Himmel; Arsch und Wolkenbruch!", fluchte sie mit bebender Stimme.
Wo bei allen Teufeln der Hölle war sie?!
Sie schloss die Augen und witterte. Ihre Nase lieferte normalerweise ein perfektes Bild ihrer Umgebung, doch hier unten war alles grau und braun. Das brachte nichts. Also begann sie leise und monoton zu summen.
Jetzt wurde das ganze etwas heller.
Das Echo waberte als grünliche Wolke vor ihrem inneren Auge hin -und her und ließ ihre Umgebung deutlich werden.
Sie saß in einem sehr niedrigen Stollen, der nur in eine Richtung offen war und über sich hatte sie ein hölzernes Rechteck.
Das war das Tor unter dem Tresen des Antiquariats.
Delia richtete sich auf den Knien auf und tastete es ab um einen Knopf oder etwas ähnliches zu finden, der es öffnete.
Jetzt würde sie mehr tun, als den kleinen Scheißer zu erschrecken, das nahm sie sich vor.
Aber... Da war kein Knopf.
Da war garnichts. Sie war gefangen.
Gefangen in den Katakomben.
Panik stieg in ihr hoch.


Die erste Zeit saß sie nur da, den Rücken an der Wand und wartete.
Irgendwann musste etwas passieren, an dem sie sich orientieren konnte, beziehungsweise durch das sie entscheiden konnte, was sie als nächstes tun sollte. Von alleine war sie im Mometn nicht fähig dazu. Vielleicht kam ein Bücherjäger, der wusste, wie die Geheimtür aufging. Tiere könnten kommen, dann wüsste sie, dass sie am momentanen Ort nicht sicher war.
Delia schüttelte sich bei der Vorstellung. Sie war nirgendwo in den Katakomben sicher!
Dann schaltete sich allerdings noch etwas ein, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Ihr eigener Körper.
Sie bekam Durst.

Wer nie wirklichen Durst leiden musste, weiß nicht, was das für Qualen werden können.
Es gab nur zwei Möglichkeiten:
Entweder weiter auf ein Wunder warten, bis es vielleicht zu spät war, oder Wasser suchen gehen und auf das persönliche Glück vertrauen.
Delia entschied sich für Letzteres.
Auf allen Vieren wie ein wilder Wolpertinger schlich sie zögernd den Stollen entlang, zaghaft eine Pfote vor die andere setzend, mit geschlossenen Augen und leise summend, damit sie etwas sah.
Etwa nach einem Kilometer machte der Gang einen Knick und wurde größer.
Die ersten Bücher lagen herum.
Jetzt konnte Delia auch wieder den Hundling wittern. Er war hier durchgekommen.
Sie nahm Tempo auf, erfüllt von neuer Hoffnung, und bald schon rannte sie in gestrecktem Lauf.
Der Tunnel wurde immer breiter, die ersten Regale standen an den Wänden und Kleingetier huschte herum, dann machte der Gang eine weite Biegung. Die Wolpertingerin war so schnell, dass sie fast an der Wand entlang lief, als sie die Kurve nahm.
Die Luft wurde immer wärmer und es wurde etwas heller.
Dann weitete sich der Stollen zu einem Trichter und schließlich zu einer gigantischen Höhle. Delia bremste und kam stolpernd zum stehen. Ihr bot sich ein atemberaubender Anblick.
Der Boden fiel steil ab. Ein riesiger Fluss aus Lava wälzte sich tief unter ihr durch die Höhle.
Dampf hing in der Luft, so dass sie die Enden der Höhle nicht sehen konnte, doch sie musste titanische Ausmaße haben. Eine schmale Brücke aus Stein wölbte sich darüber, doch sie wirkte nicht sehr vertrauenserweckend.
Delia witterte. Der Hundling war darüber gegangen, da bestand kein Zweifel.
Und der hatte doch noch das Dörrfleisch und das Wasser getragen, oder? Sie zögerte.
Dann setzte sie vorsichtig die Hände darauf und verlagerte ihr Gewicht langsam nach vorne.
Nichts passierte.
Sie nahm die Füße mit darauf und stellte sich aufrecht hin.
Nichts tat sich.
Langsam, Schritt für Schritt glitt sie über die kaum zwei Fuß breite Brücke. An manchen Stellen stand noch das Geländer, doch war es auch dort größtenteils abgebröckelt und marode. Die heiße Luft ließ Delia in Schweiß ausbrechen, mit heraushängender Zunge verfluchte sie ihr langes Fell.
Giftig riechende Dämpfe umwehten sie und ließen sie schnaufen und prusten. Sie beeilte sich, an das andere Ende der Brücke zu kommen, wo die Luft noch verhältnismäßig frisch war, tauchte endlich ein ins kühler werdende Dunkel und hielt an.
Auch hier erhellte ein leichtes, phosphoreszierendes Leuchten die Düsternis, doch erst jetzt nahm Delia sich die Zeit, dessen Ursprung ausfindig zu machen. An den Wänden wuchsen Pilze.
Grünlich glühende Pilze, die appetitanregend nach Marzipan, beziehungsweise nach Bittermandel rochen. *


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* AdÜ.: In den Katakomben von Buchhaim gibt es einen Pilz, der zwar leuchtet, und so für diffuse Beleuchtung in den Stollen
und Gängen sorgt, der aber auch, wenn er einmal verspeist wurde, umgehend anfängt, seinen Wirtskörper von innen her zu
fressen. Und dabei macht er keinen Unterschied zwischen einem Harpyr, einer Spinxxxxe oder einem Bücherjäger.
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Delia beäugte sie misstrauisch und schnupperte in der Luft herum. Die Hitze war noch immer unangenehm allgegenwärtig, doch sie ignorierte es und piekste mit dem Zeigefinger in eines der schwammigen Gewächse. Dann riss sie ein Stück ab und schnupperte erneut daran. Die dicken Büschel bedeckten Wände und die Decke wie ein Ausschlag und es sah auch mindestens so widerlich aus.
Aber der Geruch... Mmmh...
Die Wolpertingerin hob die Hand zum Mund.
Sekundenbruchteile, bevor der Pilz ihre Lippen berührte, sirrte etwas zwischen ihren locker geschlossenen Fingern hindurch und riss ihn davon.
Sie fuhr zurück, als hätte sie etwas gestochen und starrte in das diffuse Halbdunkel, aus dem das Geräusch gekommen war.
Zwei straff gespannte Tiersehnen entspannten sich vibrierend und schickten erneut sirrende Geschosse in ihre Richtung.
Aus dem Dunkel tauchten zwei Pfeile auf und schraubten sich auf sie zu, wobei sie immer langsamer wurden.
Aus dem hohen Pfeifen wurde ein tiefer Brummton, der Delia bis ins Innerste erbeben ließ. Eine tiefe, innere Ruhe überkam sie.
Sie kannte dieses Geräusch; es war der Laut der höchsten Gefahr.
Elegant wie eine Bodenturnerin beugte sie den Oberkörper nach hinten, sodass er im Neunzig-Grad-Winkel zu ihren Beinen in der Luft hing und kam einen Augenblick später wieder hoch.
Dann erschrak sie wirklich.
Aus der tintigen Schwärze tauchte eine Fratze auf, die sie ein paar Schritte zurück stolpern ließ.
Sie war schwarz, mit prallen Backen, dicken, geschwungenen Lippen und einem halb offenen Mund, in dem lange, spitze Zähne standen und eine dünne Zunge herum schnellte. Zu ihrem Entsetzen erkannte sie, dass das Wesen ein drittes Auge auf der Stirn hatte.
Lange, filzige Haare rahmten sein Gesicht ein, in das überall winzige Totenköpfe eingeflochten waren.
In den Händen hielt die Kreatur eine große Armbrust. Es bestand kein Zweifel, auf wen diese gerichtet war.
Das musste Rongkong Coma sein, der bekannteste Bücherjäger nach Colophonius Regenschein.
"DU!", raunzte er sie mit fürchterlicher, tiefer Stimme an und kam auf sie zugestampft, die Waffe noch immer im Anschlag.
"Ich kenne dich nicht! Wer bist du?!"

Die Kehle der Wolpertingerin war augenblicklich staubtrocken, ihr Fell und die Handinnenflächen dafür feucht von Schweiß.
Sie zog unwillkürlich den Kopf ein und wich zurück.
Panik und Adrenalin vernebelten ihr Denken.
Coma hängte die Armbrust an seinen Gürtel, wo etwas klickend einrastete, dann zog er mit einem Grunzen eine gewaltige Waffe, die an seinem Rücken hing. Es war eine monströse Mischung aus Schwert und Axt, dessen blutverkrustete Spitze er nun auf Delia richtete.
Die Wolpertingerin wich noch einen Schritt zurück, die Augen weit aufgerissen. Sie war keine Kämpfernatur, nicht im Sinne der tätlichen Auseinandersetzung!
"Ich töte dich.", stellte der Bücherjäger fest. "Das entspannt mich."
"Aber mich nicht!", quiekte Delia, drehte sich um und rannte. Allerdings nicht weit, da sie falsch abbog und in eine Sackgasse geriet.
Sie wollte zurück, doch da kam ihr der schwarzgesichtige Triklop auch schon entgegen.
Die Wolpertingerin wich zurück und er folgte ihr gemächlich. Dann stieß sie mit dem Rücken gegen die Wand.
Sie schluckte und wandte den Blick ab.
Rongkong Coma hob seine Waffe und legte sie ihr unter das Kinn, so dass sie den Kopf heben und ihn ansehen musste.
Dann holte er weit aus.
Delia biss die Zähne zusammen und schloss die Augen. Ihr Herzschlag setzte ein paar Takte aus.
Jetzt musste er zuschlagen.

"Coma!", bellte da plötzlich eine Stimme, scharf wie ein Peitschenknall.
Wolpertinger und Bücherjäger fuhren herum.
Der Hundling trat aus den Schatten.
Er ignorierte Delia und musterte den Kollegen gebieterisch und angriffslustig.
"Regenschein.", grunzte Coma grinsend.
"Ich denke, du hast dich verlaufen.", sagte Colophonius hart. "Das ist mein Revier. Soll ich dich zurückbegleiten?!"
Der Triklop gab ein seltsames Geräusch von sich. Es dauerte einen Moment, bis Delia begriff, dass er lachte.
Dann warf er den Kopf in den Nacken und brüllte aus vollem Hals los, ohne sich um die mögliche Anwesenheit gefährlicher Tiere zu scheren. Wozu auch? Er war selber eines.
Er verstummte abrupt wieder und starrte Regenschein mit seinen drei Augen durchdringend an.
Einen Augenblick lang stand er völlig unbewegt da. Dann schlug er zu.
Blitzschnell zog Colophonius seine eigene Waffe, drehte sich in einen besseren Winkel und parierte den Schlag. Funken sprühten.
Was für Reflexe! Delia staunte. Mit großen Augen verfolgte sie den Kampf.
Der wesentlich schmächtigere und auch etwas kleinere Hundling schnellte um seinen Gegner herum wie eine losgelassene Sprungfeder.
Jede von Comas Attacken fand ihre Erwiderung.
Wie festgewachsen stand Delia da und beobachtete das Spektakel mit einer Mischung aus hilflosem Entsetzen, Angst um die eigene Sicherheit und Faszination. Es war wie der Kampf zwischen David und Goliath.
Das Zusammentreffen der stählernen Klingen klang, als fiele eine Glocke die Treppe hinunter.
Attacken, Paraden, Finten, alles in einem wilden Wirbel aus aufblitzendem Stahl und gebleckten Zähnen.
Delia hoffte, dass der Hundling gewann, schon um ihrer Selbst willen, doch dessen Schnelligkeit schien langsam ihren Tribut zu fordern.
Auch Coma merkte es und erhöhte die Wucht seiner Hiebe noch mehr.
Mit einem schnellen Satz witschte Regenschein in seinen Rücken und piekste ihn mit seinem Degen in den Hintern.
Coma röhrte auf und fuhr herum, doch da war sein Gegner schon wieder weg und stampfte ihm auf den Fuß.
Delia musste kichern.
Mit einem wütenden Brüllen ließ Coma den das Schwert haltenden Arm herumschwingen, so dass seine Faust Colophonius mitten ins Gesicht traf. Der Hundling überschlug sich in der Luft und fiel hart auf den Rücken.
Rongkong Coma stieß zu.
Sein Axtschwert bohrte sich mit einem schauerlichen Knirschen genau dort in den Boden, wo sich vor einem Sekundenbruchteil noch Regenscheins Brust befunden hatte. Der Hundling stand wieder auf den Beinen. Hinter ihm.
Für einen Augenblick war Comas Nacken entblößt. Doch bevor er zustoßen konnte, parierte Rongkong seinen Hieb mit einem mordlüsternen Knurren. Eine Ewigkeit schien dieses nervenzerfetzende Geplänkel so weiterzugehen.
Delia wusste längst nicht mehr, wo sie zuerst hinsehen sollte, als Coma plötzlich vor Schmerz aufbrüllte und ihr Blick auf seine linke Wade fiel. Colophonius´ Degenspitze hatte ihren Weg durch des Gegners Panzerung gefunden und bohrte sich tief in sein Fleisch.
Der Hundling zog seine Waffe zurück und eilte davon.
Coma fiel auf ein Knie, während er Colophonius Verwünschungen und unflätige Flüche nachbrüllte, dass Delia errötete. Selbst in dem Wirtshaus, in dem sie gearbeitet hatte, in das auch das eine oder andere Mal grobschlächtige Typen gekommen waren, hatte sie nicht solche Obszönitäten gehört.
Sie folgte ihrem Retter, ohne zu zögern.
"Hey! Warte!", rief sie, doch er blieb nicht stehen, sondern schlug nur wie beiläufig mit dem Degen nach einem Schatten, der sich bewegte. Der Schemen kreischte und verstummte dann abrupt.
Die Wolpertingerin folgte Colophonius raschen Schrittes in einen abzweigenden Gang und rief ihm erneut nach, er solle auf sie warten, doch wieder ignorierte er sie. Er nahm eine Quallenlampe von der Wand und bog erneut ab.
Das Licht wanderte nach oben, dann wieder nach unten, als er über eine Art Hügel ging.
Sie folgte ihm, dann ging ihr schlagartig auf, worauf sie gerade stand.
Sie war durch eine Lücke in einer Reihe von Säulen getreten, die entstanden war, weil eine der Säulen umgefallen war und als provisorische Brücke über einem gähnenden schwarzen Schlund lag.
Mit einem Schlag verließ sie der Gleichgewichtssinn. "Iaaah!", machte sie, taumelte, und sah sich schon mit zerschmetterten Knochen am Grunde dieses Abgrunds liegen- da packten starke, schmale Finger ihren Arm und Colophonius zerrte sie zu sich auf sicheren Boden herüber.
"Ich bringe dich zurück nach oben!", sagte er böse. "Du hättest mir nie folgen dürfen!"
"Wer bist du? Woher kennen wir uns?!"
"Das ist keine Welt für ein MÄDCHEN! Was hast du dir dabei gedacht?!"
Delia riss ihren Arm aus seinem Griff.
"Sag es mir!"
Seine Mimik beruhigte sich. "Schrei nicht.", gebot er. "Die Tiere. Ich fand dich als Welpe und habe dich in den "Lustigen Dichter" gebracht. Mehr nicht. Jetzt komm."
Und damit schritt er wieder voran und sie beeilte sich, ihm zu folgen.
"Hast du vielleicht Wasser da?", fragte sie. "Ich hab ziemlichen Durst."
Er reichte ihr wortlos einen Wasserbeutel.
Sie trank so gierig, dass sie sich verschluckte und hustete. "Dan...ke!", brachte sie heraus.
Er nahm den Beutel zurück und genehmigte sich selbst einen Schluck.
Das Wasser für einen Moment im Mund behaltend musterte er sie.
"Was ist?"
Colophonius schluckte und angelte mit der Zungenspitze einen Tropfen aus seinem Mundwinkel.
"Wie konntest du mir eigentlich folgen?", fragte er.
Delia legte den Kopf schief und kniff leicht die Augen zusammen. "Wie meinst du das? Ich habe den gleichen Weg genommen wie du."
Er seufzte tief. "Dabei hatte ich den Antiquariar ausdrücklich instruiert, dich nicht hier herunter zu lassen."
"Du...du wusstest, dass ich kommen würde?!"
Er schenkte ihr einen Blick, den man sonst nur für Dorftrottel und Touristen reserviert hielt.
"Ja."


Delia wusste plötzlich nicht, was sie zuerst fühlen sollte. Wut? Verwirrung? Sympathie? Antipathie?
"Du wusstest, dass ich dir folge und hast dich nicht darum geschert?! Warum?!"
"Wir hatten nie eine Beziehung zueinander, wie du offenbar glaubst. Wir hatten überhaupt nur ganz kurz Kontakt. Eigentlich kennen wir uns nicht, nur vergessen Wolpertinger so etwas nie. Du warst ein Welpe, dem ich einen Namen gab und zu Artgenossen brachte, sonst-"
"Wow, wow, wow! DU hast mir meinen Namen gegeben?!"
Er nickte.
"Das wird ja immer besser! Erst rettest du mir das Leben und gibst mir einen Namen, und dann schiebst du mich ab und kümmerst dich nicht mehr um mich? Juckt es dich eigentlich, dass diese Gesichtsbaustelle da mich eben umbringen wollte?!"
Der Hundling lachte schallend auf und drückte sich schnell die Hände auf den Mund.
"Gesichtsbaustelle!", prustete er. "Das ist neu."
Sie sah ihn lange an, bis auch er schließlich wieder ernst wurde.
"Wer. Bist. Du?!"
"Mein Name ist Taron Trekko, ich habe den Namen Colophonius Regenschein angenommen und bin ein Bücherjäger."
Die Wolpertingerin nickte langsam. Ihr Blick war kalt.
"Bring mich nach oben."
Colophonius nickte ebenfalls und wies mit der spitzen Schnauze den Stollen entlang.
Eine ganze Weile gingen sie nur schweigend nebeneinander her.
Plötzlich blieb der Hundling stehen und hielt Delia den ausgestreckten Arm vor die Brust, bezeihungsweise vor die Hüfte, höher kam er nicht. Er lauschte.
"Was ist denn?"
"Schhht!"
Stille.
Fernes Zischen.
Flügelrauschen.
"Hier sind Harpyre.", flüsterte Colophonius und zog seinen Degen. "Was sind Harpyre?!", zischte Delia. *



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*AdÜ.: Harpyr, der: Fliegende Lebewesen, beheimatet in den Katakomben von Buchhaim. Ähneln Pterotaktylen, allerdings haben
sie ein Gehör ähnlich dem von Fledermäusen und können Schreie ausstoßen, die ihre Opfer in den Wahnsinn treiben, da
sie die Gehirnschwingungen zersetzen.
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"Eine Mischung aus Harpien und Vampiren. Sie haben Flügel und trinken Blut. Außerdem schreien sie."
"Sie schreien? Das ist alles?"
"Und das reicht vollkommen, glaub mir, Kleine."
Delia knurrte. "Nenn mich nicht Kleine." Er hielt er ihr die Schnauze zu. "Sssst! ...Vielleicht können wir sie umgehen..."
Widerborstig schubste sie seine Hand weg. "Lass das!"
Er drehte sich zu ihr um. Delia wich erschrocken zurück, denn seine Zähne waren leicht gefletscht und seine Hundeaugen gefährlich verengt.
"Pass mal auf.", zischte er durch die zusammengebissenen Zähne. "Ich weiß, dass diese Welt hier unten so ziemlich jeden gaga macht. Aber ich bin solange deine einzige Bezugsperson und derjenige von uns, der weiß, wie man sich hier zu verhalten hat! Also hör auf, dich wie ein rebellischer Teenager zu verhalten! Wenn du überleben willst, dann tu, was ich dir sage!"
Der Wolpertingerin lag eine patzige Erwiderung auf der Zunge, aber sie verkniff sie sich.
"Du hast Recht.", gab sie leise und zerknirscht zu. "Tut mir leid."
Er nickte ihr freundlich zu. "Okay. Bleib hier, ich sehe nach."
Dieser simple Satz erschreckte Delia so sehr, dass sie ihn am Oberarm packte. "Nicht!"
"...Was ist denn?!"
"Bitte- ich... Ich will nicht allein bleiben!"
Er machte sich los.
"Dann komm mit. Aber sei leise!"

Es war eine der positiven Eigenschaften der Wolpertinger, dass sie sich vollkommen lautlos bewegen konnten.
Also in Delias Fall, wenn sie den Mund hielt.
Colophonius hatte sich diese Fertigkeit offenbar auch zu eigen gemacht und perfektioniert.
Schweigend, wie zwei Schatten, glitten sie den Gang entlang auf das Ende zu, hinter dem es etwas heller war.
Mit jedem Schritt wurde das Quietschen der Harpyre lauter.
Regenschein drückte sich an der Wand entlang, hielt sich im Dunkeln und linste um die Ecke. Ihm gegenüber tat Delia das Gleiche.
Als sie die Ohren aufstellte, klimperten die silbernen Ringe darin kaum hörbar.
Was sich ihren Augen darbot, war mit Fug und Recht als beeindruckend zu bezeichnen.
Unter ihnen erstreckte sich ein ungleichmäßig kreisförmiges Rund, zu dem ringsum Treppen hinab führten. Delia konnte im düsteren Zwielicht gerade noch erkennen, dass der Boden sich noch etwa einen Meter absenkte.
In dieser Senke standen Regale voller Bücher, die sich schließlich im Dunklen auflösten.
Es war eine Bibliothek.
Davor, auf dem unebenen Steinboden, saßen zwei Harpyre und- Delia musste schlucken- fraßen an einem Bücherjäger.

Neben ihr schnappte Colophonius halblaut nach Luft. "Die Bibliothek von Staubick!"
"Die WAS?!", hauchte sie zurück.
"Die verschollene Bibliothek von Staubick Nießnas! Das ist sie!"
Er kramte ein Papier hervor und kritzelte aufgeregt darauf herum. Dann steckte er es wieder weg.
"Siehst du einen Weg, wie wir die Harpyre umgehen können?", fragte er flüsternd.
"Keine Ahnung! Wie gut sind die Sinne von denen?! Ich kenn´ die Viecher doch nicht!"
Plötzlich ruderte Colophonius hektisch mit den Händen, um sie zum Schweigen zu bringen, doch es war schon zu spät.
Eine der Harpyre hob den Kopf und witterte. Sie sah direkt in ihre Richtung.
Dann öffnete sie die blutverschmierte Schnauze.
Augenblicklich erfüllte ein gellender Ton Delias ganzen Körper, ein neuronales Gewitter explodierte zwischen ihren Ohren, ihr Kopf schien zu vibrieren wie eine große Glocke und ein qüalend hohes Fiepen ließ sie fürchten, ihr Schädel könne bersten.
Ein unterdrückter Aufschrei entfuhr ihr, sie krümmte sich und presste die Handballen gegen die Schläfen, fiel auf die Knie.
Eine Hand packte sie am Oberarm und sie wurde hochgezerrt.
Colophonius verzerrtes Gesicht tauchte vor ihr auf.
"Lauf!", rief er und schob sie vorwärts. Sie taumelte.
Das Geschrei der Harpyre überlagerte ihr Denken. Sie konnte sich nicht konzentrieren, verlor sogar für einen Moment die Orientierung, dann riss Colophonius sie mit sich und sie rannten.
Flügelschlagend nahmen die Harpyre die Verfolgung auf.

Nur undeutlich nahm Delia wahr, dass Colophonius sie an der Hand hielt, während sie rannten, denn die Harpyre begannen wieder zu schreien.
Und dann, auf einmal, so überraschend, dass sie einen Satz zur Seite machte, BRÜLLTE der Hundling plötzlich aus vollem Hals los.
Und dabei rannte er immer noch weiter und zerrte sie mit sich.
Hinter ihnen drehten die Harpyre ab und klatschten gegen die Tunnelwände, völlig verwirrt von den Echos.
Das Geschrei verstummte abrupt und nahm seine wahnsinnig machende Wirkung mit.
Colophonius bog ab, Delia hicht neben sich und hetzte noch ein Stück weiter, bis er in einem Nebentunnel schließlich anhielt.
Delia atemte tief durch.
"Was...Was war das denn gerade?!"
Auch Colophonius schnaufte heftig. Hundlinge hatten zwar grundsätzlich eine gute Kondition, aber wenn man um sein Leben rennt, so schnell wie einen seine Beine eben tragen, dann kommt man schon mal ins Keuchen.
"Harpyre orientieren sich doch...über das Gehör...", antwortete er. "Die Echos...haben sie erledigt..."
Sie machten eine kurze Verschnaufpause, dann gingen sie weiter.
Überall tauchten jetzt Bücherregale auf und nach einer Weile konnte Delia auch die typischen Geräusche von Buchhaim vernehmen.
Der Tunnel endete in einer Sackgasse.
Colophonius trat an die Wand und fummelte an der Decke herum, bis er ein Stück davon nach oben drückte und helles Licht in den Tunnel fiel. "Hier.", sagte er nur knapp.
Mit frohem Lächeln sah Delia hinauf, dann wurde sie wieder ernst und sah Colophonius stumm an.
"...Danke.", sagte sie nach einem Augenblick leise.
Er lächelte knapp. "Schon okay.", erwiderte er.
Er gab ihr einen liebevollen Klaps auf den Rücken und nickte in Richtung der Öffnung.
"Hüpf ´rauf. Da oben ist deine Welt."
Sie zögerte einen Moment, dann ging sie auf die Knie und umarmte ihn leicht. "Ich werde dich vermissen, glaub´ ich."
"Glaubst du.", er lachte. "Soso." Der Hundling drückte sie kurz.
"Na komm, Kleine."
Jetzt lachte sie. "Ich bin fast einen Meter größer als du und du nennst mich immernoch "Kleine" ?"
Er grinste nur, und sie kletterte durch das Loch, ohne noch einmal zu zögern.

Der Lärm von Buchhaim fiel über sie her, als hätte er nur auf sie gewartet.
Sie drehte sich um und sah in das Loch hinunter, um Colophonius noch ein letztes Mal anzusehen und ihm zuzulächeln, doch er war bereits verschwunden. Ein wenig enttäuscht, dass er den Abschied nicht ebenfalls um diese kurze Zeitspanne herauszögern wollte, schob sie den Deckel zu dem falschen Kanalloch über die Öffnung und sah sich um.
Gutes, altes, VERTRAUTES Buchhaim. Sie lief in ein Café und bestellte eine Dichterlocke und einen Kaffee.
Erst als sie sich in das weiche Polster ihres Sitzes sinken ließ, konnte sie ganz glauben, dasss sie zurück war.
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