Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Windfeder und die Gleiter vom Blauen Berg (Bergelfen I)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Winnowill
14.04.2013
13.05.2013
39
58.239
 
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
14.04.2013 1.214
 
Ich bin zwar schon lange nicht mehr im Fandom aktiv, aber die Geschichten gefallen mir einfach zu gut, um sie auf meiner Festplatte liegenzulassen. ;-) Sie spielen in der Welt von "Elfquest", allerdings dreht sich alles um meinen eigenen Stamm. Begegnungen gibt es vor allem in dieser Story hier mit den Gleitern und Winnowill.

Kurzinfo für Nicht-Kenner der Elfquest-Welt:
Der Gebrauch dieser Zeichen *   * nennt sich senden und bedeutet soviel wie Gedankenübertragung, bei der man übrigens nicht lügen kann.

PS: Wer meine Geschichte "Elfenfeuer" gelesen hat, dem wird auffallen, dass es dort auch eine "Windfeder" gibt. Ja, diese war die erste :-) Mit dem Eintritt ins Elfquest-Fandom und in die Chatwelt lieh ich mir, da es ungefähr zur selben Zeit geschah, den Namen als Nickname. Später wurde daraus dann die Hauptfigur der Windfeder-Geschichten. Ja, es gibt noch mehr davon ;-)



***********************************************************

Wenn eine junge Elfe zwanzig Sommer zählt, wählt der Stamm für sie einen neuen Namen, um sie in den Kreis der Erwachsenen aufzunehmen. Windfeder aber gab sich ihren Namen selbst, lange bevor sie dieses Alter erreichte. Und trotz der bitteren Erinnerung, mit der er verknüpft war, weigerte sie sich, einen neuen anzunehmen. Aufrecht und mit fast trotzigem Stolz stand sie im Kreis ihrer Stammesgefährten, die verständnislos den Kopf schüttelten.
”Das ist wieder mal typisch für sie”, raunte Felsenspringer so laut, daß es alle hören konnten. ”Tagträumerin sollte man sie nennen.”
*Und dich Springendes Großmaul!* sendete Windfeder verletzt.
Sie war nicht die einzige, die den drahtigen jungen Jäger mit einem verärgerten Blick bedachte. Nicht einmal heute konnte er es lassen, sich über sie lustig zu machen. Aber wie erstaunt waren er und die anderen Elfen, als der Stammesälteste Nachtauge Windfeder plötzlich zunickte. Feierlich legte er der jungen Elfe das lederne Band mit dem klaren Stein, den alle erwachsenen Bergelfen trugen, um den Hals. Windfeder errötete vor Freude, schloß die Hand um den im Feuerschein schimmernden Kristall und setzte sich rasch wieder zu ihrer Familie, um der Weihe ihrer zwei Altersgefährten zuzusehen. Der Junge erhielt einen Namen, den er sich erkämpft hatte. Der Name des Mädchens entsprach genau dem jetzigen Wesen seiner Trägerin. Beide waren froh, den Kindernamen abzustreifen. Alle waren das - außer Windfeder. Ihr Name war ihr Traum - und sie würde sich niemals von ihm trennen.
Schon als Kind hatte Windfeder den Adlern nachgeschaut, die mit majestätischem Flügelschlag ihre Kreise hoch über dem Nebelgebirge zogen, dem Zuhause ihres kleinen Elfenstammes. Und jedesmal erwachte eine brennende Sehnsucht in ihr. Sie wollte fliegen, durch die Luft sausen und gleiten, mal schnell wie der Pfeil eines Jägers, mal langsam genug, um die Klippen und schneebedeckten Hänge weit unter sich im Sonnenlicht liegen zu sehen.
Und dann drehte sie sich lachend im Kreis, bis ihr schwindlig wurde und sie den Boden unter den Füßen nicht mehr spürte, streckte die Arme wie Flügel aus und rief: ”Ich fliege! Ich fliege wie eine Feder!” In den unsinnigsten Momenten konnte sie auf diesen Gedanken verfallen. Silbermoos, ihre ältere Schwester, hatte alle Hände voll zu tun, um auf die Jüngere achtzugeben, wenn die Mutter Vogeleier aus den Nestern las und der Vater mit seinen Stammesgefährten jagte.
Einmal kam Silbermoos’ Warnung zu spät. Windfeder näherte sich in wirbelndem Tanz einer Felsklippe, fühlte den Wind, der ihr helles Haar flattern ließ - und stürzte. ‘Ich fliege ja!’ dachte sie, und einen Moment lang war sie glücklich. Erst danach kam der Schreck. Und der Aufprall. Ohnmächtig und mit zerschundenen Gliedern blieb die kleine Elfe am Fuße des Felsens liegen. Die verzweifelten Rufe ihrer Schwester hörte sie nicht mehr.
Silbermoos überwand ihr Entsetzen und schob den Kopf über die Klippe. *Windfeder!* sendete sie mit Tränen in den Augen. *Sag doch was, kleine Schwester!* Erleichtert spürte sie, daß noch Leben in dem reglosen Körper war. Mit bangem Hoffen sah sie ihren Stammesgefährten zu, die sich rasch, aber auch vorsichtig vom Felsen abseilten, um das verletzte Kind zu retten.
Windfeders Großvater Luchsohr brauchte viele Tage, um seine Enkelin zu heilen. Als sie endlich aufstehen und wieder laufen konnte, hinkte sie jedoch. Sie sah den Spielgefährten zu, die mit den flinken Gemsen Wettläufe veranstalteten und behende von Fels zu Fels sprangen, ohne einmal fehlzutreten, und biß die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. Sie war dankbar dafür, daß sie ihren Sturz überlebt hatte - aber statt mit den Wind um die Wette zu laufen, mußte sie jetzt warten, bis er zu ihr kam und ihr das Haar zauste. Obwohl sie ihren Wirbeltanz nicht mehr tanzte, zogen die Adler immer noch ihren Blick magisch an.
”Du kannst ja nicht mal einen Kieselstein schweben lassen, wie willst du dich dann selber in der Luft halten”, spottete Felsenspringer manchmal über ihre Tagträume. Dann warf Windfeder erbost ein Moosbüschel nach ihm, dem er lachend auswich.
”Eines Tages werde ich’s dir zeigen!” dachte sie und kletterte mühsam zu den Höhlen zurück, um ihre heimlichen Übungen fortzusetzen, von denen nur ihrer Großvater Luchsohr wußte. Auch heute, einen Tag nach der Namensweihe, hatte Windfeder wieder Felsenspringers Spott ertragen müssen. Ihre Miene war finster wie eine Sturmwolke, als sie die geräumige Felsenhöhle ihrer Familie erreichte, und sich mit untergeschlagenen Beinen auf einem Moospolster niederließ. Ihr rechtes Bein schmerzte, wie es das manchmal nach einer beschwerlichen Wegstrecke tat.
Mit einem leisen Seufzer blickte Windfeder über sichere Stege und schmale Felsgrate, über niedriges Gehölz und grasbewachsene Hänge, auf denen die weißen Sternblumen blühten. Sie würde nie so gut klettern können wie ihre Stammesgefährten. Nein, zum Jagen oder zum Hüten der kleinen Herde brauner Bergziegen taugte sie nicht mehr. Aber sie hatte geschickte Hände, die den schönsten Knochenperlenschmuck herstellen konnten - und wenn die Hohen ihr wohlwollten, würde sie auch die Kräfte, die bisher kaum erwacht waren, bald für ihren Stamm nutzen können. Und außerdem hatte sie noch ihren Traum ... Windfeder legte den Kopf zurück und genoß das strahlende Blau des Himmels - auch wenn diesmal kein Adler darüber hinzog.
Jemand kam näher und summte dabei gutgelaunt vor sich hin. Windfeders Unmut verschwand. ”Großvater, ich warte schon seit Stunden auf dich!” rief sie übermütig.
”Nana, was verlangst du von einem alten Mann, du eiliger junger Hüpfer”, schmunzelte Luchsohr, als er das Plateau vor der Höhle erreichte und sich aufatmend an der Seite seiner Enkelin niederließ. Er war kleiner als die meisten Bergelfen und trug Sommers wie Winters eine Mütze aus dem Fell eines Luchses, den er als junger Elf in der Wäldern am Fuße des Gebirges erlegt hatte. Zur Belustigung aller hatte Neumond, die Gerberin, die Ohren des Luchses links und rechts an seine Mütze angenäht, was ihr Träger sich amüsiert gefallenließ und ihm seinen neuen Stammesnamen einbrachte. Windfeder wußte nicht genau, wie viele Sommer ihr Großvater schon gesehen hatte. Trotz seiner Jahre und des ergrauten Haars war er noch genauso rüstig und behende wie ihr Vater oder die jungen Jäger.
Obwohl Windfeder sich über die Ankunft von Luchsohr freute, trafen seine scherzenden Worte die Wunde, die sich eben erst geschlossen hatte. Aber der alte Heiler berührte begütigend ihre schmale Schulter. ”Sei nicht traurig, Kleines. Ich wollte dich nicht kränken. Auch wenn du nicht mehr springst wie eine Bergziege - du kannst Dinge, bei denen deinem vorlauten Freund die Augen aus dem Kopf fallen werden, wenn du sie ihm erst einmal vorführst.”
”Aber ich bin noch nicht gut genug!”
”Du wirst es sein. Komm, laß uns anfangen.”
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast