Knack die Nuss!

KurzgeschichteHumor, Familie / P16
Eomer Théodred
14.04.2013
14.04.2013
1
2742
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: Es ist immer wieder schön, nach Hause zu kommen. Denkt man. Dachte auch Éomer, doch dann stellt ihn seine Schwester vor ein Problem, das im ersten Moment schier unlösbar erscheint, bis eine Nuss auf dem Plumpsklo ihm die Lösung auf dem sprichwörtlichen Silbertablett serviert…

A/N: Bei allgemeinen Fragen und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Gebrauchsinformation im Profil. Sie finden sie dort unter dem Punkt Homepage.

Weil das hier schon der dritte Projektbeitrag aus meiner Feder bzw. von meiner Tastatur ist, durfte ich mir einen der mindestens 3 zu verwendenden Gegenstände frei aussuchen.

Reviews werden beantwortet.





Beitrag zum Tolkien-Projekt Das Alter schlägt zu!


Ort:
Plumpsklo


Gegenstände von der Liste:
Nuss
Schwert


Frei gewählter Gegenstand:
Stroh






Knack die Nuss!


Er hatte es ihr schon hundertmal gesagt. Mindestens! Aber nein, Éowyn hörte ihm entweder nicht zu oder nahm ihn nicht für voll. Es war zum Haare raufen und mittlerweile raubte es ihm sogar den Schlaf. Statt sich wohlverdienter Nachtruhe – seit Wochen endlich wieder in einem richtigen Bett! – hinzugeben, lag er wach, starrte an die Decke und grübelte. Nur ein Ergebnis wollte sich einfach nicht einstellen, völlig gleich, wie lange er die guten und schlechten Aspekte dieser Sache gegeneinander abwog. Und genau das tat er auch jetzt.

Éomer hatte sich mit einer etwas fadenscheinigen Entschuldigung in den Stall geflüchtet. Sein Onkel schien ihm glücklicherweise kaum Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, hatte wahrscheinlich auch wichtigere Angelegenheiten anzugehen als ihm einen freien Tag zu nehmen, den er genauso brauchte wie sein Pferd. Und nun saß er im Stall, auf dem Heuboden wohlgemerkt, denn dort war einfach weniger los. Außerdem war er sich sicher, dass Feuerfuß nicht böse war, ihn einen Tag nicht gar so lange zu Gesicht zu kriegen. Das Pferd hatte von ihm vielleicht genauso die Schnauze voll wie er von seiner kleinen Schwester. Konnte er ihm auch nicht gerade verübeln. Er hatte es vorgestern zugegebenermaßen ziemlich hart rangenommen, um Edoras noch vor Einbruch der Dämmerung zu erreichen, weil ihm die Aussicht auf eine weitere Nacht auf hartem Boden so kurz vor dem Ziel nicht gefallen hatte.

Missmutig zog er einen weiteren Strohhalm aus dem Haufen, auf dem er es sich bequem gemacht hatte, und drehte ihn zwischen Zeige- und Mittelfinger. Normalerweise half ihm das immer beim Nachdenken, doch nicht in diesem Fall und er fürchtete, dass es in ganz Mittelerde nicht genügend Strohhalme gab, die er so behandeln konnte bis sie weich und zerknickt waren, um eine Lösung zu finden.

Was sollte er nur mit seiner Schwester machen?

Es war ja nicht ungewöhnlich, dass die Frauen, denen es möglich war, die Grundzüge des Schwertkampfs erlernten, um sich im Notfall verteidigen zu können. Das war schlichtweg notwendig, wenn man in einem Land lebte, in dem man beinahe jeden Tag mit einem feindlichen Überfall rechnen musste, zumindest in den Grenzgebieten, in denen Krieger nicht in kurzen Zeitabständen präsent waren. Aber Edoras war weder ein gefährdetes Grenzgebiet, noch mangelte es hier an kampffähigen Männern. Es bestand also überhaupt keine Notwendigkeit für sie, sich weiterhin im Umgang mit dem Schwert zu üben. Stattdessen könnte sie sich voll und ganz den Aufgaben widmen, die für eine Frau ihres Ranges angemessen waren. Er ging ja auch nicht der Pferdezucht nach, sondern erfüllte pflichtbewusst seinen Dienst für Volk, Land und König. So, wie sich das für einen Mann seines Ranges gehörte!
Mit der freien Hand fuhr er sich durchs Haar, ließ sich dann nach hinten ins Stroh sinken und schloss die Augen. Es war kaum zum Aushalten. Eigentlich sollte er statt der Stunden, die es dauerte, bis sie ihm wieder mit diesem leidigen Thema in den Ohren lag, vielleicht die Momente zählen. Nun gut, ganz so schlimm war es nicht. Es wäre völlig ausreichend, nach dem Bad damit zu beginnen.

Unter sich hörte er die Pferde, ihr Schnauben, ihre Schritte und das Rascheln, das sie verursachte, wenn sie fraßen, alles vermischte sich mit den Geräuschen, die alltäglich wie eine Wolke über Edoras lagen. Und hier waren es neben den Tieren ganz besonders die Gespräche und das Lachen der Stallburschen. Heute klagten sie beide über den Herbstnebel und die damit verbundene unangenehme Kühle, die einen mit der Intensität eines Faustschlags traf, sobald man den warmen Stall verließ. Doch vor einem konnte der Stall sie nicht schützen und das war der Geruch des Moders. Persönlich störte ihn der allerdings weniger. Es gab schlimmere, die einem über den Weg laufen konnten. Unter anderem den süßlichen von frischem Blut, gemischt mit dem von Metall und einsetzender Verwesung. Er schauderte innerlich. Schlachtfelder waren eigentlich das Letzte, an das er gerade denken wollte, aber in Anbetracht des Problems, dessen Lösung er suchte, war es wohl nahezu unmöglich. Dabei wusste er eigentlich ganz genau, was er wollte beziehungsweise nicht wollte.

Seine Schwester hatte in ihrem jungen Leben genug Leid gesehen, vor dem er ihre Augen nicht schützen vermocht hatte. Einerseits, weil er selbst noch jung und unerfahren, andererseits, weil er aufgrund der Pflichterfüllung nicht zugegen gewesen war. Grundsätzlich war jedoch beides keine Entschuldigung dafür. Doch leider war klar, dass er nicht verhindern konnte, dass Éowyn nie wieder ein Schlachtfeld – ganz gleich welcher Art – zu Gesicht bekam, aber sie sollte nicht gezwungen sein, mit einer Waffe in der Hand zu kämpfen. Nicht, wenn er es verhindern konnte. Das war seiner Meinung nach kein Geschäft für Frauen (und auch nicht für alle Männer).
Seufzend warf er den Strohhalm fort, auch wenn der nicht besonders gut flog, sondern fast sofort auf den Holzboden segelte. Stroh war einfach zu leicht, um weit geworfen zu werden, aber es ging ja nicht darum, einen Wettkampf im Werfen zu gewinnen. Er wollte den Halm bloß loswerden, um sich einen neuen zu nehmen, und es würde albern aussehen, wenn er ihn einfach auf den Haufen zurücklegte. Außerdem passte das nicht zu seiner Gemütslage.
Mit der rechten Hand begann er im Stroh neben sich zu kramen, blind nach einem Halm zu tasten, der für seine Zwecke geeignet schien. Es sollte nach Möglichkeit ein langer und dicker sein, denn die hielten länger und man musste einen Hauch mehr Kraft aufwenden, um sie zu knicken. Als er keinen fand, setzte er sich frustriert wieder auf und sah sich um. Es war wohl an der Zeit, sich einen anderen Sitzplatz zu suchen. An diesem hier schien er ja alle guten Halme verbraucht zu haben. Nur zuerst musste er noch ein gewisses Örtchen aufsuchen – und hoffen, dass Éowyn ihn unterwegs nicht erwischte.

Vorsichtig stand er auf, gürtete sein Schwert, das er hier eher aus Statusgründen als aus praktischem Nutzen trug, und schlich dann – die knarrenden Bodenbretter sorgfältig meidend – quer über den Heuboden zur Leiter. Dort wartete er, bis die beiden Burschen plötzlich aufsprangen und aus dem Stall stürzten. Das Hufgetrappel und die im Hof gebrüllten Anweisungen ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie einige Zeit beschäftigt sein würden. Trotzdem beeilte Éomer sich, seine Chance zu nutzen, denn er wollte auf jeden Fall ungesehen bleiben. Niemand musste wissen, dass sich der dritte Marschall der Mark auf dem Heuboden herumtrieb. Nicht auszudenken, was das für Gerüchte ins Leben rufen würde…
Die Stallgasse war menschenleer, als er unten ankam, sich rasch umsah und dann zur Hintertür eilte. Das war immerhin der kürzeste Weg zum Ziel. An der Tür angekommen, öffnete er sie zuerst nur einen Spalt breit, spähte hinaus und schlüpfte erst dann nach draußen, als er sicher war, dass sich im Moment niemand hinter dem Stall aufhielt.

Man hatte das Plumpsklo in unmittelbarer Nähe zum Misthaufen errichtet und man brauchte nur ein paar Schritte, um es zu erreichen. Noch einmal sah Éomer sich um, dann schlüpfte er hinein in den kleinen Holzverschlag und schob von innen den Riegel vor die Tür. Es wäre seinem Ruf auch nicht besonders zuträglich gewesen, wenn ihn jemand mit heruntergelassenen Hosen sah.
Sobald er saß, stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel und das Kinn in die Hände. Vielleicht kam ihm ja hier die rettende Idee. Eine Weile lang starrte er die geschlossene Tür vor sich an, als erwarte er, die Lösung erschiene auf dem Holz. Selbstverständlich tat sie das nicht und er begann, die Wand rechts neben sich zu mustern. Doch auch die sah aus wie eine stinknormale Bretterwand. Zumindest auf den ersten Blick, auf den zweiten fiel ihm eine Unregelmäßigkeit auf und als er sie genauer betrachtete, erkannte er, dass es eine Haselnuss war, die jemand in ein Astloch gequetscht hatte.

Interessant, konstatierte er, streckte die Hand aus und versuchte, die Nuss aus dem Loch zu lösen. Wer auch immer sie da platziert hatte, er war ihm auf jeden Fall dankbar dafür, denn sie war eine willkommene Abwechslung, besonders, weil sie sich nicht sofort bewegte und ihm so Hartnäckigkeit abverlangte. Sie war eine Herausforderung, genau nach seinem Geschmack. Perfekt, um ihn von seinem Éowyn-Problem abzulenken.
Für eine Weile puhlte und kratzte er an der Nuss herum, dann am Holz, wieder an der Nuss und wieder am Holz. Solange, bis es ihm gelang, sie herauszuziehen und genauer in Augenschein zu nehmen. Wahrscheinlich hatte sie noch nicht lange in der Wand gesteckt. In der Tat machte sie auf ihn sogar den Eindruck erst in diesem Jahr gereift zu sein. Großartig! Vielleicht konnte man Éowyn damit bestechen. Seine kleine Schwester liebte Nüsse, doch sie waren in diesem Land nicht gerade leicht zu bekommen, denn der Baumbestand ließ sehr zu wünschen übrig.
Sicherheitshalber wollte er aber feststellen, ob die Nuss auch wirklich über einen Kern verfügte. Andernfalls lief er Gefahr, doch noch mit Éowyn üben zu müssen und das wollte er ja unbedingt vermeiden. Das war schließlich etwas, das ebenfalls zu unangenehmen Gerüchten  führen konnte.
Also hob er die Nuss ans Ohr und schüttelte sie sacht. Zu seiner großen Erleichterung vernahm er leises Klappern in ihr. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie nicht hohl und damit ein geeignetes Bestechungsgeld war. Zufrieden erhob er sich, zog die Hose wieder hoch und verstaute die Nuss in der Ledertasche an seinem Gürtel. Dort würde sie nicht verlorengehen, bis er sie seiner Schwester geben konnte.

Erleichtert fuhr er sich mit der linken Hand durchs Haar, sodass ein paar verirrte Strohhalme zu Boden fielen. Die verfingen sich dort einfach zu leicht. Dabei hatte er noch Glück, denn in seinem blonden Schopf fielen sie nicht so auf wie im dunklen Haar seines Vetters. Théodred war es schließlich, der ihm, als er ein Knabe von elf Jahren gewesen war, den Heuboden als Versteck und Rückzugsort schmackhaft gemacht hatte. Hach, das war nun schon wirklich lange her, sehr lange. Irritiert hielt er inne, als ein paar Strähnen ganz dreist wieder über seine Schulter nach vorn fielen. Dann ließ er langsam die Hand ein paar Zentimeter sinken, griff eine der Strähnen heraus und zwirbelte sie zwischen den Fingern. Etwas an ihr war merkwürdig. Definitiv! Nur was? Man konnte in diesem schummrigen Licht verdammt noch mal nichts richtig erkennen! Angestrengt starrte er die Strähne an, drehte sie weitere Male hin und her, bevor er zu dem Schluss kam, dass einige Haare eine andere Färbung haben mussten. Naja, eigentlich nicht weiter verwunderlich, immerhin war es bis vor wenigen Tagen ein sehr sonniger Herbst gewesen, der auf einen noch sonnigeren Sommer gefolgt war. Seine Haare waren bestimmt stark ausgeblichen und er bemerkte es nur deswegen erst jetzt, weil er nicht mehr ständig darauf achten musste, ob sich nicht vielleicht doch aus irgendeiner Richtung Orks oder feindliche Menschen anschlichen.

Erleichtert durch diese logische Erklärung und beschwingt durch die Problemlösung per Nuss verließ er das Plumpsklo. Jetzt würde er noch mal nach Feuerfuß sehen, denn ein guter Mann kümmerte sich auch gut um sein Pferd, und danach seine Schwester suchen, um die Angelegenheit noch vor dem Abendessen vom Tisch zu haben. Möglicherweise sollte er sich überlegen, ob er sie auch in den folgenden Jahren mit Nüssen bestach. Das würde sein Leben sehr viel leichter -

„Éomer!“

Er erstarrte und vergaß, die Hintertür des Stalles wieder zu schließen. Mit seinem Vetter hatte er nun wirklich nicht gerechnet, zumindest noch nicht heute.

„Wann bist du angekommen?“ Théodred überbrückte die letzten Meter Abstand zwischen ihnen, umarmte ihn herzlich.

„Vorgestern Abend.“ Er hatte Mühe, unter dieser schraubstockartigen Begrüßung nicht zu ächzen.

„Schön, dass du es endlich mal vor mir hergeschafft hast. Ich dachte schon, das würde ich nicht mehr erleben.“ Théodred ließ von ihm ab, aber nicht, ohne ihm freundschaftlich und fest auf die Schulter zu klopfen.

Er rang sich ein schiefes Grinsen ab. „Irgendwann musste es ja klappen.“

„Das ist die richtige Einstellung. Nur nie aufgeben. Wir unterhalten uns beim Abendessen drüber.“ Er ging an ihm vorbei zur Hintertür, blieb draußen noch einmal stehen und drehte sich um. „Übrigens, Éomer, du hast da was in den Haaren. Auf der linken Seite. Sieht aus, als hätten sich da ein paar graue eingeschlichen. Vielleicht reißt du die besser aus.“ Mit einem schelmischen Zwinkern wandte Théodred sich wieder um und schlenderte auf das Plumpsklo zu.

Sprachlos blieb er zurück, erst nach einigen Wimpernschlägen gelang es ihm, die linke Hand wieder zu heben, ein paar Haarsträhnen zu greifen und sie erneut in Augenschein zu nehmen. Doch auch hier im Stall war das Licht zu schlecht, um zu erkennen, ob sein Vetter wirklich recht hatte. Er schluckte schwer, folgte Théodred aber dann wieder durch die Hintertür nach draußen. Mitten auf dem Hof konnte er schließlich schlecht in seinen Haaren herumwühlen!

Nun gut, besonders berauschend war das Licht draußen auch nicht. Der Nebel hing immer noch schwer und grau über Edoras, aber es war wenigstens gut genug, um schärfer sehen zu können. Leider verbesserte es nicht das Ergebnis seiner eindringlichen Blicke auf sein Haar. Théodred hatte recht! Es waren tatsächlich graue Haare zwischen seinen blonden aufgetaucht – dabei war er doch erst vierundzwanzig! Mit aufkeimender Verzweiflung schüttelte er den Kopf, kam dann zu dem Schluss, dass Théodreds Lösungsvorschlag gar nicht so schlecht war.

Das Éowyn-Problem würde also solange warten müssen, bis er diese neue, haarige Nuss geknackt hatte.


*** *** ***
Review schreiben