Ewigen Sonnenschein schafft eine Wüste.

von ayola
KurzgeschichteAllgemein / P12
14.04.2013
14.04.2013
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Hey,

Dies ist ein Beitrag für den Montagsmagierwettbewerb von Nane.
Vielen Dank an freddie, die sogar ihre tumblr-Follower eingespannt hat, nur um mir ein paar Wörter zu übersetzen und an genso-sekai.
Der Titel, die Kurzbeschreibung und auch der Kapitelname sind arabische Sprichwörter.

Diese Geschichte gehört zu der Welt, in der alle "Die Bruderschaft" Geschichten spielen.

Viel Spaß beim Lesen, wünsch ich euch allen!

**************

Wenn ich an meine Gilde denke, dann ist das erste, was  mir in den Sinn kommt, Wüstensand.
Feiner, goldgelber Sand, der einem weich durch die Finger rinnt und bei Kontakt mit Wasser hellbraun und klebrig wird.
Ich denke an warmen Wind, der mir durch die Haare und über nackte Haut streicht und meinen Umhang leicht flattern lässt.
Ich rieche leichten Zimt und Meersalz und ich höre die Schreie der Raubvögel in der Luft.
Genau genommen sind diese flüchtigen Eindrücke auf einen Ort konzentriert, dem Platz, an dem ich mich gerade befinde.
Nur wenn man auf der großen Klippe, dem Luftbalken am Rande des Atler Gebirges steht, die Sonarwüstenebene ausgestreckt vor einem, nur dann kommen alle diese Komponenten zusammen.
Ich liebe diesen Ort. Anstatt sofort die Treppe, die hinab führt, zu benutzen, bleibe ich stets stehen, genieße den Moment. Ich schließe die Augen für gewöhnlich, sauge alles in mich auf.
Wie fast immer schien die Sonne brennend hinab, ich spürte ihre Hitze im Gesicht und auf den bloßen Armen, während eine kleine Brise meinen Umhang flattern lässt.
Ich lächelte, ich konnte gar nicht anders.
Es gibt nur ein Wort für diese Gefühle.
Hierher zu kommen ist stets eine Heimkehr, eine willkommenes Zurückkehren.
Doch an diesem Tag war mir langes Verweilen verwehrt. Ich verharrte nur kurz, und eilte dann im Schnellschritt die Stufen hinunter.
Auch wenn das wohlbekannte Gefühl mich ein wenig beruhigte, die Last auf meinen Schultern ein bisschen weniger wurde, die Sorgen ließen sich nicht verdrängen. Ich hatte beunruhigende Neuigkeiten erfahren und jeder Hami, die höchste Stufe unter unserem Meister, musste hören und Maßnahmen treffen –am besten sofort.
Ich eilte die gepflasterte Straße entlang, welche bereits wieder halb mit Sand überdeckt war. Jeden Morgen und Abend wurde der, vom Wind herangetriebene, Sand wieder von der Straße gefegt, eine beliebte Aufgabe für neue Katkut und unbeherrschte Quafaza, um Einschätzungsvermögen, Geduld und Selbstmotivation zu lehren.
Mir kamen ein paar Novizen entgegen und obwohl ich in Eile war, hielt ich kurz inne. Für sie war es unfassbar, ein paar Worte mit mir wechseln zu dürfen, es würde sie anspornen.
Die Novizen wollten mich zu meiner Freude aber nicht aufhalten, und machten sich nun ihrerseits dazu auf, den Luftbalken zu erklimmen, auf dem ich vorhin noch einen Augenblick genossen hatte.
Während ich wieder ein schnelles Tempo aufnahm, fragte ich mich, ob sie diesen Platz auch so besonders empfanden wie ich.
War die Gilde und die Sonarebene schon ihr Zuhause? Oder war der Luftbalken für sie nur ein toller Aussichtspunkt?
Wenn ich nicht an diesen Ort denken soll, wenn es schlicht und ergreifend nur die Gilde sein soll, keine Eindrücke, keine Plätze, keine Wärme, kein Wind, dann denke ich an dieses wohlige Gefühl, dass nicht nur auf dem Luftbalken Bestand hat.
Es ist dieses absolute Gefühl der Zufriedenheit in meinem Herzen, die wohlige Wärme in meinem Bauch. Zufriedenheit, Glück und Nähe. Das Band in unserer Gilde reicht viel tiefer, als es die meisten ahnen. Es ist ein Ort, wo ich bedingungslos geschätzt und um meinetwillen geachtet werde. Wo ich jedem meinen Rücken anvertraue, wo ich immer Rückhalt habe und wo ich immer jemanden finden werde.
Wie viele Menschen haben die Chance, so etwas zu erleben? Angenommen zu werden, hinter sich ein Netz zu wissen, das einen auffängt? Einen Ort zu haben, wohin man immer zurückkehren kann?
Und wie viele Leute erleben es, dass einem als Fremdem völlig vertraut wird?
Unbekannt völlige Unterstützung zu erhalten?
Unsere Gilde ist nicht perfekt, bei weitem nicht, aber es ist dieses gemeinsame Band, dass uns hält und das ich für nichts auf der Welt hergeben würde.
Nach außen wirken wir immer etwas abschreckend, unsere Fähigkeiten sind den meisten unheimlich, die enge Teamarbeit lässt die Leute spekulieren und Fremden gegenüber sind die wenigsten von uns aufgeschlossen.
Wir haben es nicht mit Herzlichkeit. Aber mit zwischenmenschlicher Wärme, für jene, die uns kennen, und jene, die wir an uns heran lassen.
Wir alle haben unsere bitteren Erfahrungen machen müssen und die Mauer, mit der wir uns umgeben, lässt die Leute häufig denken, wir wären kühl.
Ich kann euch verraten, dass es in neun von zehn Fällen nüchterne Professionalität ist. Deshalb fühlten sich die wenigsten Auftragsgeber wohl, wenn sie persönlich an uns heran traten und unseren Sitz betraten. Die beobachtenden Augen aus dem Schatten, das nüchterne Abschätzen der Wachen, das stille Überwachen zerrte an ihren Nerven.
Vielleicht ist das der Grund, warum viele Aufträge per Brief erteilt werden, obwohl unsere Gastfreundschaft, im Gegensatz zu der anderer Gilden, immer vorbildlich ist.
Eines der Prinzipien unseres Oberhauptes, unseres Meister. Selbst der Gedanke an ihn ließ mich zusammenzucken. Er war der Grund, warum ich die vergangene Woche in der Hauptstadt gewesen war, Gefälligkeiten getan und eingefordert und mich ganz auf das Spiel der Politik eingelassen hatte.
Nach außen war alles in Ordnung.
Auch an diesem Tag öffneten mir die Wachen lächelnd die Tore zum Anwesen, Besucher würden begrüßt und zu den entsprechenden Vertretern geführt werden.
Wir wollten auch, dass das so blieb.
Yassir hatte offenbar im ersten Innenhof auf mich gewartet, denn er kam mir entgegen, kaum, dass ich die Tore hinter mir gelassen hatte.
„Sei willkommen, Freund. Scheinbar haben dich die Fleischgeier als einen der Ihren gesehen und auch deine Nieren an Ort und Stelle gelassen.“
Ich erwiderte sein Grinsen und das lockere Schulterklopfen. „Ich bin froh, wieder daheim zu sein, Arkadas.“
Ich sah die ruckartige Bewegung der Wachen und zufällig Anwesenden. Es kam selten vor, dass ein Hami einen wenig auffälligen Sayad als Gefährten und engen Freund bezeichnete. Eine inoffizielle Wertschätzung, die Yassir mehr als verdient hatte.
Er führte mich in einen Aufgang, schloss die Türen hinter uns. Nun waren wir allein, während wir emporstiegen.
„Mir scheint, du hast die Politik mitgebracht“, meinte er. „Danke für die öffentlichen Lorbeeren.“
„Es war an der Zeit“, erwiderte ich ebenso ruhig und neutral wie er und amüsierte mich doch ein wenig. Denn ich sah, wie er sich innerlich wand, weil er mit dem Kompliment nicht umgehen konnte.
Yassir entschied sich auch lieber für Ablenkung, aber ich merkte mir, dass Thema später zu vertiefen. Es war sein Recht, unsere Wertschätzung zu erfahren.
„Es geht ihm besser, er ist sogar ein paar Mal erwacht, während die heilenden Tinkturen wirkten.“
„Das freut mich. Aber unser Meister hat einen starken Willen.“
Das war es auch, was Wakur, dem Herrn unserer Gilde, das Leben gerettet hatte. Vor drei Monaten war ein Anschlag verübt worden, wir wussten, von wem.
Wir wussten auch warum. Wir wussten wie und wir wussten wann.
Die Beweise, die den Hami vorlagen, waren ausreichend schwerwiegend und hätten eine sofortige Anklage und Gerichtstagung gegen Fayruz, den Herrn einer anderen Gilde, erwirkt.
Aber wir schwiegen. Denn wir sahen das größere Bild.
Fayruz war benutzt worden. Sein befohlener Anschlag hatte nur ein Ablenkungsmanöver sein sollen. Während Fayruz und seine Gilde blutig zerschlagen worden wären, wäre die Aufmerksamkeit der Gesellschaft, der Adelshäuser und des Könighauses abgelenkt gewesen.
Santuarin, ein hoher Berater, wollte den Gildenkrieg. Deshalb hatte er Fayruz sich absichern lassen, wir wussten, welche zwei anderen Gilden fest an ihn und welche drei Gilden locker gebunden waren.
Eine Ablenkung dieser Art würde Santuanin mit Leichtigkeit die Macht übernehmen lassen.
Wir hielten uns aus der Politik raus. Eigentlich.
Nur hatte Santuanin einen der Unseren angegriffen, dazu noch unseren Meister, der zwar selten präsent, aber prägnant war.
Wir würden ihm nicht in die Hände spielen. Wir würden sein Spiel nicht spielen. Wir würden nur seinen Untergang schaffen.
Leider war Fayruz ein unbequemer Gegner. Dass er nicht wusste, wie unsere Gilde noch lief, warum wir keinen neuen Meister bekannt gegeben hatten, warum wir nichts von den Anschlag verlauten lassen hatten –es ließ ihn blind werden.
Er war wie eine Krabbe, die panisch gegen uns schlug, aber kaum Effekt hatte. Er war lästig und ungefährlich, aber nur so lange niemand anderes davon Wind bekam.
Jede Gilde hatte ihren Meister zu haben. Solange niemand Verdacht schöpfte, mussten wir auch nicht zugeben, dass unser Meister überlebt hatte. Und das es überhaupt einen Anschlag gegeben hatte.
Aber das war nicht meine Sache. Wir waren genügend Hami, sodass jeder sein Ziel hatte, und wir die Gilde trotzdem weiterhin aufrecht hielten. Genauso wie vorher, der Meister war bei uns nur Repräsentant. Ich durfte ihn als Hami duzen, denn letztendlich sollte er nur den Vorsitz vor den Beschützern haben.
Allerdings war Wakur alt und zog seine Ruhe den Schülern und Tagesgeschäften vor. Bis jetzt hatte ihn niemand vermisst, was einiges sagte.  
Mein Ziel war Santuanin. Ich war die Speerspitze gegen ihn und hatte in der Woche in der Hauptstadt genügen Stolpersteine und Fallen in dem Netz um ihn gewebt.
Momentan beobachtete uns Santuanin genau und misstrauisch, aber er war auch unruhig. Er würde sich bald nach dieser Zeit sehnen, in der noch alles ruhig war, denn selbst wenn einiges nicht aufging: Santuanin würde gegen eine Flut zu kämpfen haben.
Ich arbeitete nie mit nur einem Plan.
Yassir öffnete mir stumm die Tür zum Rundgang des zweiten Stockes. Auch er war ein Teil des Plans, wenn auch nicht meines. Er war der Sayad, der von dem Zustand des Meisters wusste, der uns, den Hami, den Rücken freihielt und als Schreiber viel beobachtete und lenkte.
Auch heute hatte er mich stumm auf verschlungenen Wegen, zu Kalil und Alhena geführt. Er würde nicht weiter darüber sprechen und an die Arbeit gehen.
Ungeachtet meiner persönlichen Sympathien – ich müsste blind sein, um nicht seinen Wert zu schätzen. Auch jetzt ließ Yassir uns mit einer Verbeugung und einem unauffälligem Zurückziehen allein.
„Du siehst gut aus.“ Alhena lächelte.
„Zumindest besser, als du es erwartet hättest“, korrigierte sie Kalil amüsiert, während wir uns in ein Zimmer begaben und Kalil mir die Tür aufhielt.
„Es ist vieles glatt gelaufen. Das hat die Ermüdung doch begrenzt.“ Ich setzte mich in die weichen Kissen und sah, dass Alhena mal wieder für Tee und Obst gesorgt hatte.
Manchmal ließ es sich leicht vergessen, wie absolut tödlich sie war.
Sie ließen mich Essen und Trinken, während sie mir die Ereignisse während meiner Abwesenheit näher brachten.
Aber sie waren nicht naiv, dass bewiesen schon die anwesenden Falken im Zimmer. Sie würden meine Informationen schnell an die abwesenden Hami weiterleiten.
Allerdings hatte auch ich sie unterschätzt. Sie berichteten mir mit einer derartigen Ausführlichkeit von alltäglichen Dingen, dass ich kurz davor war, mit dem Obst zu jonglieren, und bestätigten meinen fragenden Blick nonverbal.
Offenbar waren auch die Falken nur ein Ablenkungsmanöver gewesen.
Sie wollten, dass man diesen Treffen hörte.
So berichtete ich ebenso ausführlich wie nichtssagend von der Reise, von nicht stattgefundenen Treffen mit Freunden und Geschenkkäufen –so, dass sich alles wie eine Privatreise anhörte.
Kalil winkte mich schließlich nach draußen, während Alhena blieb, mir aber den Zeitpunkt des richtigen Treffens zuraunte.
„Ich muss dich um einen Gefallen bitten“, sagte Kalil, während wir erneut die Balustrade entlang spazierten, riss mich dadurch aus meinen Gedanken und schubste mich direkt in das Entsetzen.
Mein ungläubiges „Wie?“ brachte ihn zum Lachen und ich atmete erleichtert aus. Ich konnte mir nur wenig vorstellen, bei dem Kalil meine Hilfe brauchte, und nichts davon war angenehm. (Nur nicht alles dramatisch.)  Aber dann würde er nicht lachen.
„Wir haben einen neuen Schüler, der deines Schattens bedarf. Er ist…“ Er zögerte sichtlich, schien zu überlegen und ich verzog das Gesicht.
„Und ihr seid sicher, dass ich ihn als persönlichen Schüler nehmen soll?“ Ich empfand mich als ungeeignet für einen persönlichen Schüler. Ich war nicht gerade einfach.
„Das sagt ausgerechnet derjenige, der aus Versehen eine Mafiagruppe zerschlagen hat. Im Alleingang.“
„Das war wirklich ein Versehen!“, protestierte ich sofort und gleichzeitig resigniert, denn damit würde ich sicher noch in zehn Jahren aufgezogen werden. Aber natürlich würde es der Gilde nützen, wenn ich mein Wissen teilte.
Allerdings ließ mich Kalils gewohnte Lockerheit entspannen. So schlimm würde der Neue schon nicht sein, und ich ging auf die Neckerei ein, während wir uns unseren Weg durch das Anwesen bahnten.
Kalils Vorschlag folgend, würde ich den Anwärter sofort treffen.
Es tat gut, nicht mehr den doppelten Boden, den Treibsand oder die Verschleierungen in den Worten suchen zu müssen.
Es tat gut, wieder zuhause zu sein und die Wärme zu spüren. Hier würde mich niemand aufs Kreuz legen wollen. Niemand würde den eigenen Vorteil über mich stellen. Die Begrüßungen und das Zunicken wurden mit einem Lächeln begleitet, einem ehrlichen.
Und auch meine Mundwinkel hoben sich automatisch.
Alles, was gesagt wurde, war nicht spekulierend und kalkulierend. Die Neckerei mit Kalil war nur eine Neckerei.
Keine Fallen. Keine Schlupfwinkel. Keine Spinnennetze. Keine Trittlöcher.
Eigentlich konnte man unsere Gilde auch als Bruderschaft bezeichnen.
Ein Blick nach unten, in den kleinen Innenhof, brachte mich ruckartig zurück in die harte Realität.
„Verdammt, Kalil! “
Er erwiderte meinen Blick fest, aber ich sah die Schuldgefühle in seinen Augen. Natürlich hatte er gewusst, was ich meinte.
„Wir haben genug eigene Probleme, und du lässt ausgerechnet einen Montagsmagier hinein?
Das kann uns jegliche Chance verbauen, die Gilde zu halten oder Santuanin vom Krieg abzuhalten!“
Ich atmete tief durch, versuchte mich zu beruhigen. Kalil war niemand, der subtil provozierte. Das blaue Band am Arm des Jungen war keine Affront gegen mich.
„Ich habe mir die letzte Woche den Arsch aufgerissen und du nimmst ihn  bereits als Schüler auf, ohne die Stufe einzubeziehen?!“
„Er ist nur ein Junge, kaum fünfzehn Jahre alt.“
„Ich sehe seinen Stab, seine Katze und bestimmt hat er bereits ihre heilige Schrift. Und mit Sicherheit wird er bald versuchen, nach seinen Prinzipien zu leben!“ Ich hieb fest mit der Faust gegen die Stützsäule. Wenn mir Kalil nicht bald eine gute Erklärung liefern würde, würde ich ihm den Kopf abreißen. Er war doch sonst auch nicht von allen guten Geistern verlassen!
„Die bringen ihn aber nicht in den Konflikt mit den Regeln unserer Gilde.“
„Lediglich seine Missionarsziele werden alle hier in den Wahnsinn treiben.“ Ich stoppte kurz, presste die Lippen zusammen. „Tut mir leid, aber er wird nicht in der Masse der Schüler untergehen. Er wird auffallen, weil die alle fanatisch in dem Punkt sind, und eine Kontroverse über unsere Aufnahmeverfahren können wir uns nicht leisten! Ich verstehe einfach nicht, was du dir dabei gedacht hast. Und ich verstehe nicht, warum du wolltest, dass er mein Schüler wird!“
Er wendete den Blick ab und trat näher an die Ballastrade, sah nach unten.
„Sieh ihn dir doch an.“, meinte er leise. „Er ist ein verlorenes Kind. Ich konnte ihn nicht abweisen. Er hat keinen Ort mehr, an den er gehen kann.“
Seine Zähne knirschten, als er tief durch die Nase ein und ausatmete. Seine Hände drückten gegen die Steinumrandung, sein ganzer Körper stand unter Spannung.
„Er ist ein verlorenes Kind.“ wiederholte er leise, mehr zu sich selbst, als zu mir. „So wie wir alle es waren.“
Er drehte sich wieder zu mir um, verschränkte die Arme und grub seine Finger in die Muskeln. Abwartend. Sein Körper schien noch immer wie ein straffes Seil gespant, er blinzelte häufig.
„Du hast mir noch keine verpasst.“
Ich verdrehte die Augen. „Bestehst du darauf?“, fragte ich übellaunig.
„Ich hätte es verdient.“
„Das stimmt.“
Er sah mir direkt in die Augen und ich starrte zurück.
Es brachte doch nichts. Ich schüttelte den Kopf, faltete die Hände vor meinem Oberkörper.
„Die fällige Prügelei kann warten.“
„Du gibst ihm eine Chance?“ Er klang und war sichtbar erleichtert.
„Ich rede erst einmal mit ihm.“ Um des Gildenfriedens willen. Seinen Dank winkte ich ab.
Ich war immer noch stinkig, aber die Standpauke würde er von den anderen Hami erneut bekommen. Vielleicht könnten wir den Jungen auch einfach mit anderen Katkut auf eine Schiffsreise schicken. Dann hätte wir immerhin Zeit gewonnen, in denen der Meister sich erholen oder wir zumindest Santuanin aufhalten konnten. Dann wäre die Debatte, ob und warum überhaupt irgendjemand Montagsmagier in seiner Gilde haben konnte oder durfte, weniger schlimm.
Der Kult entstammte dem bekannten Prediger und Pastor Zahit Aziz, der mit recht eigenen Ansichten in der Saluisia-Kirche in einer Handelsstadt Hof hielt.
Angeblich folgte der innere Kreis ihrem Heiland und Führer bedingungs- und gedankenlos. Aziz wollte eine strenge Klassifizierung der Magiebegabten, Rastereinteilung ihrer Fähigkeiten und damit eine Staffelung ihres Ranges. Er versuchte seit Jahren die Stadtväter zu überzeugen, die Nutzung der Fähigkeiten drastisch zu reglementieren und von einem Rat der Bischöfe und Konsuls genehmigen zu lassen –nach Gottgefälligkeit. Selbstverständlich nur der Gottgefälligkeit, die Aziz als richtig ansah.
Er hatte die Montagsmagier ins Leben gerufen, nach dem Gelehrten und der Lokallegende Memnun, der stets mit seiner Katze und seinem Wanderstab durch die Lande gezogen war und geholfen hatte, wo er konnte.
Ich persönlich bezweifelte und bezweifle es noch, dass die Montagsmagier in seinem Sinne gewesen wären.
Aziz hatte sie neben Stab und Katzen auch mit seiner Schrift, dem heiligen Buch, ausgestattet und ausgeschickt zu missionieren. Außer am Montag, dem Tag des Anfanges, wo man die Früchte seiner Arbeit besehen sollte.
Memnun hatte andere Leute nicht von seinem Glauben überzeugt. Persönliche Freiheit, Rücksichtnahme und die Akzeptanz anderer Sichtweisen waren Grundsätze für ihn gewesen, wie viele seiner veröffentlichten Briefe und Berichte beweisen.
Die Montagsmagier achteten dies nicht. Ihrer Meinung, oder eher Aziz‘s Meinung nach, war jegliche freie Magieausübung strafbar, ihr Gott der Alleinige, ihre Lebensart die Richtige, sie die Heiligen und Auserwählten.
Jeder Montagsmagier, der mir begegnet war, hatte in mir gewalttätige Wünsche hervorgerufen.
Sie versuchten zwar nicht mit Gewalt zu überzeugen, aber sie waren penetrant. Lautstark, hysterisch und nervig.
Sie stellten sich an strategisch günstige Stellen, waren aber keine guten Redner. Letztendlich belästigten sie die Massen eher, als dass sie ihnen Offenbarung brachten. Ihren Begleiter, die obligatorische Katze, ließen sie meist hinter sich, in einem geflochten Korb eingesperrt, stehen.
Ich fand, es zeigte bildlich sehr gut, wie diese Menschen dachten und was sie vorhatten. Natürlich verstanden die ach so Auserwählten weder die Botschaft, die sie aussendeten, noch die Ironie darin.
Die meisten Menschen flüchteten, wenn sie Montagsmagier sahen –oder eher hörten.
Aber sie waren sehr gut ausgebildet, hatten ein genaues Bewusstsein für ihre individuellen Fähigkeiten, was nur selten vorkam.
Das, und Aziz‘s Stellung in der Kirche, war der Grund, warum noch niemand offen gegen die Montagsmagier vorgegangen war.
Ich stieg langsam die Treppen hinunter, und versuchte mich zu sammeln. Wenn ich jetzt weiterhin aufgewühlt blieb, würde ich dem Jungen wohl schnell an die Kehle gehen, was sehr unangebracht wäre.
Aber meine persönlichen Weltansichten harmonierten nicht mit den Montagsmagiern.
Freiheit war für mich das höchste Gut, Kontrolle ein Graus, und für mich gehörte meine Magie mir. Es war meine Gabe, es waren meine Fähigkeiten und nur ich allein entschied, wann, wo und wie ich sie einsetzte.
Ja, Magie konnte gefährlich sein. Ja, damit konnte man mehr Chaos schaffen und Morde begehen als eine wildgewordene Horde von Andalflusspferden, aber das gab niemanden das Recht, uns deshalb wie Aussätzige zu behandeln und im Voraus in unseren Rechten zu beschneiden. Zur allgemeinen Sicherheit –das die Götter das nicht priesen!
Wir waren genau wie andere Menschen an Gesetze und Pflichten gebunden, waren durch die Gilden und den Rat eher in noch mehr verwickelt. Ob nun ein Magier einen Menschen mit einem geistigen Wink tötete oder ein Söldner jemanden per Fernabschuss das Leben nahm –gab es da einen Unterschied?
Für Montagsmagier ja. Für sie waren alle Magier von Natur aus schlechter und dem Unheil anfälliger, als Menschen ohne aktive Fähigkeiten. Sie selbst natürlich ausgenommen.
Ich atmete noch einmal tief durch und betrat den Innenhof, wo ich mich zwang, nicht zu marschieren, sondern leise zu gehen.
Ich ließ mich neben den Jungen sinken, der zusammengesunken auf der Steinfläche saß und seine Katze streichelte.
„Ich grüße dich.“
„Ich grüße dich“, sagte er kaum verständlich, den Blick nicht von dem schnurrenden Tier in seinem Schoß nehmend.
Ich musterte ihn, die ermüdeten Augen, die abgenutzten Schuhe (keine Stiefel, nur eine dünne Ledersohle), die raugewebte Tunika, die sichtbar dreckige Hose.
Nie zuvor hatte ich einen der Magier aus der Nähe betrachtet –nun, ich hatte auch kein Verlangen danach gehabt. Mich verblüffte, wie einfach er gekleidet war. Widersprach das nicht ihren Auffassungen, auserwählt zu sein?
Er sagte nichts, während ich ihn mir besah. Nach einer Weile des Schweigens, fand er den Mut, den Kopf zu heben und mich anzusehen.
„Schickt ihr mich wieder fort?“, fragte er zaghaft und zog die Schultern zusammen.
Er sah für fünfzehn viel zu jung aus, ich hätte ihm keine dreizehn Jahre zugetraut.
„Wie? “, fragte ich zurück, denn ich wollte wissen, wie er zu der Annahme kam. Nur verstand er es als eine andere Nachfrage.
„Widerruft ihr meine Aufnahme?“, fragte er zittrig und presste den Mund zusammen. Ängstlich, verlassen, verloren. Er saß vor mir, wie ein scheuer Hase, der bereit war, sich sofort kleinzumachen oder die Flucht anzutreten. Zu Laufen, damit keiner ihm was tun konnte.
Ich verstand, warum Kalil ihn nicht hatte abweisen können.
„Nein.“, sagte ich deutlich sanfter, denn ich war nicht dagegen gefeit. Überhaupt hatte eine Widerrufung nie zur Debatte gestanden. Wir hielten unser Wort.
„Danke.“ Er wich meinem Blick nun wieder aus und sah lieber wieder zu seiner Katze.
„Wie heißt du denn?“, versuchte ich noch einmal ein Gespräch anzufangen, aber sein Flüstern konnte ich beim besten Willen nicht verstehen.
„Wenn du nicht willst, dass ich dich irgendwie nenne, musst du deinen Namen schon deutlich sagen.“ Da er entsetzt aufsah, grinste ich. „Wenn ich mit dir reden will, will ich dich auch hören, verstanden? Ich beiße nicht und werde dich auch nicht durch die Tür hinausfegen… Ich hätte auch gerade keinen Besen zur Hand.“
Der kleine Scherz ließ ihn, wie erhofft, etwas auftauen.
„Ich bin Namik.“, sagte er nun deutlicher, zwar immer noch zu leise, aber immerhin hatte er sich ein bisschen aufgerichtet, sein Rücken war kein krummer Bogen mehr, seine Schultern sanken hinab.
„Ich bin Issam.“, sagte ich und hoffte nun wirklich mit ihm reden zu können, aber Alhena betrat den Hof und winkte mir unauffällig zu.
„Hast du heute schon was gegessen?“ Ich wartete die Antwort nicht ab. „Geh‘ doch bitte in die Küche, hier den Gang entlang und dann links, und hol dir was.“
Er nickte eifrig, wartete aber bis ich ganz aufgestanden war, ehe er aufsprang, die Katze auf den Arm, den Stab in der rechten Hand, und den Gang entlang eilte.
Alhena trat zu mir, kaum, dass er außer Sicht war.
„Der Stab und die Katze sind vermutlich alles, was ihm geblieben ist.“, meinte sie leise. „Er hat sich während der gesamten Zeit weder aufdringlich verhalten, noch in dem Buch gelesen. Er ist überaus höflich…“
„Du meinst, er ist demütig und panisch und beugt sich allem.“, unterbrach ich sie.
Sie sah mich an und nickte.
„Keine Sorge. Ich nehme ihn als meinen Schüler.“ Ich sah nachdenklich in den blauen Himmel. „Wir werden seine Zuflucht sein.“
Was auch immer man ihm angetan hatte, er würde sich erholen. Ich bezweifelte, dass der Junge sich gut und lächelnd an seine Zeit in dem Kult erinnern würde.
Aber er würde zu einem der Unseren werden und bessere Zeiten würden für ihn kommen. Es würde seinetwegen keine Debatte geben.
Letztendlich war er kein Montagsmagier.


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