Das rote Telefon, das so rot war, wie die Tardis blau

von Aerith
KurzgeschichteAllgemein / P12
06.04.2013
06.04.2013
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Das rote Telefon, das so rot war, wie die Tardis blau

In und an einer gewissen Polizeinotrufzelle, die genauso aussah, wie jene blauen Boxen aus vergangenen, londoner Tagen, gab es nur ein funktionierendes Telefon. Dieses rote Telefon befand sich in der Steuerzentrale des außerirdischen Gefährts und war rot. So rot, wie die Polizeibox blau war, so rot, wie londoner Telefonzellen. Möglicherweise stammte das Telefon einst aus einer Telefonzelle, doch wenn dieser Gedanke weitergesponnen werden würde, könnte man den Besitzer der blauen Box des Diebstahls beschuldigen. So weit sollte sich niemand aus dem Fenster lehnen.

Das rote Telefon in der Steuerzentrale klingelte selten. Zum einen, weil nur wenige Wesen im Universum die neun- bis elfstellige Nummer kannten und sie auch in keinem Telefonbuch zu finden war. Weder in den Gelben Seiten, noch in Kaiser Walpurgus Ansammlung bedeutender, universaler Telefonanschlüssen.
Der zweite Punkt war, dass jeder, der die Nummer besaß genau wusste, dass der Empfänger des Anrufes fast nie den Hörer abnahm. Nicht, weil er nicht gerne telefonierte, sondern der Grund war ein anderer und schnell erklärt: Den Mann, der in der blauen Notrufzelle wohnte, konnte man als sehr sprunghaft, abenteuerlustig und neugierig bezeichnen. Deshalb war er, auch wenn er sein Zuhause über alles liebte, kaum Daheim, sondern damit beschäftigt, sich in eines seiner unzähligen Abenteuer zu stürzen und die eine oder andere Welt zu retten.

Der Zufall wollte es so, dass der Mann einige Male in dem Raumschiff, genau das war die Polizeibox nämlich, beschäftigt war, als sein nicht-gestohlenes Telefon klingelte.

Einmal entfernte er in dem Kuriositätenraum gerade den Staub von den russischen Steintentakeln (was das war, wusste er selbst nicht, aber sie eigneten sich perfekt als Staubfänger, also behielt er sie), als er den typischen schrillen Klingelton vernahm.
Auch wenn man es nicht recht verstehen konnte, aufgrund der Seltenheit mit der er ein Gespräch abnahm, doch der Mann liebte Telefonate. Er liebte auch Briefe, E-Mails, Rauchzeichen, Morsezeichen, Unterhaltungen (vor allem, wenn er selbst redete), Fliegen, Hüte, Dinosaurier, Fischstäbchen... eigentlich gab es eine Menge Dinge, die er liebte...

Keine Sekunde, nachdem der Ton einsetzte, geriet der Mann in Panik. Es war schon Jahrzehnte her, dass er einen Anruf entgegen genommen hatte und er fürchtete alles falsch zu machen.
Doch er wäre nicht er selbst gewesen, wenn ihn solche Befürchtungen davon abgehalten hätten, nach dem Hörer zu greifen.
Er erhob sich, trat an den Rand des Regals, auf dem er bis eben im Schneidersitz gearbeitet hatte und ließ sich mit einem lauten „Geronimo!“, das in dem großen Raum widerhallte, fallen. Wenige Meter später federte er sich von einem riesigen Trampolin ab und knallte gegen die Wand. Benommen blieb der Mann rücklings auf dem Boden liegen. „Vorher war da doch eine Tür...“, murmelte er, rappelte sich auf und klopfte prüfend ein Ohr dagegengelehnt die Wand ab, während im Hintergrund das Telefon weiterhin klingelte.
„Warte, warte... WARTE!“, rief der Mann hektisch, rannte erst in die eine Richtung, dann in die andere, erinnerte sich schließlich, wo die Tür wirklich war und stolperte aus dem Raum.

Während er durch die Gänge raste der Steuerzentrale entgegen, fragte er sich, wer ihn wohl mit einem Anruf beehrte. Amy? Hatte sie wieder ihre Zahnbürste bei ihm vergessen? Marilyn? War heute ihr Hochzeitstag?
Den vergaß er jedes Mal. Doch wenn man wie der Mann kreuz und quer durch die Zeit reiste und die Tage ohne jede Regelmäßigkeit vergingen, war es schwer, sich bestimmte Daten zu merken. Auch konnte man sich keine Notizen in einen Kalender schreiben. Einen Zeitreisekalender gab es nicht. Selbst wenn es einen geben würde, müsste er so verrückt und genial sein, wie der Mann in der blauen Box.  Doch das war physikalisch, chemikalisch, biologisch, logisch, psychologisch, physiologisch, pädagogisch und dentologisch unmöglich. Niemand konnte wie er sein!

Während der Mann die Steuerzentrale betrat, kreisten seine Gedanken weiterhin um die mysteriöse Person am anderen Ende der Leitung.

Durch zweimaliges Klatschen der Hände wurde der runde Raum sofort in helles Licht getaucht, die Lämpchen an der Steuersäule in der Mitte der Zentrale  blinkten wild durcheinander, so als wären sie erfreut ihn zu sehen, und dunkle, fremdartige Töne erklangen aus dem Herzen der Maschine. Die Tardis erwachte!

Mit einem eleganten Sprung ließ der Mann auch die letzte Hürde in Form eines Geländers hinter sich und angelte das rote Telefon aus der Fassung.
„Auf Wiedersehen... Nein... Doctor... auch nicht... Hallo! Ja, hallo! Der Doctor ist am Apparat... in der Tardis! Ich befinde mich gerade...“ Der Doctor rannte um die Säule, um einen Blick auf einen Bildschirm zu werfen, der die nützlichsten Informationen seines momentanen Aufenthaltsort preisgeben sollte. Nach einigen Schritten musste er jedoch feststellen, dass das Kabel des Telefons zu kurz war. Warum er ein Telefon mit Kabel besaß war ihm in diesem Augenblick ein Rätsel. Nach einigen, vergeblichen Versuchen den beweglichen Monitor mit der Hand zu erreichen (den Hörer wollte er nicht vom Ohr nehmen, weil er befürchtete, dass der andere auflegen würde), stützte er sich schließlich an der Steuerkonsole ab und fischte mit dem Fuß nach dem Bildschirm. Endlich konnte der Doctor die Daten darauf erkennen.

„... im Jahr 10234 auf dem Planeten Honey Moon. Wenn man's recht bedenkt ein verwirrender Name für einen Planeten, denn man würde annehmen, dass es sich um einen Mond handle. Es regnet zur Zeit Zucker und mir ist der Tee ausgegangen. Die Engländer wären entsetzt, wenn sie das wüssten! Die Luftfeuchtigkeit müsste man als süß bezeichnen, die Gummistiefel wurden während eines Spaziergangs von meinen Füßen gegessen und verdammt noch mal, ich Dummkopf habe vergessen zu fragen, wer mit mir sprechen will!“

Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, verfluchte der Doctor seine offenkundige Nervosität. Immerhin war er ein über neunhundert Jahre alter Mann. Ein bisschen Souveränität und sei es auch bei einem der seltenen, doch heißgeliebten Telefonate, war mehr als angebracht.
Das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, schlug der Doctor einige Male mit der flachen Hand gegen die Stirn, um alle deplatzierten Emotionen aus dem Denkzentrum zu vertreiben.

Am anderen Ende der Leitung herrschte vorerst Stille, nur ein leises Rauschen war zu vernehmen. Der Doctor hoffte, dass kein Sternnebel für Empfangsstörungen sorgte. Das wäre nicht fair. Doch er wusste: Das Universum war selten fair. Dieses Mal hatte er aber Glück:

„Hallo, Doctor, hier spricht Russel T. Davies.“
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