Als der Dschinn mein Schlafzimmer verwüstete

von Federflug
KurzgeschichteHumor, Familie / P6
05.04.2013
05.04.2013
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Hallöchen und danke an alle, die das hier angeklickt haben! Mal schauen, ob ihr dahinterkommt, worauf das hier anspielt … arg schwer ist es allerdings nicht.

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„Omutti? Omutti!“
Als sie die Stimme ihres Enkelsohns Daniel hörte, schreckte Daliborka Kucera aus ihrem gemütlichen Spätabendsnickerchen. Vor ihr auf dem Sofa hockten ihre drei Enkelkinder, Daniel, acht Jahre alt, Milan, drei, und Taylor, fünfzehn.
Die gar nicht sooo alte Dame seufzte. „Was ist denn los, meine Schätzchen? Ihr müsstet schon lange im Bettchen liegen.“ Taylor stöhnte genervt. „Es ist halb elf, Omutti. Und es sind Ferien.“
„Taylor Großmädchen“, steuerte ihr kleiner Bruder Milan nicht sehr hilfreich bei. „Taylor muss erst zehn Uhr Bett.“ Taylor funkelte ihn böse an, sagte aber nichts.
Daliborka unterdrückte ein Husten. „Taylorschatzi, holst du mir bitte ein Glas Grapefruit-Avocado-Saft? Meine Stimmbänder sind so trocken.“ Die Fünfzehnjähhrige verzog sich maulend in die Küche. Es war so unfair! Seit Wochen hatte sie sich auf diese Ferien gefreut! Ihre Eltern wollten verreisen und sie hatte den perfekten Plan, ihre jüngeren Brüder bei Wasser und Brot in den Heizungskeller zu sperren und eine Megaparty zu schmeißen, und dann, fünf Minuten nachdem ihre Eltern losgefahren waren und als Daniel schon mit einem Fuß im Heizungskeller stand, waren ihre „Erziehungsberechtigten“ plötzlich mit quietschenden Reifen vorgerfahren und hatten mal eben schnell die Omutti abgeladen – frei nach dem Motto: „Ach, Taylor, was hälst du davon, in diesen Ferien nicht nur zwei kleine Landplagen, die sich als deine Brüder ausgeben, sondern auch noch eine im Rollstuhl sitzende Achtzigjährige zu versorgen, die durch irgendeinen Irrtum der Götter dein Omutti ist und dir immer noch Barbiepuppen zu Weihnachten schenkt? Danke!“
Aber das Schlimmste war, das Taylors Omutti eine unerklärbare Vorliebe für Grapefruitsaft mit gestampfter Avocado hatte – ein Gebräu, das so wiederlich roch und aussah (den Geschmack wollte Taylor gar nicht erst erfahren), dass Daniel und Milan es kurzerhand „Kackasuppe“ getauft hatten, ein Name, den inzwischen die gesamte Verwandschaft nutzte – Daliborka natürlich ausgenommen.
Als Daliborka Taylor aus dem Wohnzimmer zurief: „Taylorschatzilein, bring doch auch noch Gläser  für dich und deine Brüder mit, Avocado ist ja so gesund“, hätte Taylor das Zeug am liebsten in den nächstbesten Gulli geschüttet. Damit hätte sie der Stadt einen Gefallen getan – garantiert wären sämtliche Ratten im ganzen Land an Kackasuppevergiftung eingegangen.
Während die Fünfzehnjährige in der Küche lärmte und fluchte, wandte sich die gar nicht sooo alte Dame an ihre Enkelsöhne. „Gibt es einen Grund, dass ihr mein Nickerchen stört?“ Die beiden nickten. „Wisswolle warum du dada wo du sein kann Haus“, erkärte Milan. „Wir wollen wissen, warum du hier bist, wo du doch bei dir zu Hause sein könntest“, übersetzte Daniel.
Daliborka lächelte. „Ich warte schon die ganze Zeit darauf, dass ihr das fragt.“
Taylor kam angestampft. Sie hatte es irgendwie fertiggebracht, vier Gläser auf einmal anzuschleppen, ohne auch nur einen Tropfen Kackasuppe zu verschütten.
Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich ihrer Omutti zu widersetzen. Der einzige Weg, um das Gesöff nicht trinken zu müssen, war, das Glas immer wieder zu den Lippen zu führen und so zu tun, als würde sie trinken, und sich möglichst schnell auf ihr Zimmer zu verdrücken, das Glas mitzunehmen und den Inhalt ins Klo zu schütten.
Nachdem Taylor die Gläser auf dem Sofatisch abgeladen hatte, setzte sie sich zwischen ihre Brüder und hakte den Abend in Gedanken schon mal als Lebenszeitverschwendung ab. „Also, Omutti, dann erzähl mal.“ Taylor funkelte ihre Brüder an. „Und wehe, ihr unterbrecht sie.“ Daliborka strahlte ihre Enkeltochter an. „Danke, Taylorschatzileinileinchen.“
Taylor verkniff sich den Kommentar, dass sie eigentlich nur wollte, dass ihre Omutti möglichst schnell fertig wurde. Aber solange Daniel und Milan an ihren Lippen hingen, beschädigten sie wenigstens nichts.
Daliborka holte theatrelisch Luft und musste husten. In ihrem Alter sollte man nicht mehr so heftig einatmen. Als sie ausgehustet hatte, begann sie zu erzählen.
„Nun, wie ihr bestimmt wisst, habe ich ein entzückendes Haus am entzückenden alten Marktplatz im entzückenden Städtchen Prag. Liebevoll dekoriert, mit herrlichen Klöppelspitzen, wunderschönen Troddeln und entzückend lackierten rosa Fensterläden.“
Das überleb ich nicht, dachte Taylor.
Rosa wie die Haarschleife von Judita Miller, dachte Daniel.
Bestimmt gebengebes dada Bösosaurus, dachte Milan.  
„Ich saß da also in meinem Rollstuhl und löste ein Kreuzworträtsel, und dann noch eins und vielleicht auch noch eins. Und dann…“ Dramatische Pause.
Mach hinne, Alte, dachte Taylor.
Judita Miller mag Kreuzworträtsel auch, dachte Daniel.
Und dann komm stampfstampf Bösosaurus und macht happahapp weg Haus, dachte Milan.
„… durchzuckte mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Ich verschwendete mein Leben mit Kreuzworträtseln und Fernsehen. Da sagte ich mir: Das kann nicht alles sein. Und ich beschloss, von nun an nur noch sinnvolle Dinge zu machen und mein Leben zu verbessern.
Und ich fing gleich an damit, etwas Sinnvolles zu machen: Ich legte mein Kreuzworträtselheft weg, nahm noch einen tiefen Schluck Grapefruit-Avocado-Saft, stelle das Glas weg, rieb mir die Hände, atmete tief durch, genoss die jugendliche Kraft, die mich durchströmte und begann…“
So, jetzt kommts. Jetzt erhalte ich den Beweis, dass meine Omutti nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, dachte Taylor.
Judita Miller macht bestimmt auch den ganzen Tag sinnvolle Sachen, dachte Daniel.
…Ein wildgeworden brüllknurrfauch Bösosaurus mit pengpeng dischbummzack wegkämpfkämpf, dachte Milan.
„… sämtliche Kissen in meinem Wohn- und Schlafzimmer aufzuschütteln, die Spitze glattzustreichen und die Teppichfransen und die Vorhangtroddeln zu kämmen.“
Na los, gebt mir doch gleich den Gnadenschuss. Erlöst mich von der Qual, eine Bekloppte zu Omutti zu haben, dachte Taylor.
Ob der Teppich von Judita Miller wohl auch Fransen hat?, dachte Daniel.
Brüllknurrfauch Bösosaurus hat besser seint, dachte Milan.
„Ich machte das also so, ein oder zwei Stunden, oder vielleicht auch drei, da hörte ich plötzlich von unten auf dem Marktplatz einen rechten Tumult. Ich rollte meinen Rollstuhl zum Fenster und warf nur einen kurzen Blick nach draußen. Da bemerkte ich die Soldaten, es musste wohl die halbe Armee sein, die unseren entzückenden alten Marktplatz umstellt hatte, da schloss ich lieber schnell den Fensterladen und verriegelte das Fenster. Dann machte ich mich flott wieder ans Werk und schüttelte die Kissen auf und schlich die Spitzenbesätze glatt und kämmte die Teppichfransen und Vorhangtroddeln. Da ertönte plötzlich von draußen ein Schuss und ließ mich zusammenfahren.“
Tötet mich jetzt und erspart mir diese Folter, dachte Taylor.
Judita Miller würde diese Geschichte bestimmt gefallen. Und dann, wenn es so spannend wäre wie jetzt, würde sie vielleicht sogar meine Hand nehmen und … , dachte Daniel.
Sicher Soldatblaus mach pengbummpeng auf Bösosaurus, dachte Milan.
„Einen Moment saß ich wie erstarrt da. Dann brach draußen plötzlich ein Geschrei und Geschieße los, Menschen schrien und schossen, und auf dem Dach hörte ich klar das Tappen und Keckern kleiner Kreaturen! Ich konnte mich gerade noch umdrehen, da passierte es.“ Noch eine dramatische Pause. Um die Spannung zu steigern, trank Daliborka erst einen tiefen Schluck Grapefruit-Avocado-Saft.
Sabbel schon weiter, Alte, und sieh zu, dass du endlich fertig wirst. Manche Leute haben nämlich Hobbys, stell dir mal vor, dachte Taylor.
Vielleicht würde Judita Miller die Geschichte doch nicht mögen. Sie kann Gewalt ja nicht leiden, dachte Daniel.
Dachoben tapptapp sicher Kleinbösosauruses, dachte Milan.
„Die. Gesamte. Wand. Explodierte. BUMM!“
Daliborka riss die Arme in einer eindrucksvollen Geste auseinander und kippte dabei Daniels Glas um. Die widerliche Pampe ergoss sich über den Parkettboden und Daniel stieß einen stummen Jubelschrei aus. Taylor stieß einen nicht stummen Nichtjubelschrei aus. „Jetzt darf ich wieder wischen, häh? Danke auch, Omutti.“ „Hupsi.“ Daliborka kicherte wie ein kleines Mädchen, während Taylor zeternd in der Küche verschwand, um einen Wischlumpen zu holen. Als sie fertiggewischt hatte, fuhr ihre Omutti fort. „Also, wo war ich stehengeblieben?“
„Beim BUMM!“, erinnerte Milan sich und machte exakt dieselbe Geste wie seine Omutti zuvor. Da er allerdings wesentlich schwungvoller war als die gar nicht sooo alte Dame, kippte Daliborkas Glas nicht nur um, sondern segelte über die Tischkante und klatschte mich einem eindrucksvollen Klirren an die einst weiße Wand. „Hupsi.“
Taylor schrie vor Wut und schnappte sich wieder den Putzlumpen. Daliborka seufzte leise. „Schade um den schönen Grapefruit-Avocado-Saft.“ „Du kannst mein Glas haben“, schlug die putzende Taylor vor. „Wirklich?“ Das Gesicht ihrer Omutti hellte sich auf. „Danke, Taylorschatziherzileinileinchen. Ich erzähle schon mal weiter, wenn's dich nicht stört, ja?“
„Mach nur“, sagte Taylor.
„Wo war ich stehengeblieben? Ah ja, beim BU…“ Schneller als ein Schwein blinzeln kann, war Taylor bei ihrer Omutti und hielt ihre Hände fest. „Das lässt du schön sein.“
Daliborka seufzte tief. „Na schön. Also, Die gesamte Wand explodierte. Bumm. Und mir bot sich der seltsamste Anblick, den ich je gesehen habe und den ich wohl jemals sehen werde.“
Sehr viel wirst du ohnehin nicht mehr sehen, dachte Taylor. Und schämte sich ungewöhnlicherweise  für diesen Gedanken.
Spätestens jetzt würde Judita Miller meine Hand nehmen, dachte Daniel.
Jetzt komm Bösosaurus trampeltrampf rein und happhapp weg Haus weg Omutti, dachte Milan.
„Über meinen Kopf hinweg segelte ein großer, moosbewachsener Wasserspeier, der einen zeternden Jungen im Arm hielt und offenbar ziemlich fest zudrückte. Der Wasserspeier war nicht gerade ein Ausbund an Schönheit und der Junge ehrlich gesagt auch nicht. An die steinerne Figur kann ich mich nicht genau erinnern, aber der Junge sah aus wie ein Zauberer.“
Im Garten von Judita Millers Eltern steht auch ein Wasserspeier, dachte Daniel.
Bestimmt rennweg die vor Bösosaurus, dachte Milan.
Also wie ein geschniegelter, arroganter, selbstverliebter, unhöflicher, uncharmanter, versnobter, herausgeputzter, lächerlicher, alberner, verachtenswerter Lackaffe, dachte Taylor.
Während ihres Schüleraustausches mit einem Schüler aus London hatte sie ein Date mit einem ganz hübschen jungen Zauberer gehabt. Alles aufzuzählen, was der eingebildete Kerl an diesem Abend falschgemacht hatte, hätte Tage gedauert (zum Beispiel hätte er ihr weder in allen Einzelheiten erklären müssen, warum die Londoner den Pragern haushoch überlegen waren, noch hätte er ihr Fotos der ganzen Mädchen zeigen müssen, die er schon mal gedatet hatte), aber auf jeden Fall hatte es damit geendet, dass er einen Dschinn der mittleren Ebene zu seinem Schutz hatte beschwören müssen, um zu verhindern, dass Taylor ihn mit einem Kerzenständer und einem gekochten Hummer windelweich prügelte.
„Der Junge fluchte, was das Zeug hielt, und verschmutzte mein schönes Schlafzimmer so nicht nur mit Mörtel und Schmutz, sondern auch noch mit Schimpfworten.“ Daliborka hielt es für unnötig zu erwähnen, dass sie sich auch nicht gerade jugendfrei ausgedrückt hatte, und leerte ihr Glas stattdessen in einem Zug. „Aber der absolute Gipfel ist, dass er die ganze Zeit eine Bratwurst in der Hand hielt. Und dass die Sauerkrautbeilage, als die beiden über mich hinwegflogen, auf meinen Kopf fiel. Dann donnerten sie zur gegenüberliegenden Hauswand wieder hinaus. Sekunden später stürmten an die dreißig Foliot, die vom Dach gesprungen waren, durch mein Zimmer und rissen mich arme alte Frau einfach um.“
Taylor hatte große Augen bekommen, während ihre Omutti fertigerzählt hatte. Einen Moment herrschte vollkommene Stille, dann begann die Fünfzehnjährige, laut und schrill zu lachen. „Du hast … Loch in Wand … Foliot … Sauerkrautperücke … echt jetzt?!?“ Taylor lachte so sehr, dass sie vom Sofa fiel.
Daliborka schüttelte gutmütig lächelnd den Kopf und tätschelte ihren beiden staunenden Enkelsöhnen die Köpfe. „Jetzt habe ich aber genug erzählt. Ab ins Bett mit euch.“
„Ich bin nicht…“ Daniels restlicher Satz ging in einem gewaltigen Gähnen unter.
Taylor wälzte sich lachend am Boden.
Milan nickte artig. „Ich bin superdupermegamäßig doll müde.“
Er streckte und räkelte sich ausgiebig. Und irgendwie überraschte es niemanden so richtig, dass er versehentlich sein als einziges noch volles Kackasuppeglas erwischte und vom Tisch fegte.
Und irgendwie überraschte es auch niemanden, dass das Glas, bevor es an der Wand zerschellte, seinen gesamten Inhalt über Taylors Kopf abgab.
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