Familiäre Fürsorge

von Goldberry
KurzgeschichteHumor / P12
Legolas Thranduil
04.04.2013
11.10.2013
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Familiäre Fürsorge

Hätte Thranduil geahnt, was Legolas’ Botenritt mit sich bringen würde, hätte er seinen Jüngsten sicher nie nach Imladris geschickt. Nie. Nicht für alles Gold, Silber, Mithril und alle Ringe Mittelerdes als Zugabe.

Wie aber schon viele Eltern feststellen mussten, können sie nicht alles im Leben ihrer Kinder kontrollieren. Selbst über die wichtigen Eigenschaften wie Aussehen und Charakter hatten sie keine Entscheidungshoheit. Was Thranduil sehr bedauerte. Denn hätte er dieselbe gehabt, hätte er dafür gesorgt, dass sein Sohn mit fettigem Haar, hervorstehenden Augen und einer Menge Pickel in Bruchtal aufgelaufen wäre. Wenn sich schon Legolas’ Teilnahme an dieser Selbstmordmission, die Elrond so freundlich „Ringbruderschaft“ genannt hatte, nicht vermeiden ließ.

Leider hatte Legolas’ Haar aber einen natürlichen Schutz gegen Fettablagerungen sowie Dreckspuren aller Art. Wie Thranduils eigenes auch. Hervorstehende Augen lagen ebenfalls nicht in der Familie, und wer hatte jemals einen Elb mit Pickeln gesehen?

Es hätte Thranduil daher nicht verwundern sollen, dass sein Sohn mit einer Horde weiblicher Wesen im Schlepptau heimkehrte, die alle Bewohner des Düsterwaldes nach spätestens der ersten Woche als mögliche Spinnenköder und davon abgesehen als äußerst lästige Ergänzung des Alltags sahen. Sein Sohn eingeschlossen. Deshalb begannen zwei Wochen nach der Heimkehr seines Jüngsten die heimlichen Bauarbeiten an einem verzwickten Tunnelsystem. Da waren alle Versuche, die aufdringlichen Biester (nicht die Spinnen, die Mädchen) loszuwerden, gescheitert. Die Bauarbeiten wurden unter strengster Geheimhaltung vorangetrieben, mit dem Ziel, sie vor den Damen geheimzuhalten. Die hörten komischerweise alle entweder auf den Namen „Mary“ oder „Sue“.

Es gelang den Elben des Düsterwaldes nur mithilfe eines schweren Opfers, dem Thranduil mit blutendem Herzen zustimmte: Sie lieferten ihnen den hilflosen Legolas für die Dauer eines Jahres aus.

Bei der Rettungsaktion nach Abschluss der Bauarbeiten führte Thranduil persönlich das Rettungskommando an und schlief die folgenden zwei Jahre jede Nacht in Legolas’ Bett. Das hatte er manchmal (zu sehr seltenen Gelegenheiten!) getan, als sein Sohn ein Kind gewesen war und einen Alptraum gehabt hatte.
Komischerweise hatte er nach den Mary & Sues mehr Alpträume als jemals als Kind.

Das neue Tunnelsystem bewährte sich allerdings hervorragend in diesen Jahren, und so hoffte Thranduil, die Mary & Sues nun endlich wieder loszuwerden. Jetzt konnte Legolas sich von ihnen ungesehen durch die Festung bewegen und sich jederzeit bei Sichtkontakt in die geheimen Gänge flüchten (was seiner Paranoia und seinen Alpträumen definitiv zuträglich beziehungsweise abträglich war. Im Sinne von: sie verschwanden). Auf die Dauer würde es ihnen zweifellos ohne Legolas zu langweilig werden und sie würden einfach wieder verschwinden.

Außerdem wollte er nicht noch mal zwei Jahre in Legolas’ Bett verbringen. Bei aller Liebe zu seinem Sohn – bei jedem Alptraum von seiner Zeit als Gefangener der Mary & Sues warf er Thranduil aus dem Bett. Und eins konnte er Elrond auf jeden Fall nicht vorwerfen, dass Legolas’ Training auf seiner Reise vernachlässigt worden wäre.

Der Junge schlug verdammt hart zu.

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


„Ada.“

„Mhm.“

Legolas sah von seiner Ausgabe der Mittelerde aktuell hoch, die er mittlerweile aus Gründen der Kreischie-Vorsorge abonnierte (so wie Aragorn, Haldir, Faramir und die Hobbits übrigens auch – der Leitartikel, es war immer der Leitartikel der kommenden Ausgabe, der die besten Hinweise auf bevorstehende Invasionen gab) und bedachte seinen Vater mit einem nachsichtigen Blick. Thranduil hatte mal wieder eine schwere Nacht gehabt. Das sah man dem armen Elb an. Wahrscheinlich hatte er erneut versucht, mit einem seiner Berater eine einigermaßen angemessene Antwort auf Elronds letzten Brief aus Imladris zu finden.
Da Erestor den Text verfasst hatte, hatten sie sich zuerst entscheiden müssen, ob, wie und wenn ja, wie schwer Thranduil in selbigem Brief beleidigt worden war.

Es war nicht leicht, der König vom Düsterwald zu sein.

Dennoch konnte Legolas seinen Vater nicht sehenden Auges in sein Unglück laufen lassen. Immerhin hatte er ihn nach einem Jahr Gefangenschaft wieder aus den Händen der Mary & Sues befreit. Legolas war nicht nachtragend. Nicht allzu sehr jedenfalls. Nicht mehr, seit er Thranduil dem Arm gebrochen und die Hüfte ausgerenkt hatte, als er ihn nach einem besonders heftigen Alptraum aus seinem Bett geworfen hatte.

„Ada, sie haben mit den Dreharbeiten zum Hobbit angefangen“, informierte er seinen Erzeuger daher pflichtbewusst. Der murmelte etwas vor sich hin, versank mit der Nase fast in seiner Teetasse und wurde nur von seiner Ältesten davor gerettet, auf seinem Frühstücksteller einzuschlafen.

Legolas hatte seine Pflicht getan, verkroch sich wieder hinter seine Zeitschrift und studierte interessiert die Bilder. Thorin sah besser aus als er sich das vorgestellt hatte. Und das war Gimlis Vater?! Naja – ob man das Familienähnlichkeit nennen konnte …


~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


„Da ist er. OMG DA IST ER!!!! Thranduiiiiiil!!!“

Thranduil zuckte so heftig zusammen, dass ihm beinahe das Weinglas herunterfiel. Dabei hatte er es sich gerade erst aus der Küche geholt. Als Ablenkung von Elronds Antwort auf seinen letzten Brief an ihn. Und als Entscheidungshilfe, wie er darauf antworten sollte. War „Eure aufgrund der abgelegenen geographischen Lage verständliche Zurückhaltung“ nun eine Beleidigung oder nicht?

Jetzt drehte er sich um und sah sich mit vier Mädchen konfrontiert, die ihn mit großen Augen und noch größeren Mündern anstarrten. Einer von ihnen tropfte ein bisschen Sabber aus dem Mundwinkel und Thranduil verzog angeekelt den Mund.

„OMG wie gut er das kann!!“ seufzte ein Mädchen hingerissen.

Jetzt war Thranduil wirklich verunsichert. Normalerweise ignorierten die Spinnenköder ihn geflissentlich. So wie sie jeden erwachsenen Elben ignorierten, der nicht Legolas war. Thranduil war zu froh darüber, um sich gekränkt zu fühlen. Obwohl er seinem Sohn ja doch ziemlich ähnlich sah. Oder vielleicht eher umgekehrt.

Aber jetzt ging es nicht um seinen Jüngsten, sondern um ihn. Denn es war eindeutig sein Name gewesen, der gerade gefallen war. Im Zusammenhang mit einer dieser unverständlichen Äußerungen, aus denen anscheinend der komplette Wortschatz der Mary & Sues bestand.

Er stand immer noch wie angewurzelt. Anscheinend war das ein Signal für die Mädchen, sich ihm weiter zu nähern. „Oh er ist so süüüß!“ fiel, dann ein: „Am Liebsten würd ich ihn anknabbern!“

Thranduils Augen weiteten sich ungläubig. Er wusste ja, dass Sabbern und dummes Zeug reden quasi zur Standardausstattung der Mary & Sues gehörten, aber normalerweise war das auf Legolas beschränkt. Warum jetzt er?!

Eine Mary (oder eine Sue; so genau konnte er das nicht sagen) baute sich genau vor ihm auf, starrte ihn mit großen, dümmlichen Kuhaugen an und säuselte: „Und die Krone steht dir sooo gut auch wenn du die Zwerge im Stich lässt, du unartiger König!“
Darauf folgte ein albernes Kichern. Thranduil hörte auf zu atmen. Oh. Oh nein. Oh nein nein nein. Eine Erinnerung an ein Frühstücksgepräch kam und damit ein vernichtender Satz.

Sie haben mit den Dreharbeiten zum Hobbit angefangen.

Die anderen drei drängten sich jetzt ebenfalls um ihn. Eine zupfte an seinem Ärmel. Thranduil merkte, dass seine Luft knapp wurde, aber er konnte nicht weiter atmen. Plötzlich verstand er das Konzept von „Platzangst“. Ein anderes Mädchen zupfte an seinem anderen Ärmel.
Und eines an seinem Haar.

„Hört sofort auf damit!“ Plötzlich fand Thranduil sowohl seine Stimme wie auch seine königliche Autorität wieder. Er richtete sich zu voller Größe auf und starrte die Mary & Sues wütend von oben herab an.

Aber statt zu flüchten, kicherten die nur albern und bekamen einen verdächtigen Glanz in den Augen. Die, die an seinen Haaren gezogen hatte, zupfte erneut daran und seufzte begeistert: „Das ist sooo cute und soft!“

Es war ein plötzliches Kreischen von der Seite, das Thranduil wieder aus seiner Schockstarre löste. „DA IST ER!!! NEHMT EURE FINGER VON IHM!!!“ kreischte eine plötzlich am Ende des Ganges aufgetauchte Mary. „THRANDUIL GEHÖRT MIR!!!“

Auf einmal war er genauso schnell wieder uninteressant, wie er interessant geworden war. Aber die Mädchen umkreisten ihn noch enger, sodass er sich nun nicht mal mehr hätte bewegen können, wenn er nicht immer noch an den Nachwirkungen des Schocks gelitten hätte.
Davon abgesehen – wenn er es doch tat, würde er einer der Marys oder Sues wehtun. Das konnte er ja nun auch nicht machen. Obwohl er vor sich selbst jederzeit zugeben würde, dass er immer noch einen gewissen Groll auf sie hegte – hatte entfernt was mit seinem Sohn und Alpträumen zu tun. Und mit einer gebrochenen Hüfte.

Sein Glück war, dass die Mary & Sues wenigstens für den Moment von ihm abgelenkt waren. Denn jetzt kamen zu der Mary am Ende vom Gang noch weitere dazu, und es waren mehr als die um ihn herum. Thranduil beobachtete entgeistert, wie sich die beiden Gruppen formierten. Die Mary & Sues bei ihm bauten sich in einer Reihe vor ihm auf und die anderen (bestimmt sechs oder sieben) taten das gleiche. Es war, als würden sie eine Schlachtordnung bilden, und wahrscheinlich taten sie das auch.

Begleitet wurde der fast faszinierend zu nennende Vorgang mit gezischten Beleidigungen, die Thranduil geflissentlich überhörte. Erstens fand er nämlich, dass junge Frauen solche Worte nicht in den Mund nehmen sollten, und zweitens fing es jetzt doch irgendwie an, interessant zu werden. Auf die gleiche Art und Weise, wie es interessant war, einen Streit zwischen einem Zwerg und einem Elben zu beobachten. Und wäre er nicht Gegenstand und Siegestrophäe der rasant nahenden Schlacht gewesen, hätte er es wahrscheinlich wirklich lustig gefunden.

Aber gerade als die beiden Kampfgruppen aufeinander losgingen, hörte er hinter sich plötzlich ein Flüstern. „Ada! Ada, schnell! Komm her!“

Thranduil dankte allen Göttern, die ihm spontan einfielen, für seine stoische Gelassenheit. Nur dank ihr drehte er sich nicht um, als er die Stimme hörte, und das war auch gut so. Denn so merkten die Mary & Sues in ihrer Wut überhaupt nicht, dass plötzlich ein weiterer Elb aus dem dunklen Gang hinter Thranduil auftauchte und ihn am Arm packte. „In zwei Sekunden, Ada!“ zischte er. „Zwei. Eins – los!“

Thranduil wirbelte auf dem Fuße herum, raffte seine Gewänder und rannte seinem Sohn hinterher.

Es dauerte zwar einen Moment, bis die Mary & Sues erstens Legolas’ Auftauchen und zweitens seine und Thranduils Flucht bemerkten. Aber dann reagierten sie sehr schnell und für die Elben sehr unerwartet.

„HINTERHER!! LASST SIE NICHT ENTKOMMEN!!!“, brüllten und kreischten und quietschten sie und nahmen die Verfolgung auf. Thranduil verfluchte seine langen Gewänder (wobei einem unbeteiligten Beobachter aufgefallen wäre, dass sein Fluchwortschatz noch weitaus reichhaltiger war als der der Mary & Sues) und Legolas lachte ihn von der Seite her aus. „Siehst du, Ada, darum trage ich grundsätzlich meine Waldläuferausrüstung bei mir! Soll ich ein paar von ihnen erschießen?“

Sie nahmen eine scharfe Kurve und hasteten nun eine Treppe hinauf. Thranduil keuchte ein wenig (diese Roben waren aber auch schwer!) und nutzte die Gelegenheit, sie erneut zu fassen, sodass er leichter laufen konnte. Legolas hingegen blickte über die Schulter zurück und griff nach einem Pfeil in seinem Köcher.

„Untersteh dich!“, wehrte Thranduil entsetzt ab und packte seine Hand. „Wir sind immer noch Elben, Legolas! Wir erschießen nicht grundlos Menschen! Bei Zwergen könnte man vielleicht darüber reden, aber doch keine Menschen! Nicht mal Mary & Sues.“

„Schade!“ bedauerte sein Jüngster und steckte den Pfeil wieder zurück. „Fertig, Ada? Gleicht geht’s scharf nach links und dann sind wir am Eingang. Wir müssen jetzt schnell sein. Hörst du? Sonst sehen sie uns!“

„Ich bin immer schnell! Was glaubst du eigentlich, von wem du deine Schnelligkeit geerbt hast!“ empörte sich Thranduil, hörte das erste triumphierende Kreischen und setzte sich mit einem Blitzstart in Bewegung, der Schattenfell Ehre gemacht hätte. Schlitternd und rutschend flitzte er hinter seinem Sohn um die nächste Ecke und hielt quietschend an. Legolas hatte schon den Wandbehang nach vorne gezogen und die dahinter versteckte Öffnung zugänglich gemacht. „Hier rein, Ada!“

Sie hatten es gerade in den Gang geschafft, als ihre Verfolgerinnen den kleinen Raum erreichten und verwundert abstoppten. „Thranduil! Thraaanduiiil!“ scholl es zu ihnen, und: „Legolas! Legolaaaas! Leggyyy! Wo bist du denn?!“

Es klang ziemlich verzweifelt. Die beiden Elben störte das allerdings kaum. Rauskommen würden sie deswegen jedenfalls sicher nicht. Mit zitternden Händen strich Thranduil sich das Gewand und gleich darauf das Haar glatt. „Das ist eine Katastrophe!“ stöhnte er, so leise es ihm möglich war. „Wir hatten uns ja alle dran gewöhnt, dass sie hinter dir her sind, aber warum jetzt auch noch hinter mir?!“

„Ich hab dich doch gewarnt, Ada“, sagte sein Sohn geduldig. „Ich hatte dir gesagt, dass sie mit den Dreharbeiten zum Hobbit angefangen haben.“

„Aber ich komme doch kaum vor in dem Film!“ empörte sich Thranduil. „Wie oft sieht man mich? Ein Mal? Zwei Mal?! Das ist doch noch lange nicht genug, um so was zu rechtfertigen!“

Sein Jüngster lachte glucksend und teilte den Wandbehang vor ihnen vorsichtig, sodass sie in den Raum sehen konnten. Die Mary & Sues hatten sich mittlerweile in kleine Suchtrupps aufgeteilt und öffneten systemaisch alle Truhen und Schränke darin. „Ach Ada, du bist immerhin mein Vater, und ich habe gelesen, dass du sehr majestätisch wirkst auf deinem Reitelch.“

„Meinem was?!“

Thranduil schlug sich die Hand vor den Mund. Aber da die Mary & Sues gerade in Streit darüber geraten waren, welcher Elb nun der majestätischere war, hörten sie ihn zum Glück nicht.

„Ich habe was?!“ zischte Thranduil Legolas jetzt zu und sein Sohn bekam einen Lachkrampf. Thranduil bewunderte ihn ehrlich dafür, wie leise er dabei bleiben konnte. Das änderte aber nichts daran, dass er eine Antwort haben wollte. „Ich habe was, Legolas?“ fragte er daher in drohendem Tonfall und der Junge hielt inne.

„Ja, du hast einen Reitelch“, sagte er und konnte dabei nicht ernst bleiben. „Also ich glaube wenigstens, dass es ein Reitelch ist. Es könnte aber auch ein Reitrentier sein. Es sah – komisch aus. Irgendwie.“

„Ich steige überhaupt gar nicht auf die Rücken von irgendwelchen Tieren!“ entrüstete sich Thranduil. „Jedenfalls nicht mehr seit dem letzten Krieg. Pferde! Reitelche! Reitrentiere! Neumodischer Quatsch! Was kommt als nächstes? Reitende Zwerge?“

„Ada, hast du schon vergessen, dass die Zwerge auf dem Weg zum Erebor auch geritten si-“

Der König des Düsterwaldes schnaubte. Aber er sagte nichts. Er murmelte nur etwas. „Das waren Ponys. Ponys sind nicht zum Reiten da, sondern zum Essen.“

Legolas kicherte. „Legolaaaas!“ jammerte jemand vor dem Vorhang und Legolas lachte noch mehr. Er bebte regelrecht vor Lachen. „Ach Ada, sie haben doch ein ganz lustiges Bild abgegeben, oder nicht?“

Das kommentierte Thranduil nicht. Stattdessen verlegte er sich jetzt selbst aufs Jammern: „Was wollen die von mir? Ich bin der König des Düsterwaldes! Ich kann nicht so wie du darauf umsteigen, mich nur noch in Geheimgängen fortzubewegen! Das geht nicht! Da sieht mich mein Volk ja gar nicht mehr!“

Sein Sohn murmelte etwas und Tranduil spitzte die Ohren. „Wie bitte?“

„Nichts, nichts.“ Legolas schob erneut den Vorhang beiseite und spitzte hinaus. Thranduil verengte misstrauisch die Augen. „Was hast du gesagt, Legolas?“
Er achtete darauf, es genau in jenem Tonfall zu sagen, der bei seinen Kindern immer sofortiges schlechtes Gewissen hervorrief. Das und die Wahrheit.

Auch diesmal verfehlte er seine Wirkung nicht und Legolas wurde rot bis in die Ohrspitzen. „Ich habe nur gesagt, dass du – also, dass dein Volk – wir würden dich schon nicht vergessen, Ada! Und das hier ist erst der Anfang. Bestimmt. Das werden noch viel mehr, sobald du mal richtig viel Screentime hast. Glaub mir. Ich spreche da aus Erfahrung.“

Thranduil knurrte und schob seinen Sohn ein wenig zur Seite, um selbst zu den Mary & Sues hinauszusehen. Sie hatten sich in der Mitte des Raumes versammelt und konferierten miteinander. Den wütenden Stimmen nach zu schließen sah es nicht gerade danach aus, als würden dabei irgendwelche verwertbaren Ergebnisse herauskommen. Das fand Thranduil beruhigend. Feinde, die sich nicht über ihre Taktik einig werden konnten, waren keine Feinde, die er sonderlich ernst nehmen konnte.
Weniger beruhigend hingegen fand er, dass immer wieder quietschende Seufzer die Beratung unterbrachen. Sie hatten meist seine oder Legolas’ Haar, sein oder Legolas’ Gesicht, seine oder Legolas’ Figur, seine und Legolas’ Künste im Bett und gelegentliche Vergleiche zwischen beiden zum Inhalt.

Thranduil fragte sich, woher die Mary & Sues wussten, wie Legolas und er im Bett waren. Soweit ihm bekannt war, wusste über seine Künste nur ein einziges weibliches Wesen Bescheid – die Mutter seiner Kinder, die ihn bedauerlicherweise nach einem, ähm, kleinen Ehekrach hier mit all seinen Nachkommen und der Bemerkung „Mach’s besser, wenn du glaubst, dass du’s kannst!“ hatte sitzenlassen.
Im Großen und Ganzen war Thranduil schon der Meinung, dass er sich gut geschlagen hatte als alleinerziehender Vater; doch er konnte sich die Reaktion seiner Liebsten auf Legolas’ Teilnahme an der Ringbruderschaft und seine Gefangenschaft bei den Mary & Sues lebhaft ausmalen und ... man konnte vielleicht sagen, es gab einige gute Gründe dafür, warum er seine Abreise in freundlichere (und vor allem Mary & Sue-freiere Gefilde) immer wieder hinausschob. Auch wenn sein geliebtes Frauchen in den Unsterblichen Landen wohl kaum noch Möglichkeiten haben würde, ihm aus dem Weg zu gehen.
Er allerdings auch nicht, ihrem Zorn zu entkommen ...

Gewaltsam riss Thranduil sich von seinen ehelichen Problemchen los, warf einen erneuten Blick durch den Vorhang und setzte sein Lamentieren fort: „Warum noch mehr. Warum überhaupt? Und warum ich?!“, stammelte er und erntete einen mitfühlenden Blick von seinem Sohn. „Ada, ich weiß ja, dass du Wichtigeres zu tun hast – Düsterwald regieren, Spinnen jagen, Orks töten und Zwerge einsperren –, aber du hättest dich wirklich auf dem neusten Stand halten sollen, was die Kreischies angeht. Inzwischen machen die vor nichts mehr Halt. Da wird alles abgegriffen, verslasht, gemaryt und gesuet, was sich nicht rechtzeitig verkrochen hat.“

„Aber doch nicht ich!“ schnappte Thranduil empört nach Luft. „Ich bin der König des Düsterwaldes!“

„Und ich dein Sohn. Das hat sie auch nicht gehindert“, erwiderte sein Junge unerschütterlich und Thranduil musste grantig zugeben, dass der Gedankengang nicht ganz unlogisch war. „Außerdem“, fuhr Legolas vergnügt fort, während er durch einen Schlitz im Vorhang nach draußen spähte, wo die Mary & Sues immer noch beratschlagten (oder über die Länge gewisser Körperteile gewisser Elben stritten, so genau war das nicht zu unterscheiden), „müssen sie dich doch dazu bringen einzusehen, wie sehr du mich während meiner Kindheit vernachlässigt und unterbewertet hast. Von den vielen Schlägen, die du bereuen musst, mal ganz abgesehen. Es ist schließlich total ungerechtfertigt von dir, so böse auf mich zu sein, weil ich Schuld am Tod meiner Mutter und hübsch und anziehend und so liebenswert bin. Schließlich ist es als guter Vater doch deine Pflicht, mich zu einem selbstständigen, starken Elben zu erziehen, der die Gemeinschaft des Rings nach Mordor begleiten kann.“

Thranduil klappte die Kinnlade nach unten (was nicht sehr majestätisch aussah und seinem Sohn daher den nächsten stillen Lachkrampf bescherte) und rang gleich darauf verzweifelt die Hände. „Legolas, ich habe mich immer gut um dich gekümmert! Denkst du noch an die blauen Flecke, die ich hatte, wenn wir früher ‚Hau den Ork‘ gespielt haben? Oder – oder meine ausgerenkte Hüfte? Oder meinen Arm? Ich wollte dich den Mary & Sues wirklich nicht ausliefern, aber wir hatten keine andere Wahl, wenn die Bauarbeiten unbemerkt vor sich gehen sollten … Wir haben das doch alles nur für dich gemacht! Bitte erzähl deiner Mutter nichts davon! Und – Moment mal – deine Mutter ist nicht tot! Was sind das denn für Lügengeschichten!“

Wütend ballte er die Fäuste und Legolas ließ den Vorhand endgültig zufallen. Er drehte sich um, ergriff Thranduils Hand und führte seinen Vater hinter sich her durch die dunklen Geheimgänge. Im Gegensatz zu den großen, offiziellen Gängen waren sie nur spärlich erleuchtet und Thranduil stolperte einige Male, aber Legolas hielt ihn gut fest. Er plauderte sogar fröhlich vor sich hin: „Ach, Unsinn! Ada, ich weiß doch, dass du ein guter Vater bist. Das sind doch nur ihre absurden Ideen, die sie sich abends gegenseitig erzählen. Ich hab das so oft mitgehört, ich weiß genau, was sie glauben. Aber das ist alles Blödsinn.“

Er hielt an einer Kreuzung an und bog ab. „Hier entlang kommen wir zu unsren Räumen, Ada. Merk dir den Weg gut. Wenn du wüsstest, wieviele verschiedene traumatische Kindheiten ich durchlebt habe – das ist echt erstaunlich! Also ich meine, es geht natürlich noch traumatischer, und die Gefangenschaft bei den Mary & Sues war definitiv traumatischer als alle von diesen erfundenen Kindheiten. Aber wenigstens weiß ich jetzt, dass ich mit allen schrecklichen Kindheitstraumata fertig werden kann – weil ich die ja gar nicht hatte –, weil nichts schlimmer sein kann als bei denen gefangen zu sein. Aber du hast mich ja gerettet. So schlimm war das also auch gar nicht. Und ich verrate Nana auch nichts davon. Versprochen, Ada.“

Thranduil folgte seinem Sohn und fühlte sich dabei wie taub. Zum Einen, weil es ihm jetzt unglaublich leid tat, dass er seinen Sohn – sein eigen Fleisch und Blut! – diesen elbstollen Mary & Sues in die Klauen geworfen hatte, und zum Zweiten, weil er sich nicht vorstellen konnte, wie er das überleben sollte. Oh gnädiger Illuvatar! Ihm wurde ganz anders, wenn er daran dachte, welche Invasionen von Mary & Sues ihnen nun bevorstanden. Wo doch nicht nur ein Mitglied der Familie auf der Abschussliste stand, sondern sogar zwei! Das waren schrecklich, furchtbare, entsetzliche Aussichten!

Vielleicht war es doch langsam an der Zeit, nach Aman zu reisen und sich dem Zorn seiner Frau auszusetzen ... schlimmer als das hier konnte es ja wohl auch nicht sein ...

Seinen Sohn bekam das Grübeln seines Vaters gar nicht großartig mit. Er plauderte fröhlich weiter. „Siehst du, Ada, es war also wirklich gut, dass du die Geheimgänge eingerichtet hast. Sehr vorausschauend, das muss ich schon sagen. Aber weißt du – ich denke, dass dieses Mal aber du den Mary & Sues zum Fraß vorgeworfen wirst, wenn wir die Geheimgänge so erweitern, dass du auch überall dahin kommst, wo du hin musst.“

Er machte ein kurze Pause und überlegte. Dann strahlte er. „Aber ich sag dir was: wenn du danach Alpträume hast, schlaf ich auch bei dir im Bett! Versprochen, Ada!“

Thranduil hielt abrupt inne und starrte seinen Jüngsten an. „Das würdest du tun?“ hauchte er ergriffen und Legolas lächelte zurück. „Aber sicher doch, Ada! Nana hat doch auch immer gesagt: Familie muss zusammenhalten!“

Thranduil liebte seinen Sohn. Wirklich. Wirklich, wirklich, wirklich. Und wenn er diesen Zwerg tatsächlich mit in die Unsterblichen Lande nehmen würde, wie er angekündigt hatte, würde Thranduil höchstpersönlich dafür sorgen, dass die anderen Elben ihn anständig behandelten.

Bei Illuvatar! wenn Legolas ihn vor den Kreischies rettete, konnte er diesen Zwerg seinetwegen sogar heiraten!

Ende



Ich bin auf die Idee gekommen weil ich irgendwo gelesen habe, dass jemand sich darüber gewundert hat, dass beim Hobbit bisher so wenig Fanfictions zu Thranduil sind. So als kleiner Ausblick darauf was passiert wenn er dann wirklich konkret mitspielt.
Oh, und natürlich gehört mir nichts. Gar nichts. Außer der Idee. Und naja, selbst auf die bin ich durch jemand anderes gekommen...
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