Hand und Pfote

GeschichteFreundschaft, Sci-Fi / P16
OC (Own Character)
03.04.2013
03.04.2013
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03.04.2013 4.602
 
Jharr rannte gehetzt durch den Wald. Auf allen Vieren eilte er über dem Waldboden. Die Stimmen der ihn verfolgenden Barbaren konnte er immer deutlicher hören, sie waren ihm schon dicht auf den Fersen.
Die Taratze lauschte angestrengt. Doch die Schritte der Barbaren entfernten sich wieder. Und als Jharr sie überhaupt nicht mehr hören konnte, schlich er weiter. Glücklicherweise war er, als Taratze, an das Leben in Wäldern viel besser angepasst, als die Menschen die ihn verfolgten. Sein Fell war braun, allerdings von einer sehr hellen Farbe. Die anderen Taratzen hatten meist dunkleres Fell. Doch Jharr war der Sohn eines Taratzenkönigs, und so würde sich sein Fell im Laufe der Zeit auch immer mehr aufhellen. Die Taratzen in seinem Rudel lebten in selbstgebauten Dörfern, und schliefen meist in Hütten. Das unterschied sie von den meisten Taratzenrudeln, die sich für gewöhnlich in Wäldern oder Höhlen aufhielten.
Jharr war noch recht jung. Er hatte erst zwei Winter erlebt. Wenn er sich aufrichten würde, würde er einem Menschen bis zum Bauchnabel reichen. Es würde noch einige Zeit dauern, bis er größer als ein Mensch war.
„Wenn ich diese Zeit noch habe“ dachte er bei sich, „Die anderen hatten Recht. Ich hätte mich den Nackthäutern nicht nähern sollen. Aber ich war doch so neugierig.“
Jharr bemerkte einen Laubhaufen, der nach Mensch roch. Neugierig, was denn der Grund dafür sein konnte, ging die Taratze auf den Haufen zu. Er streckte seine rechte Vorderpfote aus, um ihn vorsichtig zu berühren. Das war ein Fehler. Plötzlich gab der Boden unter ihm nach, und Jharr fiel in eine Grube. Es war keine tiefe Grube. Wenn er sich aufrichtete, konnte er immer noch den Rand erreichen. Doch ein schwerer Ast lag auf seinen Hinterbeinen. Sosehr Jharr es auch versuchte, er konnte ihn einfach nicht bewegen. Dann näherten sich Schritte.
„Ich wusste doch, dass dieses Vieh in unsere Falle tappen würde.“ sagte ein weiblicher Nackthäuter, wie Jharr es verstand.
Fast alle Taratzen beherrschten die menschliche Sprache, und konnten sich teilweise auch in ihr artikulieren.
„Dann hattest du ja Recht.“ kommentierte ihr männlicher Begleiter tonlos.
Das Mädchen war noch sehr jung, vielleicht 15 Jahre alt. Der Junge schien nicht viel älter zu sein. Jharr erkannte ihn. Das Mädchen hatte er vorher nicht gesehen, aber der Junge hatte ihn neugierig gemacht. Während die anderen männlichen Nackthäuter voreinander ihre Stärke maßen, und dabei versuchten, die weiblichen Nackthäuter zu beeindrucken, hatte er ein gutes Stück abseits unter einem Baum gesessen. Er hatte über etwas nachgedacht, oder in den Tag geträumt. Das tat Jharr auch ganz gerne, und so hatte sich die Taratze gefragt, ob dieser Nackthäuter unter seinesgleichen eine ebensolche Ausnahme war, wie er unter seinen Artgenossen. Dummerweise hatte Jharr in seiner Neugier vergessen, auf seine Tarnung zu achten. Dies würde ihm nun zum Verhängnis werden.
„Wir haben ihn gefunden“ fuhr das Mädchen fort, „Also steht uns auch das beste Stück Fleisch zu. Ich denke, das ist nicht das einzige Stück Fleisch, mit dem ich heute Abend Vergnügen haben werde, oder?“
Die Art und Weise, wie sich das Mädchen an ihren Begleiter rieb, deutete Jharr so, dass sie vorhatte, sich mit ihm zu paaren. Bloß entging dem weiblichen Nackthäuter wohl, dass dieses Männchen dieser Vorstellung nicht sehr zugetan war. Zumindest interpretierte Jharr so dessen Gesichtsausdruck.
Er strengte sich noch mehr an, zog wie wild an seinen Beinen und seinem Schwanz, doch es ließ sich nichts machen. Das Mädchen hob ihren Speer, bereit, mit ihm zuzustoßen. Gewalttätigkeit und Gier spiegelte sich in ihren Augen, als sie immer näher kam. Jharr quiekte vor Angst, doch er konnte nichts machen. Plötzlich tat jedoch der männliche Nackthäuter etwas, was die Taratze erstaunte. Mit voller Wucht zog er das stumpfe Ende seines Speers über den Kopf des Mädchens. Diese wurde auf der Stelle bewusstlos und fiel zu Boden.
Der Junge kam näher, doch Jharr war zu erstaunt, um sich zu fürchten. Das legte er seinen Speer zur Seite, packte mit beiden Händen den schweren Ast und hob ihn mühsam hoch. Kaum spürte Jharr das Gewicht auf seinen Beinen und seinem Schwanz nicht mehr, sprang er auch schon aus der Grube und sah den männlichen Nackthäuter verwundert an.
„Jetzt fliehe schon“ sagte dieser ungeduldig, und sprach mit der Taratze, als sei er ein kleines Kind, „Du musst weg sein, bevor die anderen kommen.“
„Warum du mich retten?“ fragte Jharr.
„Ich habe meine Ideale“ antwortete dieser, „Ich werde keinem Lebewesen grundlos das Leben rauben. Nun musst du aber fort von hier, sonst werden die anderen dich umbringen. Sie wird um Hilfe rufen, wenn sie wieder aufwacht.“
Dabei deutete er auf das Mädchen am Boden, die sich nun langsam wieder rührte und stöhnte. Jharr prägte sich den Geruch und die Stimme dieses Menschen ein. Er würde seinem Rudel eine Geschichte erzählen, die ihm vermutlich nicht alle glauben würden. Eilig rannte er davon und warf keinen Blick zurück.
„Du bist so dumm wie ein Gerul!“ fauchte die Barbarin ihren Begleiter an, als sie wieder zu sich kam, „Deinetwegen gibt es heute Abend keinen leckeren Braten. Das ist schon das sechstemal, dass du eine Jagd ruinierst. Und diesmal hast du mich sogar angegriffen. Wenn ich dem Anführer davon erzähle, wird er dich in der Rangfolge so weit nach unten setzen, dass du niemals das Ritual machen wirst, das dich zum Mann macht. Keine Frau wird dir Kinder schenken, und du wirst nur das essen, was die anderen für dich übriglassen.“
„Mich verlangt es nicht nach einem hohen Rang, da ich frei unter Gleichen sein will. Und Tierleichen verschmähe ich auch.“ antwortete dieser.
„Trotzdem kann der Anführer sehr unangenehm werden“ gurrte die Barbarin, „Ich könnte allerdings den Vorfall vergessen, wenn ich dafür eine Gegenleistung bekomme.“
Sie schmiegte sich eng an ihn, und zog wie beiläufig das Fell hoch, das ihre untere Körperhälfte bedeckte. Doch der Junge stieß sie rüde weg und sagte nur: „Ich stehe zu dem, was ich getan habe.“
Dabei sah er in die Richtung, in der die Taratze gelaufen war. Er hoffte, dass es dem Tier noch rechtzeitig gelang, sich in Sicherheit zu bringen.

Zehn Jahre später

Kerab ging gemächlich über den langen Pfad. Der Waldweg war auf beiden Seiten von Bäumen umgeben. Er trug Hemd und Hosen die aus Baumwolle bestanden, und hatte an der Seite ein Kurzschwert. Da er zu den wenigen Leuten gehörte, die lesen und schreiben konnte, arbeitete er zeitweilig für verschiedene Retrologen. Er verdiente nicht viel dabei, allerdings auch nicht wenig. Da er in Doyzland aufgewachsen war, war diese Sprache neben der Sprache der Wandernden Völker, die einzige die er verstand. Damit waren gut ein Drittel der gefundenen Schriften für ihn nutzlos. Zu diesem Zweck mussten die Retrologen oft mühsam in anderen Schriften aus der Zeit der Alten, sogenannten Wörterbüchern, die jeweiligen Worte herausfinden.
Kerab sah sehr schön aus. Seine hellbraunen Haare reichten ihm bis auf die Schultern, und sein Blick zeigte Neugier und Intelligenz. Sein Körper machte einen kräftigen Eindruck, was aber damit zusammenhing, dass er ein entbehrungsreiches Leben hinter sich hatte. Vor vielen Jahren hatte seine Horde ihn verstoßen. Und auch wenn der Junge danach alleine durch das Land ziehen musste, erschien ihm dies im Nachhinein als Glücksfall. Er wäre mit dem einfachen Leben der Barbaren nicht glücklich geworden. Ihr Lebensinhalt bestand aus kämpfen, jagen und fegaashaa. Schon als Kind war er ein ruhiger, aber auch nachdenklicher und verträumter Einzelgänger gewesen. Es gab nicht viel das ihn ausfüllte, aber eines tat es doch. Bücher lesen.
Diese Relikte aus der Zeit der Alten waren für ihn die größten Kostbarkeiten. In seinem Besitz befanden sich schon 17 Bücher, und er hatte jedes von ihnen mehr als einmal durchgelesen. Gleich, nachdem er seine Horde verlassen musste, hatten Reisende ihn aufgelesen. Sie nahmen ihn in die nächste Stadt mit. Das taten sie jedoch nicht aus reiner Großzügigkeit. Sie beide wollten ihn als Sklaven verkaufen. Zu seinem Glück, hielten sie Kerab für einen geistig minderbemittelten Barbaren, wie es die meisten von ihnen eben wirklich waren. Sie rechneten nicht damit, dass er sie belauschen und dann fliehen würde.
Als nächstes kam er bei einem seltsamen, alten Mann unter. Er fand ihn halbverhungert auf der Straße, und nahm ihn mit. Seinen Namen hatte Kerab schon lange vergessen. Ihm blieb jedoch im Gedächtnis, dass der Mann von sich behauptet hatte, weit über 100 Winter erlebt zu haben. Er habe einst in einem Bunker gelebt, doch bei einer Mission ging sein Schutzanzug kaputt. Mit dem nahen Tod rechnend, zog er sich in eine alte Höhle zurück. Doch es passierte nicht. Sein Immunsystem sprang von alleine wieder an, und er konnte auf der Oberfläche der Erde weiterleben, was er dann auch tat. Dieser Mann hatte erkannt, wie schlau Kerab war, hatte ihn bei sich aufgenommen, und ihm Lesen und Schreiben beigebracht. Als Kerab alt genug war, um alleine in die Welt hinauszuziehen und sein Glück zu versuchen, hatten die beiden sich verabschiedet, und Kerab war gegangen.
Nun lebte er in Fraantu. Er war unterwegs, um in einem Gasthaus einzukehren. Die Nacht brach schon an, als er die Stadt erreicht hatte. Doch es dauerte nicht lange, um ein Gasthaus zu finden, in welchem er etwas essen konnte.
Diesmal kam Kerab in einem Viertel unter, das er weniger gut kannte. In der Stube war es voll und laut. Dieses Gasthaus befand sich in der Nähe vom Hafenviertel, weshalb hier viele Reisende unterkamen. Am anderen Ende der Gaststube saßen einige Frauen, die seltsame Kleidung trugen, wie Kerab sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Ihre Körper waren von bunten, farbigen Stoffen umgeben. Als der junge Mann genauer hinsah, erkannte er, dass es keine Stoffe waren. Ihre Körper waren bemalt. Abgesehen von den dicken Fellen, die sie wohl vor der Kälte schützen sollten, und den Rückenkrallen für ihre Langschwerter, trugen sie nichts. Zumindest am Oberkörper. Einige andere Männer, die viel näher an dem Tisch saßen, an welchem sich die Frauen niedergelassen hatten, starrten begierig ihre Brüste an. Bisher hatte es aber noch keiner gewagt, den Frauen nahezukommen. Vermutlich war ihr kriegerisches Aussehen dafür verantwortlich.
Kerab sah konzentriert auf sein Essen, als er bemerkte, dass eine der Frauen mehrmals zu ihm herüber sah. Doch vergebens, denn kurz darauf hörte er sanfte, leichte Schritte durch all den Lärm, die ihren Weg zu seinem Tisch fanden. Die Frau war etwas jünger als er. Sie sah sehr kriegerisch, zugleich jedoch auch sehr schön aus. Unter dem Fell trug sie tatsächlich nichts außer einem Lendenschurz, der aber auch nur wenig verdeckte.
„Ich habe mich gefragt“ säuselte sie, „Warum ein so hübscher junger Mann wie du, hier ohne seine Gefährtin sitzt.“
Ohne um Erlaubnis zu fragen, setzte sie sich neben Kerab, und reckte ihren Körper so, dass er einen besonders ausgiebigen Blick auf ihre Brüste hätte werfen können, wenn er es gewollt hätte. Doch Kerab wollte nicht.
„Ich habe keine Gefährtin“ sagte Kerab mit fester Stimme, „Ich habe auch ohne Frauen ein schönes Leben.“
„Eine Frau an seiner Seite zu haben, entspricht nicht den Vorstellungen jeden Mannes“ gab die Kriegerin zu, „Und längst nicht jede Frau sehnt sich nach einem Mann. Doch es gibt keinen Grund, warum nicht ein hübscher junger Mann das Lager einer Kriegerin die weit gereist ist, für eine Weile wärmen kann.“
Die Art und Weise wie die Frau ihn ansah, wie sie ganz beiläufig über ihre Brüste strich, ließ Kerab keinen Zweifel daran haben, welchen Mann sie für ihr nächtliches Lager ausgewählt hatte.
„Wohl wahr“ sagte Kerab und gab eindeutig zu verstehen, „Hier im Gasthaus wirst du sicher viele Männer finden, die es gerne tun werden.“
Urplötzlich verzerrte sich die Miene der Kriegerin, als sie wütend aufstand und brüllte: „Du kleiner Gerul wagst es, mich zu verschmähen? Mich, Vavera von den 13 Inseln? Noch kein Mann hat dies gewagt, und du wirst es noch bitter bereuen!“
Wutentbrannt stürmte sie weg. Sie verließ eilig das Gasthaus. Einige Augenblicke später folgten ihre Begleiterinnen, nicht jedoch, ohne das Geld für ihr Essen dazulassen.
Es dauerte nicht lange, da verließ auch Kerab das Gasthaus. Die Szene war ihm unangenehm, doch er war froh darüber, dass er sich geweigert hatte, mit dieser Kriegerin fegaashaa zu haben. Er machte sich auf den Heimweg und bog durch eine enge Gasse. Zu seinem Glück war er vorbereitet, denn so sah er gerade noch rechtzeitig aus dem Augenwinkel die Bewegung, und warf sich zur Seite.
Eine Schwertklinge sauste über ihn hinweg. Wenn Kerab nicht ausgewichen wäre, wäre er glatt geköpft worden. Der junge Mann zögerte keine Sekunde. Er sprang zur Seite und zog in einer fließenden Bewegung sein eigenes Kurzschwert. Kampfbereit stellte er sich seinem Gegner... und erkannte, dass es die Kriegerin war, die ihn im Gasthaus verführen wollte.
„Ich sagte dir doch, dass du es bereuen wirst, mich abgewiesen zu haben. In wenigen Augenblicken wirst du an Wudans Tafel sitzen.“ fauchte sie und sprang auf ihn zu.
Kerab wich erneut aus. Er hatte im Kampf einen klaren Vorteil, da er ein Kurzschwert hatte. Er konnte aus kürzerer Distanz ausholen und zustoßen. Die Frau benutzte hingegen ein Langschwert, einen Zweihänder. Zwar hatte sie damit eine größere Reichweite, doch sie musste mit mehr Schwung kämpfen. Das lähmte ihre Geschicklichkeit ein wenig, sodass es fatal für sie wäre, wenn ein Gegner ihre Deckung unterlief.
Die Kriegerin schwang ihr Langschwert, und Kerab blockte den Hieb mit seinem Kurzschwert ab. Der Schlag hätte ihm fast das Schwert aus der Hand geschmettert. Die Kriegerin grinste, als sie seinen schwachen Moment sah, und stieß zu. Doch Kerab war wieder schneller, und tauchte unter ihren Schwerthieb, stieß dann wieder nach oben und ging seinerseits zum Angriff über. Die Frau sah das und reagierte blitzschnell.
Schwertklingen trafen aufeinander, auf Kleidung und auf Fleisch. Kerab sprang zurück. Ihn zierten drei klaffende Schnittwunden. Eine an seinem Schwertarm, zwei weitere über seinem Bauch. Umgekehrt hatte er die Kriegerin nur einmal getroffen. Eine kleine, feine Schnittwunde befand sich auf ihrer Wange. Die kleinen Bluttröpfchen die herunterliefen, leckte sie mit ihrer Zunge auf. Auch Kerabs Verletzungen waren eher leicht. Das lag aber daran, dass die Frau nur mit ihm gespielt hatte. Wenn es in ihrer Absicht gelegen hätte, hätte er diesen kleinen Vorstoß schon nicht überlebt. Vielleicht wollte sie aber auch einfach nur herausfinden, wie gefährlich er als Gegner war.
Und nun wusste sie, dass er ihr hoffnungslos unterlegen war. Kerab war schwächer, langsamer und viel weniger kampferfahren als sie. Aber war die Frau auch klüger als er? Das ließ sich leicht herausfinden.
„Weißt du, warum ich dich abgewiesen habe?“ fragte er fast beiläufig, während er scheinbar gelangweilt sein Schwert kreisen ließ, „Du bist einfach ungemein hässlich. Ziehst du normalerweise eine Maske an, wenn du dich mit einem Mann vergnügen möchtest? Und deine Brüste. Sie sind so klein, dass du fast als Knabe durchgehen könntest. Wenn du wirklich fegaashaa mit mir haben möchtest, wirst du mich vorher wohl bewusstlos schlagen müssen. Freiwillig würde ich lieber mit einer Nosfera das Lager teilen, als mit dir.“
Das wirkte. Die Frau kochte vor Wut und ging blindlings auf Kerab los. Sie vernachlässigte ihre Deckung, und war einzig und allein darauf fixiert, ihn umzubringen. Kerab wich jedem Schwertstreich aus, allerdings gelang es ihm auch nicht, sie zu treffen. Plötzlich spürte der junge Mann eine Hauswand im Rücken. Grinsend erkannte auch die Kriegerin, dass er nicht mehr zurückweichen konnte. Sie rannte los und stieß mit ihrem Schwert vor, um ihn aufzuspießen. Doch Kerab sprang im allerletzten Augenblick zur Seite, und das Langschwert prallte klirrend von der Wand ab. Kerab stieß mit seiner Klinge zu. Er hatte auf den Oberarm der Frau gezielt, um sie kampfunfähig zu machen. Doch unglücklicherweise drehte sie sich in diesem Moment zu ihm hin, und sein Schwert stieß in ihr Herz.
Sterbend röchelnd sank sie zu Boden, während Kerab entsetzt auf das starrte, was gerade passiert war. Schnelle Schritte näherten sich, und Kerab sah, dass die beiden anderen Frauen, die diese Kriegerin begleitet hatten, auf ihn zukamen. Er wollte fliehen, doch auch von der anderen Seite der Gasse kamen schnelle Schritte näher. Sechs bewaffnete Soldaten richteten ihre Armbrüste auf Kerab und die beiden Frauen.
„Wir sind von der Stadtwache“ sagte einer von ihnen, offenbar derjenige der den höchsten Rang innehatte, „Wir wurden alarmiert, weil hier Kampfgeräusche zu hören waren.“
Dann sah er vermutlich die tote Kriegerin, den blutüberströmten jungen Mann, und die beiden anderen Frauen, die ebenfalls ihre Waffen gezogen hatten.
„Hiermit seid ihr alle festgenommen“ sagte er mit fester Stimme, „Ergebt euch und begleitet und freiwillig.“
Die sechs Armbrüste, die auf Kerab und die beiden Kriegerinnen gerichtet waren, machten deutlich, dass die Stadtwache keinen Widerspruch duldete.

Kerab saß in seiner kleinen Zelle auf der Pritsche. Der Fürst hatte die Sachlage schnell entschieden. Ihm warf man Mord vor, und bei Anbruch des Tages würde er in einer kleinen Arena zur Belustigung der Menge um sein Leben kämpfen müssen. Ihm gegenüber war eine Zelle, in welcher die beiden Frauen eingekerkert waren. Sie waren Kriegerinnen von den 13 Inseln. Allerdings hatte die dortige Königin sie verstoßen, weil sie Kriegsgefangene gefoltert hatten, und wegen Nichtigkeiten Kämpfe entfachten. Seitdem schlugen sie sich in Euree als Söldnerinnen und Attentäterinnen durch. Also mussten auch sie in ihrer Zellen bleiben, bis sich morgen entscheiden würde, ob Kerab oder sie wieder in Freiheit kämen. Sie warfen Kerab abwechselnd zornige Blicke zu, und flüsterten sich gegenseitig etwas ins Ohr. Der junge Mann machte sich keine Hoffnungen. Er hatte mit Mühe und Not deren Kameradin bezwungen. Gegen die beiden würde er keine Chance haben.
Die Kerkertür ging auf, und zwei Männer schleppten ein verschnürtes Bündel herein. Die Art und Weise, wie das Bündel sich bewegte und zappelte, machte deutlich, dass es eine Person war, die man stark gefesselt hatte. Zwei weitere Männer betraten den Kerker. Einer richtete seine Armbrust auf Kerab, während der andere die Gittertür zu seiner Zelle öffnete.
„Du kennst die Regeln?“ fragte er.
„Ja, das tue ich“ antwortete der junge Mann, „Morgen werde ich gegen die beiden Kriegerinnen kämpfen. Wenn ich gewinne, bin ich wieder ein freier Mann. Wenn sie gewinnen, sind sie frei. Der Verlierer wird, falls er nicht schon im Kampf stirbt, hingerichtet. Habe ich das soweit richtig verstanden?“
„Ganz genau“ antwortete die Wache, „Allerdings mit einer kleinen Änderung. Diese Frauen können ausgezeichnet kämpfen. Damit der Kampf gerecht ist, wird dir auch jemand zur Seite gestellt.“
„Jemand, der von unseren Jägern gefangen wurde, und eigentlich als Braten enden sollte“ sagte der Wärter mit der Armbrust und lachte, „Aber der Fürst meinte, ein heftiger Kampf würde ihm viel besser schmecken, als ein großes Mittagsmahl. Du solltest die Fesseln deines Kumpanen aber besser nicht lockern. Er könnte sonst auf die Idee kommen, dich zu verspeisen.“
Die beiden Männer brachten das verschnürte Bündel in Kerabs Zelle. Dann verließen sie diese wieder, und schlossen sie ab. Kerab besah sich den Gefangenen genauer. Er schien ein recht großer und stark behaarter Mann zu sein. Außerdem wirkten seine Proportionen seltsam deformiert. Dann sah Kerab genauer hin. Der gefesselte Gefangene war eine Taratze.
Vorsichtig näherte er sich der Taratze. Kerab wusste, dass diese Tiere sehr gefährlich sein konnten, doch es widerstrebte ihm, ein Lebewesen hilflos und gefesselt liegen zu sehen. Er nahm einen scharfen Stein der in der Zelle lag, und zerschnitt damit die Fesseln des Gefangenen. Es dauerte eine Weile, aber dann war die Taratze frei, und stand auf. Sie machte keine Anstalten, Kerab anzugreifen. Das Tiere hockte sich in die andere Ecke der Zelle.
Eine Weile lang war es still, dann fragte die Taratze: „Warum hast du mich befreit, Mensch?“
„Du sprichst meine Sprache?“ erkundigte sich Kerab erstaunt.
„So ist es.“ kam die kurze und knappe Antwort.
Kerab antwortete: „Es erschien mir falsch, dich hilflos gefesselt zu sehen. Ich hoffe, ich bereue meine Entscheidung nicht.“
„Warum solltest du?“ kam die Antwort, „Ich hege keinen Groll gegen dich. Im Gegenteil sogar. Morgen müssen wir zusammen kämpfen. Aber ich finde es trotzdem seltsam. Du bist der erste Mensch, der mir hilft. Zumindest der erste Mensch seit langer Zeit.“
„Aber du bist nicht die erste Taratze, der ich helfe“ gab Kerab zurück, „Vor vielen Jahren bewahrte ich einen Artgenossen von dir davor, von meinem Barbarenstamm getötet und gegessen zu werden.“
Die Taratze erstarrte, als sie das hörte. Dann kam sie näher auf Kerab zu, jedoch lag keinerlei Angriffslust in ihrer Bewegung. Sie schnupperte an ihm, und sagte dann: „Du bist es also. Ich hatte deinen Geruch zuerst nicht erkannt, weil es schon solange her ist, aber jetzt erkenne ich dich wieder. Ich war die Taratze, die du damals gerettet hast. Ich bin froh, dich jetzt wiederzusehen. Und ich hoffe, dass ich dir morgen im Kampf beistehen kann.“

Am nächsten Morgen brachte man Kerab und Jharr in die Arena. Die beiden Frauen von den 13 Inseln warteten dort schon. Sie hatten ihre Langschwerter zurückbekommen. Auch Kerab gab man sein Kurzschwert zurück. Die Wachen waren etwas verwundert, als er zusätzlich um eine Streitaxt als Waffe bat, kamen seinem Wunsch jedoch nach. Nun trug Kerab beide Waffen, während er und Jharr in die Mitte der Arena gingen.
„Du hast nicht vergessen, was ich dir gestern Abend gesagt habe, oder?“ vergewisserte sich Kerab.
Jharr nickte.
Dann standen sich die vier Kontrahenten auch schon gegenüber. Ein lauter Gong läutete den Kampf ein. Und in diesem Moment warf Kerab Jharr die Streitaxt zu, welche dieser geschickt auffing. Auf der Bühne saßen Dutzende von Leuten. Kämpfe dieser Art waren wohl ein öffentliches Spektakel, dem beizuwohnen eine beliebte Beschäftigung zu sein schien. Kerab widerte das an. Doch ihm war unmissverständlich klargemacht worden, dass man ihn bei einer Weigerung sofort hinrichten würde.
Die erste der Frauen griff ihn an. Kerab wusste nun um die Stärke dieser Kriegerinnen, und machte daher keine Anstalten, ihren Schwertstreich abzublocken. Er duckte sich unter der Klinge weg, machte einen Ausfallschritt, und täuschte einen Angriff vor. Alles nur, um seine Gegnerin aus dem Konzept zu bringen. Diese bedrängte ihn grimmig mit immer schnelleren Schwerthieben, denen auszuweichen, Kerab immer schwerer fiel. Er wurde mehrmals getroffen, glücklicherweise waren es aber nur kleinere Schnittwunden, die er sich zuzog. Dennoch war klar, dass er sich in Bedrängnis befand, und den Kampf auf lange Sicht nicht gewinnen konnte.
Die zweite Kriegerin hatte ihre Mühe mit Jharr. Sie hatte schon oft gegen Taratzen gekämpft, und viele von ihnen getötet. Das war etwas, was geschickte Kämpfer eben konnten. Denn Taratzen griffen oft wie wilde Tiere an, sodass man sie mit Hieb- und Stichwaffen meist erfolgreich zurückschlagen konnte. Doch diese Taratze kämpfte anders. Sie bewegte sich wie ein menschlicher Gegner. Sie benutzte sogar eine Waffe. Jeder Schlag den sie mit der Streitaxt führte, enthielt die Kraft und Schnelligkeit einer Taratze. Die Kriegerin von den 13 Inseln hatte ihren Gegner zwar schon einige Male getroffen, doch nie schlimm genug, um ihn ernsthaft zu verletzen.
Kerab und seine Gegnerin standen so, dass ihr Rücken Jharr zugewandt war. Offenbar schien das der Moment gewesen zu ein, auf den der junge Mann gewartet hatte, denn er schrie: „Jharr, jetzt!“
Die Taratze schlang ihren nackten Schwanz um die Beine von Kerabs Gegnerin, und brachte sie so zu Boden. Gleichzeitig duckte sie sich. Kerab nutzte diesen Moment, um sein Schwert auf Jharrs Gegnerin zu schleudern. Die Klinge drehte sich in der Luft, traf die Kriegerin und durchbohrte sie. Nur einen Moment später fuhr Jharr herum und ließ seine Streitaxt auf Kerabs Gegnerin herabsausen. Durch die enorme Körperkraft der Taratze wurde die Kämpferin gleich oberhalb des Bauchnabels in zwei Teile gespalten.
Sowohl Jharr als auch Kerab wandten sich von den beiden Leichen ab, und starrten erwartungsvoll in die Menge. Es dauerte einige Momente, dann brandete Jubel auf. Kerab widerte es umso mehr an, als er sah, dass sie die Leute wirklich freuten.
„Wir werden jetzt freigelassen, oder?“ erkundigte sich Jharr.
„Das war zumindest die Vereinbarung“ gab dieser zurück, „Wenn der Fürst sich daran hält, werde ich noch heute diese Stadt verlassen.“
„Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn ich dich begleite?“ meinte die Taratze, „Schließlich sind wir ja jetzt Verbündete.“
Eine Weile lange antwortete Kerab nicht. Erst als der Fürst, der den Kampf von seiner Ehrenloge aus angesehen hatte, den Wachen ein Zeichen gab, sie freizulassen, sprach er: „Ich will nicht mit dir verbündet sein. Wenn du möchtest, sind wir von nun an Freunde.“

ENDE



Die 13 Inseln = Ein Gebiet in der Nähe des ehemaligen Dänemarks. Dort lebt ein sehr matriarchales Volk verstreut auf 13 große Inseln. Die Frauen werden da zu starken Kämpferinnen und Jägerinnen ausgebildet. Die Herrscher und Anführer sind grundsätzlich weiblich. Männer sind in dieser Gesellschaft allerdings nur wenig wert. Die Frauen haben häufig telepathische Fähigkeiten, bei Männern diesen Volkes kommen sie hingegen eher selten vor.

Die Alten = Menschen, die in der Zeit lebten, bevor der Komet die Erde getroffen hat, der für unzählige Mutationen gesorgt und die Menschheit in die Steinzeit zurückgeschleudert hat. Meistens sind damit die Menschen gemeint, die im späten 20. Jahrhundert oder frühen 21. Jahrhundert lebten.

Die Bunkerleute = Hochtechnisierte Menschen, die sich vor der Katastrophe durch den Kometen in Bunkern einschlossen, um dort zu leben. Sie blieben vor der geistigen Degeneration verschont, und konnten ihre Technologie weiterentwickeln. Weil sie solange von der Erdoberfläche abgeschnitten waren, kann ihr Immunsystem den Bakterien und Keimen nicht mehr standhalten, und ein Ausflug auf die Oberfläche, endet für sie fast immer tödlich, wenn ihr Schutzanzug dabei beschädigt wird. Im Laufe der Handlung entwickeln sie jedoch ein Immunserum, welches es ihnen ermöglicht, ihre Bunker auch ohne Schutzkleidung zu verlassen. Doch die Nebenwirkung ist, dass sie davon steril werden. Einige Barbarenstämme nennen sie abschätzig „Maulwürfe“.

Doyzland = Deutschland.

Euree = Europa.

Fegaashaa = Eine eher abwertende Bezeichnung für Geschlechtsverkehr.

Fraantu = Frankfurt.

Gerul = Mutierte Hasen oder Kaninchen. Sie sind etwa so groß wie Schimpansen. Allerdings sind sie Raubtiere. Einzeln sind sie eher schwach, und ergreifen daher meist die Flucht, wenn sie gejagt werden. Doch im Rudel sind sie eine ernste Gefahr für andere Tiere und auch Menschen. Zudem ist es eine Beschimpfung, jemanden als Gerul zu bezeichnen.

Nackthäuter = So werden Menschen von Taratzen genannt, weil sie nicht am ganzen Körper mit Fell bedeckt sind.

Nosfera = Durch eine mutierte Form von Sichelzellenanämie sind so aus einigen Menschen Nosfera geworden. Sie sind eine Art moderner Vampir. Sie sind recht klein und dürr, und sehen ziemlich verfallen aus. Ihre Haut reagiert sehr empfindlich auf Sonnenlicht, und sie müssen regelmäßig Blut trinken, von Menschen oder Tieren, da sie andernfalls nicht überleben können. Allerdings verfügen Nosfera über ein sehr feines Gehör und haben auch ein gutes Nachtsichtvermögen. Zudem verfügen sie über große, telepathische Kräfte. Sie werden häufig als Spione oder Attentäter eingesetzt.

Retrologe = So nennt man technisch versierte Personen, die sich mit den Hinterlassenschaften der Alten beschäftigen, und gelegentlich technische Geräte wieder funktionstüchtig machen.

Taratze = Eine mutierte Riesenratte. Ratten sind durch die Strahlung des Kometen im Laufe der Zeit zu Taratzen mutiert. Durchschnittliche Taratzen sind etwa zwei Meter groß. Sie können sich aufrecht fortbewegen, ziehen es meist jedoch vor, auf allen Vieren zu laufen. Sie können sich auch in der menschlichen Sprache verständigen. Unter den Tieren sind sie sehr intelligent, nach menschlichen Maßstäben sind sie jedoch in etwa so intelligent wie kleine Kinder. Viele Barbarenstämme jagen und essen Taratzen, und umgekehrt verschmähen auch Taratzen nur selten Menschenfleisch.

Taratzenkönig = Sie sind für gewöhnlich etwas größer und stärker als eine normale Taratze. Zudem haben sie meist helles – manchmal sogar weißes – Fell. Ein Taratzenrudel wird für gewöhnlich von einem Taratzenkönig angeführt. Während eine normale Taratze im Vergleich zu einem Menschen nicht sehr intelligent ist, ist ein Taratzenkönig einem durchschnittlichen Menschen an Intelligenz durchaus ebenbürtig oder sogar überlegen.

Die Wandernden Völker = Barbarenstämme die kulturell in der Steinzeit sind. Sie ziehen durch Mitteleuropa, und leben für gewöhnlich in großen Gruppen oder Horden zusammen, welche einen (meist männlichen) Anführer haben, welcher alle Entscheidungen trifft, und von einem Göttersprecher (Schamanen) beraten wird.

Wudan = Der höchste Gott unter den Barbaren in Euree.
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