Terrordrom - Alternatives Ende

von Caligula
OneshotDrama / P16
02.04.2013
02.04.2013
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Der Jahreswechsel zum Jahr 2000 steht bevor, doch Berlin liegt im Chaos. Unerbittlich fällt Schnee, die Temperaturen sind niedrig und langsam gerät die Situation in der Stadt außer Kontrolle. Die überlastete Polizei kann neben dem Katastrophenschutz kaum noch anderen Aufgaben nachgehen und so erheben sich, nach und nach, die radikalen Elemente aus dem Untergrund, von ganz weit links wie ganz weit rechts. Terrordrom nun beschreibt die Geschicke einer ausgewählten Zahl von (anfangs) voneinander weitestgehend unabhängiger Einwohner der immer mehr zum anarchistischen Szenario werdenden Stadt.


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TERRORDROM ~ Alternatives Ende

22.06.2000

LARS      Terrordrom ist ein absoluter Erfolg. Anette liebt es. Paul liebt es. Tom liebt es. Alle lieben es. Mich kotzt es irgendwie an. Diese Leute kotzen mich an. Doch sollen sie ruhig machen, wenn ihnen Krieg spielen Spaß macht. Es liegt in der Natur des Menschen sich selbst zu zerstören. Statt sich die Lunge kaputt zu rauchen, greift man einfach zur Waffe - geht zumindest schneller.

TOM     Die Menschen sterben. Sie töten sich gegenseitig und alle finden das in Ordnung. Terrordrom ist ein absoluter Erfolg. Damit hatte ich nicht wirklich gerechnet. Aber jetzt finde ich es gut. Ich liebe es. Paul liebt es. Ich verdiene so gut wie nie zuvor. Ich überlege, ob ich meinen nächsten Gehaltsscheck nutzen soll um Anna und Felix mal ordentlich zum Essen auszuführen. Vielleicht investiere ich auch in eine Familientherapie.

HAKAN  Bei Anette geht es nur noch um Terrordrom. Das Terroristengroupie ist voll in seinem Element. Ich hasse Terrordrom. Menschen sterben, weil sie ihre Unzufriedenheit nicht anders zum Ausdruck bringen können als mit Gewalt. Geladene Waffen schreien ihre Wut und ihre Enttäuschung hinaus. Lars ist schlecht drauf.

TOM     Ich denke nur: er dreht durch. Aber ich lasse ihm seinen Willen. Lars will eine Spezialsendung. V - das Special. Mitten im Terrordrom. Er will sterben. Ich sollte ihn aufhalten. Er bringt Einschaltquoten. Ich lasse ihn gewähren.

HAKAN   Ich schreie Tom und Anette an, als ich von Lars´Idee erfahre. Ich brülle sie an sie hätten ihn nicht gehen lassen dürfen. Tom grinst selbstgefällig. Er findet meinen Ausraster lustig. Anette sieht mich abfällig an.
- Krieg dich wieder ein.
- Sicher nicht! Er wird sterben, wenn er da reingeht!
- Na und? Wir brauchen ihn nicht mehr. Niemand braucht ihn. Er ist nicht länger V. V ist über ihn hinausgewachsen. Er wird nicht mehr gebraucht.
Ihr Blick ist eiskalt. Ich scheuer ihr eine, ohne Rücksicht. Sie kann sich kaum auf den Beinen halten. Tom starrt sie entsetzt an. Ich verziehe mich, ehe ich mich vollends vergesse.

ANETTE   Meine linke Wange brennt. Es ist mir egal. Lars geht jeden Moment auf Sendung. Er steht mitten im Terrordrom. Er steht einfach nur da. Unbewaffnet. Um ihn herum Chaos. Schüsse. Es ist ein Wunder, dass er nicht getroffen wird. Zu seinen Füßen liegt die Leiche eines 15-jährigen Mädchens. Er ist vollkommen ruhig. Er atmet ein paar Mal tief ein und aus. Dann blicken seine kalten Augen direkt in die Kamera.

WAS IST ES? IST ES ALLGEMEINE UNZUFRIEDENHEIT? ES IST FLUCHT. IHR, DIE IHR ENTTÄUSCHT SEID. IHR, DIE IHR FRUSTRIERT SEID. IHR KLAMMERT EUCH AN V. WEIL IHR EUCH NICHT ANDERS ZU HELFEN WISST. MITLÄUFER. OHNE EIGENE KRAFT. WENN ZWEI MENSCHEN AUFEINANDERTREFFEN BEGINNT KRIEG. ES GEHT UM SELBSTSUCHT UND VERTEIDIGUNG. ANGRIFF IST DIE BESTE VERTEIDIGUNG. WENN ZWEI MENSCHEN AUFEINANDERTREFFEN BEGINNT KRIEG. AUF DER ERDE HERRSCHT WELTKRIEG. LIEBE IST KRIEG. ENTWEDER DU VERLETZT DICH SELBST ODER DEN ANDEREN. ODER FÜHRT EINES ZUM ANDEREN? MENSCHEN WOLLEN ZERSTÖREN. MENSCHEN WOLLEN ZERSTÖRT WERDEN. LIEBE IST KRIEG. WIR GEHEN MIT GROßEN SCHRITTEN UNSEREM UNTERGANG ENTGEGEN. DOCH WENN ES UNAUFHALTSAM IST... WENN ICH MEINEM UNTERGANG SOWIESO ENTGEGENGEH, DANN WILL ICH DEN EINEN MENSCHEN ZERSTÖREN. GANZ LANGSAM. DER EINE SOLL MICH ZERSTÖREN. GANZ LANGSAM. DER EINE. V STECKT IN JEDEM. V IST DER TEIL IN UNS DER MENSCH IST. MENSCH SEIN. V IST MENSCHLICHKEIT. MENSCHEN WOLLEN ZERSTÖREN UND ZERSTÖRT WERDEN. ERBÄRMLICHE MENSCHEN. ERBÄRMLICHE MITLÄUFER. OHNE EIGENE MOTIVATION. OHNE EIGENE KRAFT. TOTE ÜBERLEBENSKÜNS...

LARS     Hakan ruft meinen Namen. Der unterbricht mich einfach. Ich bin überrascht ihn hier zu sehen. Ich freue mich ihn zu sehen und beschimpfe ihn als Arschloch.
TOTE ÜBERLE...

HAKAN   Wieder halte ich ihn auf. Brülle dazwischen, bevor er seine großkotzige Rede weiterhalten kann. Um uns herum das Dröhnen der Waffen. Kriegsgeheul. Er ist vollkommen ruhig. Ich mache mir vor Schiss fast in die Hosen. Nicht nur meinetwegen. Ich sage ihm, dass das Wahnsinn ist. Er soll die Scheiße sein lassen.
- Das ist unmöglich. Ich kann gar nichts tun, denn ich tue ja gar nichts.
- Das hier ist deine Idee! Du bist V!
- Ich bin nicht mehr V als du, Hakan. Und du bist nicht weniger V als ich. Hörst du mir denn niemals zu?
- Ich hab gehört was du gesagt hast.
Er lacht. Er ist total wahnsinnig.
- Hör auf, Lars.
- Sag mal, bist du beschränkt, Hase?! Ich kann es nicht aufhalten! Und du kannst es auch nicht! V ist ein Selbstläufer! Die Menschheit richtet sich zugrunde und spuckt noch drauf! Wer soll das aufhalten?!!
Ich stürme auf ihn zu. Packe ihn. Drücke ihn so fest wie möglich an mich und brülle:
- Idiot!
in sein Ohr. Endlich hält er die Klappe.
- Ich scheiß auf V! Ich scheiß auf Terrordrom! Es geht um dich, Mann! Es geht immer nur um dich!
Er sagt immer noch nichts. Er traut sich nicht sich zu bewegen. Er weiß nicht, was er denken soll.
- Es tut mir leid. Ich hab dich viel zu lange mit deinem Scheiß allein gelassen. Scheiß drauf was aus diesem Staat wird. Scheiß drauf was aus dieser Welt wird. Aber dich werde ich beschützen!
Ich weiß, dass er mein Gelaber nicht richtig mit seinen kranken Ideen vereinbaren kann und ihn das verwirrt. Doch nach und nach werde ich die Scheiße aus ihm herausprügeln. Das schwöre ich.
- Hakan?
- Lass uns nach Hause gehen.

22. 12. 2000

TOM     Terrordrom gibt es nicht mehr. Die Idee hat sich zerschlagen. Es gibt nichts mehr was die Menschen langfristig fasziniert. Nicht einmal Tod, Gewalt und Krieg. Felix ist irgendwann nicht mehr nach Hause gekommen. Anna geht es immer schlechter. Ich habe das Gefühl etwas verloren zu haben, obwohl ich von vorneherein nichts hatte.

ANETTE   Terrordrom gibt es nicht mehr. V ist tot. Es scheint nirgendwo ein Stück von ihm übrig zu sein. Ich bin frustriert. Lars und Hakan haben sich verpisst. Tom ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich habe alles verloren.

FELIX      Terrordrom gibt es nicht mehr. V ist tot. Lars ist verschwunden. Er hat mich verlassen. Ich habe Tom und Anna verlassen. Und trotz allem kommt mir das Leben nicht mehr ganz so trostlos vor. Scheiß drauf was aus diesem Staat wird. Scheiß drauf was aus dieser Welt wird. Aber ihn werde ich beschützen. Und solange ich das tue, kommt mir das alles hier gar nicht so unerträglich vor.
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