Sterben für Namenlose

KurzgeschichteParodie, Familie / P16
Amras Amrod Caranthir Celebrimbor Celegorm Maedhros
02.04.2013
02.04.2013
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: Sterben ist sterbenslangweilig und gibt einen wirklich schlechten Arbeitsplatz ab. Ganz besonders für die drei Maiar, welche die Seelen auf den richtigen Weg schicken sollen, denn seit Jahrhunderten ist in der Vorhalle des Todes nichts Aufregendes mehr passiert, und die sporadisch eintreffenden störrischen Zwerge kann man nicht als große Abwechslung bezeichnen. Doch der eintönige Arbeitsalltag von Nanna, Urd und Verdandi ändert sich schlagartig, als ein zerfledderter Elb zeitgleich mit einer vollbärtigen Zwergendame auftaucht und die Verwaltung die Neuverteilung einiger länger verstorbener Personen hinzufügt.  //  Warnung: Namensalat, Salbeitee und fliegendes Gebäck

A/N: Bei allgemeinen Fragen und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Gebrauchsinformation im Profil. Sie finden sie dort unter dem Punkt Homepage.

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~  Für Roheryn  ~





Sterben für Namenlose


Die Vorhalle des Todes erstrahlte in sanftem Beige, das vor Jahrhunderten einmal weiß gewesen sein mochte, aber so genau wusste das niemand mehr, erst recht nicht die drei Frauen an den Schaltern, die mit mäßiger Begeisterung die durchreisenden Seelen auf den richtigen Weg schickten. Gut, manchmal hörte man interessante Namen oder musste Zwergen ein paar passende Takte an den Kopf knallen, um für Zucht und Ordnung zu sorgen, doch das war es dann schon.

Nanna tippte nun schon so lange mit dem rechten Zeigefinger auf ihr Pult, dass die Fingerspitze taub war. Es starben nun einmal nicht so besonders viele Elben, weshalb sie nebenbei noch den Hobbitschalter betreute, doch auch dort wollte sich heute scheinbar keine Seele blicken lassen.
Eigentlich sollte sie als Abteilungsleiterin immer etwas zu tun haben, selbst wenn es nur das Herumscheuchen ihrer Untergebenen war, aber es gab wirklich nichts zu erledigen! Urd und Verdandi hingen ebenfalls wie der berühmt-berüchtigte Schluck Wasser in der Kurve und nicht mal Unmengen starken Kaffees hatten sie irgendwie auf Vordermann bringen können. Der hatte nur einen einzigen nennenswerten Effekt gehabt: Sie mussten spätestens alle halbe Stunde ein gewisses Örtchen aufsuchen. Es war wirklich zum Kotzen!

Plötzlich hob Verdandi am Zwergenschalter den Kopf. „Welches Jahr haben die eigentlich grad? Weiß das wer?“

„Waawaiennih.“, gähnte Urd und drehte den Kopf auf ihren Unterarmen auf die andere Seite. Vermutlich war ihr eines Ohr wieder eingeschlafen.

„Sechzehnhundertsiebenundneunzig im Zweiten Zeitalter.“, gab sie Auskunft.

„Und passiert da noch irgendwas oder kann ich ’n Mittagsschläfchen machen? Die paar Zwerge, die sich ansammeln, können doch auch ein bisschen warten. Wenn die sich nicht grad mal wieder die Köpfe einschlagen, sind eh immer alle ganz tot.“

Nanna verdrehte die Augen und wünschte sich zum wiederholten Mal, Verdandi hätte noch ein paar Jahrhunderte länger im Orkverteilungscenter bleiben müssen. Ohne sie war es so ruhig, ja, geradezu idyllisch gewesen. Aber nein… Wann richtete Namo sich schon mal nach den Wünschen seiner Angestellten?
„Mach doch, was du willst.“, murrte sie schließlich. Nun gut, es wäre ärgerlich, wenn die Jüngste im Team dadurch erneut negativ auffallen würde und sie das Chaos aufräumen müssten, doch vielleicht reichte es diesmal, um sie für ein Jahrtausend oder immer loszuwerden. Das wäre ein Traum…

„Na dann…“ Mit einem dumpfen Geräusch traf Verdandis Kopf auf die freie Fläche zwischen Schiefertafel und Kante, dann war es einige Zeit still. Solange, bis Urd ihren Stuhl scharrend zurückschob und aufstand.

„Ich geh noch mal Kaffee kochen.“

„Hm.“, machte sie nur und beobachtete, wie die ältere ihrer Kolleginnen in Richtung Teeküche verschwand. Kaffee. Schon wieder. Das nahm ja überhaupt kein Ende mehr! Wenn wenigstens noch Gebäck dagewesen wäre, doch das war offenbar auch zu viel verlangt. Dieses Jahr kotzte sie so langsam wirklich an – wahrscheinlich war das der Grund für die zugeknöpfte Reaktion des Verantwortlichen aus der Vorhersagenabteilung gewesen. Verdammt! Warum dämmerte einem das immer erst dann, wenn es längst zu spät war?! Und sobald Urd das Tablett mit randvollen Tassen scheppernd an ihrem Schalter abstellte, würde sie wieder Magenschmerzen bekommen. Vielleicht sollte sie die Kaffeebohnenvorräte einfach den unendlichen Weiten der Kanalisation anvertrauen… Ihr Kopf traf dumpf den Schalter. Es war zum Haare raufen. Warum hatte sie noch nicht längst ihre Versetzung beantragt?!

„NANNA!“

Urds panischer Schrei ließ sie sofort aufspringen. Man musste kein Genie sein, um zu wissen, dass er nichts Gutes verhieß, und die bedenklich blasse Gesichtsfarbe der Jüngeren, als sie in den Raum stürmte, bestätigte es nur.

„Was ist passiert?“ Sie bemühte sich um Gelassenheit.

Keuchend hielt Urd ihr einen Zettel hin. „Aus der Seelenverwaltung. Grade eben reingekommen.“

„Worum geht’s?“

„Eine Neuverteilung.“

„Kriegen wir schon hin.“ Sie nahm ihr den Zettel ab. „Weck Verdandi und organisier schon mal ein paar Klappstühle. Ich will hier niemanden im Weg rumstehen haben. Das sieht immer aus wie Kraut und Rüben und bei der letzten Neuverteilung ist hier auch noch wer aus der Qualitätskontrolle reingeschneit.“

Urd wuselte davon, schubste Verdandi vom Stuhl und gemeinsam verschwanden sie, um die Stühle in der Abstellkammer abzustauben. Nanna hingegen plumpste auf ihren Stuhl zurück und warf einen Blick auf das Schreiben. Man musste ja wenigstens wissen, mit wem man es warum und möglicherweise auch wie lange zu tun bekam.
Sie überflog die Namensliste im auf dem Zettel und erstarrte. Das durfte nicht wahr sein! Waren die wahnsinnig? Die konnten diese Leute doch nicht alle auf einmal auf sie loslassen! Die waren ja einzeln schon kaum zum Aushalten! Da war es auch kein großer Trost, dass sie noch immer nicht vollständig waren. Allein die Namen jagten ihr schon einen kalten Schauer über den Rücken: Curufinwe, Morifinwe, Nelyafinwe, Pityafinwe, Telufinwe und Turcafinwe.
Alles, was auf -finwe endete, war grundsätzlich schlecht – und diese Verwaltungstrottel hatten sich natürlich nicht die Mühe gemacht, ihnen zu verraten, welchen Curufinwe sie ihnen auf den Hals hetzen würden! Aber war das überhaupt wichtig? Wenn sie schlecht gelaunt waren, nahmen die beiden sich ja nicht besonders viel. Trotzdem sollte sie besser nach hinten gehen und mal nachfragen, wer mit Curufinwe gemeint war. Nur zur Sicherheit.

Doch gerade als sie aufstehen wollte, erklang ein heller Glockenton und kündigte eine eintreffende elbische Seele ein. Die Tonsignale waren durchaus praktisch, aber während der fünf großen Schlachten des Ersten Zeitalters hatten sie die Glocken abgebaut, weil nicht nur sie sondern auch ihre Ohren unablässig geklingelt hatten. Schlachten waren scheiße!
Und als die Seele langsam Gestalt annahm, schlug eine der größten Glocken, die unter der Decke im Eingangsbereich der Halle hingen.

„VERDANDI! KUNDSCHAFT!“, brüllte sie über die Schulter. Um einen Zwerg würde sie sich nicht auch noch kümmern, wenn sie selbst zu tun hatte.
Es dauerte nur Sekunden, bis ihre Kollegin in Zwergengestalt aus der Abstellkammer gestürmt kam, zwei Klappstühle über Urds Schalter in den Wartebereich warf und auf ihren Stuhl hüpfte.

„Passiert ja heute doch noch was.“, verkündete sie heiter und lautstark.

„Wie man’s nimmt.“, murrte Nanna verhalten. Grundsätzlich war ihr Langeweile lieber als sich um irgendwelche Finwes kümmern zu müssen – und Verdandi sollte das eigentlich wissen. Immerhin war sie es gewesen, die diesen Mist mit Maedhros verzapft hatte, als sie sie vertreten musste. Seitdem hatte sie vorsichtshalber keinen Urlaub mehr genommen. Sicher war sicher.

„Ach, komm schon, sei nicht so. Jetzt ist hier wenigstens wieder was los.“

Am liebsten hätte sie Verdandi irgendwas schweres und hartes an den Kopf geworfen, doch dafür war leider keine Zeit, denn der Elb war angekommen und kam nun geradewegs auf ihren Schalter zu. Das war der unbestreitbare Vorteil, sich um Elben zu kümmern. Sie schienen instinktiv zu wissen, was sie tun mussten.
Dieses Exemplar sah jedoch so aus, als hätte es einen überraschenden Zusammenstoß mit einem großen, scharfen und dreckigen Ding gehabt. Das dunkle Haar war bedenklich kurz und verklebt, für die vermutlich edle Kleidung kam jede Wäsche zu spät. Und so, wie er beim Gehen seine Hände, Arme, Beine und den Brustkorb abtastete, musste er auch mehrere gebrochene Knochen gehabt haben – die waren, neben der Altersgebrechlichkeit sterblicher Rassen, allerdings das erste, das wie nie dagewesen verschwand, sobald man hier eintraf. Es ging schließlich nicht an, dass man die Leute hier auch noch herumtragen musste, weil sie nicht selbst laufen konnten.

„Euer Name bitte.“, forderte sie nüchtern – Höflichkeitssmalltalk hatte sie sich schon vor langer Zeit abgewöhnt –, als er vor ihrem Schalter stand, sich aber weiterhin neugierig und verwundert umsah. Doch wenigstens besaß er die Geistesgegenwart, „Celebrimbor“ zu murmeln. So konnte sie wenigstens ihren Job machen, ohne ihn erst verbal in ein handliches Format zurechtstutzen zu müssen. Sowas war wegen des Echos immer etwas unangenehm, auch wenn die Verantwortlichen im Orkverteilungscenter nebenan es nicht mitbekamen, weil sie allesamt annähernd taub waren. Orks konnten nämlich schlimmer sein als eine Horde Waschweiber, die man nach drei Tagen Einzelhaft aufeinander losließ.
Sie schrieb den Namen auf die dafür vorgesehene Tafel, jeden Buchstaben einzeln und ordentlich, damit auch ja keine Verwechslung passieren konnte, denn im Gegensatz zu Verdandi hing sie an ihrem Hörvermögen. Aber das System weigerte sich, ein Ergebnis auszuspucken.

„Celebrimbor mit c und b?“, erkundigte sie sich bei dem Elben, dessen Aufmerksamkeit sich nun auf den Zwerg richtete, der am anderen Ende der Halle aufgetaucht war.

„Mit was denn sonst?“, schnarrte der zerfledderte Erstgeborene und sie konnte nur mit Mühe und einem beherzten Biss auf die Unterlippe verhindern, ihn nachzuäffen. Mit was denn sonst? Pah! Woher sollte sie denn wissen, welche idiotischen Schreibweisen die Noldor in Mittelerde entwickelten, wenn sie nach dem Einschlagen diverser Schädel dann endlich mal zur Fortpflanzung kamen? Wenn sie das interessieren würde, könnte sie sich auch gleich mit vier oder fünf Fässern Zwergenschnaps die Kante geben und zu den Vorhersagenspinnern versetzen lassen!
Nanna wischte die Tafel sauber und schrieb den Namen erneut, wieder mit c und b, genau wie beim ersten Mal. Manchmal wollte das System auch einfach nicht. Meistens dann, wenn es ein paar Tage lang sehr stark oder gar nicht benutzt worden war. Doch das Ergebnis blieb dasselbe – ein Celebrimbor war unbekannt. Sie wollte seufzen, wurde jedoch von Urd unterbrochen.

Die jüngere Kollegin stürmte nämlich just in diesem Augenblick, vier Klappstühle auf dem Arm, aus der Abstellkammer und verkündete in nicht zu überhörender Lautstärke: „SIE KOMMEN!“ Gleich darauf beendeten die vier Stühle ihren Flug krachend auf der anderen Seite der Schalter auf dem Fliesenboden. Nannas Kopf sank auf ihre Handflächen, sodass sie nicht sehen konnte, wie Urd sich über den Menschenschalter schwang, um die Stühle ihrer Aufgabe zuzuführen. Das wollte sie nämlich nicht sehen, denn in dem Fall hätte sie ein Machtwort sprechen müssen und die hob man sich in ihrer katastrophalen Situation lieber für die ganzen Finwes auf – sofern sie überhaupt etwas nützten. Auf jeden Fall sollte sie zuerst einmal versuchen, diesen Celebrimbor auf den richtigen Weg zu schicken. Wenn der weg war, konnte sie sich wenigstens auf die restliche Bagage konzentrieren!

„He, Ihr da, Celebrimbor, hiergeblieben! Ihr müsst mir Euren Namen mal bitte buchstabieren.“, keifte sie quer durch die Halle, denn der Elb hatte sich zu ihrer Verwunderung, nachdem er erst Urd und die Klappstühle stumm, aber mit nur schlecht verborgenem Missfallen zur Kenntnis genommen hatte, dem Zwerg zugewandt und ging ihm nun entgegen. Spätestens jetzt war wohl der richtige Zeitpunkt, sich zu fragen, was für ein missratenes Ding vor ihrem Schalter gelandet war! Kein registrierter Name und dann auch noch sowas wie Freundlichkeit Zwergen gegenüber! Das konnte kaum etwas anderes als Hexenwerk sein!

„SCHWEIGT!“ Seine Stimme war wie ein Donnerschlag, als er ihr einen finsteren Blick über die Schulter zuwarf, bevor er sich vorläufig endgültig dem Zwerg zuwandte – in angenehmerer Lautstärke und erheblich freundlicher, wie sie feststellen musste.

„Ragnheiðr, es ist mir eine Ehre, Euch an diesem Ort anzutreffen.“

Sie sah den Zwerg blinzeln, sich über den Bart streichen und - Nein! Das war gar kein Mann. Immer diese verfluchten Bärte! Was hatte Aule sich eigentlich dabei gedacht? Nichts! Falls er überhaupt gedacht hatte.

Die Zwergenfrau erwiderte die leichte Verbeugung des Elben. „Die Ehre ist ganz meinerseits, Celebrimbor. Aber sagt, wie ist es Euch in den letzten Jahren ergangen? Mein Bruder ist sowohl um Eure als auch um die Sicherheit Eurer Arbeiten besorgt, seit das Unheil Eregion heimgesucht hat.“

„Bitte seid versichert, dass ich die ausbleibenden Nachrichten zutiefst bedaure, doch eben dieses Unheil hielt mich davon ab, sie zu schicken. Wünscht Ihr, dass -“

„Nein, nein, nur keine Umstände. Das hier scheint mir kein geeigneter Ort zum Reden zu sein. Sehr ungemütlich, wenn auch von interessanter Gestaltung.“, wiegelte der Zwerg ab. „

Und damit hatte sie verdammt noch mal recht, schoss es Nanna durch den Kopf. Sie sollten hier kein Kaffeekränzchen halten, sondern ihre Namen sagen und dann einfach durch die passende Tür gehen, um hoffentlich auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.
„Schreib ihren Namen auf!“, keifte sie Verdandi an, die abwechselnd Urds Kampf mit den Klappstühlen und die beiden toten Gesprächspartner beobachtete.

„Aber sie hat ihn doch nicht mir gesagt.“, protestierte die Maia in Zwergengestalt.

„Ist mir scheißegal! Mach’s einfach! Ich will hier Ruhe ha- “

Ein ohrenbetäubendes Krachen verschluckte den Rest des Satzes, eine kitschig weiße Rauchwolke die klare Sicht durch die Halle, dann erklang eine unverhohlen begeisterte Stimme: „Immer wieder schön, hier zu sein, nicht wahr?“

„Oh ja.“, versicherte eine zweite. „Wirklich bezaubernd diese Aussicht, und alles, was wir dafür tun müssen, ist uns wie zuhause benehmen.“

Nanna verdrehte die Augen, und strich Pityafinwe und Telufinwe auf dem Zettel der Verwaltung durch. Die beiden waren schon mal heile hier angekommen – warum musste es ausgerechnet bei denen eigentlich immer funktionieren? Denen täte ein versehentlicher Aufenthalt bei Orks, Spinnen oder anderem Ungeziefer ihrer Meinung nach nämlich wirklich einmal gut, damit sie endlich schätzen lernten, die Wartezeit bis zur Weiterreise hier absitzen zu dürfen. Das war keine Selbstverständlichkeit sondern eine Ehre!

„Könnt ihr nicht endlich still sein?!“, herrschte eine dritte aus dem Rauch. „Ihr benehmt euch wie kleine Kinder!“

„Zum Glück nicht deine, Atarince.“, flötete Pityafinwe heiter zurück, trat als erster aus der Rauchwolke und sah sich um, dicht gefolgt von seinem jüngeren Bruder und einem wütenden Schnauben.

„Wo sie recht haben, haben sie recht, Bruderherz.“, erscholl eine vierte Stimme und hinter den Zwillingen erschien Turcafinwe. Erleichtert strich Nanna erst ihn und dann Curufinwe – zum Glück war es der harmlosere der beiden – ab. Seinem Vater gegenüber hätte der Mann sich nämlich nie in dieser Art und Weise geäußert. Es gab schließlich gewisse Spielregeln, die man einhalten sollte, solange man nicht erpicht darauf war, herauszufinden, ob man als Toter noch ein zweites Mal sterben konnte.

„Halt den Mund, Tyelkormo! Du hast doch von Hunden mehr Ahnung als von Kindern.“, grollte es aus der Wolke, die erst jetzt langsam begann, sich in Wohlgefallen aufzulösen. Sie musste sich unbedingt noch mal über diese Nebenwirkungen des Seelentransports innerhalb Valinors beschweren! So konnte das unmöglich weitergehen. Sie mussten doch sehen, wer hier eintraf. Sie hatten keine Zeit, jedes Mal zu warten, bis der Rauch von selbst beschloss, sich zu verflüchtigen.

Der Angesprochene zuckte jedoch nur die Schultern. „Das ist immer noch mehr als du hast, Carnistir. Vor dir nehmen sowohl Kinder als auch Hunde Reißaus. Von anderen Elben will ich jetzt gar nicht erst anfangen, das würde viel zu viel Zeit in Anspr- “

„Still jetzt, alle beide!“, herrschte es aus der Rauchwolke. „Jedes Mal das gleiche Theater mit euch! Meint ihr nicht, die wissen hier mittlerweile, was ihr alles nicht könnt?“

Seufzend wollte sie nun auch Morifinwe und Nelyafinwe abhaken, doch Verdandi machte ihr einen Strich durch die Rechnung. „Russandol!“ Sie ahmte Urds sportliche Art die Absperrung zu überqueren, nach und stürzte in den Rauch, in dem man nun endlich die Umrisse der drei letzten angekündigten Elben erkennen konnte. Der Zwerg, den sie abfertigen sollte, war vergessen, und Nanna musste sich selbst eindringlich dazu ermahnen, Ruhe zu bewahren. Wenigstens tanzte Urd nicht aus der Reihe. Die hatte es sich auf einem der Klappstühle gemütlich gemacht und sah dem Rauch beim Abziehen zu.

„Weg von mir, Weib!“

Eindeutig Nelyafinwe, konstatierte Nanna. Aber das war ja auch kein Wunder nach dem, was Verdandi aus Unachtsamkeit über mehrere Jahrzehnte hinweg mit ihm angestellt hatte. Davon war im Nachhinein nämlich wirklich niemand begeistert, dem Noldo aber sehr dankbar gewesen, als er das Schicksal eigenhändig wieder ins Lot und sich umgebracht hatte. Damals hätte sie ihn dafür küssen mögen, heute überließ sie diesen vergeblichen Versuch ihrer idiotischen Kollegin mit einer Schwäche für rothaarige Schwachköpfe.
Nelyafinwe hielt sie mit links auf Abstand, während er Morifinwe und Curufinwe mit der anderen Hand aus dem Rauch dirigierte. Verdandis beleidigter, aber erstaunlich kleinlauter Protest wurde schlichtweg ignoriert. Man konnte es in diesem Fall wirklich als Glück bezeichnen, dass Körperteile hier wieder nachwuchsen, auch wenn das bisweilen ziemlich eklig aussah, aber man konnte sich ja an so ziemlich alles gewöhnen und für Notfälle waren unter jedem Schalter ein Stapel Kotztüten und ein paar Pfefferminzbonbons deponiert worden.

„Ihr könnt alle gleich da rüber gehen!“, rief sie Nelyafinwe zu, als er als aus dem nur noch spärlich vorhandenen Rauch getreten war.

„Dann schafft mir dieses Weibsstück aus den Augen.“, kam es prompt zurück und Verdandi stolperte nach einem kräftigen Stoß in den Rücken vorwärts.

„Mit dem allergrößten Vergnügen.“, gab Nanna eisig zurück, stand auf und benutzte demonstrativ die Tür, um auf die andere Seite der Schalter zu kommen und ihre Kollegin wie ein Kaninchen im Genick zu packen. „Nächstes Mal lege ich sie an die Leine. Die hat sie sich gründlich verdient.“

„Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie dankbar ich Euch wäre, würdet Ihr das endlich einmal in die Tat umsetzen.“, erwiderte Nelyafinwe süffisant.

Sie zwang sich zu einem entschuldigenden Lächeln. „Es wäre mir wirklich früher möglich gewesen, aber die Verwaltung zog es vor, mir die Hände gebunden zu lassen.“

„Nun, was soll man von den Personen dort auch anderes erwarten? Immerhin haben sie dieses wahnsinnige Weib wieder hierher zurückgeschickt.“ Er bedachte Verdandi mit einem finsteren Blick. Sie schniefte und Nanna glaubte, ein sehr, sehr leises „Aber es war doch nicht böse gemeint“ herauszuhören.

„Seid versichert, ich bin ganz Eurer Meinung. Aber Ihr müsst mich schon entschuldigen, wenn ich sie Euch aus den Augen schaffen soll.“ Sie schüttelte Verdandi ein wenig. „Im Übrigen kennt Ihr das Spiel ja schon, einfach hinsetzen und warten, bis die Verwaltung den Fehler im System behoben hat. Ach ja… URD! Beweg deinen Arsch hinter Verdandis Schalter und sieh zu, dass der Zwerg endlich seine letzte Reise antritt!“
Nelyafinwes pikierten Blick überging sie, machte auf dem Absatz kehrt und schleifte Verdandi am Kragen hinter sich her und bis in den Flur hinter der Halle.

„Mandelplätzchen, Pfefferminztorte, Erdbeerkuchen.“, presste sie dort an die Jüngere gewandt hervor.

„Tu mir das nicht an! Bitte, ich will nichts backen. Ich hasse backen. Und Kuchen. Und -“

„DAS. IST. MIR. EGAL! SCHEIßEGAL! Aber wenn ich nachher in die Küche komme, will ich da gelungenes Backwerk sehen, habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?!“

„Ja.“, fiepte Verdandi und zog die Schultern hoch.

„WORAUF WARTEST DU DANN NOCH?! SIEH ZU, DASS DU LAND GEWINNST, BEVOR MIR NOCH MEHR GEBÄCK EINFÄLLT!“

Wutschnaubend sah sie ihr nach, als sie in Richtung Teeküche davoneilte. Das Backen würde sie hoffentlich so lange beschäftigen, dass die Toten alle wieder zurück in ihren Hallen waren, ehe sie wieder aus der Küche kam – die dann im besten Fall auch noch benutzbar war.

„UND VERGISS DIE SCHLAGSAHNE NICHT!“, brüllte sie ihr noch hinterher, dann drehte sie sich leise seufzend um und kehrte in die Halle zurück, wo sich in ihrer Abwesenheit natürlich nichts getan hatte. Nun, fast nichts. Urd hatte es zumindest bis an den Zwergenschalter geschafft, hockte allerdings nicht auf dem Stuhl sondern auf dem Boden.

„Und was soll das werden, wenn’s fertig ist?“

Urd hob den Kopf und gab ein klägliches „Ich krieg den Bart nicht hin“ von sich. „Ich hab’s doch nicht so damit.“

„Warum lässt du ihn dann nicht einfach weg?“, keifte sie und warf theatralisch die Arme in die Luft. „Bin ich hier eigentlich nur von Idioten umgeben?!“

„Ja!“, schallte es prompt zurück und die Finwes auf den billigen Plätzen brachen in Gelächter aus.

„SCHNAUZE!“, keifte Nanna. „HIER HAT RUHE ZU HERRSCHEN UND DIE EINZIGE, DIE LAUT SEIN DARF, BIN ICH!“

Es half nichts. Die sechs Männer bogen sich nur weiter vor Lachen. Sie schnaubte, beschloss dann aber, es zu ignorieren. Wenn schreien nicht half, klappte es vielleicht so.
Außerdem musste sie sich wirklich um den Zwerg kümmern. Man konnte schließlich nie wissen, wann Zwerge und Elben die Entscheidung fällten, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. In dieser Hinsicht waren sie absolut undurchschaubar und bedenklich heimtückisch, aber ihren Antrag auf eine räumliche Trennung der Vorhallen von Elben und Zwergen hatte man in der Verwaltung kategorisch abgelehnt.

Sie pfiff auf die Verwandlung in Zwergengestalt, schob Urd mit dem Fuß beiseite und schrieb den Namen der Zwergenfrau auf die vorgesehene Tafel. Wenn man nicht alles selbst machte…

Der Name verschwand, wurde durch andere Buchstaben ersetzt, die rasch die Worte Tor Eins bildeten. Ja, damit hatte sie schon gerechnet. Man sah der Frau das Alter zwar nicht an, aber Zwerge, die nicht blutverschmiert hier ankamen, waren in den meisten Fällen einfach an Altersschwäche eingegangen und richtig tot.

„Ihr da, Ragnheiðr, hättet Ihr die Güte, mir kurz zuzuhören?“ Das war zwar definitiv nicht besonders höflich, aber was sollte sie machen? Die Dinge mussten ja laufen und offensichtlich war sie im Moment die Einzige, die hier noch in der Lage zum Arbeiten war, denn Urd hockte immer noch wie paralysiert neben dem Stuhl auf dem Fußboden und Verdandi bemühte sich hoffentlich die Küche nicht wieder in ein Schlachtfeld – das bekanntermaßen immer schlimmer als der Nirnaeth Arnoediad aussah – zu verwandeln.

„Ihr wartet, bis Ihr an der Reihe seid.“, ordnete die Zwergenfrau eisern an und wandte sich wieder Celebrimbor zu, der immer wieder merkwürdige Blicke zu den wie Hühner auf der Stange aufgereihten Finwes hinüberwarf.

„Also, nachdem wir so rüde unterbrochen wurden, welche Nachricht soll ich meinem Bruder Narvi nun ausrichten?“

„Er soll die Tore gut verschlossen lassen und geheim halten, bis sich alles wieder beruhigt hat. Eregion ist verheert und die Orks scheuen nicht mehr davor zurück, Gefangene zu machen.“ Celebrimbor sprach ruhig und ernsthaft, gerade so, als würde ihn die Ungewöhnlichkeit der Umgebung nicht tangieren. Doch das konnte auch täuschen. Es gab ja durchaus Elben, die man mit ungeübtem Auge nicht durchschauen konnte.

„Gut, gut. Er wird es erfahren.“, versicherte Ragnheiðr und nickte. „Ich werde mich dann einmal mit dieser seltsamen Frau auseinandersetzen, damit sie Ruhe gibt.“

Sie sah, wie Zwerg und Elb sich voreinander verbeugten. Erst nach diesem Austausch von Höflichkeiten kam die Zwergenfrau zu ihr. Das jedoch ruhig und gesittet, als wolle sie ihr allein durch ihr Verhalten zu verstehen geben, was sie von ihrem hielt.
Eigentlich sollte sie dem Zwerg für diese Frechheit die Ohren langziehen, am besten bis sie spitz waren. Sie saß hier schließlich nicht zum Vergnügen, sondern weil sich Zwerge wie sie erdreisteten, zu sterben und dann nicht mal in der Lage waren, allein den richtigen Weg zu finden. Aber dafür war heute nicht der richtige Zeitpunkt und sie konnte den Frust später immer noch an irgendeinem anderen Toten auslassen, der zufällig des Weges kam. Es war ja nicht so, dass die in Mittelerde das Sterben irgendwann mal einstellten. Wäre auch zu schön gewesen…

„So, und wie kann ich Euch nun behilflich sein?“, erkundigte die Zwergenfrau sich lächelnd.

Nanna seufzte und beschloss, die Sache jetzt so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen. Am besten bevor die Frau auf die Idee kam, sich wortreich von Celebrimbor verabschieden zu wollen.
„Ich wäre Euch zutiefst verbunden, würdet Ihr einfach durch die rote Tür gehen und die Angelegenheit selbst mit Eurem Bruder besprechen, denn zu meiner Schande muss ich gestehen, nicht einmal die Hälfte von dem zu verstehen, was er Euch so dringend mitzuteilen wünscht.“

Nicht, dass Narvi tatsächlich schon tot war, wenn dem so wäre, wäre die Frau niemals davon ausgegangen, ihm noch etwas mitteilen zu können. Doch ihr Verhalten, ihre Art von ihm zu sprechen, hatte deutlich gemacht, dass er lebte und sie davon ausging, es ebenfalls noch zu tun. Sowas kam häufig vor, wenn jemand abrupt starb. Erfahrungsgemäß legte es sich jedoch nach wenigen Stunden, spätestens aber, sobald sie auf längst verstorbene Verwandte und Freunde trafen, die in der Regel die Güte besaßen, die Verwirrten aufzuklären.

„Die Gelegenheit ist günstig.“, murmelte Ragnheiðr. „Sehr günstig. Ihr seid der Torwächter, nehme ich an?“

„Ja.“, bestätigte Nanna rasch. Das war durchaus eine treffende Berufsbezeichnung. Manchmal. An den allermeisten Tagen kam sie sich eher wie ein Kindermädchen vor.

„Ich würde diesen Mann, Celebrimbor, gerne an meiner Seite wissen. Er und mein Bruder haben wichtige Dinge zu besprechen.“

„Es tut mir aufrichtig leid, Herrin, aber Euer Bruder hat angeordnet vorerst nur Euch allein vorzulassen. Und ich würde meine Anstellung nur ungern -“

Die Zwergenfrau winkte ab. „Ja, typisch mein Bruder. Ich werde ihm den Kopf zurechtrücken. Die rote Tür, sagtet Ihr?“

„Ja, Herrin.“

„Nun gut.“ Ragnheiðr ging zur angesprochenen Tür hinüber, legte die rechte Hand auf die Klinke und drehte sich dann zu Celebrimbor um. „Wie es aussieht, werdet Ihr doch die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Narvi bekommen. Es wird gewiss nicht lange dauern, bis einem gebührenden Fest zur Feier des Wiedersehens nichts mehr im Wege steht.“

„Ich danke Euch, Herrin.“ Der Elb neigte erneut den Kopf und zu Nannas großer Erleichterung nickte die Zwergendame ihm nur zu, bevor sie die Tür öffnete und endgültig abtrat. Mit einem schweren Stoßseufzer plumpste sie auf Verdandis Stuhl und fuhr sich mit der linken Hand durchs Haar. Geschafft!

„Und wieder gelogen ohne rot zu werden!“, schallte es teils anklagend, teils belustigt von einem der Klappstühle.

„Fresse halten, Pityafinwe!“, keifte sie zurück und stand wieder auf. „Sonst überleg ich mir mal ernsthaft, ob ich der Verwaltung nicht mal stecke, dass sie weniger Arbeit hätten, wenn sie dich und Telufinwe getrennt unterbringen.“

Pityafinwe schnaubte: „Das wagst du ni- “

„Willst du’s drauf ankommen lassen?“ Wütend stapfte sie zum Elbenschalter hinüber. Heute waren sie wieder ganz besonders auf Krawall gebürstet und insgeheim wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte sich beizeiten um ein besseres Verhältnis zu Nelyafinwe bemüht, welcher der Einzige zu sein schien, der diesen aggressiven Hühnerhaufen zur Ordnung rufen konnte. „Ich kann lügen ohne rot zu werden, also wird’s mir nicht grad schwerfallen, der Verwaltung das Blaue vom Himmel runter zu erzählen, und übrigens sind die nicht so gut auf euch zu sprechen, dass ihnen das nicht gefallen würde! UND DU STEHST JETZT ENDLICH AUF UND SIEHST ZU, DASS DU HINTER DEINEN SCHALTER KOMMST, BEVOR ICH DICH EIGENHÄNDIG HINSCHLEIFE!“

Der letzte Satz richtete sich an Urd, die mittlerweile unter dem Zwergenschalter Zuflucht gesucht hatte und dort mit dem kämpfte, was einmal ein ordentlicher Bart hatte werden sollen, dann gar nichts wurde und jetzt hemmungslos wucherte. Wie – in Erus Namen! – war es ihr eigentlich gelungen, die Verwandlungsprüfungen zu bestehen, wenn sie nicht mal das auf die Reihe bekam?!

Schnaufend nahm Nanna auf ihrem Stuhl Platz, wandte sich wieder Celebrimbor zu, der sich in der Zwischenzeit keinen Millimeter von seinem Standort wegbewegt, aber die Arme vor der Brust und den Kopf stolz gehoben hatte. Aufmerksamkeit schenkte er ihr nur bedingt, wie sie feststellte, stattdessen richtete sich sein Blick finster auf Curufinwe, der ihn jedoch mit weitaus geringerer Intensität erwiderte.

Sie räusperte sich. Niemand reagierte. Nun gut, sie hatte es friedlich versucht, aber die Elben schienen es interessanter zu finden, zwischen Celebrimbor und Curufinwe hin- und herzuschauen oder – in Pityafinwes und Telufinwes Fall – tuschelnd abzuwägen, ob sie ihre Drohung diesmal wirklich ernst meinte.

„Celebrimbor!“, keifte sie schließlich, „Herkommen! Ihr habt später noch genug Zeit, Curufinwe anzuglotzen, wenn Euch das Spaß macht.“

„Was erdreistet Ihr Eu- “

„Tu dir selbst einen Gefallen und reiz sie nicht weiter.“, warf Turcafinwe an Celebrimbor gewandt ein. „Was auch immer sie mit dir anstellt, wenn du nicht spurst, es wird auf jeden Fall schlimmer sein als ihr Geschrei.“

Morifinwe neben ihm grinste spöttisch: „Ach, du weißt, wovon du redest, was, Tyelkormo?“

„Nein, ich weiß, was gut für seine Gesundheit ist.“, gab der Ältere zurück und wies auf Celebrimbor.

„Gesundheit?! Sagt mal, haben die euch zu lange auf ’nem Baum schlafen lassen oder was? Ihr. Seid. Tot! Da ist nichts mehr mit Gesundheit.“, fuhr sie dazwischen – und hatte endlich wieder Celebrimbors ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Tot, sagt Ihr?“ Er näherte sich dem Schalter wie eine Schlange dem paralysierten Kaninchen. „Was ist dies dann für ein Ort?“

Sie seufzte, halb erleichtert und halb genervt: „Die Vorhalle des Todes. Und Ihr müsst mir jetzt bitte Euren richtigen Namen sagen, damit ich weiß, was ich mit Eurer Seele machen soll. Ihr habt doch sicherlich keine Lust, den Rest der Ewigkeit ausgerechnet hier zu verbringen, oder? Ich meine, hier ist es laut, kahl und die meiste Zeit sterbenslangweilig.“

„Was nicht zählt, weil du ja eh schon tot bist!“, krähte Telufinwe dazwischen.

Nanna holte Luft, um den Jüngsten der Brüder zur Ordnung zu brüllen, doch Nelyafinwe kam ihr zuvor, indem er den Kopf schüttelte und ihn dann ergeben in beide Hände stützte.

„Wenn Makalaure hier wäre, dann -“

„Ist er aber nicht!“, fuhr Morifinwe ihm über den Mund. „Und wir haben verflucht noch mal keine Ahnung, wo er steckt. Das könnte uns höchstens sie sagen!“ Anklagend deutete er mit ausgestrecktem Arm auf sie.

Und sie schnaubte: „Wenn du dein Spatzenhirn mal ein wenig anstrengen würdest, könntest du auch selbst drauf kommen, dass Kanafinwe einfach noch nicht tot ist.“

„Und er wird von ganz allein auftauchen, wenn er erst mal gestorben ist, Carnistir.“, ergänzte Turcafinwe grinsend und klopfte dem Jüngeren brüderlich auf die Schulter. Doch der zischte nur gereizt: „Blitzmerker.“

„Gut, nachdem das auch geklärt wäre“, sie richtete den Blick wieder auf Celebrimbor vor dem Schalter, „zurück zum Thema. Ihr seid tot und mir hat man den Auftrag gegeben, Eure Seele auf den richtigen Weg zu schicken, damit sie auch in den richtigen Hallen landet. Es gab da früher nämlich ein paar Probleme und es ist äußerst aufwendig, falsch abgebogene Seelen dorthin zu bringen, wo sie eigentlich hingehören.“

„Und dafür braucht Ihr meinen Namen?“

„Ja, Euren richtigen Namen, wenn es Euch nichts ausmacht, denn ein Celebrimbor ist hier niemandem bekannt, also -“

„Also könnt Ihr meine Seele nicht weiterschicken.“, beendete er ihren Satz lächelnd.

„Genau.“, nickte sie. Wenigstens einer, der hier heute noch sowas Ähnliches wie gesunden Verstand aufwies! Sie hatte die Hoffnung ja fast schon aufgegeben.

„Nun, in dem Fall stehen wir vor einem unlösbaren Problem, fürchte ich.“

„Wie bitte?“

„Mein Name ist nun einmal Celebrimbor und wenn er sich in Euren Unterlagen nicht findet, werdet Ihr mich wohl oder übel hierbehalten müssen.“

„Das geht auf keinen Fall!“, protestierte sie prompt. Das würden ihre Nerven nicht mitmachen. Noch ein Elb, dem Verdandi sich an den Hals schmeißen konnte, fehlte ja gerade noch!

„Andererseits könnte ich mir auch gut vorstellen, der netten Dame von gerade eben zu folgen. Dann wärt Ihr mich los und -“

Das kommt überhaupt nicht in Frage!“ Curufinwe war aufgesprungen, wischte gerade Turcafinwes Hand von seiner Schulter und stürzte auf den Schalter zu. „Es gibt eine ganz einfache Erklärung dafür, dass sein Name nicht auffindbar ist. Er ist einfach nicht eingetragen. Versucht es einmal mit Telperinquar, Nanna.“

„Telperinquar?“, echote sie, „Das ist Euer Sohn? Nicht Euer Ernst!“

„Das ist er.“, beharrte der Elb.

Nanna seufzte wieder. „Na gut, meinetwegen.“ Sie schrieb den neuen Namen auf und bekam nach wenigen Wimpernschlägen die irgendwie schon erwartete Antwort – wenn man mit den ganzen Finwes so eng verwandt war, konnte es ja nicht anders sein! – bekam. Tot.

„Hat es funktioniert?“ Curufinwe starrte sie so eindringlich an, als wolle er ein Loch in ihren Kopf bohren.

„Selbstverständlich hat es das.“, gab sie nüchtern zurück, spürte, wie etwas in ihr wieder zur Ruhe kam, weil sich das Celebrimbor-Problem – das war ein guter Name für die Schwierigkeiten, die mit all jenen, die ihren Namen vergessen hatten, auftraten, fand sie – diesmal so leicht hatte lösen lassen. Vielleicht sollte sie mal in der Verwaltung nachfragen, ob die dort einen Tipp aus der Vorhersagenabteilung bekommen und die Neuverteilung deswegen auf heute gelegt hatten. In dem Fall könnte man denen in der Vorhersagenabteilung ein paar von Verdandis Mandelplätzchen zukommen lassen, quasi als Dankeschön.

„Und Ihr seid bedauerlicherweise wirklich tot.“, richtete sie das Wort an Celebrimbor, dessen Blick finsterer geworden war als ein Sommergewitterhimmel.

„Na endlich.“, murrte er nur. „Hat auch lange genug gedauert.“

„Wie bitte?“ Sie konnte nicht anders, als den Noldo vor ihrem Pult mit offenem Mund anzustarren. Bisher hatte nur eine andere Person so ähnlich reagiert und das war – wenn man seine unzähligen vorangegangenen Aufenthalte an diesem Ort bedachte – durchaus verständlich.
Aber auch Curufinwe schienen die Worte seines Sohnes ein wenig aus der Fassung zu bringen. Von seiner üblichen aalglatten Fassade war zumindest nicht mehr viel geblieben.

„Es ist nicht besonders angenehm, als makaberes Banner von Orks durch die Gegend geschleppt zu werden.“, erklärte Celebrimbor, schob jedoch, als er das Entsetzen oder wie auch immer man das, was in Curufinwes Augen aufblitzte, nennen wollte, sah, nach: „Aber es war immer noch besser, als hier auf meine sogenannte Familie zu treffen.“

Das war jetzt überhaupt nicht gut, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte ja schon davon gehört, dass Curufinwes Sohn sich von der Familie und ihren Taten losgesagt hatte, aber dass es so ernst war… Nein, davon war sie nicht ausgegangen und ein Streit war heute wirklich das Letzte, was sie hier brauchen konnte.

„Naja“, setzte sie also an, „ihr habt jetzt auf jeden Fall genug Zeit, um das in aller Ruhe auszudiskutieren. Aber bitte nicht -“

„NANNA!“

Verdandis Aufschrei ließ sie innehalten und den Kopf schütteln. „Was ist?“, brachte sie müde hervor. Eigentlich wollte sie schreien, aber ihr Hals fühlte sich schon wieder rau und trocken an, sodass sie es gar nicht erst versuchte.

„Ganz schlechte Nachrichten.“ Die Jüngere kam neben ihr zu stehen und schob ihr einen Zettel auf die Tafel auf dem Pult. „Die haben bei den Wartungsarbeiten einen Fehler gemacht. Die rote Tür ist frühestens heute Abend wieder benutzbar. Aber ich hab Urd schon gesagt, dass wir mehr Klappstühle brauchen, und die Mandelplätzchen sind mir auch nicht verbrannt.“

„Ja, ganz toll…“, murmelte Nanna kaum hörbar. Das war genau das, was gerade noch gefehlt hatte!

„Gehe ich recht in der Annahme, dieser Umstand bedeutet, dass wir uns auf einen längeren Aufenthalt an diesem Ort einrichten sollten?“

Nelyafinwes Frage veranlasste sie, den Kopf wieder zu heben und ihn anzusehen, während er sich dem Schalter näherte.

„Genau das.“, presste sie als Antwort hervor.

„Nun, dann schlage ich vor, dass wir uns nicht wie verwilderte Menschen benehmen, sondern die Zeit hier zivilisiert verbringen. Vielleicht mit dem Kosten der Mandelplätzchen.“

„Ja! Ich hol sie!“ Verdandi stürzte begeistert in Richtung Küche davon.

„Musste das sein, Nelyafinwe?“, wollte sie wissen, denn ihr stand der Sinn mittlerweile mehr nach Salbeitee als nach Verdandis nicht vorhandenen Backkünsten.

„So sind wir das Weib wenigstens noch eine Weile los.“, gab der Rothaarige trocken zurück, ehe er sich an seinen Bruder und Neffen wandte: „Und ihr zwei werdet euch gesittet aussprechen. Andernfalls wird Nanna sicherlich einen Weg finden, euch beide für ein paar Jahrhunderte zusammen wegzusperren, damit ihr das nachholen könnt.“

Nanna grinste: „Mit dem allergrößten Vergn- “

„Das wagst du nicht, Maitimo!“, herrschte Curufinwe seinen älteren Bruder an, von ihr nahm man keine Notiz. „Wäre Makalaure hier, dann -“

„Ist er aber nicht. Aber wenn du ihn so unbedingt dabei haben willst, solltest du dich vielleicht mal erkundigen, ob man dich zurück nach Mittelerde schickt, damit du ihn umbringen kannst. Doch nützen wird es dir nicht, Atarince. Er würde dir dasselbe sagen wie ich.“

„Das weißt du ni- “

„ACHTUNG, KLAPPSTÜHLE!“

Nanna konnte gerade noch rechtzeitig den Kopf einziehen, um noch einen Nutzen von Urds Warnung zu haben, doch für Celebrimbor und Curufinwe kam sie zu spät. Und das nächste, was sie sah, waren Vater und Sohn begraben und k.o. unter drei weiteren Klappstühlen, mäßig interessiert gemustert von Nelyafinwe, der schließlich mit einem Schulterzucken bemerkte: „Ihr solltet Verdandi durch noch jemanden dieses Kalibers ersetzen.“

Für ihr verblüfftes „Ach“ hatte er jedoch schon kein Ohr mehr. Stattdessen winkte er Turcafinwe und Morifinwe heran. „Räumt die beiden aus dem Weg. Ich will sie nicht in unserer Nähe haben, bis ihre Differenzen beigelegt sind.“

„Glaubt Ihr, das wird etwas bringen?“, hakte Nanna erschöpft und den Tränen nahe nach, als sie sah, wie Urd mit ihrem immer noch vorhandenen Bart kämpfte, der sich nun in der Absperrung verfangen hatte.

„Meinen Bruder und seinen Sohn auszugrenzen oder Verdandi durch jemanden mit Urds Fähigkeiten zu ersetzen?“ Nelyafinwe bedachte Urds Verrenkungen und ihr Zerren mit einem kurzen kühlen Blick.

„Ersteres.“

„Mit Sicherheit mehr als Verdandi zu ersetzen. Seid versichert, niemand neidet Euch diese Aufgabe, wo sie doch offensichtlich verrückt oder dumm oder beides zugleich macht.“

„Ihr seid heute wieder ausgesprochen liebenswürdig, Nelyafinwe.“

„Es ist mir immer wieder ein Vergnügen, das wisst Ihr doch, Nanna.“ Er drehte sich um und schlenderte wieder zu den Klappstühlen zurück. Aber auf halbem Weg blieb er noch einmal stehen. „Es riecht übrigens verbrannt.“

„Verdammt!“ Sie sprang auf, wollte in der Küche nach dem Rechten sehen, doch dazu kam es nicht mehr. Verdandi kam ihr bereits mit einem Tablett entgegengeeilt. Für den Bruchteil eines Wimpernschlags konnte sie die Tassen, die Teekanne und einen großen Teller voller Mandelplätzchen darauf erkennen. Dann flog alles durch die Luft und zum zweiten Mal an diesem Arbeitstag konnte sie sich gerade noch rechtzeitig ducken. Aber hinter sich hörte sie wüste Verwünschungen einiger Elben, während Verdandi bäuchlings vor ihr auf dem Boden lag und mitleiderregend jämmerlich wieder und immer wieder „Das wollte ich nicht“ murmelte.

Sprach- und fassungslos richtete Nanna sich wieder auf, rang nach Worten oder irgendetwas Anderem, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Was in aller Welt hatte sie getan, dass Eru sie so strafte?!

„Eindeutig nicht essbar.“, konstatierte Telufinwe plötzlich.

„Stimmt“, ergänzte sein Zwilling, „Aber das macht sie noch lange nicht nutzlos.“

Im nächsten Moment traf sie etwas Hartes am Hinterkopf, ließ sie auf dem Absatz herumfahren. Doch alles, was sie sah, waren die die beiden jüngsten Finwes, die Verdandis verkohlte Mandelkreation wie Schneebälle benutzten und schwarze Krümel in der Halle verteilten. Und Nelyafinwe machte keinerlei Anstalten, ihnen Einhalt zu gebieten. Er hatte sich gesetzt, die Hände in den Schoß gelegt und beobachtete das Treiben mit mildem Lächeln auf den Lippen.

„ES REICHT!“, brüllte sie entschlossen. Was zu viel war, war zu viel und das galt auch für Tote. „HIER HERRSCHT AB SOFORT STRIKTES FLUGVERBOT! FÜR ALLES!“

„Echt?“ Urd richtete sich auf der anderen Seite der Absperrung wieder auf.

„Ja.“, bestätigte sie finster und beförderte alle noch fliegenden Plätzchen – man scherte sich gemeinhin ja nicht um ihre Anweisungen – mit einer unwirschen Bewegung des rechten Arms zu Boden.

„Aber was machen wir denn dann mit all den Drachen und Balrogs?“, wollte Verdandi wissen.

„DIE SOLLEN GEFÄLLIGST LAUFEN, SO WIE ALLE ANDEREN AU- “ Hustend brach sie ab.

„Ich mach dir ’nen Salbeitee.“, bot Verdandi eilig und eifrig an.

Und unter lautem Gelächter von Seiten der nicht-bewusstlosen Elben stürmte sie wieder davon. Nanna sank auf ihrem Stuhl in sich zusammen. Verdandi war noch nie eine Leuchte in der Küche gewesen, aber wenn es etwas gab, das sie noch weniger beherrschte als Backen…

Vielleicht sollte sie doch einfach die sechs Fässer Zwergenschnaps aus ihrem Schrank leeren und ein Versetzungsgesuch einreichen…



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Mehr über die Vorhalle des Todes gibt es in Sterben für Anfänger.

Kategorie: Der Hobbit

Genre: Parodie, Abenteuer

Kurzbeschreibung: „Sterben ist keine Kleinigkeit, also hoffe ich, dass du diese Beförderung zu schätzen weißt.“ Das ist freundlich für: „Wehe, du baust wieder Mist, Skuld!“ Nicht, dass sie das je getan hätte. Das war nun wirklich das falsche Wort für ihre ganz spezielle Art, Aufgaben pünktlich zu erledigen. Aber was soll schon schlimmes passieren, wenn man in Mittelerdes größtes Bestattungsinstitut versetzt wird, wo die Kunden sowieso schon alle tot sind?

Warnung: kein Inzest

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Namensliste:
Maedhros: Nelyafinwe, Maitimo, Russandol
Maglor: Kanafinwe, Makalaure
Celegorm: Turcafinwe, Tyelkormo
Caranthir: Morifinwe, Carnistir
Curufin: Curufinwe, Atarince
Amrod: Pityafinwe, Ambarussa
Amras: Telufinwe, Ambarussa, Umbarto/Ambarto

Feanor: Curufinwe, Feanaro

Celebrimbor: Telperinquar
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