Die Scherben der Haruhi Suzumiya

KurzgeschichteAllgemein / P12
Yuki Nagato
01.04.2013
01.04.2013
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Nichts hatte sich in dieser Wohnung verändert. Immer noch derselbe Tisch, immer noch derselbe Teppich, immer noch die derselbe weiße Tapete. Das Zimmer wirkte immer noch genauso kalt und karg eingerichtet wie früher. Die Kälte gehörte zu mir, sie passte zu mir. Mein Vornahme Yuki bedeutet immerhin Schnee. Und so kalt wie Schnee war auch der Raum. Ich hatte keine Heizung. So etwas war für mich überflüssig. Das einzig warme in meinem Wohnzimmer war der Tee der auf dem Tisch stand und dampfte. Ich verließ meine Wohnung schon seit Jahren nicht mehr, nicht mehr seit Haruhi Suzumiyas Beerdigung. Haruhi war schon seit vielen Jahren tot. Ich hatte diese Jahre nicht mehr gezählt. Warum auch? Ich wartete. Auf einen neuen Shinjin. Aber keine dieser göttlichen Kreaturen würde Haruhi ersetzten zu können. Sie war einzigartig gewesen. Sie war Gott gewesen. Es war eine Ironie, dass die mit göttlichen Fähigkeiten versehene Haruhi auf eine so normale Art hatte sterben müssen, während ich an das ewige Leben gekettet war. Haruhi war bei einem Unfall verstorben.
Es war ein Jahr nachdem wir die Schule verlassen hatten und Haruhi überquerte, ganz in Gedanken, eine Hauptstraße. Sie sah das Auto erst, als es vor ihr war. Man brachte sie in ein Krankenhaus und rief Kyon, Itsuki Koizumi, Mikuru Asahina, Tsuruya, sowie mich an. Wir standen an Haruhis Krankenbett und warteten. Ich hatte steif neben dem Bett gestanden und war die einzige gewesen die wusste was kommen würde. Die Maschine neben Haruhi piepste in regelmäßigen Abständen, bis das Geräusch zu einem durchdringenden Ton wurde. Asahina fing zu schluchzen an während Tsuruya sie in die Arme nahm. Gemeinsam gingen die Beiden vor die Tür. Vermutlich um ihre unendliche Trauer zu verbergen. Damit war ich mit Kyon und Koizumi allein. Kyon, der in Haruhi verliebt gewesen war, schrie mich mit vor Trauer und Wut gebrochener Stimme, an.
Er fragte mich warum ich Haruhi nicht mit meinen mächtigen Heilfähigkeiten gerettet habe. An meine Antwort erinnerte ich mich sehr gut: „Ich kann nicht gegen den Tod kämpfen. Meine Kräfte sind nur zur Selbstheilung geeignet. Alle Versuche Haruhi zu retten würden wirkungslos sein und hätten ihrem sofortigen Tod gedeutet.“ Damit verstummte Kyon, nur in seinen Augen schimmerte noch die tiefe Trauer des Verlustes. Auch Koizumi, der bis jetzt nur stumm auf Haruhis Gesicht gesehen hatte, sah mich nun mehr erstaunt an. Er wusste, dass ich gemerkt hatte, dass Haruhi sterben würde. Danach veränderte sich mein komplettes Umfeld. Asahina kehrt nach Haruhis Beerdigung in die Zukunft zurück, Koizumis Organisation setzte ihn auf einen anderen Shinjin im Ausland an, Tsuruya habe ich nie wieder gesehen und Kyon verschwand für immer.
Mittlerweile waren wahrscheinlich hundert Jahre vergangen und alle meine ehemaligen Klassenkameraden mussten in der Zwischenzeit gestorben sein. Müde starrte ich auf ein orangenes Band, das zusammen mit einigen anderen Gegenständen auf dem Tisch lag. Es war das Haarband, das Haruhi immer getragen hatte. Jeder meiner Freunde hatte eines der Bänder als Erinnerungsstück behalten. „Glaubst du es nun?“, fragte die boshaft klingende Stimme, die genau wie Haruhi klang. „Nicht dich, sondern mich hat er geliebt… Du hast die Welt damals ganz umsonst verändert und warum tust du es jetzt nicht wieder, lässt meine Phänomene wieder zu ganz normalen Menschen werden?“ Ich ignorierte die Stimme, die immer dann erklang wenn ich das Haarband betrachtete. Zwar könnte ich die Welt verändern, aber ich bin zu müde vom jahrelangen Warten. Mein Blick schweifte zur der neben dem Band liegenden silbernen gerahmten Brille.
Ich weiß nicht warum ich meine Brille wiederhergestellt habe. Immerhin hatte Kyon mir gegenüber mal gesagt, dass ich ohne Brille besser aussähe. Daher trug ich dieses überflüssige Accessoire zwar nicht mehr, aber ich behielt es als Erinnerungsstück an Kyon. Ich hatte viel für Kyon getan, ihm mehrmals das Leben gerettet und einmal die ganze Welt neu gestaltet. Dabei hatte ich die jeden Menschen, mich selbst eingeschlossen, verändert, doch Kyon beließ ich in seinem ursprünglichen Zustand. Der nächste Gegenstand war das rekonstruierte Messer, welches einst Asakuras Hand geziert hatte.
Mit dieser Klinge wollte sie Kyon töten, doch ich schickte sie zur Daten-Integrations-Entität. Durch den Kampf mit Asakura hatte ich viel Blut verloren und mir schwere Verletzungen zugezogen. Trotzdem konnte ich nicht sterben. Ich bin unverwüstlich. Heute wäre ich froh, wenn ich ein ganz normaler Mensch mit einem ganz normalen Leben gewesen wäre. Doch auch das war ich natürlich nicht. Ich war und bin ein Alien, eine von Außerirdischen geschaffene Androidin zur Überwachung von Haruhi Suzumiya. Nun konnte ich dies aber nicht mehr ausführen, daher verharrte ich im Ruhezustand. In diesem Zustand brauchte ich nichts essen oder sonst irgendwas zu tun. Ich musste einfach nur auf den nächsten Auftrag der Daten-Integrations-Entität warten. Mein Blick streifte den Hexen Hut, welchen ich zum Wahrsagen meiner Klasse und zu dem von Haruhi gedrehtem Film getragen hatte. Passend zum Hut gab es auch noch ein anthrazitfarbenes Kostüm.
Während dieses Films musste ich die Zeitreisende Mikuru Asahina mehrmals beißen, damit die durch Haruhi veränderte Kontaktlinse keinen Schaden verursachte. Auch diese Kontaktlinse besaß ich, ebenso wie den halbierten Reflektor den Koizumi für den Film hochgehalten hatte. Ursprünglich war der Reflektor ein Objekt, das dem Fotoclub gehört hatte, ehe Haruhi es ihnen irgendwie abgeluchst hatte. Doch der Mikuru-Beam-Strahl hatte den Reflektor während des Films halbiert. Von jedem meiner ehemaligen Brigademitglieder besaß ich ein Erinnerungsstück, die Brille die mich an Kyon erinnerte, die Kontaktlinse von Asahina, den Reflektor von Koizumi und das Haarband von Haruhi. Der einzige Gegenstand der nicht dazu passte war das Messer.
Ich hatte es als Erinnerungsstück an mein Backup-Programm Ryoko Asakura behalten. Doch es gab außer uns noch weitere Außerirdische. Leider weiß ich bis zum heutigen Tage nicht ob auch meine Vorgesetzte Emiri Kimidori oder die seltsame Kuyo Suo noch am Leben waren. Sie waren alle genau wie ich TFEI-Terminals und genauso wie ich unsterblich. Vielleicht waren sie bereits ins All zurückgekehrt, vielleicht aber auch nicht. Im Grunde genommen waren alle Außerirdischen, alle Zeitreisende und alle ESP-Begabten von Haruhi geschaffene Wesen. Daher war Haruhi für mich so etwas wie Gott.
Das mag fanatisch wirken, ist aber korrekt. Doch nun war Gott tot, kehrte nie wieder zurück und ich war nur noch eine Silhouette, ein Schatten meiner selbst. Ich war nicht anders als alle, die ein Familienmitglied verloren hatten: Einsam und verlassen, verlassen von Gott.
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