Das ist nicht fair!

von Earthling
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P12
Jareth Sarah Sarahs Stiefmutter Sarahs Vater Robert Toby
31.03.2013
31.03.2013
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Dieser One Shot ist auf besonderen Wunsch von Nikola entstanden und ich hoffe, dass er ihr gefällt.
Ursprünglich war zu Gesagt ist gesagt keine Fortsetzung geplant, aber sie hat mich so lieb darum gebeten, dass ich mir dachte 'Warum nicht? Es wäre wirklich interessant zu sehen, was noch passiert.' Ich wünsche euch allen viel Spaß und wie immer - nix ist meins, nur die Geschichte.

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Zurück im Garten ihrer Familie entschied Sarah, die Vorstellung ihres „Dates“ kurz und schmerzlos hinter sich zu bringen. Sie trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das noch neben ihrem Buch auf der Bank auf der Veranda stand, schluckte hart und ging dann zu ihren Eltern, die den Neuankömmling bereits voller Neugierde bemerkt hatten.
„Dad, Karen, darf ich euch Jareth vorstellen. Er ist ein… ein Bekannter von mir. Ich habe ihn zufällig im Park getroffen. Er ist gerade in der Stadt und ich dachte, es wäre ganz nett, wenn ihr ihn kennen lernt.“
„Na das ist ja eine Überraschung!“, freute Karen sich. Sie hatte gerade den Tisch fertig gedeckt und dekoriert und ergriff gleich die Gelegenheit, Jareths Hand zu schütteln. „Es freut mich wirklich sehr, Sie kennen zu lernen, Jareth. Seit Sarah am College ist, wissen wir kaum noch, was sie macht und es ist schön, dass sie uns doch endlich einen ihrer Kommilitonen vorstellt.“
Jareth lächelte unbestimmt. „Ich möchte Sie nicht verunsichern, Ma’am, aber ich bin kein Student.“, erklärte er höflich und ließ ihre Hand los.
„Ach nein? Wie alt sind Sie denn?“, fragte sie und musterte ihn abschätzend.
Sarah knetete derweil verlegen ihre Hände und versuchte, den Koboldkönig mit den Augen ihrer Stiefmutter zu sehen. Jareth hatte seine wilden, blonden Haare soweit es möglich war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und war in für seine Verhältnisse eher schlichte Garderobe gekleidet. Er trug weite, schwarze Hosen und einen dunkelgrünen Trenchcoat, den er über seinem charakteristischen, weißen Dichterhemd geöffnet hatte. Dennoch war an seiner Erscheinung etwas Ungewöhnliches, auch wenn sie sich nicht ganz sicher war, was. Um nun die Frage ihrer Stiefmutter beantworten zu können, überlegte sie fieberhaft, welche Lüge sie ihnen auftischen konnte, ohne dass diese zu schnell durchschaut werden würde.

„Jareth ist Gastdozent für Musik. Er beschäftigt sich vor allem mit exotischen, fernöstlichen Instrumenten“, erklärte sie endlich stockend.
„Ja, und er kann auch zaubern!“, rief Toby dazwischen, der die ganze Zeit still daneben gestanden und mit halbem Ohr zugehört hatte.
„Ach ja? Wie ist das gemeint, junger Mann?“, fragte Robert Williams, der inzwischen vom Grill herüber gekommen war.
„Nun“, begann Jareth mit erklärendem Lächeln, „ich habe längere Zeit unter anderem in Japan gelebt und dort nicht nur das Shamisenspiel, sondern auch einige andere Künste erlernt.“ Mit diesen Worten zog er eine der Kristallkugeln aus der Tasche und ließ sie demonstrativ auf seiner Hand im Kreis herumwandern. „Was mein Alter angeht – ich bin älter als ich aussehe, jedoch wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich mit fünfunddreißig Jahren als Antwort zufrieden geben.“

Die Kinder hatten unterdessen die Reflexion der Kristallkugel bemerkt und scharten sich um den Gast, welcher lächelnd eine weitere Kristallkugel aus dem weiten Ärmel seines Mantels rollen und beide in einer Hand umeinander kreisen ließ. Er plauderte munter weiter mit Sarahs Vater und holte dabei noch eine dritte Kugel aus einer seiner Taschen, was von den Jungs mit faszinierten Oh- und Ah-Rufen quittiert wurde.

Nach etwa zehn Minuten hatte er alles Wissenswerte über seine Auslandsaufenthalte erzählt und seinerseits von Mr Williams erfahren, dass Sarah wohl häufiger an ihn gedacht hatte, als sie zugeben wollte.
„Wissen Sie, vor gut fünf Jahren, da fing sie auf einmal an, im Schlaf zu sprechen. Immer wieder von einem Garret oder so ähnlich. Ich glaube, dass der ein Rockstar oder etwas Vergleichbares war, den sie damals anscheinend ziemlich toll fand. Sie hing ständig ihren Tagträumen nach und eines Tages hatte ich sie mal nach ihm gefragt und ob wir uns zusammen eine Platte anhören wollten, aber… Ach was, das interessiert sie wahrscheinlich gar nicht. Den werden Sie wahrscheinlich überhaupt nicht kennen“, unterbrach er sich plötzlich selbst und widmete seine Aufmerksamkeit wieder den Burgern und Steaks auf dem Grill.

Entgegen Mr Williams Erwartung fand Jareth diese Neuigkeit jedoch äußerst interessant und lächelte still in sich hinein, bis plötzlich Toby mit Robbie im Schlepptau angelaufen kam und wissen wollte, wie denn die Tricks mit den Kugeln funktionierten und ob es stimmte, dass man in Japan auch lernen könnte, wie man sie fliegen lässt wie Bumerangs, sodass sie zu einem zurück kommen, wenn man sie wegwirft.
Er erklärte ihnen geduldig einen der einfacheren Tricks: sollten sie tatsächlich lernen wollen, wie man Bälle zum Tanzen bringt, so sollten sie erst einmal versuchen, Tennisbälle mit dem Handrücken hoch zu werfen und auch mit dem Handrücken wieder aufzufangen.
„Das Geheimnis liegt in der Balance. Wenn ihr den Mittelfinger leicht nach unten durchbiegt,seht ihr: so, dann lässt sich die Kugel leichter fangen. Irgendwann bekommt ihr dann mit dem Ball auch das hier hin.“ Er ließ eine der Glaskugeln seinen Arm hinauf und wieder hinab und auf seinen Handrücken rollen, wo er sie einen Moment verharren ließ. Dann vollführte er eine elegante Wellenbewegung, bei der den Kristall vom Handrücken zur Handfläche und zurück führte und immer wieder auf den nach oben gestreckten Fingerspitzen stehen ließ.
„Wie man einen Ball oder eine Kristallkugel fliegen lässt, werde ich euch aber nicht zeigen. Dass ist tatsächlich möglich, aber ein wahrer Zauberer verrät niemals seinen größten Trick.“ Er zwinkerte Toby verschwörerisch zu und drehte sich in dem Moment zu Sarah um, als diese sich hastig von ihrer Stiefmutter entfernte.

Für Sarah waren die vergangenen Minuten damit verbunden gewesen, Karen zu erklären, dass sie keine festen Kurse bei Mr King belegt hatte und auch ‚nicht wirklich mit ihm zusammen sondern lediglich befreundet‘ war.
„Kann ich dich einen Moment sprechen, bevor wir essen? Du brauchst sowieso noch einen Teller und ich muss die leeren Flaschen weg bringen“, forderte sie  ihn auf und er folgte ihr gehorsam.

„Aber natürlich, worum geht es?“, erkundigte er sich, als sie ihn ein Stück abseits von den anderen auf die Veranda und schließlich in die dahinter liegende Küche winkte.

„Du bringst mich in verdammte Schwierigkeiten, weißt du das?“, erklärte sie, holte das für ihn benötigte Geschirr und Besteck aus einem der Schränke und packte die leeren Limonadenflaschen in einen Korb hinter der Tür.
„Ach wirklich? Ich hatte eigentlich das Gefühl, dass bisher alles ziemlich gut gelaufen ist. Dein Vater ist ganz offensichtlich in Ordnung. Er macht auf mich einen grundehrlichen, bodenständigen Eindruck. Allerdings bin ich, was deine Mutter –“
„Karen ist nicht meine Mutter, sie ist meine Stiefmutter“, unterbrach Sarah ihn.
„Gut, was also deine Stiefmutter angeht, so wirkt sie auf mich im Gegensatz zu ihm wohl eher überinteressiert und, wenn ich das so sagen darf, auch ein wenig schrill und damit meine ich nicht nur ihre Stimme.“ Er wählte seine Worte mit Bedacht, nicht genau wissend, ob er seine Meinung angemessen formuliert hatte.
Sarah musste aufgrund seiner Einschätzung jedoch herzlich lachen.
„Wem sagst du das… Manchmal geht sie mir richtig auf die Nerven, weißt du? Seit ich am College bin, führt sie regelrechte Kontrollanrufe durch und terrorisiert mich fast jeden Abend. Sie will aber auch wirklich alles wissen. Alles!“ Sarah lehnte sich seufzend mit dem Rücken an die Anrichte und schaute zu Jareth, der sich derweil auf einem der Küchenstühle niedergelassen hatte, herab.
„Was zum Beispiel will sie denn wissen, wenn ich das erfahren darf?“, fragte er. „Außerdem sprachst du von Schwierigkeiten. Von welcher Art denn?“
„Ach… wenn sie anruft fragt sie immer, was ich am Wochenende mache, ob ich weggehe und wenn ja, mit wem ich weggehe und ob da Jungs dabei sind und ob ich mit einem näher befreundet bin oder ob ich überhaupt etwas mit Jungs anfangen kann.“
„Und?“ Es war offensichtlich, dass dieser Punkt ihn ebenso brennend interessierte wie Karen.
Sarah blickte ihn schnippisch an und piekte ihn spielerisch mit dem stumpfen Ende des Messers.
„Das geht dich überhaupt nichts an. Aber da wir gerade von Karen sprechen – sie wollte mir die Geschichte, die wir ihr vorhin aufgetischt haben, nicht wirklich glauben. Vor allem nicht den Teil, ob wir nun ein Paar sind oder nicht. Erst wollte sie mir einen Vortrag halten, dass eine Beziehung von Studenten und Lehrern nicht tolerabel ist und ich brauchte eine Weile, bis sie kapiert hat, dass ich von dir keinen Unterricht bekomme. Anschließend lag sie mir in den Ohren, warum zum Teufel wir denn kein Paar sind. Ich meine, versuchen hier alle außer mir, uns zu verkuppeln?“ Sie stöhnte entnervt und schlug verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen.

„Weißt du, dein Vater hat mir erzählt, dass du mit fünfzehn einen Rockstar dessen Name ganz ähnlich wie meiner klingt angeschmachtet hast… ich denke, dass du zugeben musst, dass zwischen uns beiden eine Bindung besteht, auch wenn sie dir nicht zu passen scheint.“ Sein etwas selbstzufriedenes Lächeln ärgerte Sarah in diesem Augenblick ungemein.
„Himmel, das ist nicht fair! Hat sich denn alles in diesem Haushalt gegen mich verschworen? Denkst du etwa, ich schaffe es so ohne weiteres, diesen ganzen Ärger, den ich deinetwegen im Labyrinth hatte, zu vergessen? Ich war verdammte fünfzehn, du warst im Begriff meinen Bruder in einen Kobold zu verwandeln, hätte ich nichts unternommen und außerdem ging es mir in dieser Woche sowieso ziemlich dreckig.“ Sie gestikulierte wild mit den Händen herum und gab sich redliche Mühe, nicht laut zu werden, da man sie sonst draußen gehört hätte. Außerdem hatte sie bemerkt, dass Karen ausgesprochen oft zu ihnen durchs Fenster herein sah. Das sorgte in ihr allerdings nur für noch mehr Frustration.

Jareth hatte ihrem Ausbruch mit lässig vor der Brust verschränkten Armen zugehört.
„Wie schade.“, meinte er schließlich leise. „Du hattest es damals ja eigentlich heraufbeschworen, aber wenn du deine Meinung nicht ändern willst, dann will ich dich nicht weiter belästigen. Ich kann dich schließlich zu nichts zwingen. Erst recht nicht in dieser Welt hier.“ Er ließ ein wenig den Kopf hängen und ehrliches Bedauern, sowie noch etwas anderes, was Sarah nicht genau definieren konnte, schwangen in seiner Stimme mit.

„Sarah, kannst du dich eigentlich noch an den Saal mit den Treppen erinnern?“, fragte er sie nach ein paar Augenblicken leise.
Sarah nickte. Sie hätte niemals erwartet, dass er in diesem Moment darauf zu sprechen kommen würde, aber irgendwie hatte sie den Eindruck, die Gefühle des Koboldkönigs verletzt zu haben und sie fühlte sich deswegen sogar etwas schuldig, auch wenn sie ihren Standpunkt als absolut berechtigt ansah.
„Ja, natürlich. Erst sagtest du, dass du, wen ich nur tun würde, was du von mir verlangst, mein Sklave sein wolltest. Ich sprach aber die Worte aus dem Buch und alles war vorbei. Das ganze Schloss schien zu zerbrechen wie ein eingeschlagener Spiegel und Toby und ich waren wieder zuhause.“ Die Erinnerung ließ sowohl Sarah, als auch Jareth etwas wehmütig lächeln. „Ehrlich gesagt habe ich mich danach oft gefragt, was aus dir geworden ist. Hoggle und Ludo und Sir Didymus haben mich später ab und an noch besucht, aber beispielsweise die Schleiereule habe ich nur noch selten gesehen. Manchmal dachte ich sogar, ich hätte dich getötet.“, gab sie betrübt zu.

„Nun, wie du siehst, hast du das nicht geschafft aber ich muss gestehen, dass du kurz davor warst. Ich habe mich lange Zeit sehr schlecht gefühlt und auch das Labyrinth war ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Letztendlich hat der Wiederaufbau drei volle Jahre nach deiner Zeitrechnung in Anspruch genommen, was im Untergrund um ein Vielfaches mehr ist, wie du weißt.“ Er seufzte tief und auf eine Art und Weise, dass es Sarah für einen kurzen Moment bewusst wurde, wie alt er unter seinem fast noch jugendlichen Äußeren eigentlich war.

Mitfühlend legte sie ihm eine Hand auf den Arm.
„Du und ich… wir haben definitiv eine komplizierte Beziehung“, stellte sie fest und half Jareth, sich aufzurichten.
„Weißt du, so ein schlechter Kerl bist du eigentlich nicht, auch wenn man sich an dich erst einmal gewöhnen muss", meinte sie aufmunternd. "Ach und erzähl mir doch bitte, woher du so viel über Japan weißt, dass würde ich wirklich gern erfahren…“, fuhr sie fort und ergriff seine Hand.
Gemeinsam gingen sie zurück zu der Party.









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Ich möchte an dieser Stelle noch einmal erklären, dass ich zu meinen One Shots in der Regel keine Fortsetzungen schreibe, da sie für mich abgeschlossene Geschichten sind und ich gerne einen Teil der Fantasie meiner LeserInnen überlasse, so wie es sich für meine Auffassung von einer guten Geschichte - egal ob Fanfic, Film oder Buch - gehört. Hier habe ich eine einmalige Ausnahme gemacht und ich bitte euch, das zu respektieren.

Liebe Grüße


Der Earthling
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