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Die Schatten von Pueblo

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
31.03.2013
31.03.2013
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Aufgrund ihrer Geschichte als Standort der ersten Forschungsanlage für Nuklearwaffen in den früheren USA trägt die Stadt Los Alamos den Spitznamen als "Ort, von dem die Bombe kam". Daran angelehnt wird der nahe gelegene Redondo Peak von vielen Amerindianern gern als "Ort, von dem die Geister kamen" bezeichnet. An diesem Berg, der bei den  Pueblo-Stämmen von alters her als heiliger Ort gilt, setzten die Geistertänzer der Sovereign American Indian Movement (kurz SAIM) erstmals im größeren Maßstab ihre zerstörerische Magie ein. Das damals durchgeführte Ritual erweckte den Redondo Peak in einer gewaltigen vulkanischen Eruption.
Im daraus resultierenden Ascheregen musste Los Alamos vollständig geräumt werden und ist bis heute eine Geisterstadt. Dieses Ereignis ging als die offizielle Kriegserklärung der SAIM an die US-Regierung in die Geschichte ein.
Dementsprechend gilt der Redondo Peak in den NAN-Staaten als eine der bedeutendsten historischen Stätten des  Geistertanz-Krieges.


Auszug aus "Zwischen Tradition und Moderne: Die Geschichte der Native American Nations" von Dr. Sandra Oh

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Das Schrillen des Telefons riss sie aus dem Schlaf.
Guzmán fluchte undeutlich und griff nach dem Hörer.
„Ja?“
„Code Red, Captain. Sammelpunkt auf dem Dach“, sagte eine Frauenstimme, die viel zu munter für diese Zeit klang.
„Verstanden“, erwiderte Guzmán verdrießlich und legte auf.
Ein Blick auf den Wecker zeigte der Hermetikerin, dass sie nur etwas über zwei Stunden geschlafen hatte. Und aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie vor Anbruch des nächsten Tages auch nicht mehr zum Schlafen kommen.
Aber so lief es nun einmal in der Abteilung Sonderermittlungen der Pueblo Security Force, insbesondere, wenn man als Feldoffizierin ein Einsatzteam leitete.
Ihr einziger Trost war, dass sie keinen langen Weg haben würde, da ihr Appartement in der gleichen Arkologie lag, wie der Sammelpunkt.
Aus einer Schachtel auf ihrem Nachttisch holte Guzmán eine Koffeintablette und zerkaute sie gleich. Dann ging sie ins Bad und spritze sich aus dem Waschbecken kaltes Wasser ins Gesicht. Als die Offizierin aufblickte und in den Spiegel sah, schaute das Abbild einer dunkelhäutigen Mittdreißigerin mit Kurzhaarschnitt, markanter Adlernase und dunklen Ringen unter den Augen, sie an.
Verdammt, sehe ich alt aus, dachte sie.
Guzmán lief zurück ins Schlafzimmer und zog sich hastig ihre Uniform über.
Dabei glitt ihr Blick unbewusst zu dem alten Familienfoto auf ihrem Schreibtisch.
Es war vor mehr als  fünfzehn Jahren aufgenommen worden, damals, als sie sich entschlossen hatte, auf der Universität von Albuquerque den professionellen Gebrauch ihrer magischen Fähigkeiten zu trainieren.
Aus heutiger Sicht betrachtet konnte Guzmán sich schwer vorstellen, dass sie einmal dieses sorglos lachende Mädchen auf dem Foto gewesen war.
Diese junge Frau, die ihre Haare noch lang trug und Make-Up aufgelegt hatte.
Die noch nicht von einem rigorosen Militärtraining und mehren lebensgefährlichen Einsätzen geprägt war.
Deren Augen noch so viel Unschuld und Optimismus ausstrahlten.
Unwillig vertrieb Guzmán diesen sentimentalen Quatsch aus ihren Gedanken.
Sie hatte sich für dieses Leben entschieden und bereute nichts, oder zumindest nur sehr wenig. Jetzt musste ihre volle Konzentration bei der Mission sein.

Die kalte, trockene Nachtluft der südlichen Great Plains schlug Guzmán ins Gesicht, als die Offizierin der Lift verließ. Das Dach der Pueblo Arkologie war in dieser Sektion durch Scheinwerfer taghell erleuchtet.
Mit zielstrebigen Schritten lief  die Hermetikerin zum Standradsammelpunkt ihrer Einheit, wo bereits das Verkehrsmittel dieser Mission auf sie wartete, ein Militärhelikopter der Marke Northrup Yellowjacket. Lademannschaften eilten geschäftig umher, um Waffen, Körperpanzerung und sonstige Ausrüstung im Frachtraum des großen Truppentransporters zu verstauen. Den Zivilisten ausweichend stieg Guzmán durch die Frachtluke ein.
Die meisten Mitglieder ihrer Einheit hatten bereits auf den Sitzbänken an den Innenwänden des geräumigen Militärhelikopters Platz genommen, darunter auch Guzmáns Stellvertreter, Lieutenant Caxton.
„Morgen, Cap“, begrüßte Caxton seine Vorgesetzte  mit einem hauerbewehrten Grinsen.
Bereits nach Norm-Maßstäben eher klein und drahtig gebaut, wirkte Guzmán neben dem hochgewachsenen Ork geradezu schmächtig. Im Gegensatz zu der Magierin hatte Harry  Caxton auch keinen Tropfen amerindianisches Blut in den Adern. Der Ork stammte aus einer sogenannten Pinkskin-Familie, Anglos, die nach dem Vertrag von Denver im Pueblo bleiben durften, weil sie die Kultur der Ureinwohner angenommen hatten. Trotz aller Gegensätze zählte Guzmán den Lieutenant aber zu ihren besten Freunden.
„Morgen, Caxton“,  sagte Offizierin, als sie sich neben dem größeren Mann niederließ. „Wissen Sie schon was über diese Mission?“
„Bin so unwissend, wie Sie, Captain“, antwortete Caxton achselzuckend. „Aber wir haben magische Verstärkung bekommen.“
Guzmán musterte die Männer und Frauen im Frachtraum genauer. Tatsächlich saßen zwischen den üblichen vertrauten Gesichtern vier fremde Soldaten, die an ihren Uniformen Abzeichen der Pathfinder trugen. Die hauptsächlich aus Schamanen bestehende Gruppe stellte innerhalb der  Pueblo-Sicherheitskräfte eine Spezialeinheit gegen alle Arten von magischen Bedrohungen dar. Bei den vier Pathfinders handelte es sich um zwei Norms (beide Männer) und zwei Elfen (ein Mann und eine Frau), welche Guzmán wenig freundliche Blicke zuwarfen.
Guzmán wusste, dass es nichts Persönliches war, nur die üblichen Animositäten zwischen Schamanen (auch bekannt als "abergläubische, Peyote lutschende Halbwilde") und Hermetikern (beziehungsweise "selbstgefällige, gottlose Klugscheißer"), welche sie während ihrer kurzen Dienstzeit in der Pathfinder-Einheit zur Genüge erlebt hatte.
Einer der Norm-Schamanen, eine stämmiger Amerindianer, welcher die Rangabzeichen eines Lieutenants trug, lächelte gezwungen und streckte eine Hand aus.
„Kennen Sie mich noch, Captain? Ich bin John Wolf  Robe. Wir hatten vor drei Jahren einen Einsatz zusammen.“
„Richtig“, sagte Guzmán, die sich nun wieder an das Gesicht erinnerte. „In den Barrios von Los Angeles. Ohne ihre Hilfe hätten diese Triaden-Wujen mich damals zerlegt.“
Sie drückte die Hand des Schamanen kräftig. „Ich muss mich noch einmal nachträglich dafür bedanken, Lieutenant. Die Beförderung haben Sie mehr als verdient.“
Angesichts ihres freundlichen Tones wirkte Wolf  Robe nun etwas entspannter.
„Vielleicht können Sie sich ja bei diesem Einsatz revanchieren“, scherzte der Cheyenne, worauf Guzmán und Caxton matt lächelten.

Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen und der Yellowjacket hob ab.
Mit brüllenden Rotoren ließ das große Metallinsekt die Pueblo Arkologie unter sich zurück. Hätte der Frachtraum des Helikopters Fenster gehabt, hätten die PuebloSec-Leute einen atemberaubenden Blick auf das nächtliche Santa Fe gehabt.
Stattdessen starrten alle auf den Hologramm-Geber, über dem das Abbild der respekteinflößenden Gestalt von Major Hernández erschien, einem leitenden Offizier der Abteilung Sonderermittlungen. Bei anderen Polizei- und Militärkräften hätte es wohl befremdlich gewirkt, dass ein Troll solchen einen hohen Posten bekleidete, aber PuebloSec verfolgte in dieser Hinsicht seit langem eine recht progressive Politik. Der Major war ein verdienter Veteran der Grenzkonflikte mit Aztlan, wovon sein mit Kunsthaut überzogenes Gesicht und das abgebrochene linke Horn zeugten. Bei seinen Untergebenen wurde Hernández gleichzeitig respektiert und gefürchtet.
„Das Ziel Ihres Notfalleinsatzes liegt in Los Alamos“, begann Hernández, ohne Zeit mit Begrüßungsformalitäten zu verschwenden. „Genauer gesagt, im ehemaligen Los Alamos National Laboratory. Phoenix Biotechnologies hat in den letzten Jahren Teile der Anlagen wieder in Betrieb genommen.“
Trotz aller Disziplin sorgte diese Enthüllung für einige überraschte Ausrufe und gemurmelte Kommentare. Gerüchte über solche Vorgänge in der  Sicherheitssperrzone von Los Alamos machten schon seit Jahren die Runde und nun wurden sie tatsächlich bestätigt.
„Ich muss wohl nicht betonen, dass diese Informationen der Geheimhaltung unterliegen!“, grollte Hernández laut, was das Getuschel augenblicklich verstummen ließ.
„Das versteht sich von selbst, Sir“, bestätigte Guzmán, die so etwas nicht zum ersten Mal erlebte. „Welche Art von Notfall liegt im Labor vor?“
„Die Anlage wurde von Runnern infiltriert“, sagte der Major. „Und ich rede hier nicht von gewöhnlichen Straßensamurai, sondern echten Profis mit militärischer Ausrüstung. Der Kontakt zur örtlichen Sicherheit ist vor zehn Minuten abgebrochen und wir müssen das Schlimmste annehmen.“
„Eine Anlage, wie diese, sollte hervorragend gesichert sein. Gibt es Hinweise, wie die Runner das schaffen konnten?“, fragte Guzmán misstrauisch.
Hernández zögerte für einen Moment. „Offenbar haben sie einen Toxiker dabei.“
„Scheiße!“, fluchte Caxton.
„Dafür werden meine Leute und ich also gebraucht“, sagte Wolf  Robe trocken.
Guzmán sagte nichts, ihr Magen schien sich in einen Bleiklumpen verwandelt zu haben.
Ein toxischer Schamane in einer Atomanlage. Das ist, wie eine Meute Kinder im Süßwarenladen. Hyperaktiv und voller Energie nachdem sie sich mit ihren Lieblingsleckereien vollgestopft haben. Kein Wunder, dass sie das Wachpersonal niedergemacht haben.
„Na schön, Ladies und Gentlemen“, sagte die Hermetikerin laut. „Das wird heute eine lange Nacht für uns.“
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