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O.C., California - Season 5

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Humor / P12 / Gen
Julie Cooper Kirsten Cohen Ryan Atwood Sandy Cohen Seth Cohen Summer Roberts
29.03.2013
26.04.2013
2
5.172
 
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Dieses Kapitel
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29.03.2013 4.944
 
WICHTIGE FRAGE AN MEINE LESER: Ich habe den ganzen Vormittag damit verbracht, alle neuen Gesichter in OC zu charakterisieren. Wollt ihr vorab schon genau wissen, wer alles dabei sein wird und wie die verschiedenen Personen sind, dann würde ich die Beschreibungen hier online stellen, oder möchtet ihr euch überraschen lassen? Antwort bitte!






Bisher bei O.C.:

„Summer, ich bin mir nicht sicher ob Ryan mir je einen Antrag machen wird. Wahrscheinlich will er mich garnicht heiraten...“


„Okay, ich kann verstehen, dass du deinen besten Freund vermisst, aber wach auf Cohen! Du benimmst dich wie der letzte Trottel!“ - „Könntest du bitte leise sein? Ich versuche hier zu lesen.“

„Ich halt es hier ohne dich nicht aus, Mann, Newport ist die Hölle selbst jetzt, als verheirateter Mann einer hysterischen Zicke.“


„Julie, ich liebe dich! und es tut mir so leid, dass ich es erst so spät merke. Ich will nur dich! Dich und unsere Sohn.“


„Mom, ich hab Geld gespart. Lass mich das für dich tun, für uns, als Familie.“ - „Na schön, dann fliegen wir nach Hawaii!“ - „PENG, ich pack' die Koffer, Schnuckelchen“


„Hey Kleiner! Kann ich dir helfen?“


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Das Klingeln der kleinen Glocke über der Tür zog wenig Aufmerksamkeit auf sich. Ryan betrat stumm die Burgerbude und ließ sich auf eine der Bänke fallen. Seine Begleitung nahm ihm gegenüber Platz. Jeder Außenstehende hätte den Jungen für seinen Sohn oder kleinen Bruder gehalten.
Die Ähnlichkeit war verblüffend und auch ein wenig verunsichernd für Ryan.
„Danke.“, kam es dem Jungen über die Lippen. Pure Erleichterung leuchtete in seinen Augen. Er hatte seit Tagen nichts richtiges mehr gegessen. „Kein Problem.“, versicherte Ryan und bestellte.

Ausgehungert stürzte sich sein jüngeres Ebenbild auf die Chilifritten. In Ryan breitete sich eine Art Zufriedenheit und Glück aus. Er war wahnsinnig froh, dem Jungen helfen zu können. Der junge Atwood nahm einen großen Schluck Wasser und richtete sein Interesse dann an den Jungen: „Ich bin noch garnicht dazu gekommen dich nach deinem Namen zu fragen.“

„Ben.“, kam die Antwort knapp. „Ben Thomson.“ Er sah Ryan dabei nicht an, während der seinen Blick auf ihn gerichtet hielt. „Freut mich dich kennen zu lernen. Ich bin Ryan.“ Er streckte ihm die Hand entgegen. Ben zögerte. Was wollte der Kerl von ihm? Freundschaft schließen? Alles, was er wollte, war etwas essen und dann wieder verschwinden.
Doch er wollte nicht unhöflich sein. Er war es nie gewesen. Egal wie scheiße ihn die Leute behandelten. Und der hier schien ganz okay zu sein. Lagsam hob er den Arm und erwiderte Ryans Händedruck leicht. „Gehst du hier auf die High School?“ Ben hob den Kopf und sah Ryan direkt in die Augen: „Was wollen Sie von mir?“

Ryan hatte schon fast angefangen, die Minuten zu zählen, bis diese Frage in den Raum geworfen wurde. Er faste es nicht als Beleidigung auf, es warf ihn nicht zurück. Er wusste genau, wie Ben sich fühlte. „Ich will dir helfen. Ich weiß, du fragst dich bestimmt, was einer wie ich davon hat, einem Jungen wie dir zu helfen. Aber ich weiß wie es dir geht.“ Ben stieß einen leises, verächtliches Lachen aus: „Woher wollen SIE wissen, wie es mir geht?“

Ryan seufzte.Er hatte lange nicht mehr über seine Vergangenheit gesprochen. Und er war auch immer froh gewesen, es nicht tun zu müssen. Aus dem einfachen Grund, dass es niemanden gab, der ihn wirklich verstand. Jeder hatte Anteil genommen an seinem früheren Leben. Seth, Summer, die Cohens. Aber außer Sandy gab es keinen, der es nachvollziehen konnte – schließlich hatte es niemand erlebt.

„Kennst du Chino?“, fing er an. Bens Brauen zuckten leicht zusammen. Chino? Woher wusste dieser piekfein gestriegelte Bonze etwas über Chino. „Ja?“, kam die Antwort leicht zögerlich und eher in Fragestellung. „Tja, als ich so alt war wie du hat mich jemand adoptiert. Damals bin ich nach Newport gezogen. Aber eigentlich komme ich aus Chino.“
Und da machte es auch bei Ben KLICK. Bewundernswert. Komisch, aber bewundernswert.

Kein Wunder, dass dieser Ryan sich so für ihn interessierte. „Sie kommen aus Chino und haben so einen Job?“, kam es nun viel aufgeschlossener und verblüfft von Ben. Eigentlich war Ryan darauf aus gewesen, etwas von dem Jungen zu erfahren. Um heraus zu finden, was er für ihn tun könnte. Doch dem Eisbrechen wegen begann er nun eine kurze Zusammenfassung seines Lebens in Orange County.
Über seinen Einzug ins Poolhaus, die Strandparty bei Holly, Seth und Summer und das Wiedersehen mit seiner Mutter, seinem Bruder und seinem Dad.

Bis zu dem Erdbeben, dass alles verändert hatte kam er nicht, den plötzlich verhärtete sich Bens Kiefer und er starrte mit stechendem Blick Richtung Eingangstür. Langsam sah Ryan sich um und erkannte einen Gruppe Jungs mit abgewetzten Jeans, dreckigen Sneakers und Kapuzenshirts.
Alle drei hatten diesen typischen Gang drauf, den Ryan nur zu gut kannte: Pisser, die all ihre Straftaten auf ihr armseliges Leben schoben und immer den schlechten Verhältnissen, aus denen sie kamen, die Schuld gaben.

„Freunde von dir?“ - „Nicht wirklich.“
Wieder warf Ryan der Gruppe einen Blick zu. Noch hatten sie sie nicht bemerkt.
„Wollen wir gehen?“- „Klar und wohin? Hundertpro werd' ich denen heute noch über den Weg laufen.“
Ryan zögerte nicht eine Sekunde. Entschlossen stand er auf und sah Ben erwartungsvoll an: „Ich weiß, wohin.“



Laut pochend fiel die riesige, schwere Eingangstür ins Schloss. Das Klackern ihrer Absätze erfüllte die gesamte Marmorhalle. In ihren Armen hielt sie drei Ordner mit unmengen an Papierkram – natürlich aus 100% recyceltem Papier.

„Seth!“, tönte ihre Stimme durchs ganze Haus und keine zehn Sekunden später fragte sie sich, wieso sie ihn überhaupt gerufen hatte. Sie wusste doch eh von Anfang an wo er war – das Motorengeräusch aus Richtung Wohnzimmer bestätigte ihre Vermutung nur: Ihr Mann hatte sich seit heute Morgen, als sie das Haus verlassen hatte, keinen Zentimeter gerührt. Seufzend passierte Summer den Eingang zur großen Einbauküche, vorbei am Essbereich und maschierte schnurstracks zur Couch.

Da saß er, die Augen mit dunklen Ringen versehen, in sich zusammengesunken und starrte mit Zombieblick auf den riesigen Plasmafernseher. Das einzige, was sich an ihm bewegte, waren seine Finger, die den Kontroller bedienten und somit das Auto lenkten, mit dem er gerade ein Rennen fuhr.
Wahrscheinlich war er weit über tausend mal diese Rennstrecke in den vergangenen Wochen gefahren. Er schenkte ihr nicht mal ein kurzes „Hallo“.
„Seth?“, versuchte es die junge Cohen dennoch. Erfolglos. Keine einzige, minimale Reaktion. Aber er war ja auch nicht mit irgendwem verheiratet. Sondern mit ihr, Summer Roberts... oder jetzt wohl eher Summer Cohen. Und Summer wäre nicht Summer, wenn sie jetzt nicht das folgende getan hätte.

Mit einem wütenden Grunzen schnappte sie sich die Fernbedienung und schaltete den riesigen Kasten, von dem Seth so besessen war, ab. „Hey, komm schon was soll das?!“, verärgert ließ Seth den Kontroller auf seine Beine fallen, „Mir hätten nur noch drei Runden gefehlt.“
„Das ist mir sowas von Wurst, was dir noch gefehlt hätte, weißt du was mir fehlt?“ - „Weißt du was mir fehlt?“, kam es konternd zurück. Verzweifelt schlug Summer die Hände über dem Kopf zusammen: „Ja, Cohen, ja! Ich weiß was dir fehlt, okay? Aber es ist momentan nicht zu ändern! Akzeptier' doch endlich die Tatsache, dass wir hier nicht einfach wieder weg können!“

„Summer, wir sind nur hergekommen, weil dein Dad schwer krank war! Aber es geht ihm gut, der Krebs ist weg, was hält uns noch hier?“ - „Ich hab' dir gesagt, dass ich meinen Dad jetzt trotzdem nicht allein lassen kann okay? Er ist mein Vater und Krebs wird nie einfach so verschwinden.“
„Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich muss ein Rennen gewinnen.“ Mit diesen Worten und einem Hauch Zynismus darin verpackt, nahm Seth ihr die Fernbedienung ab und schaltete den Fernseher wieder ein. Von dieser Sekunde an war er von der Welt wieder abgetrennt.

Mit verbissenem Gesichtsausdruck stampfte Summer in die Küche. Ja, sie wusste, dass Seth hier unglücklich war. Und es brach ihr das Herz, ihn zu zwingen, hier zu bleiben. Er wollte zu Ryan, Sandy, Kirsten und Sophie, das war ihr bewusst. Und sie vermisste die Cohens auch. Und Taylor. Aber sie konnte nicht gehen, nicht jetzt. Mit einem dicken Kloß im Hals goss Summer sich ein Glas Wasser ein.

Sie hatte gerade zum Trinken angesetzt, da klingelte ihr Handy. Sie stürzte schnell das Glas hinunter und nahm ab: „Hallo?“ - „Summer, hey, hier ist Michael. Ich bin gerade mit dem Entwurf für Greenpeace fertig geworden. Es wäre super, wenn du ihn dir heute noch ansehen würdest, dann könnte ich ihn morgen wegschicken.“
Jetzt war sie in Erklärungsnot. Heute? Heute wollte sie Seth endlich dazu bringen, das Haus zu verlassen.
Heute vor genau drei Jahren war Seth vor ihr auf die Knie gegangen, hatte ihr seine ewige Liebe gestanden und um ihre Hand angehalten. Neun Jahre waren sie jetzt schon ein Paar – alle unnötigen Pausen nicht mitgezählt.

Neun Jahre. Ewige Liebe. Ihr kam alles so fremd vor. Und wenn sie daran dachte, wie sie sich später mit ihm streiten würde, wurde ihr spei übel. „Okay“, lenkte sie schließlich ein, „In einer Stunde im Yacht Club?“ - „Super bis gleich dann“



Im Schritttempo rollte der schwarze Jeep durch die piekfeine Straße, in welcher ein Haus wie das andere aussah. Das Verlangen, in einer solchen Familie zu leben, eine solche Herkunft zu haben, ein Zuhause in diesem Stadtteil Berkleys... Ben konnte und wollte nicht leugnen, dass er diesen Wunsch ganz insgeheim hatte. Doch wenn er sich nun die mit Nagelscheren gestutzten Vorgärten und die blitzblank polierten Türklinken betrachtete, war er sich seines Wunsches nicht mehr ganz so sicher.

So steril und... ja beinahe schon perfekt zu leben, das kam für ihn und seine Familie wohl kaum in Frage. Aber vielleicht auch nur, weil sie es nicht besser kannten? Weil er es nicht besser kannte?

„Nehmen Sie's nicht persönlich aber um ehrlich zu sein hätte ich gedacht, dass einer wie Sie 'nen schickeren Wagen fährt.“, verdrängte er die Bilder um sich herum und betrachtete das Innenleben des Autos. Gewöhnliche schwarze Kunstledersitze, eher praktisch als stilvoll. Aber welche Ahnung hatte er schon von Stil?
Ein Schmunzeln schlich über Ryans Gesicht: „Also zunächst mal fände ich es schön, wenn du das dämliche Sie streichen würdest. Ich bin Ryan, du bist Ben. Und zweitens sollte man nie vergessen, wo man herkommt oder? Und Geld für wesentlich wichtigere Dinge ausgeben.“

Ein Nicken durchfuhr Ben und als Ryan den Blinker setzte um in die Einfahrt links vor ihnen zu fahren, staunte der junge Thomson nicht schlecht. Nicht etwa, weil das Haus dermaßen protzig war, dass einem schwindelig wurde, ganz im Gegenteil. Ein nettes kleines Einfamilienhaus, perfekt für eine ganz normale Familie mit ein oder zwei Kindern.

Normal... kein beliebtes oder oft gebräuchliches Wort in Bens Leben oder Umgebung. Innerlich schüttelte er den Kopf um den Gedanken los zu werden und wandte sich, bevor er voreilig ausstieg, nochmal Ryan zu: „Das ist Ihr... ähm, ich meine, dein Haus?“ - „Verurteil' mich bitte nicht, eigentlich wollte ich ein ganz anderes Haus, aber das hätte ich kaufen müssen. Naja, es lässt sich leben da drinnen.“

Mit einem Ruck stieß Ryan die Tür auf und Ben tat es ihm nach. Zögernd schob er sich aus dem dunklen Wagen und blieb für einen Bruchteil einer Sekunde, unschlüssig ob er das wirklich tun sollte, in der Einfahrt stehen.

„Ist das auch sicher in Ordnung?“, rief er Ryan zu und spürte die Dämmerung um sich, die langsam aber sicher die kommende Nacht ankündigte. Ryan, der bereits die wenigen Stufen zur Haustür nach oben gestiegen war, drehte sich um und lächelte ihm zu: „Jetzt hör' auf solche unnötigen Fragen zu stellen und komm' rein!“

Mit kaum sichtbarer Erleichterung im Gesicht folgte Ben seinem Retter in der Not und schloss die weiße Holztür hinter sich. Vor ihm breitete sich ein langer, schmaler Gang, der anscheinend direkt ins Wohnzimmer führte.
Trat er ein paar Schritte vor und ging dann scharf nach links, kam er in die Küche. Gleich rechts neben ihm führte eine hölzerne Treppe in den ersten Stock. Ihre Stufen waren mit kleinen Lämpchen beleuchtet, welche an der Wand angebracht waren.

Trotz seiner mehr oder weniger kaum vorhandenen Erziehung wusste Ben immer, was richtig und falsch war und zog daher ohne Aufforderung seine alten und völlig durchgelaufenen Turnschuhe aus.
Erwartungsvoll sah er zu Ryan. Es war sein Haus, er entschied, was als nächstes geschah und das ließ auch nicht lange auf sich warten.

„Das Gästezimmer ist ein bisschen vollgestellt mit allem möglichen Krempel den ich noch nicht aussortiert habe. Aber vorerst wird es schon gehen.“, erklärte er Ben, während er die Treppe hinauf lief und der Junge es ihm gleichtat.
Oben angekommen erkannte Ben im matten Licht der Deckenlampe, dass es nun in vier verschiedene Zimmer führte. Ryan trat auf das genau von der Treppe gegenüberliegende zu und öffnete es.

„Du hast ein Bett, ein eigenes Bad... ich hoffe, dass ist okay.“, wollte der junge Atwood Ben sein Übernachtungsangebot noch schmackhafter machen, als es Ben schon fand.
Ein richtiges Bett! Selbst wenn es mitten im Garten stehen würde – ein eigenes Bett! „Das... das ist mehr als genug.“, versuchte er, die richtigen Worte zu finden, als er das riesige Zimmer mit Bett, Schreibtisch, Drehstuhl und Couch betrachtete. „Okay, dann... richte dich ruhig ein und... wir sehen uns dann morgen früh.“
Die Blicke der beiden trafen sich und mit einem kurzen Lächeln schloss Ryan die Tür hinter sich.


Staunend und immer noch überwältigt von all dem Glück, dass ihm heute widerfahren war, wanderte Ben durch das mit Kisten vollgestellte Zimmer.
Doch die störten ihn herzlich wenig. Was waren schon ein paar Umzugskartons mit Gerümpel, wenn er in einem richtigen Bett schlafen konnte? Kein Stück würde er die schmuddelige Matratze vermissen, auf der er sich sonst jede Nacht in den Schlaf quälte.

Langsam schob er sich an all den Kartons vorbei und bahnte sich seinen Weg durch das Zimmer hindurch. Müde ließ er sich auf das Bettgestell sinken und rieb sich die Lider. Was für ein Tag! Als er die Augen wieder öffnete, viel sein Blick auf das Nachtkästchen, dessen Schublade einen Spalt breit offen stand. So weit, dass er den Inhalt gut erkennen konnte.

Es war ein Foto – genauer gesagt, eines von vielen Fotos. Es musste eine ganze Kiste voll sein. Und tatsächlich: Als er die Schublade aufzog, sah er eine mit rotem Samt überzogene Schachtel voller Bilder, alle achtlos hineingeworfen.
Wenn er es richtig deutete, dann hatte Ryan die Schatulle hinein geschmissen, die Schublade heftig zugestoßen und die war dann durch die Erschütterung und die ganze Wucht wieder ein Stückchen aufgeschwungen.

Aber wieso das alles? Das waren doch wirklich schöne Fotos. Alles Abbilder eines jungen Mädchens. Blonde Haare, helle Augen. Wirklich hübsch. Eines nach dem anderen betrachtete er. Auf manchen war auch Ryan zu sehen, wie er sie im Arm hielt, mit ihr gemeinsam lachte. Damals dürfte er kaum ein Jahr älter als Ben jetzt gewesen sein.

Die vorletzte Fotografie zeigte ihn und das Mädchen bei ihrer Abschlussfeier, zusammen mit einem schlacksigen, dunkelhaarigen Jungen und einem kleinen Mädchen mit schwarzer Mähne. Nachdenklich fuhr er mit den Fingern über die glatte Oberfläche.
Sie sahen glücklich aus. Alle miteinander. Sie schienen enge Freunde zu sein. Freunde, die durch dick und dünn gingen und die schon viel erlebt hatten.
Ob sie es jetzt nicht mehr waren?

Seufzend sah Ben auf. Solche Freunde zu finden und dann auch noch zu halten, das hatte er nie geschafft. Und von einem Schulabschluss konnte er nur träumen.
Seine Fingerkuppen fühlten das letzte Bild unter dem Abschlussfoto. Es war sehr klein und aus starkem Papier, kein gewöhnliches Bildmaterial.
Und als er die vier Freunde beiseite legte, riss er die Augen auf und unterdrückte einen kleinen Aufschrei.

Es war ein Totenkärtchen, wie man es zu Beerdigungen erhielt. Ein letztes Andenken an den Verstorbenen.
Eine Trauerweide zierte die Deckseite und darunter stand ein kleiner Spruch:

Als Gott sah, dass der Weg zu weit und das Leben zu schwer wurde, legte er seinen Arm um dich und sprach "Komm heim"

Mit einem dicken Kloß schlug er zögernd das kleine Kärtchen auf. Er hätte es sich eigentlich denken können. Es war das Mädchen. Marissa hieß sie. Marissa Cooper. Sie war gestorben. Vor sechs Jahren.

In Erinnerung an eine treue Freundin, gute Schwester, geliebte Tochter.

Mit geschlossenen Augen klappte er die Karte wieder zu. Mein Gott, hätte er es sich bloß nie angesehen!



In einem Zug stürzte Ryan das Glas mit kaltem Wasser hinunter und fuhr sich müde über die Augen. Was für ein Tag, was für eine Woche! Doch es war nicht Ben, der den Grund für Ryans hängende Schultern darstellte.

Es war die Person, die nun schon zum fünften mal dafür sorgte, dass sein Handy vibrierte. In gleichmäßigen Abständen surrte es über die Küchentheke, bewegte sich Zentimeter für Zentimeter der Kante näher.
Einen sechsten Anruf würde es auf der Oberfläche nicht überstehen.
Ryan ließ den Blick auf das Mobiltelefon gerichtet, so lange, bis es still vor sich hinschwieg, darauf wartend, den nächsten Anruf entgegenzunehmen.

Und was würde er dann tun? Bei Anruf Nummer sechs? Würde er rangehen? Würde er es ausschalten? Vielleicht würde er den Raum verlassen und es einfach ignorieren. So wie er es seit fast sieben Tagen tat. Und jeden Tag den er wartete, wurde ihm mehr und mehr bewusst, dass es falsch war. So war er nicht.

Nicht er, Ryan Atwood. Er ging Konflikten eigentlich nicht aus dem Weg, zumindest nicht solchen. Er war immer darauf aus, ehrlich zu sein, zu seiner Meinung zu stehen. Doch wie sollte er das schaffen? Er hatte es bei ihr noch nicht wirklich geschafft.
Bei Taylor knickte er regelmäßig ein. Vor allem jetzt, wo sie ihn erst für blöd verkauft hatte und nun Telefonterror machte.

Dachte sie allen ernstes, er hätte nicht verstanden, was sie erwartete? Was sie von ihm wollte?
Bisher hatten die beiden es immer geschafft, irgendwie auf irgend eine seltsame und verkorkste Art eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Doch diesmal schien es aussichtslos. Und das war es auch, den Ryan würde aus der Sache nicht heil raus kommen. Zumindest nicht ohne blaue Flecken oder einen Strom aus Taylortränen.

Taylor wollte heiraten. Nein, viel schlimmer: Taylor wollte, dass Ryan sie heiratete! Er hatte nie groß über die Ehe nachgedacht.
Alles andere schien immer wesentlich wichtiger zu sein. Die High School; seine alte und seine neue Familie; das College. Sein Job.

Es kam ihm so vor, als hätte sie gewartet. Als hätte sie darauf gewartet, dass alles perfekt war. So perfekt, dass er misstrauisch wurde und eine missliche Situation förmlich herbei wünschte. Bei einem Atwood kann schließlich nie alles reibungslos laufen.
Und das tat es jetzt auch nicht mehr.

Taylor wollte heiraten. Sie wollte einen ritterlichen Kniefall, einen vor Romantik triefenden Antrag und einen wunderschönen Ring am Finger tragen. Und absolut und vollkommen war Ryan diesem Gedanken nicht einmal abgewandt. Taylor war wundervoll.

Okay, sie war Taylor, aber er hatte sich daran gewöhnt, dass das Leben mit Taylor... naja... sagen wir abenteuerlich sein kann. Und das war ja das aufregende an der ganzen Sache: Taylor überraschte ihn jedes mal aufs Neue. Es war schön.
Manchmal wie ein Lastwagen der einen überrollte, aber schön.

Doch jetzt wurde es für ihn, der sich ja eigentlich so an sie und ihre Ideen gewöhnt hatte, langsam ungemütlich. Denn Ryan wusste, dass der eigentliche Grund, wieso Taylor heiraten wollte, in Newport lebte. Zumindest vorübergehend.
Die eine Hälfte dieses Grundes liebte Comics und hatte den Sarkasmus wahrscheinlich erfunden. Der andere Teil war klein, niedlich – das sollte man besser nicht zu ihr sagen – und hatte immer mal wieder unkontrollierbare Wutausbrüche.

Taylor wollte sein wie Seth und Summer. Und anfangs klang das auch für Ryan gar nicht mal so übel. Jeden Tag neben Taylor aufzuwachen... das war etwas, worauf er sich jeden Morgen freuen würde. Und dann waren sie verheiratet gewesen.

Und dann war alles aus. So sagte es zumindest Seth, wenn er jeden Tag anrief. Fraglich war, wo sein Anruf heute blieb. Die frisch gebacknenen Cohens redeten kaum ein Wort und wenn doch, dann waren es keine freundlichen Konversationen.
Sie lebten in einem Haus und sahen sie vielleicht gerade mal fünf Minuten am Tag.

Ihre unterschiedlichen Interessen waren selten so sehr zum Vorschein gekommen wie jetzt. Nach der Hochzeit. Und wenn es etwas gab, was Ryan auf jeden Fall vermeiden wollte, dann war es diese Ehe. Diese Seth und Summer – Ehe.
Ein Vibrieren. Anruf Nummer Sechs. Toll.



„Du wirst nur noch den Qualm meiner Reifen sehen, ich mach dich fertig, so dass du später heulend zu Mami rennst, wart's nur ab Kevin, du hast schon so gut wie... Was?! Nein, wieso denn bloß?! Ich war doch so gut!“

Noch immer völlig außer Atem von seinem angeberischen Redeschwall, starrte Seth ungläubig auf den riesigen Plasmafernseher und konnte es einfach nicht begreifen. Wie zum Teufel hatte er verlieren können?!
Er hatte diese Kurve doch eng genommen und die Abkürzung da... ein hämisches Lachen drang aus den Kopfhörern seines Heatsets.

Online gegen andere zu spielen sollte der junge Cohen künftig vielleicht lieber sein lassen – es war offensichtlich nicht besonders gut für sein Selbstwertgefühl: „Lach du nur Kevin, doch die Rache wird mein sein!“

Mit diesen Worten stellte Seth zum ersten Mal an diesem Tag den Fernseher ab und trennte die Internetverbindung.
Die plötzliche Stille, die im gesamten Haus lag, ließ ihn innerlich erschaudern. Er hasste diese gottverdammte Hütte! Sie war viel zu groß, viel zu teuer und viel zu leer.

Was hier fehlte, war ein Atwood. Und nicht irgend einer, sondern der einzig wahre. Siedend heiß fiel es ihm dann wie Schuppen von den Augen: Er hatte seine tägliche Nachricht auf Ryans Anrufbeantworter noch nicht hinterlassen! Schämen sollte er sich!

Mit einem Satz war er auf den Beinen, marschierte mit schlurfenden Schritten aus dem Wohnzimmer heraus in die große Eingangshalle zur Telefonstation. Doch noch während er nach dem Hörer griff, hielt er inne.

Keine nervtötende Stimme? Keine energischen Schritte, die durchs gesamte Haus hallten? Keine Vorwürfe und Besserwissereien? Na schön, wo steckte sie? Wo war Summer?

„Summer?“, erklang sein Ruf durch den kompletten unteren Wohnbereich der Villa. Keine Antwort.  Okay, was tat Summer, wenn sie das Haus verließ? Natürlich! Sie schrieb einen Zettel.
„Na gut Ryan, du musst warten.“, sprach Seth zum Telefon und lief in Richtung Küche. Und auf dem Weg zur Küchenanrichte fiel sein Blick auf den Kalender, der an der Wand hing. Mein Gott, es war schon wieder soweit? Heute war der Tag der Tage?

Genau heute vor drei Jahren war er gewesen, wenn man es genau nahm. Völlig überwältigt von dieser Information stand er da und gaffte das Kalenderblatt an. Ja Moment mal, wenn heute dieser überaus wichtige Tag war, wo war dann Summer?

Die Antwort war nur einen Handgriff weit entfernt: Für den unwahrscheinlichen Fall, dass du dich aus deinem Selbstmitleid erhebst und mich suchst: Bin im Yacht Club. Muss was für die Arbeit tun. xoxo S.

Für den unwahrscheinlichen Fall? Was sollte DAS denn bitte heißen?! Düst am Jahrestag ihrer Verlobung einfach davon und besitzt dann auch noch die Frechheit... naja, frech zu werden!

„Dir werd ich's zeigen, Lady!“, murrte er leicht säuerlich und tat dann etwas, was man laut Summer wohl als neues Weltwunder eintragen könnte: Seth sprang unter die Dusche; schlüpfte in frische Jeans und ein Sweatshirt; krallte sich die Autoschlüssel; stellte entrüstet fest, dass sein Wagen noch nicht wieder von der Reparatur zurück war; sprang aufs Skateboard und fuhr zum Club.



„... und das bedeutet, dass wir mit unseren Ressourcen die Rodungen um ungefähr 20% verringern, wenn sich Greenpeace unserem Projektvorschlag anschließt.“

Vollkommen überwältigt von dieser Nachricht nahm Summer einen großen Schluck ihres Weines. Das war ja einfach unglaublich! Besser hätte sie es mit ihrem Team nicht hinbekommen können.
Ihre Entscheidung damals, fest bei GEORGE zu arbeiten, war allem Anschein nach die beste, die sie je getroffen hatte. Anders als andere Entscheidungen... jetzt nur nicht die Laune vermiesen lassen!

„Mike, das ist... ist... einfach toll, ja wirklich!“, versuchte sie beim Betrachten der Berechnungen und Diagrammen ihrer Freude Ausdruck zu verleihen – und scheiterte kläglich. Michael bedachte sie mit einem besorgten Blick: „Summer, ist alles in Ordnung? Wenn dir der Entwurf nicht gefällt, könnten wir auch...“ - „Nein nein, die Vorschläge sind klasse.“, warf sie schnell ein, „Es ist nur... ach, vergiss es. Nicht so wichtig.“

Mit einem unsicheren Kichern griff Summer erneut zu ihrem Weinglas, während Michael beruhigend nach ihrer freien Hand tastete:“ Summer, hör mal. Wir zwei, wir sind nicht nur Kollegen. Wir sind Freunde. Und Freunde können miteinander reden. Wenn du irgend etwas auf dem Herzen hast, kannst du es mir sagen.“

Ein leicht anschwellender Kloß in ihrem Hals machte Summer nach dieser wundervollen Rede schmerzhaft bewusst, dass es tatsächlich eine Ewigkeit her war, seit sie diese Worte von Seth gehört hatte. Alles, was er in letzter Zeit von sich gab war „Du stehst mir im Bild!“; „Ich hab' jetzt keine Zeit.“ oder „Ja ja ja, alles klar, hab' verstanden.

Enttäuscht über die plötzliche Erkenntnis, von Seth wirklich verlassen worden zu sein, biss sie sich auf die Unterlippe und ließ sich Michaels Angebot durch den Kopf gehen.Vielleicht war es tatsächlich gut, wenn sie mit jemandem über alles sprach.
Es war ja nicht so, als hätte sie es nicht versucht. Aber alles, was Taylor Townsend momentan bereden wollte, war der Nicht-Heiratsantrag von Ryan.
Und das Schlimme war, dass sie jeden Tag das gleiche erzählte, denn Ryan sprach nicht mit ihr.

Niemand redete mit igendwem. Bei diesem Gedanken kam wieder der Drang zu jähzornigen Anfällen in ihr hoch. Sie schüttelte die aufkeimende Wut innerlich von sich ab und sah Micheal lächelnd in die Augen: „Das... das ist wirklich lieb von dir. Naja... weißt du, heute ist eigentlich ein wichtiger Tag... für mich. Und leider auch nur für mich.“, sie hielt für eine Sekunde inne, ein kurzes Stechen in der Brust, „Heute vor drei Jahren hat mein Mann mich gebeten, seine Frau zu werden. Und er hat diesen Tag einfach vergessen. So wie er alles in letzter Zeit vergisst und ihm alles egal ist. Er sitzt den ganzen Tag nur vor dem Fernseher und spielt Videospiele! Ich hab' das Gefühl, dass ich gar nicht mehr zu ihm durchdringe. Und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wann ich das letzte mal so mit ihm gesprochen habe... ich... Tut mir leid. Ich sollte dir das wirklich nicht alles erzählen.“

Peinlich berührt davon, doch so viel preis gegeben zu haben, sah Summer in die entgegengesetzte Richtung, bis sie eine warme Hand auf ihrem nackten Unterarm spürte: „Summer, du bist eine unglaubliche... eine wirklich unglaubliche Frau. Und wenn dein Mann das nicht erkennt... dann ist er erstens total bescheuert und hat doch zudem auch überhaupt nicht verdient.“

Langsam sah Summer auf und lächelte Michael an. Er war ein toller Kerl und dazu auch noch ein toller Freund. Absolut verständnisvoll. Und so erwachsen! Davon konnte sie bei Seth nur träumen. 
Was allerdings als nächstes passierte, fand Summer nicht so toll: Mit einem tiefen Blick wanderte Michaels Hand zu ihrem Gesicht und strich ihr eine lose Haarsträhne hinters Ohr.

Das wäre ja auch noch in Ordnung gewesen – zugegeben, etwas merkwürdig, aber in Ordnung – aber das eigentliche Problem war, dass er seine Hand nicht mehr wegnahm. „Ähm... Mike... ich, also...“ _  „Summer, da gibt es etwas, dass ich dir schon lange, lange sagen wollte...“ - „Dann sprich deine letzten Worte, Amigo, denn ich entführ' dich jetzt in das Tal der Schmerzen!“

Michael wusste nicht, wie ihm geschah, als ihm auf einmal ein kräftiger Faustschlag ins Gesicht gedonnert wurde. Und es hätte ja auch alles so heroisch, so heldenhaft sein können – wäre Seth Cohen nicht eine untrainierte Memme.
Ein unterdrückter Aufschrei, ein verzerrtes Gesicht, so stand er da, hielt sich seine pochende Hand: „Ajaja, das war vielleicht doch nicht so eine gute Idee!“

„Oh mein Gott, Seth! Was hast du getan?!“ Verwirrt durch die ganze Situation starrte Summer ungläubig den am Boden liegenden und stöhnenden Michael an, sah zu Seth, der nicht besser drein blickte, dann wieder zu Michael. Was zur Hölle war hier los?

„Was ich getan hab'? Was hast du getan?! Dampfst am Jahrestag unserer Verlobung einfach ab um dich mit einem anderen Kerl zu treffen, der meiner Meinung nach ziemlich schwul rüber kommt, ja? Ich meine, komm' schon, wer benutzt heute noch Haargel?“ - „Was?! Ich hab mich nicht deswegen getroffen, ich hab...“ - „Spar's dir, okay? Ich hab' alles gehört. Wenn ich tatsächlich so furchtbar bin... dann sollte ich am besten einfach verschwinden.“

Sich immer noch die schmerzende Hand haltend stapfte Seth an der entsetzten Summer, dem jammernden Michael und den entgeisterten Gästen – als würden diese reichen Säcke nicht jeden Tag eine Prügelei sehen, das hier war New Port, mein Gott! - vorbei, Richtung Tür, als er plötzlich stehen blieb: „Ach ja, das hätte ich jetzt fast vergessen.“

Er drehte sich um und griff nach Summers Handtasche, die auf dem Esstisch lag, kramte den Autoschlüssel hervor und hielt in triumphierend in den Händen.
Summer bekam den Mund nicht mehr zu: „Du willst mich doch jetzt nicht ernsthaft stehen lassen?! Und mein Auto nehmen?!“ - „Tja, weißt du, ich bin ein Gentleman und obwohl du mich zutiefst verletzt hast, würde ich dich tatsächlich mit nach Hause nehmen, wenn ich dorthin fahren würde. Aber da ich zum Flughafen möchte, denn mal ehrlich, was soll ich hier wenn ich bei Ryan sein kann... und das in der komplett anderen Richtung liegt... kann der Gentleman, der ich bin mich mal.“

Und ohne sich noch einmal umzudrehen ging er durch die Tür, startete den Wagen und ließ Summer allein mit diesem ganzen Chaos.
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So, wieder ein kleiner Absatz mehr. Es handelt sich aber immer noch nicht um die gesamte Folge :) Also... Abwarten, Tee trinken und vielleicht ein kleines Feedback dalassen. Danke! :)
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