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Nachtmahr

KurzgeschichteMystery / P12 / Gen
27.03.2013
27.03.2013
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Langsam ging sie die Einfahrt hinauf. Es war totenstill hier draußen. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihr Herz.
Irgendetwas stimmte nicht. Das hatte sie schon bemerkt, als sie mit dem Auto in die Straße eingebogen war. Doch die Frage war: Was? Was lief hier falsch?
Die Lichter im Haus brannten, ansonsten war es stockdunkel. Die Frau erschrak, als sie plötzlich ein wildes lautes Flattern dicht neben sich hörte. Sie sah sich um, konnte jedoch nichts erkennen.
Sie schloss die Tür auf und trat ein. „Andreas? Andreas, bist du da?“ Keine Antwort.
Wieder hörte sie ein Geräusch. Sie drehte sich blitzschnell um. Auf der Türschwelle saß ein schwarzer Vogel und starrte sie aus seinen kleinen dunklen Augen durchdringend an. Die Frau fing unwillkürlich an zu zittern. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht! Diese Vögel brachten Unglück…
Im Wohnzimmer lief der Fernseher, das konnte sie bis in den Flur hören. „Andreas! Ich bin zurück!“, rief sie noch einmal zögerlich. „Vermutlich ist er nur wieder eingeschlafen“, versuchte sie sich zu beruhigen, doch es gelang ihr nicht so recht. Aber was sollte schon geschehen sein? Sie wusste selbst nicht, warum sie so durchdrehte…
Sie zog ihre Jacke aus und hing sie an die Garderobe. Dann atmete sie tief durch und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer. Das Sofa stand mit der Rückwand zu ihr, sie hatte einen genauen Blick auf den Fernseher. Es lief ein ihr unbekannter Film. Sie ging einige Schritte in das Zimmer hinein. Eine Zigarettenpackung lag auf dem Tisch vor dem Sofa. Eine halb gerauchte Zigarette im Aschenbecher. Eine Flasche Pepsi. Das Bild ihrer beiden Kinder, Tom und Max. Ein Bild von Andreas´ und ihrem Hochzeitstag. Trotz des Fernsehers war es zu still. Ihr war immer noch unheimlich zu mute. Leise schritt sie um das Sofa herum…
Doch Andreas war nicht da. Nur eine alte Wolldecke…
Mühsam versuchte sie den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken.
„Andreas?“, rief sie laut. Doch es kam immer noch keine Antwort zurück.
Panisch lief sie durch das Haus, hoffte, dass ihr Mann unter der Dusche war, oder so müde gewesen war, dass er ins Bett ging ohne, das Licht zu löschen. Sie lief durch das Bad, die Küche, das Schlafzimmer, schaute sogar auf dem Dachboden, doch ihr Mann blieb unauffindbar. Ihr Herz klopfte laut. Es war nicht seine Art, einfach zu verschwinden, ohne ihr Bescheid zu geben…Am Morgen hatten sie einen heftigen Streit gehabt. War er deswegen weg? Oder war etwas mit den Kindern? Was wenn ihnen was passiert war? An diesem Freitag waren sie bei ihrer Großmutter…
Hatte das Auto draußen gestanden?



Sie wusste es nicht. Vielleicht hatte er es aber auch in die Garage gefahren, schließlich war es in letzter Zeit immer sehr kalt draußen…
Kurz entschlossen nahm sie ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer von Andreas´ Mutter.
Nach dem dritten Klingeln nahm diese ab. „Leinen?“
„Ingrid, hier ist Rachel. Ist Andreas bei euch?“ rief Rachel aufgeregt. „Ähm, nein, wieso? Ist er nicht zu Hause?“
„Nein, er ist weg, ich dachte es sei vielleicht den Kindern was passiert und deswegen ist er zu euch gefahren…“ In Ingrids Stimme schwang Sorge mit, als sie antwortete. Sorge um ihre Schwiegertochter. „Rachel, jetzt beruhige dich erst mal! Den Kindern geht es gut und Dietmar und mir auch. Andreas ist sicher nur in irgendeine Kneipe gefahren!“ „Aber dann hätte er doch Bescheid gesagt!“ „Mach dir keine Sorgen, es wird schon nichts sein!“ Rachel atmete tief durch, „Hm, okay. Ich sehe mal nach ob das Auto draußen oder in der Garage steht. Wenn nicht wird er wohl wirklich in der Kneipe sein. Ich rufe dich gleich zurück.“ Mit diesen Worten legte sie auf.
Schnell zog sie sich ihre Jacke über und ging nach draußen, Die ganze Zeit über klopfte ihr Herz wie wild. Trotz Ingrids Versuch sie zu beruhigen, war sie immer noch der Meinung, dass hier irgendwas faul war! So hatte sie sich noch nie gefühlt. So eine Angst noch nie gespürt. Das Auto stand nicht in der Einfahrt. Ihre Hände zitterten, als sie versuchte die Kombination am Garagentor einzugeben. Sie vertippte sich vor Aufregung. Ihr war mittlerweile schlecht vor Angst. Natürlich konnte nicht viel mehr sein, als dass das Auto nicht in der Garage stand und ihr Mann wohl doch irgendwohin gefahren war…Solange es nur nicht eine Geliebte war, wo er hinfuhr, wäre alles gut, Sie würde seine Freunde anrufen und fragen wo er steckt, irgendwo musste er ja sein…
Beim dritten Versuch die richtige Kombination einzutippen, gelang es Rachel schließlich und das Tor öffnete sich.
Im nächsten Moment wünschte sie, sie hätte es nicht getan.
Sie war unfähig etwas zu denken. Unfähig zu fühlen.
Ihr Herz stand für einen Augenblick still und ihre Kehle drohte zu bersten. Sie stand nur da. Eine unglaubliche Leere in ihr. Sie hatte sich schon schreckliches ausgemalt, aber was sie sah ging weit darüber hinaus.
Sie stand und starrte. Starrte auf die Gestalt, die am Gartenschlauch von der Decke baumelte. Den Mund weit geöffnet. Die Augen starr und glasig. Rachel zitterte am ganzen Körper.




Mit einem lauten Schrei erwachte Rachel. Sie war schweißgebadet. Zitterte. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust. Panisch sah sie sich um. Das Neonlicht über ihr tauchte das Büro in grelles Licht. Geistesabwesend griff sie zum Telefonhörer. „Bitte Gott! Bitte mach, dass alles in Ordnung ist. Bitte mach, dass es ihm gut geht…“, flehte sie. Das Telefon tutete. 1 mal. 2 mal. 3 mal. Scheinbar eine Ewigkeit.
Aber dann hob endlich jemand ab. „Andreas, bist du das?“ „Ja, klar, wer sonst?“
Ihr fiel ein Stein vom Herzen. „Oh, Gott sei dank!“ „Rachel, was ist denn los? Ist alles O.K bei dir?“
„Ich –Ich hab schlecht geträumt…Ich hab geträumt, dass du…“ (dich umbringst) Sie presste die Lippen aufeinander. „Was denn, Schatz?“ Seine Stimme war sanft. Rachel brach in Tränen aus. „Ver- Vergiss es. Ist nicht…“ „Schatz, beruhige dich doch! Was auch immer es war…es war nur ein Traum!“ Nur ein Traum. Nichts weiter. Ein Traum.
„Jetzt atme mal ganz tief durch.“
Rachel tat es. So langsam beruhigte sie sich wieder.
Er hatte ja Recht. Es war wirklich kindisch wie sie sich benahm. „Tut mir Leid, ich habe wohl hyperventiliert.“
„ Schon gut. Wann kommst du denn nach Hause?“
Sie sah auf die Uhr. Halb 9.
„Bald. Ich muss nur noch was fertig machen.“ „Gut. Geht’s dir wieder besser?“, fragte er besorgt.
Sie musste lächeln. „Ja, es geht schon. Ich komme dann gleich, okay?“ „Ich freu mich! Und es tut mir Leid wegen heute Morgen.“ Ihr Lächeln wurde breiter.
Was für einen tollen Mann sie doch hatte! „Mir tut es auch Leid. Und ich freu mich auch!“
„ Dann ist ja wieder alles gut! Ich liebe dich, mein Herz!“
Gott sei Dank. Alles war wieder in Ordnung.
„Ich liebe dich auch, Andreas. Bis gleich.“
„Bis gleich.“ Er legte auf.
Rachel war unglaublich erleichtert, dass es ihrem Mann gut ging. Schnell machte sie ihre Arbeit fertig, löschte die Lichter und fuhr nach Hause. Ihr Traum war fast vergessen. Sie war erfüllt von Vorfreude auf einen gemütlichen Abend mit ihrem geliebten Mann. Als sie die Einfahrt hinauf ging, war es totenstill. Im Haus brannte Licht. Sie öffnete die Tür und trat ein.
Dann drehte Rachel sich um, um die Tür wieder zu schließen. Auf der Schwelle saß ein schwarzer Vogel und starrte sie aus seinen dunklen Augen durchdringend an…
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