Better be quiet now

von Seaside
KurzgeschichteDrama / P12
Carol Tiddle Grace Tiddle Jenny Tiddle Magdalena "Lena" Haloway William Tiddle
24.03.2013
24.03.2013
1
1716
 
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
 
 
But I better be quiet now,
I'm tired of wasting my breath
Carrying on, getting upset.

(I better be quiet now - Elliott Smith)



Leute, die Grace begegneten, hielten sie meist  für dumm, und sie ließ sie in dem Glauben, anstatt sie vom Gegenteil zu überzeugen.
Es machte ihr schon längst nichts mehr aus, wenn irgendjemand sie mal wieder als "strohdoof" bezeichnete, oder sie von ihrer Oma zu irgendeinem Arzt geschleift wurde, weil diese der Ansicht war, dass mit ihrem Gehirn irgendwas nicht in Ordnung sein konnte.
Doch ihr Gehirn funktionierte prächtig, vermutlich sogar besser als das der Meisten in dieser Stadt.
Denn im Gegensatz zu den Meisten war sie dazu in der Lage, selbstständig zu denken, ihr Gehirn auch zu benutzen, und zwar genau so wie sie es für richtig hielt, nicht wie andere es wollten.
Im Grunde konnte man sagen, dass sie mit ihren sechs Jahren bereits eine kleine Rebellin war. Auf ihre ganz eigene Art und Weise.
Allen anderen war doch schon längst die Fähigkeit des eigenständigen Denkens abhanden gekommen, alle anderen -  die, die bereits "geheilt" wurden - waren nichts weiter als emotionslose Marionetten der Regierung, die sich nicht mal trauten, sich eine eigene Meinung zu bilden, geschweige denn diese auch zu äußern. Stattdessen plapperten sie brav alles nach, was ihnen vorgegeben wurde.
All diese Menschen waren um so vieles dümmer als sie, weil sie nicht mal auf die Idee kamen, irgendwas von dem, was ihnen erzählt wurde, zu hinterfragen.
Doch Grace war nicht so.
Sie machte sich stets ihre eigenen Gedanken.
Nur dass sie diese mit niemandem teilte und wie ein streng gehütetes Geheimnis ganz tief in ihrem Innersten verbarg.
Die Leute dachten, dass sie nichts mitbekam, nichts verstand, weil sie zu jung war und noch dazu "strohdoof", aber sie verstand mehr als so manch anderer.
In gewisser Weise fühlte Grace sich ihnen allen überlegen.

Und genau aus diesem Grund redete sie auch nicht. Nicht, weil sie dumm, sondern weil sie klüger war.
Weil sie genau wusste, dass es nichts brachte. Worte waren sinnlos, hatten schon längst an Bedeutung verloren. Das wusste sie bereits trotz ihres jungen Alters.
All diese Leute waren so verbohrt und engstirnig, dass sie doch gar nicht wissen wollten, was sie zu sagen hatte. Grace dachte sich immer, dass sie alle froh sein sollten, dass sie nicht redete, dass sie ihnen nicht ins Gesicht sagte, was sie von ihnen hielt.
Vermutlich würden sie sie einsperren, sie irgendwie bestrafen, schlimme Dinge mit ihr machen.
Sie hatte keine Vorstellung davon, was mit Sechsjährigen gemacht wurde, die sich gegen Erwachsene oder das System auflehnten, vielleicht hätten ihre Großeltern sie in ein Heim abgeschoben oder sie für verrückt erklärt. Man hätte es auf die Gene geschoben, immerhin stand ihr Vater in Verdacht, ein Sympathisant gewesen zu sein.
Sollten sie daher also ruhig denken, dass sie dumm war. Es machte ihr nichts aus, weil sie es besser wusste.

Die einzige Person, die Grace wirklich mochte, war ihre Großcousine Lena., denn diese hielt sie nicht für dumm.  Die 17Jährige war, nebenbei bemerkt, auch die Einzige, die sie jemals hatte sprechen hören.
Beide hatten sie aufgrund der Amor Deliria Nervosa, der schlimmsten aller Krankheiten, ihre Mütter verloren.
Beide, sowohl Lena als auch Grace, wurden deshalb geächtet, so als wären sie Abschaum, weil sie Kinder von Infizierten waren.
Dieses Schicksal wickelte sich wie ein unsichtbares Band um sie beide herum.
Sie wussten, wie der jeweils andere sich fühlte, ohne dass einer von ihnen es aussprechen musste.
Grace genoss ihre Gegenwart immer sehr, manchmal versuchte Lena sie zum Sprechen zu bringen, indem sie ihr Fragen stellte, aber Grace wusste, dass sie es ihr nicht übel nahm, wenn sie nicht antwortete. Das rechnete sie ihr hoch an.
Und genau aus diesem Grund entschloss Grace sich dazu, ihr nun zu helfen. Sie konnte nicht zulassen, dass Lena wie eine Schwerverbrecherin behandelt wurde.

Ihr Herz raste und ihre Hände zitterten, als die Sechsjährige sich leise durch den Flur schlich und sich im Dunkeln die Wand entlang tastete, bis sie das Zimmer erreichte, in dem sie Lena seit zwei Tagen gefangen hielten, wie ein Tier, das in wenigen Stunden zur Schlachtbank gebracht wurde.
Ihr Opa, der vor Lenas Zimmer Wache hielt, war, wie Grace vermutet hatte, eingeschlafen. Vor sich hin schnarchend bemerkte er nicht einmal, wie sich das kleine Mädchen mit Tippelschritten an ihm vorbei schlich und sich durch den kleinen Spalt der Zimmertür hindurch quetschte.

Vorsichtig tastete sie sich zu Lenas Bett vor, was in der Dunkelheit wirklich eine Herausforderung war, aber sie schaffte es, ohne auf ihrem Weg dort hin auch nur das leiseste Geräusch zu verursachen.
Behutsam kletterte sie auf Lenas Bett und machte sich daran, die Schnur zu durchtrennen, mit der Lena ans Bett gebunden war. Es kostete sie einiges an Mühe und Anstrengung, die Schnur stellte sich als ein harter Gegner heraus, aber anstatt aufzugeben, nahm sie irgendwann ihre Zähne zu Hilfe und biss sich durch. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und so dauerte es nicht all zu lange, bis sie ihr Ziel erreicht hatte.
Dass Lena mittlerweile aufgewacht war, merkte sie erst, als sie ihre Befreiungsaktion beendet hatte, so konzentriert war sie gewesen. Es hätte sie allerdings auch sehr gewundert, wenn sie davon nicht wach geworden wäre.
Ganz langsam setzte Lena sich auf, rieb mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Handgelenke, an denen sich rote Striemen abzeichneten. Grace konnte nur erahnen, was für Schmerzen sie erleiden musste.
Schließlich umarmte Lena sie, so fest, dass sie das Gefühl hatte, dass die Ältere sie gar nicht mehr los lassen wollte. Nach wenigen Sekunden löste sie sich  dann aber doch von ihr. Grace erkannte sowohl Dankbarkeit als auch Furcht in ihren Augen.
"Ist Onkel William noch da draußen?", fragte Lena flüsternd.
Grace nickte und machte eine Geste, die andeuten sollte, dass er schlief
"Sind Aufseher im Haus?", fragte Lena weiter, im gleichen Flüsterton wie zuvor.
Grace nickte erneut und hielt zwei Finger hoch.
Sie registrierte Lenas entsetzten Gesichtsausdruck und am liebsten würde sie sie wieder umarmen, sie ganz fest halten, doch sie wusste, dass nun die Zeit gekommen war, um Abschied zu nehmen.
Lena stand auf, schüttelte ihre Beine, um sie ein wenig zu lockern, bevor sie sich langsam und auf Zehenspitzen auf das Fenster zu bewegte und die Jalousien hoch zog.

Grace beobachtete sie, wie sie das Fenster öffnete. Ein Motorengeräusch, das zu hören war, ließ sie einen Moment inne halten Es war zunächst ganz schwach zu hören, doch dann wurde es immer lauter, so als ob es immer näher kam.
Lena entwich ein Schrei, nur ein ganz kurzer, der in dieser Situation aber definitiv zu laut war. Unweigerlich schloss Grace für einen kurzen Moment die Augen, so als ob sie dadurch Lenas Schrei ungeschehen machen könnte, aber natürlich konnte sie das nicht.
Ein Geräusch auf dem Flur war zu hören, gefolgt von einem "Scheiße" ihres Opas.
Als Grace sich ein wenig nach hinten lehnte, um durch den Türspalt zu gucken, sah sie wie William sich am Hinterkopf kratzte. Offensichtlich hatte er sich den Kopf an der Wand angeschlagen.
Ein leichtes Grinsen huschte ihr übers Gesicht, das jedoch sofort wieder verblasste als sie sah, wie er wutentbrannt aufstand.
Schnell drehte sie ihren Kopf wieder nach vorne, Lena stand noch immer am Fenster.
"Alex", rief sie leise hinunter, während Grace ihr am liebsten zugerufen hätte, dass es jetzt nun wirklich an der Zeit war, abzuhauen.

Genau in dem Moment wurde die Tür aufgestoßen, ihr Opa brüllte so laut, dass sich Grace förmlich dazu zwingen musste, sich nicht die Ohren zuzuhalten.
Im ganzen Haus gingen nun die Lichter an, Schritte polterten die Treppe hoch, Schritte polterten über den Flur, ihr Opa schrie wie wild nach seiner Frau, allerdings ohne sich von der Tür fortzubewegen, während Grace nur noch einen Gedanken hatte. Lauf, Lena, lauf. Sieh zu, dass du hier weg kommst!

Immer wieder drückte Lena sich gegen das Fliegengitter, das vor dem Fenster angebracht war, aber sie scheiterte daran, es wegzudrücken.
"Halt sie auf!", hörte Grace schließlich ihre Oma rufen, die nun ebenfalls im Zimmer angelangt war, und sah kurz darauf, wie ihr Opa auf Lena zustürmte.
Mach schon, Lena, verschwinde endlich!, dachte Grace wieder, als Lena sich erneut mit aller Kraft gegen das Fliegengitter schmiss. Und als ihr Opa nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, kurz davor, sich Lena zu schnappen, schrie Grace plötzlich "Warte!".
Es gab keine andere Lösung, sie musste es tun. Für Lena.

Plötzlich war alles ruhig. Alle Augen waren auf die Sechsjährige gerichtet. Alle starrten sie an. Selbst Graces Schwester Jenny, die durch den Krach ebenfalls aufgewacht war und nun an der Tür stand, rieb sich ungläubig die Augen, so als hätte sie soeben eine Halluzination gehabt..
Und während die Aufmerksamkeit aller nun bei Grace lag, schaffte Lena es endlich, das Fliegengitter zu durchbrechen, und hinauszuspringen, aus dem Fenster, aus dem ersten Stock.
Grace betete, dass sie sich nicht verletzt hatte und während ihr Opa, ihre Oma und die Aufseher ebenfalls nach unten stürmten - allerdings durchs Haus, anstatt durchs Fenster - blieb Grace mit Jenny allein im Zimmer zurück, die sie immer noch ansah, als käme sie von einem anderen Stern.
"Sag noch mal was!", forderte die Neunjährige ihre kleine Schwester auf, doch Grace schwieg.
Das gerade war eine absolute Ausnahme gewesen, so etwas würde sich nicht noch mal wiederholen.
Sie hatte den Pakt, den sie mit sich selbst geschlossen hatte, den Pakt, für immer still zu sein, gebrochen.
Für Lena.
Für den einzigen Menschen, der sie nicht für dumm hielt.
Für den einzigen Menschen, der sie verstand.
Und obwohl sie wusste, dass da noch einiges an Ärger auf sie zu kam, würde sie es jeder Zeit wieder tun.
Für Lena.
Damit sie glücklich sein konnte.
Review schreiben