Back in the desert

von anyrei
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 Slash
23.03.2013
01.06.2014
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Dieses Kapitel
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Kapitel 1: Laute Stille

Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht. - William Shakespeare

Die Küchenuhr tickte leise. Es war das einzige Geräusch in der 221B Bakerstreet. John hatte völlig das Gefühl für Zeit verloren. Er hatte keine Ahnung, wie lange er in seinem Sessel gesessen hatte und vor sich hin ins Leere gestarrt hatte. Er hätte noch nicht einmal sagen können, ob er über etwas nachgedacht hatte. Da war einfach nur diese Leere in ihm. Eine Leere, die ihn so stark paralysierte, dass er nichts mehr tun konnte.

Da ist nur noch diese eine Sache, bitte. Eine Sache, ein Wunder noch, Sherlock – für mich. Sei nicht tot. Bitte, nur für mich – hör einfach auf damit. Hör auf.

Auf dem Friedhof hatte dieser naive Wunsch in ihm eine tiefe Trauer und Hilflosigkeit ausgelöst, gemischt mit einer immer wiederkehrenden Wut und Verzweiflung. Doch diese Gefühle waren nun fort und zurück geblieben war nur diese Leere.

John war Soldat und es gewohnt seine Gefühle zu unterdrücken. Er war immer schon sehr bedacht darüber, was andere Menschen von ihm dachten. Er wollte nicht, dass Mrs. Hudson seine Tränen sah. Er wollte stark sein, doch die ganzen Fragen und Schuldgefühle zerfraßen ihn leise. Er konnte nicht verstehen, warum Sherlock gesprungen war. Vor seinem geistigen Auge sah John immer wieder dieses Bild. Sherlocks Körper am Boden des Bürgersteigs. Das dunkelrote Blut und seine hellen blauen Augen. Seine Augen.

John schloss die Augen. Er hatte nichts tun können. Sherlock hatte mit ihm am Telefon gesprochen und er hatte seinen besten Freund nicht davon abhalten können, Selbstmord zu begehen.

Seine Therapeutin hatte ihm gesagt, dass er seine Trauer zu lassen sollte. Dass er mit jemanden über seine Gefühle sprechen sollte. Am Anfang hatte er das noch für eine gute Idee gehalten. Abgesehen davon hatten es alle von ihm erwartet.

Doch nun war er an einem Punkt angelangt, an dem er spürte, dass es einfach sinnlos war. Es war vollkommen egal, ob er über seine Gefühle mit jemandem sprach. Sherlock kam davon nicht zurück. Und John wusste, das war das Einzige was ihm helfen konnte. Die Leere, die Sherlock mit seinem Tod in ihm hinterlassen hatte, konnte niemals wieder ausgefüllt werden, weil es niemals wieder jemanden geben würde wie Sherlock Holmes.

John war nicht der Mann, der Selbstmord begehen würde. Natürlich hatte er daran gedacht sein Leben zu beenden, aber bei dem Gedanken, dass Mrs. Hudson ihn finden würde, hatte er dies schnell wieder verworfen. Niemand, der sich um ihn sorgte, sollte in seinen Tod einbezogen werden.

Er konnte mit keinem darüber reden, dass er seinen Lebenswillen verloren hatte. Niemand würde das verstehen. Seine Therapeutin würde ihn einweisen und man würde ihn mit Medikamenten vollpumpen. Jede andere Person würde nicht verstehen können, warum der Tod seines Freundes für ihn der Grund war. Für viele war Sherlock nur ein Soziopath und die Leute wunderten sich, warum es John überhaupt mit ihm ausgehalten hatte. Warum sollte man wegen seinem Tod seinen Lebensinhalt verlieren? Und natürlich lief es wieder auf genau das hinaus, was John immer abgestritten hatte. Sherlock und John waren kein Paar. Er war nicht sein Date und sie hatten niemals Sex. Aber wenn er sich jetzt das Leben nahm, dann war das alles egal. Die Leute redeten, sie taten nichts anderes.

Sherlock war es immer egal, was andere von ihm dachten. Er hatte John einmal gefragt, warum es ihm so verflucht wichtig ist, was die Leute von ihm hielten. John wusste es nicht. Er war schon immer so. Am Anfang hatte er immer alles vehement abgestritten – immer wenn die Leute mit ihren Andeutungen kamen. Irgendwann wechselte er nur noch das Thema. Jetzt allein in der Bakerstreet, in der Verschwiegenheit der Einsamkeit, konnte John den Gedanken endlich zulassen. Was Sherlock ihm bedeutete, war schwer in Worte zu fassen. Wenn er sagen würde, dass er Sherlock liebte, klang es viel zu flach und hohl, als das dieses Wort annähernd beschreiben würde, was Sherlock für ihn war. Früher hatte er sich oft darüber geärgert, dass Leute ständig dachten, dass er schwul wäre und eine Beziehung mit Sherlock führte. Ja er führte eine Beziehung mit Sherlock, aber die hatte nicht mal ansatzweise etwas damit zu tun, was die Leute sich darunter vorstellten. John teilte mit seinem Freund eine tiefe Verbundenheit, eine Vertrautheit, eine Seelenverwandtschaft, wenn man es so sagen wollte. Sherlock war der Mensch, mit dem John den Rest seines Lebens verbringen wollte. So einfach war das.

Und Moriarty hatte ihm das alles genommen. John blickte auf den Boden. Lestrade hatte ihm erzählt, dass die Ballistik herausgefunden hatte, dass Moriarty sich selbst getötet hatte. Trotzdem schrieben die Zeitungen, dass Sherlock für seinen Tod verantwortlich war und er Richard Brooke in den Selbstmord getrieben hatte. An der Wahrheit war niemand interessiert. Er hatte gehofft, der Medienrummel würde sich bald legen, denn jedes Mal wenn er diese verlogenen Worte in der Zeitung las, hatte er das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Und darauf folgte der Schmerz, eine Mischung aus Wut und Verlust und dass er Sherlock vermisste.

Alles hier in der Bakerstreet erinnerte ihn an sein Leben mit Sherlock. Aber nichts hier erinnerte ihn an Sherlock selbst. An seine Essenz, den Nervenkitzel, das Spiel. Die Dinge, für die Sherlock und er lebten.

„Mit Sherlock Holmes sieht man das Kriegsfeld,“ war Mycrofts Erklärung dafür, warum John sich so zu Sherlock hingezogen fühlte.

Und schließlich wusste John, was er machen musste. Wohin er musste, um seinen Frieden zu finden. Er musste wieder in den Krieg.

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John stand eine Weile schweigend vor Sherlocks Grabstein. Er blickte sich um, ob er alleine war. Schließlich kniete er sich auf das Grab. Sein bleiches Gesicht spiegelte sich in dem schwarzen, glatten Stein.

„Sherlock.“

Er holte tief Luft. „Ich gehe zurück nach Afghanistan. Diesmal nicht als Soldat, sondern als Arzt. Ich vermisse es, Anderen zu helfen. Ich vermisse den Krieg.“

John schaute kurz zu Boden und schüttelte sanft den Kopf. Dann legte er eine Hand auf den Grabstein.

„Ich vermisse dich.“ Er strich sich mit der anderen Hand durchs Gesicht und schluckte schwer. „Vielleicht sehe ich dich bald wieder.“

John lehnte seinen Kopf gegen den kühlen Stein und kämpfte mit den Tränen, die jedes Mal, wenn er sein Grab besuchte, in ihm hochstiegen. Er atmete zweimal scharf ein und stand dann auf.

John nahm seine Soldatenpose an, streckte seinen Körper durch und sammelte sich. Er nickte Sherlocks Grabstein kurz zum Abschied zu und verließ den Friedhof, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sherlock Holmes, der versteckt in der Nähe hinter einem Baum stand, schaute John nachdenklich hinterher.