Der Tag, an dem Thorin Kíli fast im Badezuber ertränkt hätte

KurzgeschichteHumor, Familie / P16
Fili Kili Thorin Eichenschild
21.03.2013
21.03.2013
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: Kíli hasst baden. Thorin hasst Kílis Theater am Badetag und beschließt, der Sache ein Ende zu bereiten. Mit fatalen Folgen…

A/N: Bei allgemeinen Fragen und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Gebrauchsinformation im Profil. Sie finden sie dort unter dem Punkt Homepage.

Alle Zwergennamen stammen aus der Völuspá oder der altnordischen Sagaliteratur.

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Beitrag zum Tolkien-Projekt Das Alter schlägt zu!


Ort:
Wirtshaus


Gegenstände:
Aussteuertruhe
Decke
Haarspange
Lederriemen
Pferd
Rasiermesser





Der Tag, an dem Thorin Kíli fast im Badezuber ertränkt hätte


Er hasste sein Rasiermesser. Er hasste es mehr als viele andere Dinge in Mittelerde – und das war gut. Denn so sollte es auch sein. Andernfalls wäre es auch sinnlos, jeden Samstag aufs Neue den Bart zu stutzen. Die Kürze sorgte zwar nicht gerade dafür, dass die Frauen sich nach ihm umdrehten, doch auch das hatte sein Gutes, das musste er sich eingestehen. Obwohl es längst an der Zeit gewesen wäre, einen Erben zu zeugen. Aber wie sollte er das anstellen? Sein Tag hatte dieselbe Anzahl an Stunden wie der jedes anderen Zwerges und selbst ein König verfügte nicht über übernatürliche Kräfte. Davon, dass er zuerst einmal auf Brautschau gehen müsste, ganz abgesehen. Thorin schüttelte seufzend den Kopf. Nein, er hatte wahrlich genug damit zu tun, seinem Volk eine neue Heimat, einen sicheren Ort zum Leben zu geben. Und glücklicherweise hatte seine Schwester zwei Söhnen das Leben geschenkt, bevor ihr Mann bei einem Unfall auf einer der immer noch viel zu vielen Baustellen erst schwer verletzt und dann gestorben war. Im Grunde genommen war seine Nachfolge damit gesichert. Seine Neffen würden heranwachsen und irgendwann seinen Platz einnehmen.

Ein paar abgeschnittene Haare rieselten nach unten auf die Kommode, über der der Spiegel in seinem Schlafzimmer hing. Das Badezimmer hatte er längst wieder räumen müssen. Dís verstand keinen Spaß, wenn er es länger als notwendig blockierte. Ganz besonders am Badetag, der diesen Namen nicht mehr verdiente, seit Kíli laufen gelernt hatte. Hätte Fíli ihm doch nur nie erklärt, wie man Verstecken spielte…

Nach ein paar weiteren gezielten Schnitten und etlichen schwarzen Haaren mehr auf der Kommode sah sein Spiegelbild wieder annehmbar aus, fand er. Zumindest für seine Verhältnisse. Annehmbar in den Augen der meisten anderen wäre gewesen, wenn er seinen Bart endlich wieder wachsen ließe, bis er eines Königs würdig war. Doch so, wie andere den Schmerz über den Verlust ihrer Heimat im Herzen trugen, trug er ihn offen. Jede weniger offensichtliche Art erschien ihm feige und respektlos, nicht nur seinem Volk sondern auch seinem Vater und Großvater gegenüber.

Er bedachte das Rasiermesser mit einem letzten finsteren Blick und legte es beiseite, um es erst in einer Woche wieder zur Hand zu nehmen.

Irgendwo in der Wohnung rief Dís nach Fíli. Badezeit für den älteren seiner Neffen. Wie jeden Samstag. Es war stets derselbe Ablauf. Seine Schwester weckte ihn früh am Morgen, weil er zuerst an der Reihe war, damit ihm tagsüber genügend Zeit für all die Dinge blieb, die er zu erledigen hatte – sagte sie. Thorin war sich allerdings sicher, dass er es auch schaffen würde, wenn sie ihn wenigstens einmal pro Woche länger schlafen ließ. Nur wie so oft interessierte sie das herzlich wenig. Den Hang zu einem strengen heimischen Regiment hatte sie eindeutig von ihrer Mutter geerbt und von Zeit zu Zeit weckte sie in ihm damit schmerzhafte Erinnerungen an friedlichere Jahre.

Er zog die bereitgelegte Weste über, schlüpfte in die dunkelgrauen Filzpantoffel und schlurfte in die Stube hinüber. Im Bad sprach Dís leise mit ihrem älteren Sohn. Vermutlich wusch sie ihm gerade die Haare, weil sie sichergehen wollte, dass sie nachher auch gut aussahen, denn eigentlich war Fíli alt genug, um das allein zu tun.

In der Stube erwartete ihn ein Regiment sorgsam in Reih und Glied aufgestellter Holzpferde vor dem Kamin. Doch von ihren Besitzern fehlte jede Spur. Der eine hockte im Badezuber und der andere war… ja, wo eigentlich? Wo hatte er sich diesmal verkrochen? Ob er sich schon mal auf die Suche nach ihm machen sollte? Für einen Moment verharrte Thorin grübelnd, dann entschied er sich dagegen. Wenn er Kíli fand, würde er ihn solange beschäftigen müssen, bis Fíli fertig war, und dafür hatte er heute einfach keine Zeit. Nicht, nachdem er gestern einige der Baustellen besichtigt, für heute ein Treffen mit den Baumeistern einberufen hatte und noch immer nicht dazu gekommen war, die Unterlagen dafür durchzusehen. Wo waren die überhaupt hingekommen? Vor dem Abendessen hatte er sie doch noch in der Hand gehabt. Und dann? Er zupfte sich nachdenklich am Bart. Dann hatte er seinen Neffen eine Gutenachtgeschichte erzählt – und war darüber selbst eingeschlafen. Das wusste er so genau, weil er nicht zum Schlafwandeln neigte, aber mitten in der Nacht aufgewacht und sich in seinem Lieblingssessel vor dem Kamin wiedergefunden hatte. Lieblingssessel, das war ein gutes Stichwort. Es war schließlich viel gemütlicher, dort zu sitzen, wenn man etwas lesen musste, als im Arbeitszimmer, das einem sofort ein schlechtes Gewissen aufdrückte, sobald man nur die Tür geöffnet hatte. Er ließ den Blick über die hölzernen Herden wandern, dann an der Einfassung des Kamins nach oben, bis er den Sims erreichte und dort fand, wonach er suchte – die Unterlagen, fein säuberlich aufgerollt und mit Lederriemen zusammengehalten, weil sie sonst dazu tendierten, sich selbstständig zu machen.

Jetzt stellte sich nur die Frage, wie er, selbstverständlich ohne die Pferdchen umzuschubsen, an sie herankommen sollte. Fíli und Kíli hatten beim Spielen nämlich ganze Arbeit geleistet und die gesamte freie Fläche vor dem Kamin zugestellt, und ihm dämmerte langsam, dass er daran nicht ganz unschuldig war. Holzpferde hüpften schließlich nicht einfach so aus dem Brennholz! Einige hatte er gekauft, das waren die gutaussehenden, und andere hatte er eigenhändig geschnitzt, das waren die mit den bedenklichen Proportionen. Von riesigen Köpfen, über zu kurze Hälse bis hin zu krummen und nicht gleichlangen Beinen war alles vor ihm auf dem Teppich vertreten.

Finster musterte er die Holzregimenter erneut. Mit ein wenig Glück… Ja, das könnte funktionieren. Er zog die Pantoffeln aus, die ihm bei seinem Vorhaben nur hinderlich sein würden. Mit ihnen konnte man einfach nicht auf Zehenspitzen laufen, aber das musste er, um den Kamin zu erreichen ohne die Pferdchen umzuwerfen. Kopfschüttelnd machte er den ersten Schritt, setzte den rechten Fuß vorsichtig auf das freie Fleckchen Teppich zwischen zwei Regimentern.
In der Öffentlichkeit hatte er – wenn auch oft genug mit Balins Hilfe – stets alles im Griff, doch zuhause stellte Spielzeug ein beinahe unüberwindbares Hindernis dar, das er elbenähnlich trippelnd  umgehen musste. Ein unfreiwilliges Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Es waren diese Momente, die ihn wieder und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachten, ihm zeigten, dass er im Grunde nichts anderes war als ein normaler Mann, Ziehvater, Onkel, großer Bruder und mittlerweile auch Familienoberhaupt. Gut, auf letzteres hätte er gern verzichtet, aber man konnte sich manche Dinge eben nicht aussuchen.

Thorin balancierte zwei weitere Schritte vorwärts, streckte die rechte Hand aus, griff nach den Unterlagen und bekam sie sicher zu fassen. Zufrieden seufzte er. Jetzt musste er nur noch zurück, sich in seinen Lieblingssessel fallen lassen und -  

„Kíli, du bist an der Reihe!“

Er zuckte zusammen, verlor das Gleichgewicht. Im nächsten Augenblick bohrten sich unzählige Holztierchen in seine Seite, die Unterlagen rissen lawinengleich weitere um und er konnte sich erst in letzter Sekunde einen nicht jugendfreien Fluch verkneifen, für den Dís ihn mit ziemlicher Sicherheit den sprichwörtlichen Kopf kürzer gemacht hätte.

„Thorin, hast du ihn schon -“ Seine Schwester erschien in der Türöffnung, verstummte allerdings schlagartig, als sie ihn zwischen den durcheinandergeworfenen Holzpferdchen sitzen sah. Er war sich zumindest ziemlich sicher, dass es nicht seines finsteren Blickes wegen war. Sowas sah ihr nicht ähnlich.

„Nein.“, grollte er leise, bevor er mit erfolglos unterdrücktem Ächzen wieder aufstand.

„Ja, das sehe ich.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Statt mir zu helfen, lässt du dich lieber von Holpferden flachlegen.“

„Und ich habe dir schon hundertmal gesagt, du sollst keine derartigen Anzüglichkeiten von dir geben.“, fauchte er zurück. Das war eine ihrer schlechten Eigenschaften, die ihm wirklich ein Dorn im Auge waren.

Dís zuckte jedoch nur mit den Schultern. „Sagt ausgerechnet einer meiner großen Brüder, die mir sowas erst beigebracht haben. Und jetzt hilf mir gefälligst suchen!“ Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und er hörte sie nur Wimpernschläge später in der Küche rumoren.

Kopfschüttelnd und mit schmerzender Hüfte – wurde er langsam alt? – sammelte er die Unterlagen wieder ein und schob die überlebenden und zerquetschten Pferdchen mit den Füßen zu ungleichgroßen Häufchen zusammen. Die toten konnte man nachher immer noch aussortieren und verbrennen. Anschließend legte er die Unterlagen auf den Tisch und sah sich um. Es wäre unklug, sich nicht an der allwöchentlichen Suchaktion nach Kíli zu beteiligen. Dís konnte in Erziehungssachen nämlich bisweilen sehr nachtragend sein.

Kíli war nicht dumm. Bisher hatte er nur die wenigsten Verstecke in der Wohnung ein zweites Mal benutzt. Er schien sich völlig darüber im Klaren zu sein, dass Erwachsene es logisch fanden, ihn dort immer zuerst zu suchen. Thorin zupfte mit der linken Hand an seinem Bart. Wo hatte sein Neffe in den vergangenen Wochen Zuflucht gesucht? Unter seinem Bett, da sogar mehrfach, einmal in seinem und einmal in Dís’ Kleiderschrank, unter der Bank in der Küche, in der Lücke zwischen seinem Lieblingssessel und der Wand und letzten Samstag hatte Dís ihn bei dem Versuch, sich in das leere Fach seines Schreibtischs zu quetschen, überrascht. Ihr Wutanfall hatte erst Sonntagmittag nachgelassen, denn eigentlich – davon war sie zumindest immer ausgegangen – hatte sie ihren Söhnen verständlich erklärt, warum es ihnen verboten war, sein Arbeitszimmer zu betreten.

Doch das half ihm jetzt nicht weiter. Sein Gefühl sagte ihm, dass sie es heute nicht bei den bekannten Verstecken probieren brauchten, und irgendwie war er sich schon beobachtet vorgekommen, seit er die Stube betreten hatte. Aber wo - Ein leises Rascheln ließ ihn innehalten, lenkte seinen Blick auf die Aussteuertruhe seiner Schwester, die ganz arglos neben der Anrichte stand. Weshalb war ihm nicht eher aufgefallen, dass die Kissen, die sonst darauf lagen, verschwunden waren? Dís hätte ihm gesagt, wenn sie vorgehabt hätte, sie zu waschen. Nein, hätte sie nicht. Sie hätte sich lediglich darüber beklagt, wie scheußlich sich Kissen waschen ließen, aber das war ja ungefähr das gleiche.

Auf Socken – die Pantoffel waren vergessen – näherte er sich der Holztruhe. Eigentlich wurde es Zeit, dass Kíli mit diesem Kinderkram aufhörte und sich damit abfand, wenigstens einmal pro Woche ein Bad zu nehmen. Ein Thronfolger konnte es sich nicht leisten, stinkend wie ein Iltis herumzulaufen, auch als Kind nicht. Und damit hatte sich das!
Er öffnete die Truhe. Keine Spur von Kíli. Außer Wolldecken sah er nichts. Aber das konnte nicht sein. Es hatte ganz eindeutig in der Truhe geraschelt. Kritisch zog er die Brauen zusammen. Hier war definitiv etwas faul! Das spürte er genau, auch wenn die Decken scheinbar unverändert dalagen.

„Komm da raus, Kíli!“, sagte er streng, gleich darauf kam er sich albern vor. Ein König, der vor einer Aussteuertruhe stand und zu Wolldecken sprach, war wohl auch kaum etwas anderes. Zumal sein jüngster Neffe sowieso nicht auf ihn hören würde. Er würde einfach still ausharren und vermutlich hoffen, dass sie diesmal aufgaben. Aber es war guter Stil, ihm die Möglichkeit zur Kapitulation zu gewähren.

„Letzte Chance.“, merkte er an. „Ich zähle bis drei. Eins.“

Nichts.

„Zwei.“

„Was machst du da?“ Dís’ Stimme war schneidend.

„Wonach sieht’s denn aus? Ich hab ihn gefun- “

„Du stehst vor meiner Aussteuertruhe und befehligst Decken.“, unterbrach sie ihn trocken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Mal im Ernst, Thorin, so wird das nichts mit dem Drachentöten und der Rückgewinnung des Erebor, oder übst du schon mal den Umgang mit den verbohrten Spinnern, die dich begleiten würden?“

Er schnappte nach Luft. Sprachlos.

„Ja, das hab ich mir gedacht. Decken bedrohen, das kannst du mittlerweile, aber beim Versteckspiel warst du ja schon immer eine hohle Nuss.“

„Das ist ni- “

„Das ist die Wahrheit, und ich hätte wissen müssen, dass du keine Hilfe bist.“ Sie schüttelte den Kopf und verschwand in Richtung ihres Nähzimmers.

Er seufzte leise, wandte sich dann wieder der Truhe zu: „Ich glaube, deine Mutter unterschätzt dich, Kíli. Also noch mal: Zwei!“

Auch nichts.

„Drei.“

Immer noch keine Reaktion.

Thorin zuckte mit dem Schultern. Für einen Außenstehenden hätte es so ausgesehen, als täte ihm leid, was er gleich tun würde, doch das wäre ein Fehlschluss gewesen. Er hatte seinen Neffen schließlich gewarnt und ihm genug Zeit gegeben, zu entscheiden, ob er es auf die normale oder die harte Tour durchziehen wollte.
Vorsichtig griff er nach den obersten Decken, fasste sie ganz am Rand, bevor er sie mit einem Ruck nach oben riss und zur Seite warf. Und tatsächlich lag sein Neffe in der Truhe, sorgfältig zwischen zusammengerollte Decken gequetscht, die offenbar dafür gesorgt hatten, dass die darüber liegenden nicht an den Seiten seines Körpers herunterhingen und ihn so verraten konnten.

Ein zögerliches Grinsen zuckte um Kílis Mundwinkel, fast so, als wolle er sagen, tu mir nichts. Doch er schwieg, konnte sich zwischen den Wolldecken auch kaum rühren.
Thorin seufzte. Eigentlich war das nicht ganz fair, aber andererseits… Er packte ihn am Hemd, hob ihn beinahe mühelos aus der Truhe und klemmte ihn sich unter den Arm.

„Dís, du kannst aufhören, ihn zu suchen.“, rief er.

„Wo steckt der Bengel?!“, schallte es zurück. „Das Wasser ist bestimmt schon kalt geworden.“

„Dann kriegt er eben kein warmes.“, entschied er. Irgendwann musste Kílis Verhalten auch mal Konsequenzen haben, sie hatten ihn lange genug verhätschelt, seine Macken geduldet und lächelnd als unwichtig abgetan, in der Hoffnung, sie würden sich mit der Zeit von ganz allein legen. Ein fataler Irrtum.

„Thorin, das muss doch nicht -“

„Doch. Es muss ein Ende haben. Das bisschen Wasser wird ihn schließlich nicht umbringen.“ Er stapfte an ihr vorbei ins Bad, ignorierte Kílis „Ich will nicht“ einfach und hielt ihn über den gefüllten Badezuber. Wasserdampf stieg ihnen beiden ins Gesicht, warm und feucht, als er sich wieder an das nun zappelnde Zwergenkind wandte: „Das sage ich dir nur ein einziges Mal, Kíli, also hör mir gut zu: Du kannst dir in Zukunft aussuchen, wie dein Samstag verläuft. Entweder nimmst du freiwillig ein Bad oder wir machen es so wie heute. Ich habe damit kein Problem und kann dir garantieren, dass deine Mutter mich nicht daran hindern wird.“

Und im nächsten Augenblick hatte er Kíli wieder am Hemd gepackt, wie ein störrisches Kätzchen ins Wasser verfrachtet und unter die Oberfläche gedrückt. Für einen oder zwei Wimpernschläge verharrte er, dann zerrte er ihn wieder nach oben, ließ ihn los und zu, dass er sich hustend und spuckend am Rand festklammerte.

„Ich hoffe, wir haben uns verstanden und müssen das nicht wiederholen.“, grollte er und ging, um sich ein trockenes Hemd anzuziehen.

*** *** ***


Oh, er wollte gar nicht wissen, was Dís ihm erzählen würde, wenn er nachher heimkam. Sie war vermutlich alles, nur nicht begeistert von seiner Aktion. Jemanden beinahe im Badezuber zu ertränken gehörte gewiss nicht zu ihren Vorstellungen von Kindererziehung und wahrscheinlich würde sie ihm wieder vorhalten, Vili hätte eine bessere Lösung gefunden. Aber der hatte sich im Gegensatz zu ihm auch bewusst für Kinder entschieden, er hatte ja keine echte Wahl gehabt und dementsprechend wenig Ahnung davon, was nun richtig oder falsch sein mochte.

Und jetzt saß er hier, in dem Wirtshaus, in das er die Bauleiter bestellt hatte, denn das war angenehmer als irgendein Arbeits- oder Beratungszimmer und wie die meisten Zwerge schätzten auch sie Zusammenkünfte bei Essen und Bier. Außerdem ging es längst nicht mehr um die grundsätzlichen Pläne für die Stadt. Dieses Stadium hatten sie schon vor Jahren hinter sich gelassen. Heute würden sie sich denen für weiteren Wohnraum widmen, der vorausschauend geschaffen werden sollte, weil man davon ausging, noch hier zu leben, wenn die nächste Generation erwachsen wurde und Kinder bekam.

Vielleicht hätte er sich daheim nicht für mehrere Stunden im Arbeitszimmer verbarrikadieren und die Unterlagen studieren sollen, denn jetzt war er immer noch fast eine ganze Stunde zu früh und wusste nichts mit sich und der Zeit anzufangen. Es war eindeutig zu wenig, um etwas Sinnvolles zu beginnen, und zu viel, um sich nicht zu langweilen. Wenn er sich doch nur schon betrinken könnte… Das würde zumindest die trüben Gedanken aufhellen, hoffte er. Aber nein! Er saß hier und hatte absolut nichts Besseres zu tun als mit den perlenverzierten Lederriemen an den Unterlagen zu spielen. Da konnte er wohl gerade noch von Glück reden, dass Dís Wirtshäuser mied, seit sie Mutter geworden war, und ihm keine spöttischen Bemerkungen darüber an den Kopf werfen konnte. Andererseits… Mit leisem Seufzen zog er die Hand von den Lederriemen zurück, strich mit den Fingern über einen der geflochtenen Zöpfe. Seinen Bart hatte er heute genug traktiert und bei Bärten musste man vorsichtig sein, hatte sein Vater immer gesagt. Wenn man zu oft daran herumfummelte, konnte er ausgehen. Nun gut, mittlerweile wusste er es besser. Das war nur eines dieser Ammenmärchen, die man Kindern auftischte, um ihnen schlechte Angewohnheiten schonend auszutreiben, aber es wirkte offenbar auch bei Erwachsenen.

Seine Finger erreichten die Silberspange am Ende des Zopfes, verharrten auf ihr. Sie war ein Geschenk seines Vaters gewesen. Thrain hatte ihr Muster entworfen und er hatte es bei allen Haarspangen, die er später eigenhändig hergestellt hatte, beibehalten, so wie es Brauch war, und er hatte sie seitdem nicht mehr abgelegt. Sie war mehr als nur ein Schmuckstück, das einen Zopf zusammenhielt, sie würde seine Abstammung auch dann noch anzeigen, wenn es sonst nichts mehr gab, um ihn zu identifizieren. Zwerge hielten die individuellen Muster ihrer Haarspangen in eigenen Büchern nur für diesen Zweck schon seit Jahrhunderten fest.
Vorsichtig drehte er sie und damit auch sein Haar zwischen den Fingern hin und her. Das war mit Sicherheit ungefährlicher für seinen Bart und auch -

Moment!

Halt!

Ganz langsam drehte er sie ein Stück zurück. Da war etwas in seinem Haar, an das er sich nicht erinnern konnte. Ein hauchdünner Silberstreif hatte sich in den Zopf gemogelt. Im ersten Augenblick hielt er ihn absurderweise für feinen Draht, aber wann hatte er zum letzten Mal welchen in der Hand gehabt? Das musste Monate zurückliegen. Nein, es war zweifellos das erste graue Haar. Thorin seufzte wieder. Würde das heute eigentlich noch mal ein Ende nehmen oder hatte Mahal ihm diesen Tag zum Seufzen gegeben?! Vielleicht sollte er den Zopf  rasch lösen, das Haar herausnehmen und unter den losen schwarzen verstecken, bevor er ihn neu flocht. Aber dafür reichte die Zeit wahrscheinlich nicht mehr aus. Und was war an einem einzigen grauen Haar denn schlimm? In dieser Sache, das hatte er sich doch schon vor Jahrzehnten vorgenommen, wollte er sich an Thrain halten.

„Sobald man Kinder hat, kommen die grauen Strähnen.“ Sein Vater stemmte die Hände in die Seiten und schüttelte den Kopf. „Und es gibt nichts, was man dagegen könnte – selbst wenn man wollte.“

Die Wahrheit in diesen Worten war nicht zu leugnen. Ohne Fíli und Kíli wäre sein Leben zwar ruhiger, doch das war nur ein anderes Wort für eintönig, langweilig, öde, schal und all die anderen Begriffe, die zusammengenommen eine sehr lange Liste ergeben würden. Er bedachte das graue Haar mit einem Lächeln, ließ den Zopf los und griff nach einer der Pergamentrollen vor sich auf dem Tisch. Der Lederriemen war schnell gelöst und achtlos beiseitegelegt, dann nahm er ein Stück Kohle und begann, auf der freien Rückseite zu zeichnen. Es wurde dringend Zeit, dass er seinen Vaterpflichten nachkam und ein Muster für die Haarspangen seiner Neffen entwarf.


*** *** ***
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