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Gegenstrom

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
20.03.2013
17.07.2013
13
10.808
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20.03.2013 1.241
 
Die Bullen weiter hinter mir, rannte ich am Pool vorbei. Das Wasser darin war schon nahe dem Überlaufen, aber kein Wunder bei dem Regenguss. Das war auch der Moment, in dem ich den Körper eines weiteren von Charles Männern entdeckte. Er lag beim Poolrand, mit dem Gesicht in einer rötlichen Pfütze. An seinem Hals hing noch eine dünne, silberne Kette. Vermutlich war es Jules gewesen, die ihn außer Gefecht gesetzt hat. Er schien zu atmen, war durch die Kopfwunde allerdings völlig ausgeknockt.

Am Pool vorbei verfluchte ich mehrmals die Größe dieses Schiffes. Es waren unglaubliche 350 Meter Länge, knapp 40 Meter Breite. Da konnte man schon Marathon laufen.
Ich trat ein paar Stufen hinab und befand mich nun am Bug. Ein paar weitere Stufen und wenige Meter trennten mich vom vordersten Teil, von der Spitze dieses verdammten Kreuzers. Da wo Leo Di Caprio seine Liebste festhielt, während sie lebensmüde ihr Arme von sich streckte und den Wind durch die Haare…
Ich hörte eine flehende Stimme.
Weiblich, und eine weitere tiefe, zornige Stimme. Ich blieb abrupt stehen, denn keine zehn Meter vor mir hingen diese zwei Personen an der Reling. Charles drückte Jules mit vollem Gewicht über die kalte, nasse Reling. Seine Hände im Stoff ihres wunderschönen Kleides festgekrallt.
Er schien außer Kontrolle, leicht benebelt auch vom Wein. Wie ihm Wahn stierte er seiner Geisel in die Augen.


„Ej.“ Plötzlich zog mich eine Hand an der Schulter zurück.  Ich sah geradewegs in das Gesicht des Glatzköpfigen.
„Ed Lane. Ein Kollege von Jules. Ruhe bewahren, okay?“
Lane, der Teamleader. Ich wusste noch alle ihre Namen und Funktionen. Er sah mich fragend an, ich begriff erst Sekunden später auf was er wartete.
„Antonia. Oder Tracy“ Wow. Ich hatte meinen wahren Namen gesagt.
Ed nickte. Ob er es ohnehin gewusst hat? Ich sah zu dem zweiten Kollegen, der auf der anderen Seite des Treppenabgangs hockte. Der unbekannte. Auf seinem Namensschild las ich Wordsworth. Ich dachte, er hatte das Team verlassen? Hatten sie ihn für heute zurückgeholt? War das eine freiwillige Aktion? Ich konnte nicht an mich, und schielte den Glatzkopf von der Seite an. „Wie-“ Weiter kam ich nicht. Ed sah zu mir und begriff meinen fragenden, skeptischen Blick sofort.
„Wir haben schon vor mehr als 24 Stunden eine Nachricht erhalten, dass es zu heiß am Dampfer wird und sofort alles in die Wege geleitet.“ Die Satz kam wie gelernt aus ihm herausgeschossen. Ed hielt sich nicht länger mit mir auf, seine Augen waren wieder auf wichtigeres gerichtet.
Jules und Sam also, diese zwei. Sie hatten Ray zwar nicht mehr retten können, aber ihr Instinkt lag richtig Hilfe zu rufen.
Die Verstärkung würde hoffentlich einen neuen Spielstand bringen...


Ein Schrei holte mich in die regnerische Realität zurück. Ängstlich blickte ich zu Jules Richtung.

Der Wind hatte etwas nachgelassen, aber der Regen prasselte erbarmungslos auf uns alle herab. Jules braune Haare klebten wie dunkle Algen an ihrem Gesicht. Ich starrte in verängstigte Augen, und dann machte Jules einen Fehler.

Weder Jules noch C.B hatten mich oder die beiden Cops kommen gehört. Doch für einen Bruchteil einer Sekunde blickten die Augen von Sams Süßen zu ihren Teamkollegen. Und der Mann, den ich einst liebte, bemerkte es sofort.

Charles kapierte. Er folgte ihrem Blick, sah kurz zu mir und den Cops nach hinten. Dann packte ihn erneut der Zorn und seine ganze Aufmerksamkeit galt Jules.

„Charles!“
Ich hörte eine bekannte Stimme hinter mir. Es war Greg Parker, der Sergeant von Jules und Sam. Wollte er denn ernsthaft C.B. niederreden? Es war nicht zum Lachen, aber C.B. würde sich niemals etwas sagen lassen. Von einem Mann in Uniform schon gar nicht.
„Charles Bleek? Hören sie mir zu. Was sie da tun, is-“
Charles hatte sich an dem Kleid von Jules festgekrallt und drückte sie mit voller Kraft gegen die Reling. Er ließ ihr keinen Spielraum, um sich wehren zu können, hielt sie gut in Schach und starrte zu uns herauf. „Halten sie die Klappe.“ Er sagte noch etwas, aber ich verstand kein Wort mehr Ich blickte Ed Lane neben mir an, der mich weiterhin zurückhielt und hochkonzentriert schien. Und wütend.
Ich legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. „Was hat er gesagt?“
Ed ließ keine Sekunde ein Auge von seiner bedrohten Teamkollegin. „Ich weiß es nicht. Der Regen und der Wind sind zu laut.“ Der SRU-Typ griff zu seinem Funkgerät am Ohr. „Spike? Wie geht es Sam… Okay… Gut. Dann bring Tracy von hier weg.“
Ed meinte das nicht ernst, oder? Nein. Ich würde nicht gehen. „Nein!“
Doch der andere war schneller als ich dachte zu uns gestoßen. Er war sofort an meiner Seite und zerrte mich unter Protest hoch. Ich gab nicht auf. „Ich kenne Charles. Ich kann ihnen helfen. Lassen sie mich hier. Bitte!“ Spike sah mich eindringlich an. Ein kurzer Blick zu seinem Sarge, welcher nickte, und Spike ließ von mir. Eilig kniete ich mich wieder zu Ed.
„Gespräche helfen bei Charles nichts. Wenn er von einem Ziel fixiert ist, will er es erreichen. Außer er bekommt ein noch besseres Angebot.“ Ich versuchte meine Schilderung kurz zu halten. Sergeant Parker hörte mir aufmerksam zu. Schließlich erklärte ich wie ausweglos meiner Ansicht nach Verhandlungsgespräche hier waren. „Wieso stürmt ihr nicht einfach auf ihn zu?“
Es war der Sarge, der mir die Antwort gab. „Charles könnte Jules bewusst oder aus Versehen loslassen, und dann würde sie-“ Er sprach nicht weiter. Es war auch nicht nötig. Jules würde von Bord gehen… um es schön auszudrücken… und das wollte keiner von uns.
Greg sah mich ernst an. „Wissen sie, warum Charles es auf Jules abgesehen hat?“
War das nicht offensichtlich? Ich mied es Greg Parker länger in die Augen zu sehen. Schuldgefühle überkamen mich.
„Er hasst Sam. Dafür, dass Sam mich damals gerettet hat und weil er denkt, Sam habe mich noch weiter von ihm entfernt.“ Eigentlich waren es Sam und Ray, diese beiden Männer haben Charles die Frau entrissen. Ray musste ja bereits büßen… mit dem Tod.
Ich fuhr fort. „Charles möchte Sam nun die gleichen Schmerzen antun, die er selbst fühlt.“ Und das Jules ein Bulle war tat das Übrige. Doch ich konnte es schlichtweg nicht aussprechen. Ich schämte mich - dass ich früher auch so gedacht hatte.

Aus meinen Augenwinkeln konnte ich das leichte Nicken vom Sergeant erkennen. „Über den Rest denken wir später nach.“
Ich sah ihm wieder in die Augen. Er strahlte Ruhe aus, und eine gewissen Sicherheit, die alle hier gut gebrauchen konnten. Vielleicht konnte er ja doch-

„Nein!“

Ich schreckte hoch. Jules Stimme!
Meine Augen fokussierten auf C.B. und Jules. Sie hatte ihre Kräfte gesammelt und wehrte sich nun so gut es ging. Doch Charles war nicht blöd, er lehnte seine Geisel nur noch weiter über die Reling. Es war ein leichtes für ihn, denn sie war klein, hatte nur ein Kleid an, keine schwere Uniform, und er war nicht ungeschickt.
Charles fühlte sich bedrängt. Von ihr, von den Bullen, die ihm buchstäblich im Nacken saßen, von der Zwickmühle, in die er sich selbst gebracht hatte. Die Situation wurde brenzlig.
Ed hatte längst seine Waffe ausgerichtet und zielte auf die beiden. Den Finger am Abzug. Ich hielt die Luft an. Ich betete, dass er dem Ganzen ein Ende setzen würde. Und er schien tatsächlich soweit. Der Sarge war ebenfalls angespannt. Was sollte sie noch hindern?
Aber dann hörte ich Eds Worte.
„Boss, ich habe kein freies Schussfeld. Ich kann nicht schießen. Nicht ohne womöglich Jules zu treffen.“
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