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Gegenstrom

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
20.03.2013
17.07.2013
13
10.808
1
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Dieses Kapitel
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20.03.2013 917
 
Das Gesamtbild war umwerfend. Ein dunkelblaues mit metallicfarbenen Nuancen verziertes, bodenlanges Kleid. Es bewegte sich wie ruhiges Meerwasser im Mondschein, ganz sachte um ihren Körper. Sam hätte sie so sehen müssen. Ihre Haare waren hinter den Ohren mit Haarnadeln fixiert, der Neckholder des Kleides glitzerte mit ihren Augen um die Wette. Und ihre Augen waren wachsam, beobachteten den Raum, wie ein paar Männer sie ebenso fasziniert begutachteten als sie in den Saal trat. Ich saß auf einem der hinteren Tische und beneidete Jules um ihre Schauspielerischen Fähigkeiten. Mit einem gewinnbringenden Lächeln warf sich ein Gentleman an ihre Seite. Sie sah klein und zierlich aus neben ihm, und doch kein bisschen schwach. Ein kurze Frage, Jules kurzes Auflachen und nicken, und der Gentleman geleitete sie schon an seinen Tisch um Champagner zu bestellen.
Meine Augen durchstreiften den Ballsaal des Schiffes, ein paar Tische mit weißen Tischtüchern, Silberbesteck, Männer in Anzügen und Frauen in Kleidern. Viele Menschen, die aßen, tranken, tanzten.
Jetzt hieß es warten.

Eine gute Stunde verging.

Eine weitere volle Stunde.
Jules unterhielt sich gut mit ihrem Gegenüber, ließ jedoch niemals ihr Umfeld außer Sicht. Er würde kommen. Charles hatte es auf Jules abgesehen. Erst sein Gespräch mit ihr in der einen Nacht, dann Sams Verschwinden. Es war klar, dass nach Rays Rache und meinen Schmerzen, nun Leid und Pein für Sam und seine Süße folgen sollte.
Wir warteten geduldig. Es war nun einmal so, dass wir Charles nicht finden konnten. Charles kann man nicht finden, er lässt sich blicken wenn ihm danach ist. Wir hofften also, er würde anbeißen und Tatsache. In einer tiefschwarzen Anzughose, mit dunkelgrünem Hemd stand er plötzlich beim Tisch. Der oberste Knopf offen, die Hemdärmel hochgekrempelt. Wie immer. Ich verdrehte meine Augen.
Aber stilsicher war nicht nur sein Aussehen von Kopf bis Fuß, auch seine Worte. Jules unbekannter Gesprächspartner schien den höflichen Worten Charles zuzuhören, sich dann für etwas zu entschuldigen und ließ dann C.B. den Platz. Jules verzog keine Miene.

Gänsehaut tat sich bei mir auf. Am liebsten hätte ich es mit Alkohol weggespült, doch meine Konzentration dafür einzubüßen, also Jules oder Sam im Stich lassen, das ging nicht.


Seltsam. Charles lächelte bei ihrem Gespräch, nahm einem vorbeigehenden Kellner die Weinflasche vom Tablett und schenkte Jules und sich selbst ein. Er hob sein Glas, seine Augen wirkten auffordernd. Jules blieb ruhig und negierte. So, wie sie meinen Wein in der Kabine abgelehnt hatte.
Langsam dämmerte es mir. Sie hatte ihre Gründe, sorgsam beschützende, mütterliche Gründe. Ich hätte mit der Hand gegen meine Stirn schlagen können. Schwanger. Ich war so sehr beschäftigt gewesen Racheblut zu schmecken, das mir nicht mal aufgefallen war, dass mein Lebensretter, mein allerliebster Cop Nachwuchs bekam.
Und Charles? Hatte er es bemerkt?
C.B. hielt still, für mich waren es ewige Sekunden. Wenn er erbost war, dann konnte er es gut verstecken.
Schließlich trank er das Glas in einem Zug runter.
Nun begann Jules zu reden, sie versuchte zu verhandeln. Auf einer persönlicheren Ebene als es ihr wohl bei der SRU beigebracht wurde. C.B. hörte zu, erwiderte einiges, doch nach meinem Lippenleserkenntnissen kann ich sagen: das Wort Sam kam ihm nie über die Lippen. So oft es Jules auch probierte, wo immer sie auch ansetzte. Charles negierte.

Er goss sich erneut ein Glas mit dem Wein ein, er ließ Jules dabei nicht aus den Augen. Nun bereute ich es. Sam würde mich töten, wenn er wüsste dass ich seine Süße das habe durchgehen lassen. Ich sah das Funkeln in Charles Augen, und dann Sams eisblaue Augen… meine Gänsehaut kam wieder hervor. Mein Körper spannte sich an. Etwas würde gleich geschehen.

Jules schien hingegen gelassen. Sie schüttelte erneut den Kopf, legte ihre Hand auf den Tisch und formte Worte. Es mussten harte Worte sein, denn nun waren es ihre Gesichtszüge, die bedrohlich wirkten. Sie machten mir beinahe mehr Angst als der Blick von Charles. Julianna kämpfte um ihre Liebe. Sie bedrohte Charles…  und das, wo ich ihr doch erklärt hatte Verhandle, biete ihm Gegenschäfte, biete ihm Infos oder Freitickets. Lüge und belüge. Doch um alles in der Welt, unterlasse Erpressung und Bedrohung. Es war vorauszusehen was folgte: Charles stürzte sein Weinglas runter und sprang auf. Der Sessel flog nach hinten, landete laut knallend am Boden. Vielleicht kam der Knall auch aus dem Lauf seiner gezogenen kleinkalibrigen Waffe.
Es war alles so chaotisch, die Leute schrien und rannten durcheinander. Überall klirrte Glas und flogen Tische zu Boden. Ich rutschte erst instinktiv vom Sessel, ging in die Hocke, kam dann wieder zu Sinnen und stand auf. Es waren nur Bruchteile von Sekunden, in denen ich die beiden aus den Augen gelassen hatte.
Aber Charles war weg.

Jules richtete sich gerade auf, sie riss ihr wunderschönes, bodenlanges Kleid ab bis zu den Knien. Genau an der schrägverlaufenden Naht, die sie selbst angebracht hatte - nachdem sie unter meinem hoch protestierenden aber stillschweigenden Blick das schöne Kleid mit einer Schere  entzweit hatte, um es anschließend zusammenzuflicken. Kapiert habe ich gar nichts mehr, doch Jules meinte nur: du wirst es verstehen, wenn du es siehst.
Ich sah es. Unter dem bodenlangen Kleid hatte sie Sportschuhe an, und die Waffe an ihrem halterlosen Strumpf war nun leicht erreichbar. Sie fingerte die eingeklemmte Waffe aus dem Bund und rannte wie gejagt los. Ich überlegte nicht lange, voll hinterher.


Währenddessen dockte auf dem hinteren Deck des Kreuzers ein weiteres Schiff an, bei weitem kein Kreuzer, aber groß genug, um einige Herrschaften an Bord zu lassen. Ein paar ganz bestimmte Personen würden nun mitmischen.
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