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Gegenstrom

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
20.03.2013
17.07.2013
13
10.808
1
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Dieses Kapitel
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20.03.2013 928
 
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„Wenn ich dir in diesem Leben nie begegnen sollte,
dann lass mich den Verlust spüren…“ (Thin Red Line)




„Die beiden schaffen das.“, murmelte ich zu Sam, mit Blick auf Jules und ihren Bauch.
„Ja.“ Sam hockte sich zu ihr und nickte verzweifelt. Ich sah von den beiden nicht weg, spürte indes Spikes Nähe dicht hinter mir.
„Die drei.“, war alles was Sam noch zu mir sagte, ohne seine Augen von Jules zu lassen.
Kurz brauchte ich, um zu begreifen was mein liebster aller Cops gerade gesagt hatte.

Ich hörte Jules schwache Stimme. Sie sprach mit ihm, mit dem Vater ihrer Kinder.
„Pass auf sie auf, ja?“
„Jules!“ Seine Stimme war nun alarmierend, er schien ihr gar nicht zu zuhören. Unsanft warf er die Mullbinde zur Seite. Es war ohnehin nur mehr ein einziges Wasserknäuel. Sam wollte sich schon sein Shirt über seinen Kopf ziehen und es auf ihren Bauch drücken, als er inne hielt. Seine Augen starrten sein Hemd an. Durch sein eigenes Blut rötlich verfärbt.
Spike trat zu ihm heran, griff in eine seiner Taschen der Weste und reichte ihm stumm einen weiteren Verband.
Sam nahm es an sich, drückte es auf den Bauch seiner Süßen. Seine Hand auf den drei liebsten Menschen in seinem Leben.

„Mir ist kalt.“ Dabei wirkten Jules Augen gar nicht verzweifelt.
Mir traten erneut die Tränen in die Augen und ich war das erste Mal über den Regen froh. Schweigend streifte ich meine zarte Abendweste von mir und reichte sie Sam. Er nahm sie und legte sie über ihren Oberkörper.
Während eine Hand weiter auf ihrem Bauch ruhte, strich seine andere Hand immer und unentwegt über ihre Wange, den Hals, die Haare. Keine gestressten hastigen Bewegungen, sie verliefen eher sorgsam und wie in Zeitlupe.
„Keine Privatschule. Und Sport, egal welche Musik… alles was sie wollen.“
„Jules.“ Sams Stimme wurde brüchig, sein Kopf verneinte jedes ihrer Worte.

Ich starrte verzweifelt zu Spike hoch. „Sollten wir sie nicht rein bringen? Ich meine, wir können sie doch nicht hier einfach-“ Meine Zunge lahmte.
Spike verstand aber, sah aufs Deck hoch und wieder zurück. „Wer weiß wann die kommen. Leute?“ Spike blickte kurz zu seinen Kollegen, dann wieder zu Sam. „Sam.“ Spike trat zu seinem Kollegen, und legte eine Hand auf dessen Schulter.
Jules bekam nichts mit, sie sprach, unaufhörlich. „Und lass sie nicht ihre Mum vergessen. Aber nur die besten Geschichten. In denen ich gut rüberkomme.“ Ein schwaches Lächeln glitt über ihre Lippen. Die haselnussbraunen Augen wirkten müde. „Ich hätte alles tun sollen, um sie zu beschützen. Meine Babys. Unsere. Ich war so blöd.“ Jules lächelte weiter. Inzwischen ein friedliches Lächeln. Es jagte mir einen Schauer über den Rücken.
Sam schüttelte den Kopf, die Hand seines Kollegen ignorierend. „Die Zwillinge schaffen das. Und du wirst ihnen selbst Geschichten erzählen. Jules.“
Spike warf mir kurz einen Blick zu. Es war das erste Mal, dass ich Sam das Wort aussprechen hörte. Spike musste es genauso ergehen.

Ihre Lippen hatten an Glanz verloren, farblos formten sie ein Ich liebe dich.
„Jules!“ Seine Stimme war so alarmierend.
Jeder Muskel in meinem Körper schien sich anzuspannen und unweigerlich einen Bruchteil dessen zu fühlen, was in Sam und Jules vorging.  Ray… Wäre ich aus Porzellan, wäre ich zersprungen. Ich tat etwas anderes. Ich sprang auf und sah Spike fordernd an.

Jules sah von all dem nichts. Ihr Blick hat sich in zwei eisblauen Augen zur Ruhe gelegt. Müdigkeit und Zufriedenheit strahlte sie aus. Dann schlossen sich ihre Augen.
Sam warf die durchnässte Weste weg, ließ den Verband fallen und krallte sich an Jules Schultern fest. „Jules!“ Der Regen ließ ihr Gesicht tränenvoll erscheinen, aber es war einfach unmöglich.


Ich weiß nicht mehr wer genau, aber sie kamen uns im Laufschritt entgegen. Es waren mehr als ich anfangs erkennen konnte. Sie brachten uns alle in einen trockenen, beheizten Raum. Jules wurde auf eine Art Tisch gelegt.

Ich hatte noch nie so viel Blut gesehen. Es war überall auf den Armen und Händen des Mannes mit den sterilen weißen Handschuhen, der sich um Jules kümmerte. Sein Gesicht wirkte zu versteinert und undefinierbar, um sagen zu können, was er dachte – wie es um Jules stand.
Er delegierte die Leute um sich herum, fragte Sam nochmals ob er wirklich hierbleiben oder sich nicht selber auch verarzten lassen wollte. Doch der Blondschopf saß längst auf einem Sessel, nahe bei seiner Süßen, eine Hand in ihrem Haar.

Ich beobachtete die beiden, sie ergänzten sich mustergültig. Wie zwei für einander geschmiedete Teile. Ein Brocken bildete sich in meinem Hals als ich an meinen eigenen, verloren gegangenen, zweiten Teil denken musste. Ray, mein allerliebster Ray. Wo bist du jetzt?

Der Arzt versuchte sein Möglichstes.

Es wurde dunkel, ich konnte meine Augen kaum mehr aufhalten. Ich saß etwas abseits auf einem Stuhl, und beobachtete wie Sam auch an seinen Energiereserven nagte und gegen den Blutverlust ankämpfte.
Dann fielen mir die Augen zu, so müde, erschöpft und verstört. Ich hörte bloß zu. Ihre Stimme. Ich hörte Jules wieder sprechen. Ging es ihr besser? Sie brachte ein Ist mein Fruchtwasser geplatzt? Sam! Es ist doch viel zu früh. Ich k- hervor. Ihre hilflosen Worte wurden von Sam unterbrochen. Am Klang seiner Stimme allein, wusste ich, wie seine Augen ausgesehen haben mussten. Leer. So leer mussten seine blauen Augen gewirkt haben, als er sagte Jules das ist kein Fruchtwasser. Das… und ich weiß, er war für sie da. Er strich über ihre Haar …das ist Blut.
Ging das Messer so tief? War das wirklich passiert? War es real? Ich konnte mir keine weiteren Gedanken machen. Die Ohnmacht übermannte meinen Körper.
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