Trümmerflügel

von Chasy
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
20.03.2013
19.04.2017
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Trümmerflügel



Prolog


Er überprüfte die Uhrzeit nochmals und sah dann in die sich bewegende Menschenmasse. Die Frauen trugen wunderschöne Kleider, die an Farben kaum etwas ausließen und immer wieder hörte er ein helles Auflachen und das spitze Kichern der Jüngeren. Die Männer wiederum waren recht schlicht gekleidet. Anzüge ließen sich nur an den Schnittmustern erkennen und ab und zu hörte er Komplimente diesbezüglich. Sie waren ziemlich oberflächlich, unter der Schale von Gucci und Versage und er musste ein kurzes Auflachen unterdrücken. Manchmal erheiterte ihn seine Arbeit und dann wusste er wieder, warum er all das tat.

„Die Gastgeberin ist auf der Treppe“, ertönte dann eine Stimme in seinem Ohr und er drückte sich den kleinen Funkhörer fester in dieses, nickte kurz. Wieder scannten seine Augen das Umfeld und flogen über die zahlreichen Menschen, fixierten einige kurz und stoppten dann an der Treppe. Er sah die junge Frau auf den oberen Stufen stehen. Sie trug ihre brünetten Haare hochgesteckt und als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie ihm weitaus jünger erschienen. Die jüngste Erbin der Staatsgeschichte. Zarte 21 Jahre alt, über Nacht zur Milliardärin geworden. Der Vater ein hohes Tier an der Börse, die Mutter reiche Erbin ihrerseits. Er kannte ihre Geschichte in und auswendig, brauchte dafür keinerlei Aufzeichnungen mehr. Immer und immer wieder war er alles durchgegangen und hatte auf eine Lücke gehofft, hatte akribisch danach gesucht.

„Sie wird gleich das Büfett eröffnen“, kam es nun wieder leise von Bourdon und er suchte mit seinem Blick erneut nach dem jungen Mann, den er die gesamte Zeit über immer wieder beobachtet hatte. Langsam faltete er die Hände und schob seine Finger unter seinen Hemdärmel, strich über die dünne Armbanduhr und drückte den kleinen Kopf. Nun dauerte es nur wenige Sekunden, ehe der Alarm losgehen würde und diese musste er nutzen. Er zog dünne Handschuhe über und grinste.

Rasch duckte er sich, zog sein Jackett aus und warf es sich über die Schulter. Dann öffnete er seine Schuhe, zog einen dünnen, metallenen Gegenstand aus der Seite des Lederschuhs und wartete in dieser Position. Schnell schloss er die Schnürsenkel indes und als der erste Ton ertönte, stülpte er das Jackett um, zog eine dünne Wollmütze aus der Tasche und setzte sich diese auf. Die Menschen um ihn herum wurden panisch, Flüstern wurde lauter und in seinem Ohr hörte er Bourdon den Zugriffsbefehl geben.

Er sprang auf, als alle zum Ausgang flohen, da sie Angst vor dem potenziellem Feuer hatten, welches den Alarm ausgelöst hatte und hetzte zur Treppe, hob den Arm und suchte die Gastgeberin. Sie hatte sich bereits den Weg bis zum Ende der Treppe erkämpft, sodass er nicht viele Schritte zu tätigen brauchte. Er eilte zuerst an ihr vorbei, drehte sich dann jedoch um und folgte ihr. Sie schien ihn nicht zu bemerken und als sie in der Masse von Menschen unter ging, ergriff er die Chance und riss sie zu Boden. Kurz schrie sie auf, doch rasch zückte er das kleine Messer und schnitt die Kette von ihrem Hals. Sie bemerkte das Fehlen erst, als er längst wieder auf den Beinen war und zurück rannte. Dann warf er die Wollmütze von sich, die Bourdon auffing, zog sein Jackett wieder an, streifte die Handschuhe ab und umschloss die Kette damit und verstaute sie in seiner Tasche. Sorgsam strich er seine Haare nach hinten und lief mit den Menschen hinaus.

„Der schwarze Mercedes.“, ertönte es in seinem Ohr und er nickte kurz, drückte seinen Ohrhörer aus und lief dann ziemlich gelassen nach draußen. Als die Türen hinter ihm lagen, zierte ein Lächeln seine Lippen und der Strom an Menschen, die zu ihren teuren Wagen liefen und sich Taxis riefen, rutschte in den Hintergrund. Er wusste, dass Bourdon mit einem Zweitwagen nachkommen würde, suchte nun den Mercedes, was sich als kurzes Problem heraus stellte, dann jedoch aufgrund einer Markierung an der Radioantenne einfacher wurde und ganz kurz wandte er sich nochmals um. Das Hochhaus, aus dessen schönen Foyer und Ballsaal er soeben geflohen war, lag hell erleuchtet da und ein Gefühl des Triumphs erfüllte ihn. Er kostete diesen Moment aus, ehe er sich in das Fahrzeug setzte und dem Fahrer durch ein Fingerschnipsen deutlich machte, loszufahren.

Die weiße Feder an der Antenne wurde vom Wind erfasst und flatterte davon.

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