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Tomb Raider - A Survisor Is Born

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
Lara Croft
20.03.2013
29.06.2013
7
19.625
 
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20.03.2013 2.822
 
Kapitel Zwei
Das Abenteuer beginnt




Erschöpft, völlig desorientiert und mit pochenden Kopfschmerzen öffnet Lara ihre dunklen Augen. Ihr gesamter Körper ist taub, was sie ansatzweise spüren kann, sind die Schmerzen, die sich langsam von ihrem Kopf aus auf sämtliche Gliedmaßen übertragen.

Die junge Britin versucht sich aufzusetzen, was vorerst misslingt, bis sie beide Ellbogen auf dem steinigen Untergrund aufsetzt und sich daraufhin mit ihren Handflächen nach oben drückt. Auch ihr Bauch tut höllisch weh, als hätte man ihr einen Stahlpfeiler durch sämtliche Organe gerammt. Ihre Beine fühlen sich merkwürdig an, als wären sie gelähmt.

Ein kurzer Schock durchfuhr sie beim Gedanken daran, dass sie sich vielleicht eine weitaus schlimmere Verletzung zugezogen hat, als sie vorerst ahnt. Doch die Aristokratin kann sich schnell wieder beruhigen, als sie es geschafft hat, beide Beine soweit es geht abzuwinkeln und zu ihrem Körper zu ziehen.

Sie war so beschäftigt damit, Wunden und Verletzungen an ihrem Körper ausfindig zu machen und sich vom nassen Boden zu erheben, dass sie den zahlreichen Schiff -und Flugzeugwracks, allen voran dem der Endurance, an deren Bord sie sich vor kurzem noch befunden hat, wenig Beachtung schenkt.

Sie kann sich nur zu gut daran erinnern, wie sie um ihr Leben rannte, wie der Regen auf sie niederprasselte und wie Roth versuchte, ihr zu helfen. Doch es nützte alles nichts, sie musste mit ansehen, wie das Schiff dabei war, in seine Einzelteile zu zerschellen, während sie verzweifelt versuchte, nach Luft zu schnappen. Wie sie es überhaupt geschafft hat, zu überleben, geschweige denn, auf dieser Insel zu stranden, ist selbst für ihr ein Rätsel.

Lara stöhnt erschöpft, als sie sich auf ihrem rechten Bein abstützt und sich aufrafft, wobei sie bemerkt, dass ihr gesamter Unterarm voller Blut ist. Als sie dann auf beiden Beinen steht, blickt sie an sich herab, entdeckt weitere Schrammen und Schürfungen und findet dann die Quelle der Wunde, aus der nach wie vor Blut strömt. Genauer genommen aus einer Fleischwunde, die an ihrem rechten Oberarm ist.

Neben ihr liegt ein weißes dreckiges Tuch, wonach sie greift und es um die Fleischwunde wickelt. Sie beißt die Zähne zusammen, bevor sie den Verband strammer um die Wunde zieht. Ruckartig zieht die junge Britin das Tuch schreit auf, sinkt auf die Knie und stützt sich mit den Ellenbogen auf dem matschigen Boden ab.

Erneut beißt sie die Zähne zusammen, und presst ihre Hand auf die Wunde, so kräftig, wie es ihre momentane Verfassung zulässt, bevor sie die ersten Schritte zu gehen versucht. Es schmerzt nach wie vor, doch sie war froh zu wissen, dass sie sich einigermaßen gut bewegen kann. Noch während die Countess über einige der Gesteinsbrocken humpelt, wird ihr erstmals das ganze Ausmaß des Schiffbruchs und ihrer momentanen Situation bewusst. Ihr Blick wandert über das Wrack der Endurance und die Einzelteile der anderen zerstörten Schiffe und Boote, bis hin zu einigen Felsformationen in der Bucht, gegen welche die mittlerweile sanften Wellen schlagen.

   „Perfekt.“, seufzt die angehende Archäologin mit brüchiger Stimme und ironischem Unterton, bevor sie die kleine Anhöhe aus Schutt und Felsen, die sie soeben hochklettert, nach unten steigt und sich dem Erforschen der Insel widmet.


Angeschlagen, verwundet und nicht in der Lage, sich ohne Schmerzen zu bewegen, stolpert Lara über die Felsenlandschaft, vorbei an den Wracks und zahlreichen Handelswaren, die quer über den Strand verstreut liegen. Sie versucht, sich so lange es geht auf den Beinen zu halten, doch schon nach dem beschwerlichen Abstieg der Anhöhe, die sie zuvor erklommen hat, verliert sie für einen Moment ihre Kraft. Die junge Britin setzt sich auf einen großen Felsbrocken und legt stöhnend ihren Kopf in den Nacken.

Der Wind fegt regelrecht über die Küste und das laute Flattern der zerfetzten Segel an einem Schiffsmast neben ihr treibt ihr fast in den Wahnsinn. In diesem Moment wünscht sie sich wie noch nie zuvor, einfach daheim in ihrem Anwesen, in ihrem gemütlichen Schlafzimmer zu sein und nie an dieser Expedition teilgenommen zu haben.

Trotz ihrer ständigen Abenteuerlust hat sie schon jetzt, wenige Minuten nach dem Aufwachen auf der verlassenen japanischen Insel, die Nase voll und genug gesehen. Üblicherweise ist sie nicht gerne unter Leuten, im Gegenteil, sie liebt es allein unterwegs zu sein, doch in diesem Augenblicke wünscht sie sich nichts sehnlicher, als einen Ansprechpartner. Nicht nur, dass Roth nicht hier ist, der ihr und ihren Eltern versprochen hat, sie keine Sekunde aus den Augen zu lassen, auf der ganzen Insel gibt es weit und breit keine Menschenseele.
Zumindest denkt sie das zu diesem Zeitpunkt.

Nach der kurzen Ruhepause beschließt die angehende Archäologin, sich wieder aufzuraffen, um Hilfe zu finden, oder irgendetwas anderes, außer Bäume, Steine, Geröll und Wracks. Sie humpelt weiter über den steinigen Untergrund, den Wald links von ihr vorerst gänzlich ignorierend, und findet sich bald vor einer Anhöhe wieder, die ihr im ersten Moment unmöglich zu besteigen scheint. Lara hält kurz an und hebt ihren Kopf, um die riesige Gesteinsformation, die sich vor ihr in die Höhe streckt, zu analysieren.

Zwar kann sie einige herausstehende Felsbrocken oder abgeflachte Stellen ausmachen, doch die Aristokratin hat weder den Mut, noch die Kraft, sich bis nach oben zu schleppen. Sie weißt, sie muss sich irgendwie einen Überblick über die Insel verschaffen und bevor sie länger nach einer derartigen Gelegenheit sucht, oder sich irgendwo in den Weiten des dunklen Waldes verirrt, beschließt sie dennoch, die Strapazen auf sich zu nehmen.

Lara atmet durch und wirft einen letzten Blick nach oben, bevor sie zum Klettern ansetzt. Fuß für Fuß und Arm für Arm beginnt sie, sich in die Vertikale zu bewegen. Sie beißt die Zähne zusammen, sämtliche Muskeln in ihren Gliedern und Verletzungen schmerzen, allen voran die Fleischwunde in ihrem rechten Oberarm, aus der aufgrund der Anstrengung nun wieder Blut sickert. Doch aufgeben kommt nun nicht in Frage. Es ist ihre einzige Möglichkeit, sich irgendwie Orientierung zu verschaffen, also macht sie weiter. Es sind nur kleine Bewegungen, die sie macht, doch sie kam voran.

Nach knapp einer Minute, die der Abenteurerin wie eine halbe Ewigkeit vorkommt, schaffte sie es, sich auf eine weniger steile Ebene hochzuziehen, auf der sie für kurze Zeit Halt macht, um durchzuatmen.

Wäre sie nicht verletzt, wäre sie aufgrund ihrer Kletterfähigkeiten innerhalb von Sekunden den gesamten Hügel hochgeklettert, doch die Verletzungen behinderten sie immens. Nichtsdestotrotz macht die Britin weiter und schafft auch das letzte Stück, das sie aufgrund der leichten Abflachung etwas sportlicher und rascher angeht, bevor sie oben ankommt vollkommen erschöpft auf ihren Rücken fällt und laut ein-und ausatmet.

Ein für die Situation völlig unpassendes Grinsen bildet sich auf den Lippen von Lady Croft, das kurz darauf in ein erleichtertes, fast schon hysterisches Lachen ausartet. So absurd es auch klingt, aber für den Moment scheint sie trotz Wunden, Prellungen und Schürfungen Spaß an der Sache zu empfinden. Schließlich ist es das, was sie immer schon immer will: Ein richtiges Abenteuer erleben, eines, das sie auf die Probe stellen würde. Ein solches Abenteuer hat sie seit langem gesucht, doch nun scheint es so, als hätte das Abenteuer sie gefunden.

Lara ist bereits wieder auf ihren Beinen, als sie sich am Rand der Klippe befindet, die sie soeben erklommen hat, und sich umsieht. Alles, was ihre Augen erspähen, ist nichts als Meer in der einen und Dschungel in der anderen Richtung. Dass sie sich auf einer Insel befinden muss, ist ihr mittlerweile klar geworden, sie glaubt sogar zu wissen, wo sich diese ungefähr befindet, da sie sich wenige Stunden vor dem Schiffsbruch noch mit Roth unterhalten hat, in der sie ihm den genauen Kurz erklärte.

Die Britin ist an einem Punkt angekommen, an dem sie nicht viele Optionen hat. Entweder sie wird weiterhin hier am Strand auf Rettung warten oder sie wird sich auf eigene Faust in den Dschungel begeben, um nach Hilfe zu suchen. Die erste Möglichkeit scheidet für sie aber von vornherein aus. Andere Überlebende scheint es nicht zu geben, so viel steht schon mal fest.

Sie hat bestimmt schon zwanzig Minuten auf der Anhöhe verbracht, um zu überlegen, wohin sie als erstes gehen soll. In Situationen wie diesen ist es vermutlich äußert unklug, spontan zu handeln und einfach drauf los zu wandern. Immerhin weißt sie nicht, was sie in dem äußert undurchsichtigen, dicht bewachsenen Wald erwarten würde.

Wenn die angehende Archäologin irgendetwas unangenehm oder beängstigend findet, dann sind es Wälder oder zumindest die Atmosphäre, die in ihnen herrscht. Und der Dschungel, der sich vor ihren Augen erstreckt, ist ein Musterbeispiel dafür.

Das Erlebnis in Irland vor einigen Jahren, als sie bei Winston zu Besuch gewesen war und sich einen Spaß daraus gemacht hat, sich auf Vater Patricks Boot zu schleichen, um die abgelegene Insel zu erkunden, hat sie geprägt, schon fast traumatisiert. Damals fand sie es spannend und realisierte nicht, was alles hätte schief gehen konnte. Immerhin trifft man nicht jeden Tag auf mystische Wesen und gerät in derartige Gefahren.

Doch heute und gerade in diesem Moment kommen die Erinnerungen zurück und diese sind noch intensiver als jemals zuvor. Sie weißt, sie kann nicht zögern, sich auf den Weg zu machen, denn ihr Körperzustand verschlechterte sich von Minute zu Minute und sie hat immer noch Probleme, sich überhaupt auf den Beinen zu halten. Auch der Himmel, der mittlerweile pechschwarz geworden ist, und der Wind, der die Bäume des unheimlich wirkenden Waldes zum Schütteln bringt, scheinen ihr signalisieren zu wollen, dass sie in Bewegung bleiben muss, um nicht in ein Unwetter zu geraten.

Sie ahnt nicht, was auf sie zukommen würde und wie lange sie überhaupt auf dieser Insel verweilen muss, doch sie wollte sich diese Expedition, auf die sie sich seit Monaten gefreut hatte, weder von einem Schiffsbruch inklusive Prellungen, Fleischwunden und Schmerzen, noch von einer einsamen, gespenstischen Insel inmitten des Pazifiks verderben lassen.

Lara kümmert es nicht einmal im Geringsten, was ihr alles hätte zustoßen können und dass vermutlich alle Mitglieder oder zumindest ein Großteil des Teams umgekommen sind, denn ihr ist es egal, ob sie diese Reise als eine normale Forschungsarbeit oder als das größte Abenteuer ihres Lebens absolvieren wird. Hauptsache sie erlebt endlich etwas.

So viel Spaß ihr eintöniges Studium, das Lesen unzähliger Bücher und das Verfassen von tausenden Arbeiten auch Spaß macht, sie brennt regelrecht darauf, endlich auf Reisen zu gehen und aus London herauszukommen.

Ihre Wunden vorübergehend völlig ignorierend und entschlossen, diese Sache durchzuziehen, macht sich die Countess wieder zum Klettern bereit. Sie muss wohl oder übel den Dschungel durchqueren, an dessen vermeintlichen Ende sie eine Siedlung zu erkennen scheint und somit setz sie an, den Hang wieder hinunterzuklettern.

Eine Bein- und eine Handbewegung nach der anderen schafft sie es, sich vorsichtig die Felswand hinabzubewegen und landet unten angekommen etwas unsanft, aber dennoch stolz über ihre Kletterfähigkeiten auf dem grauen Felsboden, an den mittlerweile etwas Erdreich angrenzt.

Nun ist sie an dem, wie sie glaubt, schlimmsten Teil ihrer Reise angekommen. Sie muss den gesamten Wald samt dunklem Nebel und beängstigender Geräuschkulisse durchqueren. Sie kommt sich schon fast wie die Protagonistin eines kitschigen, billig produzierten Horrorfilms vor, welche im dunklen Wald von einem Mörder niedergemetzelt wird. Nervös beißt die junge Britin die Zähne zusammen, als sie die ersten Schritte wagt und noch einmal durchatmet.

Sie hat keinerlei Bewaffnung und fühlt sich so schutzlos wie nie in ihrem Leben. Es kann alles Mögliche auf sie warten, zumindest rechnet sie mit allem. Von wilden Tieren bis hin zu Eingeborenen.


Als wäre der Wald an sich nicht schon eine Herausforderung genug gewesen, beginnt es, kurz nachdem Lara aufgebrochen war, auch schon in Strömen zu regnen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die junge Britin hat aufgrund ihrer Verletzungen ohnehin schon Probleme, sich überhaupt auf den Beinen zu halten, doch als der Regen auch noch Matsch unter ihren Füßen hervorbringt und ihr die Sicht versperrt, beginnt sie erst recht, sich unwohl zu fühlen, auch wenn die Umstände schon Grund genug dafür gewesen sind. Der einzige positive Aspekt des plötzlichen Niederschlags ist die wohltuende Kühle auf ihren Wunden und auch das Blut beginnt in kleinen Rinnsalen von ihren Armen und Beinen zu fließen.

Mittlerweile hat sie beschlossen, sich zuerst um einen temporären Unterschlupf zu kümmern, bevor sie weiter nach ihren gestrandeten Freunden sucht, die hoffentlich noch in ihrer Nähe sind. Der Regen prasselte ohne Unterbrechung auf sie herab und sie muss nebst ihrer Schmerzen das nächste unangenehme Problem konfrontieren. Die unglaubliche Kälte, die sie heimsucht.

   „Ich werde hier draußen erfrieren.“, stammelt sie zitternd und reibt sich ihre Schultern, während sie weiterhin durch den dichtbewachsenen Dschungel humpelt und nach einer geeigneten Höhle oder einem Felsvorsprung Ausschau hält, in der sie ein Feuer entzünden kann, um der Kälte nicht völlig ausgeliefert zu sein. Sie weißt weder, in welche Richtung sie gerade steuert, noch, ob sie in dieser Gegend überhaupt ein Mitglied ihrer Crew findet, doch zum Umkehren ist es ohnehin zu spät, jetzt, da der Sturm ihr das Vorankommen erschwert.

Als sie sich noch vor kurzer Zeit in den Kopf gesetzt hat, die Insel auf gut Glück zu erkunden und nach möglicher Zivilisation Ausschau zu halten, ist sie sich noch nicht bewusst, dass das wohl nicht der günstigste Plan ist. Erst nach und nach, während sie sich gedankenverloren der Herausforderung stell, den Urwald zu durchqueren, wirf ihr klar, wo sie sich eigentlich befindet und wohin die Reise ursprünglich ging.

Die verlorene Flotte von Kublai Khan wird sich schließlich auch nicht in irgendeinem Urlaubsressort voller Sandstände, Badegäste und 5-Sterne-Hotels mit Pools befinden. Wenn doch, dann hat der Khan wenigstens eine schöne Zeit auf der unerforschten Insel gehabt.

Ihre erste Expedition hat sich Frau Croft zwar nicht ganz so spontan und überstürzt vorgestellt, doch sie rechnet von Anfang an damit, dass vielleicht nicht alles nach Plan verläuft. Und wie soll es auch anders kommen, kommt ihr das schlimmste von allen Schicksalen zu. Sie kann zwar nur mutmaßen, dass sich die anderen Überlebenden des Schiffbruchs wahrscheinlich zu einer Gruppe formiert haben und etwas gezielter vorgehen, doch sie ist überzeugt davon, dass sie die einzige ist, die auf sich allein gestellt ist.

Lara ist sich mittlerweile darüber im Klaren, dass die Hoffnung eine Stadt mit einem Flughafen zu finden schwindet. Sie wäre schon froh, eine Art Dorf oder Stamm zu finden, der sie nicht auf einen Bratenspieß steckt und zum Abendmahl verzehrt. Zumindest hofft sie, dass der besagte Stamm wenigstens ihre Kameraden noch nicht verspeist hat. Sie hat ja keine Ahnung, dass sich das Schauerszenario, das sich in ihrem Kopf abspielt, schon bald Wirklichkeit wird.

Die angehende Archäologin wird so bald schon aus ihren Gedanken gerissen und fernab von den Wunschvorstellungen mit denen sie sich unterwegs beschäftigt, um nicht völlig traumatisiert zu werden, und in welchen sie sich ausmalt, wie sie wieder auf ihre Gruppe trifft, fängt sie zurück auf dem matschigen Boden der Realität an, verdächtige Geräusche wahrzunehmen. Anfangs interessiert sie sich wenig dafür, da sie die Geräuschkulisse auf den prasselnden Regen reduziert, der auf die artenreiche Flora der Insel eindrischt. Doch nach genauerem Hinhören und nachdem sie ihre Humpeltour quer durch den Wald ruckartig stoppt, konzentriert sie sich auf die Laute und ihr wird klar, dass es sich um etwas anderes handeln muss.

Jemand oder etwas war hinter ihr her und es ist ihr verdammt nahgekommen, so unachtsam wie sie sich verhalten hat. Sollte es ein Angreifer sein, so weißt sie, dass sie hier im strömenden Regen und mit ihren Verletzungen hilflos unterlegen ist. Es mangelt ihr in der Regel nicht an Kontermanövern oder an Kondition und Kraft, doch unter diesen Umständen ist selbst Lara überfordert. Sollte es ein wildes Tier, rechnet auf der Insel vor allem mit Wölfen, sein, was für sie wahrscheinlicher ist, dann hat sie komplett ohne Bewaffnung ohnehin keine Chance und wäre aller Wahrscheinlichkeit nach gnadenlos zerfleischt worden.

Doch keines der beiden von ihr so gut kalkulierten Ereignisse tritt ein. Ein Reh bahnt sich seinen Weg durch das klitschnasse Dickicht an Büschen und anderen Kriechpflanzen und galoppiert an der Abenteurerin vorbei, die den Tier nur perplex hinterherblickt. Ihr Leben hätte innerhalb der nächsten zehn Sekunden auf grausamste Art und Weise beendet werden können und mental hat sie sich schon auf ihr Ableben eingestellt, doch es war nur ein lächerliches Wild, das sie nicht einmal eines Blickes würdigt.

   „Drecksvieh!“, flucht die Britin und strich sich mit ihren Händen über ihr durchnässtes Gesicht und Haar, bevor sie laut seufzt und beschließt, den Weg fortzusetzen. Der Mann hinter ihr hat jedoch andere Pläne.

Mit einem baseballschlägerartigen Holzstück holt er weit aus, bevor die Waffe an ihrem Hinterkopf in zwei Hälften bricht und Lara schlagartig bewusstlos zu Boden geht. Sie hätte es besser wissen sollen. Das Reh wäre nicht ohne Grund an ihr vorbeigerannt, hätte man es nicht zuvor aufgescheucht. Doch sie ist zu leichtsinnig und unachtsam, was ihr im Laufe ihrer etwas aus der Bahn gelaufenen Expedition noch eine Lehre wird.

Bevor die Bewusstlosigkeit vollends die Oberhand gewinnt, nimmt die junge Archäologin wahr, dass sie wie eine leblose Puppe rücklings über dem Boden geschleift wird. Der harte und unebene Boden und der Wechsel von Gras zu Stein fordern ihren Tribut und die Bewusstlosigkeit wird von Lara vollständig eingeholt.
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