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Spiegelglasscherbe

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
19.03.2013
19.03.2013
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1.728
 
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Projekt: Schreibanstoss.
Schreibanstoss: Olivia d'Abo Broken.

Wordcount:1630

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Spiegelglasscherbe


Zerbrochen.
Einfach so zerbrochen, wie eine Spiegelglasscherbe. Genauso fühlte ich mich. Jetzt, in diesem Moment.
Zitternd kauerte ich mich auf mein Bett. Wollte fliehen, in den hintersten Winkel meines Zimmers.
Vor dem Fenster tobte ein eisiger Sturm und fegte die letzten Blätter von den Bäumen. Von dem sonst so schönen Rot-braunen Farbenspiel des Herbstes, war nichts geblieben.
Alles war grau und trist und farblos. Und es wurde kälter.
Ich streckte mich ein wenig aus, um das Licht meiner Schreibtischlampe einzuschalten. Dann schnappte ich mir mein Handy. Eine Zeit lang starrte ich gedankenverloren auf dessen Display.
4 Anrufe in Abwesenheit und 6 unbeantwortete Nachrichten.
Alle von demselben Absender.

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"Du musst doch selbst einsehen, dass es so nicht weitergehen kann, Robert! Wir müssen Stella die Wahrheit sagen! Sie ist bereits achtzehn! Wie lange willst du es ihr noch verschweigen?"
Die Stimme meiner Mutter Stefania klang so eisig, dass ich erschrocken zusammenfuhr. Worüber redeten sie? Meinten sie etwa mich? Von was für einer Wahrheit sprachen sie da?
"Nein, Stefania! Wir werden ihr gar nichts sagen! Sie ist doch noch viel zu jung dafür! Und wie hast du dir das überhaupt vorgestellt, hmm? Wenn wir es ihr jetzt sagen, dann riskieren wir damit ihre ganze Zukunft zu zerstören. Wir werden sie verlieren, Stefania! Und dass will ich nicht!"
Die Stimme meines Vaters erstarb und ich konnte ihn nur noch Schluchzen hören.
"Robert, bitte...", flehte meine Mutter. Sie versuchte ihn wohl zu beruhigen, doch was weiter gesprochen wurde, konnte ich nicht mehr verstehen, da die Beiden sich von mir zu entfernen schienen.
Verwirrt schlich ich die Treppe wieder hinauf. In meinem Zimmer, schloss ich die Tür hinter mir ab und setzte mich an meinem Schreibtisch. Eigentlich musste ich ein Referat vorbereiten. Ich wollte mir nur schnell etwas zu trinken holen. Doch jetzt konnte ich mich auf nichts mehr konzentrieren. Was musste ich erfahren, was mein Vater mir verheimlichen wollte? Was nur? ...


+

Ich war hin - und hergerissen. Sollte ich endlich zurückrufen? Ich meine immerhin war Robert mein Vater. Vielleicht würde er mir endlich sagen, worüber er und meine Mutter an dem einen Abend vor so langer Zeit gesprochen hatten. Natürlich wollte ich unbedingt wissen, was meine Eltern mir verheimlichten. Doch irgendwie spürte ich auch ein nagendes Gefühl von Angst in meiner Brust.
Dann wurde ich durch einen schrillen Piep-Ton aus meinen Gedanken gerissen, als das Mobiltelefon in meiner Hand erneut anfing zu klingeln.
Dad stand auf dem Display.
Aufgeregt hielt ich den Atem an. Ich zögerte.
Doch die Neugier war stärker, als die Angst.

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"Stella? Stella bist du da?", drang die flehende Stimme meines Vaters an meine Ohren. Sie klang so ... fremd.
Ich konnte nicht antworten. Mein Mund fühlte sich an, wie die ausgetrocknete Wüste Sahara.
"Stella, Stella, bitte sag doch etwas."
"D-Dad?", krächzte ich in das Telefon.
Von der anderen Leitung war ein erleichtertes Schnauben zu vernehmen.
"Stella, bitte. Wir müssen reden. Es ... es gibt da etwas, was ich dir erklären muss."
Nachdenklich ließ ich meinen Blick durch das Zimmer schweifen.
Eine Weile blieb ich still.
"Stella, bitte."
Wieder dieses Flehen in der Stimme. Weinte mein Vater etwa?
"In einer halben Stunde. Im Park", flüsterte ich und legte auf.

+

Ein großer, dunkler Schatten verdunkelte den Flur, bewegte sich auf das Schlafzimmer meiner Eltern zu. Verschwand in der Dunkelheit. Dann fiel krachend die Türe zu.
Wimmernd kauerte ich auf der Treppe. Warum nur, warum?
Warum war ich bloss wieder herunter geschlichen?
Weil ich die Wahrheit wissen wollte. Doch, wollte ich sie wirklich wissen? Warum stritten sich meine Eltern so heftig? In meinem ganzen Leben, hatte ich sie noch niemals streiten sehen. Natürlich gab es bei uns hin und wieder Reibereien, wie in jeder Familie. Die üblichen Sachen halt.
Aber nicht so.
Dann vernahm ich ein lautes Krachen, als hätte jemand etwas gegen die Wand geworfen. Erschrocken fuhr ich zusammen und war schon drauf und dran nach oben in mein Zimmer zu fliehen. Meinen sicheren Hafen, meine Burg.
Die laute Stimme meines Vaters, die irgendwelche Dinge brüllte, die ich nicht verstehen konnte, ließen mich in der Bewegung erstarren. Sie vermischte sich mit dem herzerweichenden Weinen meiner Mutter.
Meine Mama weinte? Auch das hatte ich noch niemals erlebt.
Ich kauerte mich tiefer auf die Treppenstufen, drückte mich weiter zurück in die Schatten.
Die Tür ging auf und mein Vater verließ mit vor Wut verzerrtem Gesicht das Haus. Im Schlafzimmer meiner Eltern blieb es still. Einen Moment überlegte ich noch, ob ich nach meiner Mutter sehen, oder abwarten sollte, bis sie kam. Doch es geschah nichts.
Von Angst gepackt schlich ich zurück in mein Zimmer und kroch in mein Bett.


+

Wie zu erwarten war der Park bei diesem Wetter menschenleer. Ich schlug meinen Mantelkragen hoch und vergrub meine Hände ganz tief in den Taschen meines langen, schwarzen Mantels, um mich wenigstens ein wenig gegen die herrschende Kälte zu wappnen.
Ich war noch ein paar Minuten zu früh, also schlenderte ich auf die nächstbeste Bank zu und setzte mich auf deren Lehne.
Stumm ließ ich meinen Blick über die stille Oberfläche des Sees gleiten.
Nicht ein Vogel war zu sehen.
'Wahrscheinlich sind sie alle bereits nach Süden gezogen', dachte ich. 'Welches intelligente Lebewesen, bleibt denn auch schon in diesem Sauwetter, ausser uns Menschen?'
Als ich spürte, wie mich jemand sanft von hinten anstupste, fuhr ich ein wenig zusammen. Doch als ich mich umdrehte, sah ich nur in die strahlenden, blauen Augen meines Vaters.
So sehr ich mich auch auf der einen Seite freute ihn wieder zu sehen, so sehr fürchtete ich mich auch. Vor dem, was jetzt kommen würde.

+

Er lächelte, doch seine Züge waren voll von Schmerz und Kummer.
Ich kletterte von der Bank, um ihn zu umarmen.
"Hi Dad", sagte ich leise.
"Stella", flüsterte er nur und klammerte sich an mich.
Ein Stich fuhr durch mein Herz. Mein Vater weinte.
Obwohl ich ihn eigentlich gar nicht wieder loslassen wollte, entzog ich mich sanft seiner Umarmung und setzte mich auf die Bank.
"Dad, was ist los? Sag es mir. Ist etwas mit Mama?"
Er setzte sich neben mich und nahm meine Hände.
Eine schier unendlich lange Zeit, sagte er kein Wort, dann schüttelte er den Kopf.
"Nein, Mama, geht es gut. Und dir? Wie geht es dir?", antwortete er langsam.
Als wollte er Zeit schinden. Irgendetwas hinauszögern.
"Gut", murmelte ich leise.

+

"Ich werde jetzt zu Stella gehen. Und ihr die Wahrheit sagen", sagte Robert und nahm seine Jacke.
"Das kannst du nicht machen!", schrie Stefania. "Wenn du das tust, dann verlieren wir sie! Für immer! Sie wird uns das niemals verzeihen!"
Sie stand auf und versuchte sich ihrem Mann in den Weg zu stellen.
"Wenn wir ihr nichts sagen, dann verlieren wir sie! Merkst du das denn nicht? Wenn wir sie nicht schon verloren haben! Oder ist dir etwas entgangen, dass sie sich seit Wochen nicht mehr bei uns gemeldet hat? Weisst du, es ist mir vollkommen egal, was du meinst und was du willst. Ich werde jetzt zu ihr gehen und ihr die Wahrheit sagen. Und du kannst mich nicht davon abhalten!"
Mit diesen Worten stürmte Robert an seiner Frau vorbei und verließ das Haus.


+

"Stella, du hast Recht. Es gibt da wirklich etwas, was deine Mutter und ich dir verschwiegen haben!"
Mir wurde ganz schwindelig. Die ganze Zeit hatte ich nichts anderes gewollt, als die Wahrheit zu erfahren. Doch jetzt, war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich sie wirklich wissen wollte.
"Dad, ich", setzte ich zögernd an, doch mein Vater unterbrach mich.
"Stella, Schatz, bitte hör mich jetzt gut zu. Und egal, was ich dir jetzt sagen werde, bitte vergiss nicht, dass deine Mutter und ich dich über alles lieben, hast du mich verstanden?"
Mir schwirrte jetzt schon der Kopf, doch als ich den ernsten Blick meines Vaters sah, nickte ich.
"Also Stella, es ist so", einen Moment lang sah er so aus, als könnte er sich nicht dazu durchringen weiter zu sprechen. Doch dann ließ er es heraus. Und ließ damit die Bombe platzen.
"Deine Mutter ist nicht deine Mutter."
Bäm! Da hing sie. Die Wahrheit.
Sie schwebte vor meinem Gesicht, wie ein bombastischer Luftballon.
Und trotzdem verstand ich gar nichts.
"Was?! Wie, ich meine ... Stefania, sie ist doch meine Mutter!"
Als mein Vater die Arme ausstreckte, um mich zu umarmen, sprang ich auf.
Ich konnte ihn einfach nicht ertragen. Ich musste mir Raum verschaffen.
"Wenn Stefania nicht meine Mutter ist, wer ist sie dann? Und wer bitte schön ist denn dann meine Mutter?", schrie ich ihn an.
"Stefania, ist deine Stiefmutter. Wir haben uns ein Jahr nach deiner Geburt kennen gelernt."
Das wurde ja immer besser. Hilflos warf ich die Arme in die Luft.
"Und was ist mit meiner richtigen Mutter? Wo ist sie? Warum kenne ich sie nicht? Interessiert sie sich denn gar nicht für mich?"
Mein Vater seufzte.
"Sie ... sie hat uns nach deiner Geburt verlassen."
"Warum? Warum hat sie uns verlassen? Warum hat sie mich verlassen?!"
Mein Vater vergrub das Gesicht in den Händen. Er weinte. Hemmungslos. Und es tat weh ihn so zu sehen. Doch ich konnte nicht zu ihm gehen. Ich konnte ihn nicht trösten.
Ich war selbst viel zu verletzt und wütend und ... zu verwirrt.
"Ich weiss es nicht, ich weiss es wirklich nicht", schluchzte er. "Sie war einfach weg."
"Einfach weg, na toll. Und da habt ihr einfach beschlossen mich 16 Jahre lang zu belügen. Na klasse. Mir reicht's!"
Mit diesen Worten drehte ich mich um und ging.

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Zerbrochen.
Einfach so zerbrochen, wie eine Spiegelglasscherbe. Genauso fühlte ich mich. Jetzt, in diesem Moment.
Würde ich wieder mit meinen Eltern reden? Ich wusste es nicht.
Würde ich meine leibliche Mutter suchen? Ich wusste es nicht.
Wusste ich überhaupt was mir die Zukunft bringen würde? Wohin mich mein Weg führen würde? Nein.
Ich wusste eigentlich gar nichts mehr. Ich fühlte mich einfach nur zerbrochen.

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Zerbrochen.

Wie eine Spiegelglasscherbe.



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